Eugen
Drewermann über das größte Fest der Christenheit
Ostern
als Widerlegung der ganz normalen Unmenschlichkeit
Vor
Jahren wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen, aber
das Sprechen und das Schreiben konnte
ihm kaum untersagt werden. Beides tut er ununterbrochen. 50 Bücher liegen vor.
Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann zu seinem Ostern.
E.
Drewermann:
"Es ist überhaupt schwer im Christentum, Feste zu formulieren als wenn da
etwas fest stünde und man könnte sich darauf wie auf ein Bankkonto und
Guthaben berufen. Ostern - recht verstanden - ist ein Aufbruch, ein Anfang, eine
Auferstehung, ein Aufstand, wie immer man das sprachlich wiedergibt. Es geht
darum, dem Tode standzuhalten durch ein Vertrauen, das Gott zumutet und von ihm
glaubt, dass er stärker ist als die Macht der Zerstörung. Ostern ist der fast
zögernde Versuch, mit der Liebe, die Jesus in diese Welt gebracht hat, gegen
den Hass anzulieben, Hoffnung da zu setzen, wo sonst nichts weiter ist als die
Zerstörung, Verwesung, Traurigkeit, Einsamkeit. Und es kommt hier hinzu, was im
Neuen Testament fast auf den Höhepunkt gebracht wird. Gestorben ist nicht nur
jemand, den man lieb gehabt hat, auf den man sein Leben gegründet hat. Mit
Jesus fing die Widerlegung unserer ganz normalen Unmenschlichkeit an. Jesus hat
in diese Welt der Gewalt die Hoffnung hinein getragen, dass man mit Güte
antworten könnte gegenüber sogar den kriminell Gewordenen, den Ausgegrenzten
und Ausgeschlossenen und das Verlorene zurückbringen könnte. Jesus hat nicht
gewollt, dass noch länger Menschen übereinander zu Gericht sitzen. Er hat
nicht gewollt, dass man immer wieder auf der Aktionsebene der Bedrohung zurückschlägt.
Er wollte, dass man Angst besiegt durch Vertrauen, Verzweiflung durch Hoffnung.
Kurz, Jesus war ein Änderung der Welt. Das Neue Testament sagt an einer Stelle
einmal - mythisch geredet - Jesus
sei zwischen Karfreitag und Ostern hinabgestiegen in die Hölle und hätte den
Verdammten die Erlösung gepredigt. Das
ist der Karsamstag. Mir scheint, das war nicht eine Aktion nach seinem Sterben
auf Karfreitag, sondern das war sein ganzes Leben. Er schaute sich um und er sah
uns alle, die ganz normalen Menschen in der Blutmühle von Gewalt, von Hass, von
Rache, von Revanche, von Hochrüstung, von Ausbeutung, von Kapitalfetischismus,
wie immer man es nennen will: der verordneten und verinnerlichten
Unmenschlichkeit. Da hat er den Himmel öffnen wollen, damit wir endlich
Menschen würden und uns bei der Hand nehmen mögen, zurückzuführen in ein
verlorenes Paradies. Dafür hat man ihn getötet.
RAI:
Die Bibeltexte, Herr Drewermann, sind heute nicht mehr Allgemeingut. Ist es möglich,
einen anderen Zugang, einen etwa von ihnen soeben vorgeschlagenen Zugang zur österlichen
Botschaft zu finden, wenn man mit der Bibel weniger vertraut ist? Anders
gefragt, gibt es Brückenschläge auch hin zu Menschen, die sich nicht als
Christen verstehen?
E.
Drewermann:
Das ist ja das Merkwürdige. Sie finden so viele Themen, die Jesus formuliert
und in diese Welt gebracht hat, ausagiert, ausgesprochen, dargestellt womöglich
auf den Theaterbühnen in Wien oder Salzburg. Sie finden sie ganz selten in der
Kirche, auch nur mal den Worten nach aufgegriffen oder angegriffen. Nehmen Sie
ein kleines Beispiel: der Dramaturg Öden von Horvath hat in den Geschichten aus
dem Wienerwald in den dreißiger Jahren ganz sicher nicht an Jesus gedacht, als
er die Geschichte seiner Marianne schrieb: eines verlorenen Mädchens, das
schwanger ist, von einem Kind, für das es keinen richtigen Vater gibt, das
ausgehalten wurde in den Nachtbars der Stadt. Es möchte irgendwann sein Leben
in Ordnung bringen und geht zu einem katholischen Pfarrer, um zu beichten. Und
der erklärt ihr alles, was sie falsch gemacht hat: sie ist nicht verheiratet,
sie hat herumgehurt mit einem anderen Mann, sie handelt unverantwortlich. Man
kann ihr überhaupt nicht vergeben, schon weil sie gar nicht weiß, wie sie ihr
Leben in Ordnung bringen soll. Vorher sollte sie sich dem Herrgott nicht wieder
zeigen, sagt ihr der Pastor. Im Hintergrund der Bühne sieht man Frauen den
Rosenkranz beten: Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Und Marianne im
Vordergrund sagt: Lieber Gott, zeig mir, was ich tun soll. Ich bin doch kein
schlechter Mensch. Ich habe die Schule besucht. Ich bin im vierten Bezirk zur
Welt gekommen. Bitte zeig mir, was ich werden soll. Öden von Horváth spürt plötzlich,
dass eine solch Verlorene unbedingte Zuwendung und Vergebung braucht. Das ist
das ganze Vater Unser Jesu. Vergib uns lieber Vater alles, was wir sind, denn
sonst könnten wir nicht leben. Die Kirche hat daraus ein fertiges Ritual
gemacht, das im Grunde genommen nur einzufordern ist von den Richtigen, die ihre
moralische Kontrolle sich noch bewahrt haben, nicht die Verlorenen,
Verzweifelten, Suchenden, Zerbrochenen. Für die alle greift das in der
moralischen Oberflächlichkeit viel zu kurz. Die ganze Revolution Jesu geht
unter. Die Fragestellung der Normalität, die sich mit Jesus verbindet zugunsten
derer, die nicht weiter wissen, wird einfach verrechtlicht, kirchlich in die
Kasuistik gepackt. Am Ende hat man ein Belohnungssystem für die Fertigen. Und
die ganze Ruhestörung Jesu scheidet aus. Man hat dann wirklich ein Osterfest,
das niemand braucht, weil die Fragestellung weggeschliffen worden ist. Dann
kommen Leute wie Öden von Horvath, die in der menschlichen Tragödie all das
wieder entdecken."
Benedikt
Sauer,
RAI Sender Bozen,
Karsamstag, 14. April 2001