ZÖLIBAT
– SO NICHT!
Gottes
amputierte Liebe
Neuer
Herdenbrief spricht brisante Themen an
Nach
Herdenbriefen zu den Themen Sexualität, Frauen und Macht / Demokratie in der
Kirche legt die österreichische Plattform "Wir sind Kirche"
mitgetragen von der “Initia-tivgruppe für eine lebendigere Kirche” jetzt
den bereits 4. „Herdenbrief" vor: Zölibat – so nicht! Gottes
amputierte Liebe.
Nach
ungezählten Hirtenbriefen der Bischöfe melden sich Stimmen aus dem Kirchenvolk
zu Wort. Die unseligen Folgen der Zölibatsverpflichtung für Priester werden
aufgezeigt und Kritik an einem Gesetz, das nicht im Evangelium gründet, zur
Sprache gebracht, um eine Änderung zu erreichen - aus Liebe zur Kirche und zur
Seelsorge und um der Menschen willen, die in vielfältiger Weise unter der
derzeitigen Praxis leiden.
Frauen
und Männer, Priester und Laien, Theologen und Psychologen beschreiben im
Begleitbuch die verschiedensten Facetten der Zölibatsverpflichtung und deren
oft unmenschliche Folgen. Zwei Beiträge stammen auch von Südtiroler
verheirateten Priestern.
Unvoreingenommenen
Leserinnen und Lesern wird klar, dass es nicht um die ersatzlose Streichung
eines Gesetzes geht, sondern um eine frei wählbare Form der Lebensgestaltung
auch für Priester.
Bereits
bei der Präsentation des 1. „Herdenbriefs“ LIEBE – EROS – SEXUALITÄT
im Jahr 1996 betonte Peter Paul Kaspar, Akademiker- und Künstlerseelsorger in
Linz, der Verfasser des damaligen Grundtextes, dass sich alle Probleme der
Kirche im „Fadenkreuz von Sexualität und Macht abspielen“. 1998 erschien
deshalb der zweite „Herdenbrief“: MACHT KIRCHE als Lesebuch zur
Geschwisterlichkeit / Demokratie und 1999 der dritte: FRAUEN SCHENKEN DER KIRCHE
LEBEN.
Wenn
wir heute, knapp sieben Jahre nach dem Kirchenvolks-Begehren, den bereits
vierten „Herdenbrief“ präsentieren, ist dies einerseits ein weiteres
logisches und konsequentes Aufgreifen der Problemfelder Sexualität und Macht in
der Kirche, andererseits einmal mehr der Versuch, auf ungezählte Hirtenbriefe
unserer Bischöfe mit einem „Herdenbrief“ zu antworten und die Erfahrungen,
Wünsche und Erwartungen des Volkes Gottes an die Hirten zur Sprache zu bringen
in der unermüdlichen Hoffnung, mit ihnen darüber in einen ernst gemeinten
Dialog eintreten zu können.
Ungefähr
ein Jahr lang wurde intensiv am eigentlichen „Herdenbrief“ gearbeitet. Die
Diskussionsgrundlage wurde dankenswerter Weise von einem Theologen, Priester der
Diözese Innsbruck, gemeinsam mit Frau Dolores M. Bauer, Wien erarbeitet und in
der Folge breit diskutiert. Auch der Vorstand der Initiativgruppe hatte sich mit
dem Herdenbriefentwurf befasst. Alle Rückmeldungen, Anmerkungen und Ergänzungen
wurden bei der zweiten Fassung berücksichtigt, die dann noch einmal an die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Korrektur versandt wurde. Nach insgesamt
sieben Überarbeitungen können wir heute die Endfassung im Buch „ZÖLIBAT –
SO NICHT! Gottes amputierte Liebe“ präsentieren.
Im
„Herdenbrief“ selbst beschränkten wir uns auf eine knappe Darstellung der
Entwicklungen, die zur heutigen Praxis des verpflichtenden Zölibats führten,
auf die Folgen von Doppelmoral und diverser Notlösungen. Wir konnten weder ausführlich
auf die Praxis anderer Kirchen noch auf die Entwicklung in der Ostkirche
eingehen oder Erkenntnisse der Psychologie ausreichend darlegen. All das hätte
den Umfang eines „Herdenbriefes“ gesprengt. Vieles davon ist in einer
breiten Palette von Artikeln im Begleitbuch zu finden, in denen Betroffene aus
ihrem subjektiven Erleben berichten und Fachleute theologische und
psychologische Begründungen geben.
Wie
brennend aktuell alle Fragen und Probleme rund um den Zölibat sind, ist
weltweit fast täglich in den Medien zu lesen. Von immer mehr Gemeinden, die
ohne Priester am Ort leben müssen, über
ein verzerrtes, fast magisches Priesterbild, das immer exklusiver, überhöhter
und von den Menschen abgehoben wirkt, je weniger Menschen es in diesem Amt gibt,
bis hin zu sexuellen Verfehlungen ungezählter Priester sind die Wurzeln dazu
vor allem auch in der Zölibatsverpflichtung zu finden. Und wenn sogar eine
ganze Diözese – Boston, USA – wünscht, dass über den Zölibat innerhalb
der Weltkirche neu nachgedacht und diskutiert wird, um dem finanziellen Bankrott
zu entkommen, finden wir uns in guter Gesellschaft, wenn wir fordern, dass die
Ämterfrage neu diskutiert wird, um dem seelsorglichen Bankrott zu entgehen.
Jedes
Jahr nur zum Gebet um geistliche Berufe aufzufordern, bleibt eine Alibihandlung,
wenn zugleich die Vielfalt an Berufungen, die Gott auch heute schenkt, unberücksichtigt
bleiben, weil sie dem Kirchenrecht nicht entsprechen. Gebet dispensiert weder
vom Denken noch vom Handeln!
Wir denken wohl gemeinsam mit der Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken (in Südtirol haben sich in einer FF Umfrage 1995 78 % für die Freistellung des Zölibates ausgesprochen), dass sowohl Verheiratete als auch Frauen von Gott in diesen Dienst gerufen sind und ihn mit neuem Leben erfüllen können - an der Kirchenleitung liegt es, endlich zu handeln und die Zeichen der Zeit nicht als „zeitgeistig“ abzutun, sondern als das zu sehen, was sie sind: Wirken der Geisteskraft Gottes in der Welt von heute.
Der
Schriftleiter des Begleitbuches Hans Chocholka zu Entstehung, Absicht und Inhalt
des Begleitbuches zum Herdenbrief
In
den letzten 30 Jahren haben weltweit mehr als 100.000 Priester ihr Amt
verlassen, bzw. verlassen müssen, weil sie das Recht auf Ehe auch für sich
beanspruchen. Sie taten das nicht aus Jux und Tollerei, nicht, weil sie nicht
mehr Priester sein wollten, auch nicht aus Glaubensschwäche, wie es uns
manchmal vorgeworfen wurde. Es war ein einziger Aufschrei gegen ein Jahrhunderte
langes Unrecht, das die Kirchenleitung den Priestern und ihren Frauen zugefügt
hat.
Dieses
Unrecht ist aufzuzeigen an der Heiligen Schrift, an den allgemeinen
Menschenrechten, am Willen Gottes selbst und dem Willen des
Volkes Gottes.
Die
ersten Adressaten eines „Herden-briefes“ sind naturgemäß die Bischöfe.
Leider verweigert die Hierarchie bisher diesen notwendigen Dialog.
Zugleich
wenden wir uns mit diesem Buch an alle Christinnen und Christen, die in irgend
einer Form unter der derzeitigen kirchenrechtlichen Praxis des verpflichtenden Zölibats
für Weltpriester leiden. Betroffen sind im Grunde alle davon – zumindest als
Gemeindemitglieder, die keinen Priester mehr im Ort haben oder ihn mit einer,
zwei oder noch mehr Gemeinden teilen müssen.
Das Buch bietet:
fundierte
biblische Grundlagen zum Thema Pflichtzölibat,
beleuchtet
die Geschichte des Pflichtzölibats und seine heidnischen Wurzeln,
zeigt die
spirituellen Perspektiven verheirateter Priester.
Auch viele Betroffene, Priester, Frauen und Kinder kommen zu Wort. Für manche
war das Aufschreiben ihrer Geschichte ein erstes Aufarbeiten, und sie konnten
ihre Betroffenheit und Verletztheit artikulieren. Manche schrieben, wie sie
sagten, unter Tränen und innerer Erschütterung.
Aber auch die Psychologie hat ein wichtiges Worte zu sagen und zeigt die
Ursachen und Folgen eines Pflichtzölibats.
Wesentlich ist es auch, dass die Frauen ihre Stimme erheben, denn sie sind ja
auch unmittelbar von einem solchen Gesetz betroffen.
Auch die Situation homosexueller Priester wird unter dem Aspekt des Zölibats
betrachtet.
Im „Herdenbrief“ geht es uns auch darum, verschiedene Aspekte der Gegenwart
zu benennen und die Hoffnungen vieler Menschen auf einen Weg in die Zukunft
aufzuzeigen.
Ich
spreche Rom das Recht ab, den Priestern die Ehe zu verbieten
Dafür sprechen die allgemeinen Menschenrechte (Charta der Vereinten Nationen),
die auch für Priester gelten.
Die Bibel kennt einen Pflichtzölibat nicht, sondern nur ein Charisma der
Ehelosigkeit, das aber nicht jedem, auch nicht jedem Priester, gegeben ist.
Es ist auch der Wille des Volkes Gottes, dass Priester heiraten dürfen.
Der Wille Gottes, der auch solche zum Priesterdienst beruft, die nicht das
Charisma der Ehelosigkeit haben.
Nicht die
anderen christlichen Kirchen sind in der Frage des Zwangszölibates von der
apostolischen Tradition abgewichen, sondern die römische Kirche hat ab dem 4.
Jahrhundert die apostolische Tradition verlassen.
„Außerdem
gibt es Strukturen, die hinterfragt werden müssen: Ich bin zwar ein Verteidiger
des Zölibats, aber das ist eine Ermessensfrage, darüber kann man diskutieren.
Auch räumt die Kirche der Frau zu wenig Raum ein. Ich denke dabei nicht
unmittelbar ans Frauenpriestertum, obwohl ich nichts dagegen hätte, im
Gegenteil.“
Josef
Innerhofer,
Medienbeauftragter der Diözese,
in Dolomiten, 14./15.7.2001
Die Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel hat sich für die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt ausgesprochen. Das würde einen "kleineren Traditionsbruch" darstellen als die priesterlosen Gemeinden, die oft auf die Eucharistiefeier am Sonntag verzichten müssten, erklärte die Theologin Anfang März in Regensburg. Zugleich forderte die bundesweit erste Dekanin einer katholisch-theologischen Fakultät, die kirchlichen Dienste und Ämter so umzustrukturieren, dass Laien nicht nur in Notsituationen mit speziellen Aufgaben betraut würden. Demel übte Kritik an der in manchen Diözesen favorisierten "kooperativen Pastoral". Auch für diese seit Jahrzehnten "viel zitierte Zauberformel" der katholischen Kirche würden ausreichend Priester benötigt. Jede Gemeinde benötige einen Priester, der nicht nur für die liturgischen Vollzüge zuständig, sondern mit seinen Gläubigen auch "menschlich-geistlich" verwurzelt sei. Grundlage für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt und die Aufhebung des Pflichtzölibats ist für Demel die Unterscheidung des "göttlichen" (Eucharistiefeier) vom "menschlichen Recht" (Pflichtzölibat) sowie die Lehre von der Hierarchie der Wahrheiten. Des weiteren sei die regelmäßige Feier der Eucharistie, vor allem am Sonntag, ein Wesenselement im Zentrum der katholischen Kirche, während die Geschlechterfrage beim Weiheamtsträger eher eine untergeordnete Rolle spiele.
KNA, 5. März 2002
Ich
war 15 Jahre lang als Priester im Dienst unserer Diözese. Da lernte ich eine
Frau kennen und aus Zuneigung wurde Liebe. Es begann so eine sehr schöne aber
auch eine sehr schwere Zeit für mich. ..... Nun bin ich verheiratet, aber bin
ich deswegen kein Priester mehr? Ich würde gern mein Amt weiterhin ausüben und
ich bin überzeugt, dass ich ein guter Seelsorger wäre, auch mit Familie.
Kurz
was ich mir wünsche:
Eine
größere Offenheit und keine Fixierung auf das Zölibatsgesetz, das viel
Leid verursacht hat und noch verursachen wird.
Dass
der Mensch Vorrang vor dem Gesetz hat.
Dass
die Belange der Seelsorge absolute Priorität haben.
Ich
bin sicherlich nicht hier um jemanden anzuklagen, ich muss auch sagen, dass ich
verständnisvolle und gute Gesprächspartner habe, auch in den obersten Rängen
unserer Diözese.
Die
Aufhebung des Zölibatsgesetzes würde meines Erachtens sehr viele Probleme lösen,
wenn sicherlich auch nicht alle, denn nicht alle Menschen, die zum Priester
berufen sind, sind zugleich auch berufen, ehelos zu leben. Das Leid der
Betroffenen, ihrer Frauen und Kinder würde vermieden, die Unehrlichkeit und das
Versteckspielen hätten ein Ende. Wir würden sicherlich mehr Priester haben, zölibatäre
und verheiratete. Der Zölibat selber würde ja nicht abgeschafft, er würde ja
bleiben, aber dann wirklich als Charisma, als Zeichen der Verbundenheit mit
Christus und so wird er auch ein Segen für die Kirche sein. Das Zölibatsgesetz
ist es mit Sicherheit nicht.
Die
Belange der Seelsorge müssen Priorität haben, denn es wird für die Zukunft
immer schwieriger werden, eine Form der Seelsorge anzustreben, die den Glauben
und die menschliche Begegnung in den Mittelpunkt stellt.
Aus
dem Statement beim Diözesanforum
der katholischen Vereine und Verbände der
Diözese Bozen-Brixen am 17. Mai 1998