Bibelecke
Je nach Blickwinkel
Eine
Nachlese zum Herz Jesu Sonntag
Alle
Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die
Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern
ab und isst sogar mit ihnen.
Da erzählte er (Jesus) ihnen ein Gleichnis und sagte:
Wenn du hundert Schafe hast und eines davon verlierst, lässt du dann nicht die 99 in der Steppe zurück und gehst dem verlorenen nach, bis du es findest? Und wenn du es gefunden hast, nimmst du es voll Freude auf die Schultern, und wenn du nach Hause kommst, rufst du deine liebsten Menschen und Nachbarn zusammen und sagst zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wieder gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.
Lukas 15,3-7
Versuch
einer Deutung "je nach Blickwinkel" (=JnB):
JnB reden wir sodann über das verlorene Schaf aus "entfernter",
"ruhiger" Perspektive, obwohl das Schaf keine solche mehr hat.
JnB sehen wir das verlorene Schaf mit Freude und auf Schultern getragen ins Haus
gebracht. Stelle sich das jemand lebhaft vor: nichts von Barmherzigkeit, nichts
von Gönnerhaftem. Einfach weil es genau dieses Schaf ist. Das schmeckt nach
Liebe.
JnB wird eine Reaktion der 99 anderen nicht greifbar. Also auch nicht, was sie
über das eine Schaf dachten. Dem gegenüber steht heute eine merkwürdige
Praxis der sogenannten "Gerechten", die pünktlich sich um den Hirten
scharen.
JnB werden wir Gott wahrscheinlich meistens unterwegs finden und selten daheim
im vollen Haus.
Wo habe ich also mehr Chancen, Gott zu begegnen?
Warum verlieren Hirten ihre Schafe?
Gründonnerstag
- einmal anders
Gedanken
zur Fußwaschung nach Johannes
Jesus
hält Abendmahl und wäscht den Anwesenden die Füße (Joh 13,1-20). Er
beauftragt sie, dasselbe füreinander zu tun. Seitdem werden in der Liturgie des
Gründonnerstag manchmal Füße gewaschen - mehr andeutungsweise und zaghaft.
Die
kirchliche Tradition hat der Fußwaschung die Würde der Gottesbegegnung
(Sakrament!) und der Heilung nur sehr zögerlich zugestanden. Daraus entstand
eine Engführung im christlichen Lebensvollzug, ein Übergewicht der Meßfeier
und der "vertikalen" Gebetshaltung. Die Fußwaschung ist offenbar in
der johanneischen Gemeinde als Sakrament geübt worden und erscheint in 1 Tim
5,10 als unverkennbare christliche Tat. Der Evangelist Johannes versteht das
Leben von Jesus als Dienst der Liebe ohne gleichen. Der Einsatz Jesu für die
Seinen in Leben und Sterben ist von der göttlichen Seite nicht zu trennen.
"Die Diskussion darüber, ob , mitmenschliches Engagement' die Gottesliebe
zu kurz kommen lasse, ist falsch angesetzt Für die Praxis müsste die Frage
eher umgekehrt lauten, ob diejenigen, die so hartnäckig auf der Vertikalen
insistieren, bereit sind, den unendlichen Horizont der Mitmenschlichkeit
auszuschreiten" (J.Blank).
Nach
Johannes hat Jesus den Gottesgedanken, zu dem seit alters her die Begriffe von
Allmacht und Herrschaft gehören, völlig neu geprägt, indem er zeigt, dass
Gott dort anzutreffen ist (Sakrament!), wo auf jegliche Macht und Herrschaft
verzichtet und dem Menschen gedient wird.
Albuin Baumgartner