Sexuelle Gewalt
gegen Ordensfrauen ist schwere Sünde
Das
Österreichische Frauenforum Feministische Theologie fordert die Kirchenleitung
zur Entsolidarisierung von den Tätern und zu sofortigem Handeln auf - die
Darstellung der Problematik seitens der Kirchenleitung verharmlost
Vergewaltigungen als Randproblem - die Machtfrage in der röm.-kath. Kirche muss
gestellt werden
Eine
Entsolidarisierung von den Tätern und eine Solidarisierung mit den Opfern
seitens der Kirchenleitung fordert das Österreichische Frauenforum
Feministische Theologie angesichts der Berichte über die Vergewaltigung von
Ordensfrauen durch Priester. "Die sexuelle Gewalt gegen Nonnen darf nicht
als Einzelfälle bagatellisiert und als persönliche Schwäche verharmlost
werden", so die Sprecherin des Österr. Frauenforums Feministische
Theologie, Maria Katharina Moser. "Vergewaltigung und erzwungene sexuelle
Handlungen sind eine massive Verletzung der Menschenwürde und schwere Sünde.
Die Kirchenleitung muss hier klare Worte finden. Als erster Schritt zur
Entsolidarisierung von den Tätern muss sexuelle Gewalt als solche benannt
werden." Moser erwartet von der Kirchenleitung sofortige Handlungsschritte:
Die Vorwürfe müssen sofort und restlos aufgeklärt werden. Sofortige Maßnahmen
zum Schutz der Betroffenen vor weiterer sexueller Gewalt sind zu treffen,
allenfalls müssen Priester, gegen welche Vorwürfe vorliegen, suspendiert
werden. Auch müssen unverzüglich Unterstützungsmaßnahmen für Opfer,
therapeutische und kompetente seelsorgliche Begleitung, gewährleistet werden.
Moser kritisiert die Art und Weise der Darstellung seitens der Kirchenleitung und sieht darin Muster, die den Umgang mit sexueller Gewalt gegen Frauen grundsätzlich prägen: Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird verschwiegen. Sie wird als etwas dargestellt, das am Rand der Gesellschaft vorkommt - tatsächlich passiert sexuelle Gewalt aber in der Mitte der Gesellschaft. Sexuelle Gewalt wird als Einzelfallproblem und als Kavaliersdelikt verharmlost. Die Täter werden als Opfer ihrer Triebe entschuldigt. Es wird außer Acht gelassen, dass sexuelle Gewalt ihre Basis in ungleichen Machtverhältnissen hat. Derartige Mechanismen zeigen sich auch im Umgang der Kirchenleitung mit den Vergewaltigungen von Ordensfrauen: Sie wurden jahrelang verschwiegen. Eine Oberin, die die Gewalt benennt, wird vom zuständigen Bischof ignoriert. Die Vergewaltigungen werden nicht als sexuelle Gewalt benannt, sondern als "sexuelle Vergehen" und "einige negative Situationen" bezeichnet. Mit Verweis auf die - grundsätzlich selbstredend anzuerkennenden - Leistungen von Ordensmännern werden die Vergewaltigungen als Randproblem abgetan. Die Glaubwürdigkeit der Opfer wird damit in Misskredit gebracht. All das nimmt die Täter in Schutz.
Moser fordert, angesichts der sexuellen Gewalt gegen Ordensfrauen, die Machtfrage in der Kirche zu stellen: "Sexuelle Gewalt wurzelt immer in ungleichen Machtverhältnissen. Die Geschlechterhierarchie in der römisch-katholischen Kirche, der Ausschluss von Frauen vom Weiheamt und von Leitungsfunktionen sowie ein Frauenbild, das Frauen eine untergeordnete Stellung bzw. Rolle zuschreibt, können bei einzelnen Priestern ein Gefühl der Überlegenheit und die Meinung, Verfügungsgewalt über (Ordens)Frauen zu haben, fördern. Sexuelle Gewalt kann auch im kirchlichen Raum nicht nachhaltig bekämpft werden, ohne dass die Machtfrage auf der strukturellen Ebene gestellt wird und Machtverhältnisse verändert werden."
Berichte
glaubhaft - Abhilfe nötig
Interview mit dem Präsidenten von Missio Aachen P. Hermann Schallück
ORF: Sie waren von 1991 bis 1997 Generaloberer der Franziskaner und kennen verschiedene afrikanische Länder sehr gut. Wie glaubhaft sind die Berichte über Priester, die sich an Ordensfrauen vergehen?
P. Hermann Schallück: Sie sind absolut glaubhaft. Mir sind sie zunächst im Jahre 1998 in Rom bekannt geworden anlässlich einer Sitzung bei der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Sie sind glaubhaft und sehr ernst zu nehmen. Ich glaube, man sollte aber auch die verschiedenen Problemkreise ein wenig unterscheiden. Es gibt die angesprochene kulturelle Unterschiedlichkeit zum Westen. Sexualität und Ehe wird anders gesehen als bei uns. Es gibt innerhalb der Kirche ein anderes Verständnis von Zölibat. Man könnte vielleicht etwas oberflächlich sagen: es wird vielleicht nicht so ganz eng wie bei uns gesehen. Und schließlich lagern darauf auf die Reihe von Fällen, die mit Vergewaltigung, also von Anwendung mit Gewalt zu tun haben, die besonders bedauerlich sind.
ORF: Aber rechtfertigt diese unterschiedliche Sicht, diese unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen schon Vergewaltigungen? Das kann doch nicht so sein!
H.
Schallück: Es rechtfertigt beileibe
keine Vergewaltigung und Anwendung von Gewalt. Es ist allerdings in der Tat ein
kulturelles Grundphänomen darin verwoben, das wir nicht außer Acht lassen dürfen.
Es ist auch eine Grundproblematik angesprochen, die nicht nur in Afrika gilt.
Wir müssen ehrlicherweise auch zugeben, um Afrika und seiner Kirche gerecht zu
werden, dass diese Fälle in der ganzen Welt verstreut vorkommen können.
ORF: Was kann ein Missionswerk wie Missio gerade in dieser Situation tun?
H.
Schallück: Wir bemühen uns im Gespräch
mit den Bischöfen, Ordensoberen und vor allem im direkten Kontakt mit
Priestern, vor allem darauf hinzuweisen, dass in der Ausbildung die Qualität
vor der Quantität gehen sollte. Mit anderen Worten: Es ist mit höherer
Sorgfalt als bisher auf die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten zu achten.
Weiterhin fördern wir insbesondere bereits seit einiger Zeit genderspezifische
Projekte, d.h. Projekte die Männer und Frauen zu einem neuen Miteinander
verhelfen, die zu Partnerschaft hin führen und die vor allem auch die Frauen,
die Betroffenen - diejenigen, die untergeordnet sind in der Kirche auch des
Westens, aber insbesondere in Afrika - die Frauen instand setzen, sich selbst zu
artikulieren, zum Subjekt ihrer eigenen Geschichte zu werden, zum
verantwortlichen Subjekt. Ich glaube, das ist eine langfristige Strategie, die
auch diesem Problem abhelfen wird.
ORF: Wie stehen sie zum Pflichtzölibat? Er ist doch einmal mehr in Frage gestellt worden?
H.
Schallück: Ich kann mir persönlich
vorstellen, dass der Pflichtzölibat nicht für die gesamte Kirche gilt. Ich
glaube an den hohen Wert der Ehelosigkeit und ich glaube auch an die Möglichkeit
des verheirateten Priestertums. Nur: Das ist nicht das eigentliche Problem. Das
Problem ist, dass Menschen - Männer und Frauen - mit ihrer Sexualität, mit
ihrem Leib und vor allem auch mit anderen - den möglichen oder wirklichen
Partnern - umgehen können. Das ist in Afrika wie auch bei uns immer noch eine
Herausforderung.
ORF: Wie kann man umgehen mit der Sexualität, mit dem Partner? Wie kann man das lernen?
H.
Schallück: Wir machen im Blick auf
unsere Mitverantwortung in Afrika den Bischöfen den Vorwurf, dass sie
vielleicht doch zu sehr noch eine Seminarausbildung favorisieren, die den
Priester nicht in Kontakt mit seiner Wirklichkeit bringt, eine nicht inkulturierte Ausbildung. Insbesondere wünschen wir, dass
Solidarität eingeübt wird und auch Partnerschaft. Sie kann in verschiedener
Weise eingeübt werden, aber nicht, wenn die Priesterausbildung, wie auch die
Ordensausbildung völlig abgeschottet wie in einem Glaskasten vor sich geht. Da
sind viele Überlegungen im Gange. Sie greifen nicht alle von heute auf morgen.
Aber wir führen in unseren Kontakten mit den Partnern auf diesen Punkt hin. Wir
möchten auch darauf hinweisen, dass angesichts der genannten Problemfälle auch
Abschreckung angesagt ist. Ich möchte wünschen, dass in jenen Fällen, die
verbrecherisch sind, ebenso hart verfahren wird, wie in den analogen Fällen der
Pädophilie, die nicht aus Afrika zu uns dringen, sondern aus der westlichen
Welt, vor allem aus der englischsprachigen und auch in Deutschland schon zu
Schlagzeilen geworden sind. Rom hat hier zu härtesten Maßnahmen gegriffen bis
hin zur Zwangslaisierung. Das würde ich mir wünschen. Das ist auch ein
positives Beispiel für diejenigen, die sich noch auf den Weg des Priestertums,
des Ordensberufes machen möchten.
ORF: P. Hermann Schallück, vielen Dank für das Gespräch.
Aus: ORF 2, Sendung Orientierung, 1.4.2001.
Presseerklärung
der
Internationalen
Bewegung
Wir sind Kirche (IMWAC)
Sexueller
Missbrauch nicht nur in Afrika - Strukturelle Sünde der Kirche nicht länger
tragbar
„Als
Katholikinnen und Katholiken fühlen wir uns zutiefst betroffen und verletzt
durch den sexuellen Missbrauch, den sich Amtsträger unserer Kirche in
mindestens 23 Ländern an Ordensschwestern und anderen Frauen haben zuschulden
kommen lassen", erklärte Elfriede Harth, Sprecherin der Internationalen
Bewegung Wir sind Kirche. Die offizielle Bestätigung von Berichten über
sexuelle Gewalt von Priestern an Ordensschwestern, die dem Vatikan schon seit
Jahren vorliegen, lege den Finger in die Wunde der strukturellen Sünde der
katholischen Kirche.
In
ihren zutiefst frauenverachtenden und frauenfeindlichen Strukturen sei die
Hauptursache des gravierenden Fehlverhaltens ihrer Amtsträger zu finden, so
Harth. Die Öffentlichkeit, die diesen skandalösen Vergehen jetzt zuteil wird,
sei notwendig, um endlich den Widerstand gegen längst überfällige Korrekturen
in der katholischen Kirche zu brechen. Dies habe auch die Debatte um den
sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester in Frankreich,
Nordamerika und Australien gezeigt.
"Unsere
Solidarität gilt zuallererst den Opfern dieser Gewalt und dieses
Machtmissbrauchs", so Harth. Die Internationale Bewegung Wir sind Kirche
fordert von den Verantwortlichen im Vatikan und den jeweiligen Ortskirchen, dass
alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, um den Opfern zumindest materiell
und finanziell Wiedergutmachung zu leisten. Es sei beschämend, dass die
Vergehen von denen begangen wurden, die in den Augen der Welt die kanonische
Autorität unserer Glaubensgemeinschaft innehaben. Darüber hinaus fordert die
Internationale Bewegung Wir sind Kirche von allen Kardinälen, die der Papst zu
einem Konsistorium im kommenden Mai einberufen hat, dass sie ihre volle
Verantwortung für die Weltkirche übernehmen und die längst fällige
strukturelle Reform der Kirche als dringlichsten Punkt auf die Tagesordnung
setzen.
Um
der Welt die Menschenrechte glaubwürdig predigen zu können, sei es dringend
geboten, vor der eigenen Kirchentür zu kehren und den Frauen in der Kirche
nicht länger die volle Gleichberechtigung abzusprechen. Solange die Kirche
Frauen von der Würde des Amtes ausschließt - das belegen die erwähnten
Berichte auf schmerzlichste Weise - sündigt sie, indem sie jeder
Diskriminierung von Frauen, jeder Unterdrückung von Frauen und jeder Form von
Gewalt gegen Frauen theologische und kanonische Rechtfertigung liefert.
Die Internationale Bewegung Wir sind Kirche (IMWAC) entstand 1996 in Rom aus dem Zusammenschluss von nationalen Initiativen, die in ihren jeweiligen Ländern das in Österreich initiierte Kirchenvolksbegehren für Strukturreformen in der römisch-katholischen Kirche durchführten. Zusammen mit anderen Reformkräften aus der ganzen Welt setzt sie sich für einen konziliaren Prozess ein, der alle Gläubigen teilhaben lässt an einem dringend überfälligen Aggiornamento der Kirchenstrukturen."