Schrei zur Sonne

200 Jahre fährt der "Kirchengrottn" schon ohne "Kollaudo"

März April 2000 führte die Volksbühne Barbian mit überwältigendem Erfolg das Bühnenstück von Isidor Puntajer "Schrei zur Sonne" auf. Es war das Erstlingswerk des ehemaligen Pfarrgemeinderatspräsidenten und nunmehrigen Bürgermeisters, geschrieben für 30 Darsteller aller Altersklassen. Als Bereicherung und Herausforderung wurde das Stück beschrieben. Der Autor sagt dazu: "Geschwängert von Erkenntnissen, wertvollen Begegnungen und Inspiration, konnte ich tiefen Einblick nehmen in mich und in die bunten Dinge des Lebens um mich herum... Vollkommenes und Unvollkommenes schlummert in uns Menschen. Das Stück ist für Menschen, die in Aufbruchstimmung, geistig offen sind, gut hinhören, sehen und fühlen können, die mutig und offen sind."     Im Nachfolgenden werden jene Szenen wiedergegeben, die Kirche und Religion betreffen.

 

21. Szene

Don Paulo, (Priester) tretet mit dem Kirchenschlüssel und Bibel in der Hand ein; Gemütszustand: Resigniert

Don Paulo: (bleibt einen Augenblick vor dem Bildnis des Nazareners stehen .... Greift sich in die Haare,    geht zum Pudel, schaut sich um) ein Bier .. und ... Haben Sie eine Zigarre für mich, Frl. Mariella?

Mariella: (erstaunt) (spanisch) Don Paulo ... Usted fuma? Y ... toma cerveza? Si ... Gustosamente. ... Don Paulo ... Sie rauchen? Und trinken Bier?  ... Ja gerne ... (gibt Zigarre und bedient).  (Raul & Jos beobachten)

Don Paulo: (trinkt einen kräftigen Schluck ... Raucht, geht zur JB und wählt "Cry of the Celts", hört gequält die Musik, Resignation im Gesicht, Blickt wieder zum "Nazarener-Bild", verharrt bei der JB)

Raul: (locker) Die Kirchenglocken werden nicht mehr lange läuten,... Wenn das so weitergeht.... Priestermangel, überalterter Klerus, keine Reformen, leere Kirchenbänke, Skandale.... Was sagst du Jos?

Hirte: (ruhig, prophetisch) mh, das Hirtenamt geht leise und langsam dem Ende zu............

Raul: (lässig, komödiantisch) ... Ja tatsächlich.... den heiligen "Kirchen­betrieb" schleudert's so langsam, das alte Auto gibt langsam den Geist auf, ... (komödiantisch-witzig) mein Gott .... 200 Jahre fährt der "Kirchengrottn" schon ohne Kollaudo durch die Gegend....

Hirte: äußerlich schaut die Kirchenkarosserie noch ganz gut aus .. renovierte Kirchenmauern, ... aber der Motor ....  der Hilfeschrei (betende Hände) zum heiligen Geist hilft auch nicht mehr.

Mariella: (ernsthaft) tranquilo Jos.

Raul: (lässig, respektlos) überzeugt hat der Kirchenverein noch nie, Kriege haben sie geführt, im Namen Gottes. Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein. So ähnlich....

Hirte: spirituelle Menschen müssten den Frieden lieben.

Raul: unschuldige Menschen haben sie auf den Scheiterhaufen .... im Namen Gottes ... verbrannt...brutta figura...

Hirte: ... die Sexualität haben sie untern Tisch gekehrt, aber hinter dem Mantel des Schwelgens selber lüstern zu Frauen gegriffen (lächerlicher Ton) mit dem Zölibat ha, ha, ha. (Don Paulo reagiert beim Wort Zölibat) hat sich die Kirche ein Eigentor geschossen.

Raul: ha, ha, ja um Himmels Willen, wieso soll ein Priester nicht auch eine Frau lieben können, eine ganz natürliche Sache, (schreit) Die Kirche ist unnatürlich, unnatürlich....

Mariella: (zornig und laut) tranquilo Raul.

(Erkennungsmelodie setzt leise ein)

Don Paulo: (dreht sich langsam um, schaut auf) ja unnatürlich, ... auch ich sehne mich nach (wagt es kaum auszusprechen).... Liebe, ich bin unglücklich und gespalten ...., (schreit es heraus) ich .. ich ... liebe eine Frau .... (anklagend) der Zölibat reibt mich auf, zerreißt mich, aber die verbotene Liebe ist stärker .... heimlich treffe ich die Frau, (schimpft) weil der verkalkte Klerus in Rom nichts, aber schon gar nichts versteht von der Notwendigkeit der Liebe, auch eines Priesters. Sexualität ist ein Teil der Schöpfung. (schreit anklagend) Was haben die Kirchenfürsten nur für Pflichten auferlegt, ... aber dafür keine Verantwortung übernommen .......... (kurze Pause)

Hirte: (erhebt sich langsam, geht auf Don Paulo zu ... schaut ihm in die Augen, legt eine Hand auf dessen Schulter, lächelt) bravo, Don Paulo.

Don Paulo: bravo?

Hirte: O ja bravo, für deinen Mut zur Ehrlichkeit, (umarmt ihn) das wollen wir Menschen von der Kirche ... mehr Ehrlichkeit auf den Tisch. Gegen Liebe ist noch kein Kraut gewachsen.

22. Szene

Wirt blickt kurz herein, geht wieder

Hirte: (Erkennungsmelodie lauter, Jos beginnt dramatisch zu sprechen, Geißelung) 

Die Kirche hat sich überschätzt, große Paläste gebaut, sie wollten Fürsten sein, besitzgierig, zum Volk sie dann von der Armut redeten ... die Kirche muß sich selber einmal in Frage stellen, sie erhebt den Anspruch die einzig Wissende zu sein. Schauen wir in die Sterne, oder zur Sonne, dann merken wir, daß wir nichts wissen. ... Wer ist Gott? ... wir wissen, daß wir das nicht wissen können .... eine unerklärliche/geheimnisvolle Energie ....... Die Kirche erntet heute, was sie gesät hat ..... wegen der Drohbotschaft anstatt Frohbotschaft sind viele davon geschlichen ... und jetzt .... mhm ist sie ohnmächtig. Die Kirche ist nicht Religion, höchstens ein Weg zu ihr. Die Kirche hat die totale, bedingslose Liebe zu den Menschen verloren, oder nie gehabt? Heute ist die Kirche ohne Kraft und Ausstrahlung. Ihr Priester seid Angsthasen und unfrei, .... wegen dem Gehorsamseid. Der Mensch selbst hat das Göttliche in ihm.   (kurze Stille)

Raul: (lässig, locker) je mehr Katholiken sich vom Gesetz ihrer Kirche entfernen und ihre Religiösität in Freiheit leben, umso mehr werden Menschen wieder Brüder sein... für die Politik gilt dasselbe.

(Musik "nightmare" setzt leise ein)

Don Paulo: (tief betroffen, die Worte schmerzen, .... Blick zum Nazarener ..... denkt nach .... schmeißt Kirchenschlüssel und Bibel zu Boden)

Mariella: (schreit entsetzt) no Don Paulo, no

Hirte: (schüttelt den Kopf. hebt Schlüssel und Bibel auf)... nein Don Paulo, nein, (gibt Don Paulo die Schlüssel in die Hand) sperr die Herzen der Menschen auf, sprich hinter den kalten renovierten Kirchenmauern die Sprache des Herzens, sprich die eigentliche Sprache der Menschen .... die Menschen warten darauf, (gibt Don Paulo die Bibel wieder). Nimm, ... nicht die Bibel ist Gott, sondern der innere Impuls, Religion sollte die Liebe zueinander sein, ja die Liebe. .... damit die Beladenen auch kommen können....... Sobald sich alle Religionen zu einer einzigen spirituellen Bewegung verschmolzen haben, erst dann hat sich die Welt vergeistigt.

(Don Paulo und Josè umarmen sich)

Don Paulo: (Musik "Cry of .." setzt ein .... ohne Worte aber tief bewegt macht er sich auf den "Weg", sein Gesicht drückt Aufbruchstimmung und Tatendrang aus .... blickt nochmals auf das Bild des Nazareners).

Mariella: (herzlich/mitfühlend/einladend) (spanisch) Don Paulo ... ha vuelto als Local "Hacia la Sol" don Paulo .... komm wieder ... ins Lokal "Zur Sonne (Gestik) (Musik lauter).

Raul: (Raul verläßt benommen/nachdenklich/schweigend das Lokal)

23. Szene

Mariella und Jos

Hirte: (läßt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen .... Stille ... Josè schnaubt tief durch .... erholt sich, blickt zum "Nazarener", verspürt, dass er "den Auftrag" erfüllt hat, ... ist zufrieden .... blickt in die "Sterne") mein Auftrag ist erfüllt .... die Stirn ist abgekühlt ... Mariella, ein Glas Wasser. (Sie bedient)

Mariella: (schimpft auf spanisch) Jos, was ist überhaupt los mit dir, du bist so fürchterlich ... enojado, ... arrabiato, widerspenstig .... warum Jos? ... Emotionen sind deine Schwächen (geht zur JB)

Hirte: (Erkennungsmelodie setzt leise ein - spricht ruhig/rational) Jetzt hat sich der Kreis geschlossen. Emotionen sind keine Schwächen, sondern Stärke. Es muss weh tun, sonst gibt es keinen Grund aufzuwachen und es ändert sich nichts, merk dir das, Mariella! Ich musste diese Dinge sagen. Wer schweigt, macht sich auch schuldig. .....

 

Kurz zum Inhalt

Es ist Nacht...es wird Tag...die Sonne geht auf...

Jos, ein Schafhirte, Aussteiger und Träumer, kehrt im Herbst, wie alle Jahre, mit seiner Herde ins Dorf zurück, wo er sich täglich im Gastlokal "Zur sonne" herumtreibt. Jos hat sich verändert. Aus dem sonst wortkargen Hirten ist ein sensibler, philosophisch-angehauchter Aufmüpfiger geworden. Ein Hauch von geistiger Revolution ist in ihm. Unterstützung findet Jos in Raul, einem Lebenskünstler, der vom Wein seine geistig-poetische Kraft zu haben scheint. Mariella, andalusisches Mädchen, Kellnerin im Lokal, fällt durch ihr südländisch-liebliches und unbeschwertes Temperament auf. Nicht ohne Wirkung ist ihr sinnlicher Flamencotanz... Das Herzstück im Lokal "Zur Sonne" ist die Juke Box, die von den Gästen gerne als musikalische Stimme in Anspruch genommen wird. Das Gastlokal "Zur Sonne", ein Ort des Aufeinandertreffens verschiedener Menschen wird zu einer Bühne von Gefühlsausbrüchen, einmal behutsam-zart, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, einmal vulkanisch-explosiv...  


Der alternative Bürgermeister

Ein Gespräch mit

Isidor Puntajer, Barbian

 

Warum hat das Theaterstück "Schrei zur Sonne" so angesprochen?

Das beschäftigt mich auch selber. Mir hätten es noch  öfters spielen können. Wir haben es nicht mehr "derpackt". Es war eine Botschaft dahinter. Ich denke, es war viel Ehrlichkeit dahinter. Viel, was der Mensch so herumschleppt und sich  im Alltag nicht zu sagen traut. Es war eine Befreiung. Jetzt ist es einmal gesagt. Es waren viele Lebenssituationen drinnen: Z.B. der alte Mensch Lois, der vor dem Abschied steht. Er hatte den Eindruck, er hat nicht gelebt.

 

Was hat das Theaterstück bewirkt?

Es war einmal ein Schrei. Alles ist sehr kurzlebig. Die Welt dreht sich wieder weiter. Der Tenor war: langsamer, weniger, besser, schöner. Die Tatsache ist, dass eine bestimmte Zeit nicht aufzuhalten ist. Die Zeit, in der wir sind, muss erfüllt werden. Wer es "hepp, heppt's". Ich sage, wir haben eine gesunde Wirtschaft, aber sie macht den Menschen krank. Man kann nicht ein Theater machen oder eine Predigt und glauben, man haltet irgend etwas auf. Man muss allerdings auch sagen, dass viele Aussteiger sind: Selbstmörder, Menschen, die nach Indien fahren. Sie wollen nicht mehr und können nicht mehr.

 

Du bist inzwischen Bürgermeister geworden. Wie kannst Du in dieser Funktion deine Ideale umzusetzen?

Bürgermeister kann man so oder anders machen. Man kann sich den Sachzwängen unterwerfen oder man kann es auch anders machen. Ich kämpfe, dass ich von meinem Weg nicht abkomme. Da brauche ich sehr viel Kraft. Das ganze Wirtschaftliche kann und will ich nicht bremsen. Der Mensch muss seine Sache einfach verwirklichen können. Wofür ich viel Zeit aufwende, ist die Ethik. Das Zusammenleben verlangt Rücksicht, Geduld. Im Gemeindeblatt weise ich darauf hin: Geduld müssen wir haben, Rücksicht. Als Bürgermeister hat man eine große Chance, diese Ideale hineinzubringen.

 

Im Theaterstück ist auch einiges über Religion und Kirche enthalten. Welche Bedeutung hat für dich die Religion? 

Religion - das ist meine persönliche Meinung - hat man durch die Geburt schon mitbekommen: das Fragen nach Gott, nach dem höheren Wesen. Man spürt, dass es über dem Menschen noch etwas gibt. Das hat mich immer schon beschäftigt, stark beschäftigt. Ich will nicht sagen, es war eine Plage, aber es gab viele Zweifel, viele Auseinandersetzungen mit mir selber und mit diesen Fragen.  Wenn man sich mit dem Menschen auseinandersetzt, dann ist Gott, das Höhere auch immer da. Das geht nicht anders.

 

Was denkst du über die Kirche?

Die Kirche ist wieder etwas ganz anderes. Sie ist ein Verein, der auch für sich Propaganda macht. Die Kirche spricht den Menschen nicht mehr so an, weil sie nicht mehr auf die Fragen, die den Menschen beschäftigen, einsteigt. Was der Mensch eigentlich sucht, das findet er in der Kirche nicht mehr, in den Predigten und so. Da werden eher Steine und zu wenig Brot ausgeteilt.

 

Im Theaterstück steht, die Kirche soll die Sprache der Herzen sprechen.

Ja, ja, das wäre ganz wesentlich. Wenn die Priester etwas mehr Schneid hätten. Ich denke mir, dass jeder Priester irgendwie schon spürt, das wäre jetzt zu sagen, aber es  fehlt ihnen auch der Mut. Sie denken sich, die alten Kirchgänger behalte ich mir noch. Die möchte ich jetzt nicht auch noch verunsichern. Es schaut mit der Zukunft der Kirche momentan sehr düster aus.

 

Was müsste sich in der Kirche ändern?

Es müsste einfach die Anmaßung von Heiligkeit und die Ansicht, dass die Kirche das einzig Richtige ist, ändern. Das ist nicht wahr. Es gibt viele Wahrheiten und es gibt viele Sachen, die Gültigkeit haben. Die Kirche macht den Fehler, dass sie sich anmaßt zu sagen, was sie sagt ist das einzig Richtige.

Früher bin ich, wenn ich in die Kirche gegangen bin,  irgendwie auch auf Brautschau gegangen. Heute wenn ich in die Kirche gehe, würde ich keine mehr finden. Heute ist keine Jugend mehr da. Es ist ein Seniorenverein geworden, überspitzt gesagt. Es fehlen die Generationen.

 

Dein Freund Johannes Alfred Wagner hat gesagt, man solle das Vater Unser umtaufen in "Vater Unser im Himmel und in mir". Was verstand er darunter?

Der Herr Wagner geht einfach davon aus, dass das Höhere, Gott oder Jesus - wie immer wir es nennen - in uns Menschen ist. Ich bin ein Teil der Schöpfung. Er war überzeugt davon, dass wir nicht etwas suchen müssen, was wir im Grunde schon in uns haben. Es ist da. Die Religiosität ist den Menschen mitgegeben.

 

Er muss ein Mystiker gewesen sein.

Ja, je älter er wurde, desto mehr hat er sich mit dem Leben bzw. dem Sinn des Lebens auseinandergesetzt. In letzter Zeit betonte er, alles hat seinen Sinn, seine Berechtigung, auch das Gegensätzliche. Auch der Mensch, der mich herausfordert, der mir nicht so zugeneigt ist. Man muss das Ganze als ein Ganzes sehen.

Was macht dir in der heutigen Zeit am meisten Sorgen?

Das Materielle spielt für mich als Bürgermeister eine fast erdrückende Rolle: was bauen wir, wo schlagen wir mehr heraus. Niemand will zu kurz kommen. Das ist für mich eine Belastung. Auch dass der Mensch dermaßen von sich entfernt ist. Dann sucht er irgendwelche Dinge, die unwesentlich und unbedeutsam sind: da machen wir den Zugang so breit und da muss der Stein hin, usw. Es gibt zudem wenig Persönlichkeiten mit eigenständigem Denken. In unserem Dorf ist allerdings eine Entwicklung spürbar. Sonst hätten sie mich nicht zum Bürgermeister gewählt. Das  Parteipolitische spielt für mich keine Rolle. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Ein großen Problem unserer Zeit ist das Sein. Wir sind zwar, aber wir sind nicht wirklich. Das Haben und die Leistung zählt meistens.

 

Was freut dich besonders?

Die Freuden? Natürlich habe ich viele Freuden. Es freut mich, dass ich die Möglichkeiten habe, mit vielen Leuten in Verbindung zu treten - einfach als geistiger Austausch. Da tanke ich auf. Mit dir da zu sitzen und zu reden ist etwas Außergewöhnliches, etwas Schönes. In den Sprechstunden kommen viele Leute, hauptsächlich Frauen. Sie sind etwas "vor", sie haben eine große Offenheit. Mit der Jugend habe ich meine Freude, weil ich merke, dass sie nicht mehr alles mittun wollen. Das ist eine Chance. Die Alten bauen zu viel auf. Sie sorgen sich zu viel für die Kinder: sie bauen das und jenes auf. Ich frage mich, ob das die richtige Entwicklung ist. Im Grunde genommen will jeder selber etwas verwirklichen. Bei der Jugend wäre viel zu tun. Schade, dass die Jugend meist keine Priorität im Dorf ist. Man richtet einen Jugendraum ein und glaubt damit Jugendarbeit gemacht zu haben. Das ist ein Alibi, der Raum muss leben und es sollte etwas Kreatives sein.

Der Zeitgeist ist zu respektieren in gewissem Sinn. Das elektronische Zeitalter ist nicht aufzuhalten. Wenn alles langsamer gehen würde, würde erst eine Beziehung entstehen. Wenn wir aber den ganzen Tag laufen, fehlen die Dinge, die so wertvoll wären. Es ist eine Erschöpfung da. Im Gasthaus nach Feierabend sieht man die Leute, wie sie fix und fertig sind. Sie stehen beim Pudel mit einem Bier. Sie interessiert nichts mehr. Sie wollen Ruhe. Das ist verständlich. Die Barbianer Bürger sind so fleißig. Sie bauen ihre Häuser wie die Adler ihre Nester auf die Hänge hinauf. Sie machen große Ausgaben. Auch die Jugend muss immer leisten. Sie wollen dann bei einer Party einfach abschalten. Ihnen ist alles "schnuppe".

 

Nach dem Theaterstück haben die Besucherinnen und Besucher ein Kärtchen mit dem Inhalt "Die Sehnsucht hat allemal Recht" mitbekommen.

Das war etwas Persönliches. Die Sehnsucht ist da oder nicht da. Wenn sie da ist, muss man sie sehr ernst nehmen. Das größte Versäumnis ist, dass man der inneren Stimme - Sehnsucht hat mit einer inneren Stimme zu tun, mit Gewissen, Herz, mit Geist und Seele - viel zu wenig Raum gibt. Dies wird zu wenig erkannt oder gelebt. Das macht mich traurig. 

Wenn man all die Krankheiten sieht, wieso der Mensch einen Tumor oder andere Erscheinungen hat, das ist für mich ein Hinweis, dass ein Stau da ist, dass irgend eine Sehnsucht nicht gelebt wird. Wenn der Mensch mehr auf sich horchen würde und das tun würde, was diese Stimme sagt, dann wären viele Dinge schöner, toller, menschlicher. Dann wäre es ein Fest. Derzeit wird zuviel mit dem Verstand korrigiert. Zu diesen Dingen ist oft nicht die Zeit. Lebe und denke weniger, sage ich mir oft. Der Mensch hat alle Antennen mitbekommen. Der Kopf tut weh, weil ... , das Herz tut weh, weil ... Das sind alles Warnlämpchen, die aufleuchten. Aber man muss alle Tage zur gleichen Zeit am richtigen Ort sein, man hat einen Rhythmus, was vielleicht auch gut ist. Die Menschheit würde auf bestimmte Dinge anders reagieren, wenn man die Sehnsucht ernster nehmen würde.

 

Diese Stimme könnte Gott in mir sein.

Ja, ich bin überzeugt davon. Heute scheint die Zeit dafür nicht da zu sein, auf diese Stimme zu horchen. Aber man muss andererseits auch sehen, dass immer mehr aussteigen. Wir werden vermutlich große Augen machen, weil die Frage ist, ob die Jugend dieses Tempo mitmacht. Wenn ich so die Gastbetriebe sehe mit Erweiterung und dann noch eine Dependance, frage ich mich, ob die Kinder weitermachen werden.

 

Du warst auch Pfarrgemeinderatsvorsitzender. Beim Pastoralbesuch hast du Bischof Egger ein Windrad überreicht. Was wolltest du damit ausdrücken?

Ich habe erst zum Schluss, als der Herr Bischof  schon geredet hatte, meine Ansprache gehalten. Das war Absicht, damit der Bischof nicht mehr antworten konnte. In der Kirche ist es so, dass der Pfarrer etwas sagt, und niemand darf etwas dagegen sagen. Ich wollte das einmal umgekehrt machen.

Das Windrad war ein symbolisches Zeichen: einfach, dass die Fenster zu öffnen sind und der Wind wehen soll. Die Kirche muss so lebendig sein, dass sich das Rad dreht. Es muss sich drehen. Die Erde dreht sich. Wir dürfen nicht versäumen, in dieser Dynamik mitzugehen. Dies wäre eine Lebensauftrag für die Kirche. Das Universum macht uns deutlich, dass wir uns bewegen müssen. Die Kirche müsste auf die Fragen der Zeit reagieren. Alles hat nämlich Sinn, sonst würde es nicht vorkommen.

 

Und Gott?

Für mich schläft Gott in dem Sinne, dass er uns arbeiten läßt. Wir sind am Zug. Aber was heißt hier ER. Es wird weder ein ER sein, noch eine SIE, noch ein ES. Gott ist eine Kraft, eine Energie, nicht eine Person.

 

Lebt er durch uns?

Ja, wir haben jetzt den Auftrag. Jeder soll ein Feuer sein. Sich niedersetzen und sagen, jetzt bete ich zu Gott, dann wird er schon machen, ist irgendwie eine "Aus­nützerei", ein Egoismus, eine Kleingläubigkeit. Das ist kein Glaube, das ist ein Handel. Z.B. können wir nicht einfach um Priesterberufe beten. Das kann nicht die Lösung sein. Das wäre zu einfach, zu billig.  Es ist ein billiger Glaube, wenn man sagt, jetzt beten wir, dass die Operation gut geht. Jetzt hat er geholfen. Die geistigen Gesetze bestimmen die Welt.

 

Und die Kirche?

Die Kirche ist einfach langweilig, zur Zeit stinklangweilig. Bei Jesus war es nicht langweilig. Ich bin ein Jesusfreund. Er gefällt mir so gut. Die Kirche erkennt nicht den Schatz, den sie eigentlich hat: den Nazarener. Was er für Sachen gesagt hat! Er ist vor nichts erschrocken. Er hat nicht verurteilt. 

Auch der Bischof lehnt sich nicht beim Fenster hinaus und nimmt nicht Stellung. Er wird schon nachdenken, aber das Volk reißt er nicht mit, bringt er nirgendwo hin. Wenn er wenigstens streitbar wäre! Es gäbe so viele Themen, z.B. die Prostituierten in Bozen. Warum sind sie da, warum haben sie eine Arbeit? Mir käme vor, man müßte einmal auch  über die eigene Kirche reden.

Das Hirtenamt geht dem Ende zu. Die Kirche wird es immer geben. Diese Form, dass die Kirche das Sagen hat, was der Mensch tun musst, damit er glücklich ist, das geht dem Ende zu. Wenn es in der Kirche nicht mehr ehrlich ist - und das ist es lange schon nicht mehr - dann merken das die Leute. Die Leute lassen sich nicht mehr hinters Licht führen. Das sind meine Freuden.

 

Wie gelingt es dir persönlich, die Ideale des Langsamer .... zu leben?

Ich bin ein unruhiger Geist. Mein Alltag ist viel spazieren gehen, allein. In der Natur finde ich Geborgenheit. Es ist eine Therapie. Da kann ich mich vom Schnellen, Aggressiven, Streitsüchtigen entferne. Da spüre ich die Verbindung zwischen oben und unten. Die tollsten Erlebnisse hat man, wenn man die Verbindung zwischen Erde und Himmel spürt. Da ist man unaufhaltsam. Der Mensch ist ein Geheimnis. Er ist etwas Göttliches. Die Sache, die in mir drinnen ist, muss ich leben. .... Viele Dinge kann ich lernen, aber was in mir drinnen ist, muss ich leben.

Herzlichen Dank für das Interview.

Interview: Robert Hochgruber


Sprache des Herzens - Gott in mir

 

Isidor Puntajer hat anläßlich der Beerdigung seines Freundes und weisen Ratgebers  Johannes Alfred Wagner in vorigen Jahr eine Ansprache gehalten. Dabei hat er die wesentlichsten Aussagen seines Freundes wiedergegeben, die auch ihn tiefgehend beeinflusst haben: