200 Jahre fährt
der "Kirchengrottn" schon ohne "Kollaudo"
März
April 2000 führte die Volksbühne Barbian mit überwältigendem Erfolg das Bühnenstück
von Isidor Puntajer "Schrei zur Sonne" auf. Es war das Erstlingswerk
des ehemaligen Pfarrgemeinderatspräsidenten und nunmehrigen Bürgermeisters,
geschrieben für 30 Darsteller aller Altersklassen. Als Bereicherung und
Herausforderung wurde das Stück beschrieben. Der Autor sagt dazu: "Geschwängert
von Erkenntnissen, wertvollen Begegnungen und Inspiration, konnte ich tiefen
Einblick nehmen in mich und in die bunten Dinge des Lebens um mich herum...
Vollkommenes und Unvollkommenes schlummert in uns Menschen. Das Stück ist für
Menschen, die in Aufbruchstimmung, geistig offen sind, gut hinhören, sehen und
fühlen können, die mutig und offen sind." Im Nachfolgenden werden jene Szenen
wiedergegeben, die Kirche und Religion betreffen.
21.
Szene
Don Paulo, (Priester) tretet mit dem Kirchenschlüssel
und Bibel in der Hand ein; Gemütszustand: Resigniert
Don Paulo: (bleibt einen
Augenblick vor dem Bildnis des Nazareners stehen .... Greift sich in die Haare,
geht zum Pudel, schaut sich um) ein Bier .. und ... Haben Sie eine
Zigarre für mich, Frl. Mariella?
Mariella: (erstaunt)
(spanisch) Don Paulo ... Usted fuma? Y ... toma cerveza? Si ... Gustosamente.
... Don Paulo ... Sie rauchen? Und trinken Bier?
... Ja gerne ... (gibt Zigarre und bedient).
(Raul & Jos beobachten)
Don Paulo: (trinkt einen kräftigen
Schluck ... Raucht, geht zur JB und wählt "Cry of the Celts", hört
gequält die Musik, Resignation im Gesicht, Blickt wieder zum
"Nazarener-Bild", verharrt bei der JB)
Raul: (locker) Die
Kirchenglocken werden nicht mehr lange läuten,... Wenn das so weitergeht....
Priestermangel, überalterter Klerus, keine Reformen, leere Kirchenbänke,
Skandale.... Was sagst du Jos?
Hirte: (ruhig, prophetisch)
mh, das Hirtenamt geht leise und langsam dem Ende zu............
Raul: (lässig, komödiantisch)
... Ja tatsächlich.... den heiligen "Kirchenbetrieb" schleudert's
so langsam, das alte Auto gibt langsam den Geist auf, ... (komödiantisch-witzig)
mein Gott .... 200 Jahre fährt der "Kirchengrottn" schon ohne
Kollaudo durch die Gegend....
Hirte:
äußerlich schaut die Kirchenkarosserie noch ganz gut aus .. renovierte
Kirchenmauern, ... aber der Motor .... der
Hilfeschrei (betende Hände) zum heiligen Geist hilft auch nicht mehr.
Mariella:
(ernsthaft) tranquilo Jos.
Raul:
(lässig, respektlos) überzeugt hat der Kirchenverein noch nie, Kriege haben
sie geführt, im Namen Gottes. Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich
dir den Schädel ein. So ähnlich....
Hirte:
spirituelle Menschen müssten den Frieden lieben.
Raul:
unschuldige Menschen haben sie auf den Scheiterhaufen .... im Namen Gottes ...
verbrannt...brutta figura...
Hirte:
... die Sexualität haben sie untern Tisch gekehrt, aber hinter dem Mantel des
Schwelgens selber lüstern zu Frauen gegriffen (lächerlicher Ton) mit dem Zölibat
ha, ha, ha. (Don Paulo reagiert beim Wort Zölibat) hat sich die Kirche ein
Eigentor geschossen.
Raul:
ha, ha, ja um Himmels Willen, wieso soll ein Priester nicht auch eine Frau
lieben können, eine ganz natürliche Sache, (schreit) Die Kirche ist unnatürlich,
unnatürlich....
Mariella:
(zornig und laut) tranquilo Raul.
(Erkennungsmelodie
setzt leise ein)
Don
Paulo: (dreht sich langsam um, schaut auf) ja unnatürlich, ... auch ich sehne
mich nach (wagt es kaum auszusprechen).... Liebe, ich bin unglücklich und
gespalten ...., (schreit es heraus) ich .. ich ... liebe eine Frau ....
(anklagend) der Zölibat reibt mich auf, zerreißt mich, aber die verbotene
Liebe ist stärker .... heimlich treffe ich die Frau, (schimpft) weil der
verkalkte Klerus in Rom nichts, aber schon gar nichts versteht von der
Notwendigkeit der Liebe, auch eines Priesters. Sexualität ist ein Teil der Schöpfung.
(schreit anklagend) Was haben die Kirchenfürsten nur für Pflichten auferlegt,
... aber dafür keine Verantwortung übernommen .......... (kurze Pause)
Hirte:
(erhebt sich langsam, geht auf Don Paulo zu ... schaut ihm in die Augen, legt
eine Hand auf dessen Schulter, lächelt) bravo, Don Paulo.
Don
Paulo: bravo?
Hirte: O ja bravo, für
deinen Mut zur Ehrlichkeit, (umarmt ihn) das wollen wir Menschen von der Kirche
... mehr Ehrlichkeit auf den Tisch. Gegen Liebe ist noch kein Kraut gewachsen.
22.
Szene
Wirt blickt kurz herein, geht wieder
Hirte:
(Erkennungsmelodie lauter, Jos beginnt dramatisch zu sprechen, Geißelung)
Die
Kirche hat sich überschätzt, große Paläste gebaut, sie wollten Fürsten
sein, besitzgierig, zum Volk sie dann von der Armut redeten ... die Kirche muß
sich selber einmal in Frage stellen, sie erhebt den Anspruch die einzig Wissende
zu sein. Schauen wir in die Sterne, oder zur Sonne, dann merken wir, daß wir
nichts wissen. ... Wer ist Gott? ... wir wissen, daß wir das nicht wissen können
.... eine unerklärliche/geheimnisvolle Energie ....... Die Kirche erntet heute,
was sie gesät hat ..... wegen der Drohbotschaft anstatt Frohbotschaft sind
viele davon geschlichen ... und jetzt .... mhm ist sie ohnmächtig. Die Kirche
ist nicht Religion, höchstens ein Weg zu ihr. Die Kirche hat die totale,
bedingslose Liebe zu den Menschen verloren, oder nie gehabt? Heute ist die
Kirche ohne Kraft und Ausstrahlung. Ihr Priester seid Angsthasen und unfrei,
.... wegen dem Gehorsamseid. Der Mensch selbst hat das Göttliche in ihm.
(kurze Stille)
Raul:
(lässig, locker) je mehr Katholiken sich vom Gesetz ihrer Kirche entfernen und
ihre Religiösität in Freiheit leben, umso mehr werden Menschen wieder Brüder
sein... für die Politik gilt dasselbe.
(Musik
"nightmare" setzt leise ein)
Don
Paulo: (tief betroffen, die Worte schmerzen, .... Blick zum Nazarener .....
denkt nach .... schmeißt Kirchenschlüssel und Bibel zu Boden)
Mariella:
(schreit entsetzt) no Don Paulo, no
Hirte:
(schüttelt den Kopf. hebt Schlüssel und Bibel auf)... nein Don Paulo, nein,
(gibt Don Paulo die Schlüssel in die Hand) sperr die Herzen der Menschen auf,
sprich hinter den kalten renovierten Kirchenmauern die Sprache des Herzens,
sprich die eigentliche Sprache der Menschen .... die Menschen warten darauf,
(gibt Don Paulo die Bibel wieder). Nimm, ... nicht die Bibel ist Gott, sondern
der innere Impuls, Religion sollte die Liebe zueinander sein, ja die Liebe. ....
damit die Beladenen auch kommen können....... Sobald sich alle Religionen zu
einer einzigen spirituellen Bewegung verschmolzen haben, erst dann hat sich die
Welt vergeistigt.
(Don
Paulo und Josè umarmen sich)
Don
Paulo: (Musik "Cry of .." setzt ein .... ohne Worte aber tief bewegt
macht er sich auf den "Weg", sein Gesicht drückt Aufbruchstimmung und
Tatendrang aus .... blickt nochmals auf das Bild des Nazareners).
Mariella:
(herzlich/mitfühlend/einladend) (spanisch) Don Paulo ... ha vuelto als Local
"Hacia la Sol" don Paulo .... komm wieder ... ins Lokal "Zur
Sonne (Gestik) (Musik lauter).
Raul:
(Raul verläßt benommen/nachdenklich/schweigend das Lokal)
23.
Szene
Mariella
und Jos
Hirte:
(läßt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen .... Stille ... Josè schnaubt
tief durch .... erholt sich, blickt zum "Nazarener", verspürt, dass
er "den Auftrag" erfüllt hat, ... ist zufrieden .... blickt in die
"Sterne") mein Auftrag ist erfüllt .... die Stirn ist abgekühlt ...
Mariella, ein Glas Wasser. (Sie bedient)
Mariella:
(schimpft auf spanisch) Jos, was ist überhaupt los mit dir, du bist so fürchterlich
... enojado, ... arrabiato, widerspenstig .... warum Jos? ... Emotionen sind
deine Schwächen (geht zur JB)
Hirte: (Erkennungsmelodie
setzt leise ein - spricht ruhig/rational) Jetzt hat sich der Kreis geschlossen.
Emotionen sind keine Schwächen, sondern Stärke.
Es muss weh tun, sonst gibt es keinen Grund aufzuwachen und es ändert sich
nichts, merk dir das, Mariella! Ich
musste diese Dinge sagen. Wer schweigt, macht sich auch schuldig. .....
Es
ist Nacht...es wird Tag...die Sonne geht auf...
Jos,
ein Schafhirte, Aussteiger und Träumer, kehrt im Herbst, wie alle Jahre, mit
seiner Herde ins Dorf zurück, wo er sich täglich im Gastlokal "Zur
sonne" herumtreibt. Jos hat sich verändert. Aus dem sonst wortkargen
Hirten ist ein sensibler, philosophisch-angehauchter Aufmüpfiger geworden. Ein
Hauch von geistiger Revolution ist in ihm. Unterstützung findet Jos in Raul,
einem Lebenskünstler, der vom Wein seine geistig-poetische Kraft zu haben
scheint. Mariella, andalusisches Mädchen, Kellnerin im Lokal, fällt durch ihr
südländisch-liebliches und unbeschwertes Temperament auf. Nicht ohne Wirkung
ist ihr sinnlicher Flamencotanz... Das Herzstück im Lokal "Zur Sonne"
ist die Juke Box, die von den Gästen gerne als musikalische Stimme in Anspruch
genommen wird. Das Gastlokal "Zur Sonne", ein Ort des
Aufeinandertreffens verschiedener Menschen wird zu einer Bühne von Gefühlsausbrüchen,
einmal behutsam-zart, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, einmal
vulkanisch-explosiv...
Der
alternative Bürgermeister
Ein Gespräch mit
Isidor Puntajer, Barbian
Warum
hat das Theaterstück "Schrei zur Sonne" so angesprochen?
Das
beschäftigt mich auch selber. Mir hätten es noch
öfters spielen können. Wir haben es nicht mehr "derpackt". Es
war eine Botschaft dahinter. Ich denke, es war viel Ehrlichkeit dahinter. Viel,
was der Mensch so herumschleppt und sich im
Alltag nicht zu sagen traut. Es war eine Befreiung. Jetzt ist es einmal gesagt.
Es waren viele Lebenssituationen drinnen: Z.B. der alte Mensch Lois, der vor dem
Abschied steht. Er hatte den Eindruck, er hat nicht gelebt.
Was
hat das Theaterstück bewirkt?
Es
war einmal ein Schrei. Alles ist sehr kurzlebig. Die Welt dreht sich wieder
weiter. Der Tenor war: langsamer, weniger, besser, schöner. Die Tatsache ist,
dass eine bestimmte Zeit nicht aufzuhalten ist. Die Zeit, in der wir sind, muss
erfüllt werden. Wer es "hepp, heppt's". Ich sage, wir haben eine
gesunde Wirtschaft, aber sie macht den Menschen krank. Man kann nicht ein
Theater machen oder eine Predigt und glauben, man haltet irgend etwas auf. Man
muss allerdings auch sagen, dass viele Aussteiger sind: Selbstmörder, Menschen,
die nach Indien fahren. Sie wollen nicht mehr und können nicht mehr.
Du
bist inzwischen Bürgermeister geworden. Wie kannst Du in dieser Funktion deine
Ideale umzusetzen?
Bürgermeister
kann man so oder anders machen. Man kann sich den Sachzwängen unterwerfen oder
man kann es auch anders machen. Ich kämpfe, dass ich von meinem Weg nicht
abkomme. Da brauche ich sehr viel Kraft. Das ganze Wirtschaftliche kann und will
ich nicht bremsen. Der Mensch muss seine Sache einfach verwirklichen können.
Wofür ich viel Zeit aufwende, ist die Ethik. Das Zusammenleben verlangt Rücksicht,
Geduld. Im Gemeindeblatt weise ich darauf hin: Geduld müssen wir haben, Rücksicht.
Als Bürgermeister hat man eine große Chance, diese Ideale hineinzubringen.
Im
Theaterstück ist auch einiges über Religion und Kirche enthalten. Welche
Bedeutung hat für dich die Religion?
Religion
- das ist meine persönliche Meinung - hat man durch die Geburt schon
mitbekommen: das Fragen nach Gott, nach dem höheren Wesen. Man spürt, dass es
über dem Menschen noch etwas gibt. Das hat mich immer schon beschäftigt, stark
beschäftigt. Ich will nicht sagen, es war eine Plage, aber es gab viele
Zweifel, viele Auseinandersetzungen mit mir selber und mit diesen Fragen.
Wenn man sich mit dem Menschen auseinandersetzt, dann ist Gott, das Höhere
auch immer da. Das geht nicht anders.
Was
denkst du über die Kirche?
Die
Kirche ist wieder etwas ganz anderes. Sie ist ein Verein, der auch für sich
Propaganda macht. Die Kirche spricht den Menschen nicht mehr so an, weil sie
nicht mehr auf die Fragen, die den Menschen beschäftigen, einsteigt. Was der
Mensch eigentlich sucht, das findet er in der Kirche nicht mehr, in den
Predigten und so. Da werden eher Steine und zu wenig Brot ausgeteilt.
Im
Theaterstück steht, die Kirche soll die Sprache der Herzen sprechen.
Ja,
ja, das wäre ganz wesentlich. Wenn die Priester etwas mehr Schneid hätten. Ich
denke mir, dass jeder Priester irgendwie schon spürt, das wäre jetzt zu sagen,
aber es fehlt ihnen auch der Mut.
Sie denken sich, die alten Kirchgänger behalte ich mir noch. Die möchte ich
jetzt nicht auch noch verunsichern. Es schaut mit der Zukunft der Kirche
momentan sehr düster aus.
Was
müsste sich in der Kirche ändern?
Es
müsste einfach die Anmaßung von Heiligkeit und die Ansicht, dass die Kirche
das einzig Richtige ist, ändern. Das ist nicht wahr. Es gibt viele Wahrheiten
und es gibt viele Sachen, die Gültigkeit haben. Die Kirche macht den Fehler,
dass sie sich anmaßt zu sagen, was sie sagt ist das einzig Richtige.
Früher
bin ich, wenn ich in die Kirche gegangen bin,
irgendwie auch auf Brautschau gegangen. Heute wenn ich in die Kirche
gehe, würde ich keine mehr finden. Heute ist keine Jugend mehr da. Es ist ein
Seniorenverein geworden, überspitzt gesagt. Es fehlen die Generationen.
Dein
Freund Johannes Alfred Wagner hat gesagt, man solle das Vater Unser umtaufen in
"Vater Unser im Himmel und in mir". Was verstand er darunter?
Der
Herr Wagner geht einfach davon aus, dass das Höhere, Gott oder Jesus - wie
immer wir es nennen - in uns Menschen ist. Ich bin ein Teil der Schöpfung. Er
war überzeugt davon, dass wir nicht etwas suchen müssen, was wir im Grunde
schon in uns haben. Es ist da. Die Religiosität ist den Menschen mitgegeben.
Er
muss ein Mystiker gewesen sein.
Ja, je älter er wurde, desto mehr hat er sich mit dem Leben bzw. dem Sinn des Lebens auseinandergesetzt. In letzter Zeit betonte er, alles hat seinen Sinn, seine Berechtigung, auch das Gegensätzliche. Auch der Mensch, der mich herausfordert, der mir nicht so zugeneigt ist. Man muss das Ganze als ein Ganzes sehen.
Was
macht dir in der heutigen Zeit am meisten Sorgen?
Das
Materielle spielt für mich als Bürgermeister eine fast erdrückende Rolle: was
bauen wir, wo schlagen wir mehr heraus. Niemand will zu kurz kommen. Das ist für
mich eine Belastung. Auch dass der Mensch dermaßen von sich entfernt ist. Dann
sucht er irgendwelche Dinge, die unwesentlich und unbedeutsam sind: da machen
wir den Zugang so breit und da muss der Stein hin, usw. Es gibt zudem wenig Persönlichkeiten
mit eigenständigem Denken. In unserem Dorf ist allerdings eine Entwicklung spürbar.
Sonst hätten sie mich nicht zum Bürgermeister gewählt. Das
Parteipolitische spielt für mich keine Rolle. Der Mensch steht im
Mittelpunkt. Ein großen Problem unserer Zeit ist das Sein. Wir sind zwar, aber
wir sind nicht wirklich. Das Haben und die Leistung zählt meistens.
Was
freut dich besonders?
Die
Freuden? Natürlich habe ich viele Freuden. Es freut mich, dass ich die Möglichkeiten
habe, mit vielen Leuten in Verbindung zu treten - einfach als geistiger
Austausch. Da tanke ich auf. Mit dir da zu sitzen und zu reden ist etwas Außergewöhnliches,
etwas Schönes. In den Sprechstunden kommen viele Leute, hauptsächlich Frauen.
Sie sind etwas "vor", sie haben eine große Offenheit. Mit der Jugend
habe ich meine Freude, weil ich merke, dass sie nicht mehr alles mittun wollen.
Das ist eine Chance. Die Alten bauen zu viel auf. Sie sorgen sich zu viel für
die Kinder: sie bauen das und jenes auf. Ich frage mich, ob das die richtige
Entwicklung ist. Im Grunde genommen will jeder selber etwas verwirklichen. Bei
der Jugend wäre viel zu tun. Schade, dass die Jugend meist keine Priorität im
Dorf ist. Man richtet einen Jugendraum ein und glaubt damit Jugendarbeit gemacht
zu haben. Das ist ein Alibi, der Raum muss leben und es sollte etwas Kreatives
sein.
Der
Zeitgeist ist zu respektieren in gewissem Sinn. Das elektronische Zeitalter ist
nicht aufzuhalten. Wenn alles langsamer gehen würde, würde erst eine Beziehung
entstehen. Wenn wir aber den ganzen Tag laufen, fehlen die Dinge, die so
wertvoll wären. Es ist eine Erschöpfung da. Im Gasthaus nach Feierabend sieht
man die Leute, wie sie fix und fertig sind. Sie stehen beim Pudel mit einem
Bier. Sie interessiert nichts mehr. Sie wollen Ruhe. Das ist verständlich. Die
Barbianer Bürger sind so fleißig. Sie bauen ihre Häuser wie die Adler ihre
Nester auf die Hänge hinauf. Sie machen große Ausgaben. Auch die Jugend muss
immer leisten. Sie wollen dann bei einer Party einfach abschalten. Ihnen ist
alles "schnuppe".
Nach
dem Theaterstück haben die Besucherinnen und Besucher ein Kärtchen mit dem
Inhalt "Die Sehnsucht hat allemal Recht" mitbekommen.
Das
war etwas Persönliches. Die Sehnsucht ist da oder nicht da. Wenn sie da ist,
muss man sie sehr ernst nehmen. Das größte Versäumnis ist, dass man der
inneren Stimme - Sehnsucht hat mit einer inneren Stimme zu tun, mit Gewissen,
Herz, mit Geist und Seele - viel zu wenig Raum gibt. Dies wird zu wenig erkannt
oder gelebt. Das macht mich traurig.
Wenn
man all die Krankheiten sieht, wieso der Mensch einen Tumor oder andere
Erscheinungen hat, das ist für mich ein Hinweis, dass ein Stau da ist, dass
irgend eine Sehnsucht nicht gelebt wird. Wenn der Mensch mehr auf sich horchen würde
und das tun würde, was diese Stimme sagt, dann wären viele Dinge schöner,
toller, menschlicher. Dann wäre es ein Fest. Derzeit wird zuviel mit dem
Verstand korrigiert. Zu diesen Dingen ist oft nicht die Zeit. Lebe und denke
weniger, sage ich mir oft. Der Mensch hat alle Antennen mitbekommen. Der Kopf
tut weh, weil ... , das Herz tut weh, weil ... Das sind alles Warnlämpchen, die
aufleuchten. Aber man muss alle Tage zur gleichen Zeit am richtigen Ort sein,
man hat einen Rhythmus, was vielleicht auch gut ist. Die Menschheit würde auf
bestimmte Dinge anders reagieren, wenn man die Sehnsucht ernster nehmen würde.
Diese
Stimme könnte Gott in mir sein.
Ja,
ich bin überzeugt davon. Heute scheint die Zeit dafür nicht da zu sein, auf
diese Stimme zu horchen. Aber man muss andererseits auch sehen, dass immer mehr
aussteigen. Wir werden vermutlich große Augen machen, weil die Frage ist, ob
die Jugend dieses Tempo mitmacht. Wenn ich so die Gastbetriebe sehe mit
Erweiterung und dann noch eine Dependance, frage ich mich, ob die Kinder
weitermachen werden.
Du
warst auch Pfarrgemeinderatsvorsitzender. Beim Pastoralbesuch hast du Bischof
Egger ein Windrad überreicht. Was wolltest du damit ausdrücken?
Ich
habe erst zum Schluss, als der Herr Bischof
schon geredet hatte, meine Ansprache gehalten. Das war Absicht, damit der
Bischof nicht mehr antworten konnte. In der Kirche ist es so, dass der Pfarrer
etwas sagt, und niemand darf etwas dagegen sagen. Ich wollte das einmal
umgekehrt machen.
Das
Windrad war ein symbolisches Zeichen: einfach, dass die Fenster zu öffnen sind
und der Wind wehen soll. Die Kirche muss so lebendig sein, dass sich das Rad
dreht. Es muss sich drehen. Die Erde dreht sich. Wir dürfen nicht versäumen,
in dieser Dynamik mitzugehen. Dies wäre eine Lebensauftrag für die Kirche. Das
Universum macht uns deutlich, dass wir uns bewegen müssen. Die Kirche müsste
auf die Fragen der Zeit reagieren. Alles hat nämlich Sinn, sonst würde es
nicht vorkommen.
Und
Gott?
Für
mich schläft Gott in dem Sinne, dass er uns arbeiten läßt. Wir sind am Zug.
Aber was heißt hier ER. Es wird weder ein ER sein, noch eine SIE, noch ein ES.
Gott ist eine Kraft, eine Energie, nicht eine Person.
Lebt
er durch uns?
Ja,
wir haben jetzt den Auftrag. Jeder soll ein Feuer sein. Sich niedersetzen und
sagen, jetzt bete ich zu Gott, dann wird er schon machen, ist irgendwie eine
"Ausnützerei", ein Egoismus, eine Kleingläubigkeit. Das ist kein
Glaube, das ist ein Handel. Z.B. können wir nicht einfach um Priesterberufe
beten. Das kann nicht die Lösung sein. Das wäre zu einfach, zu billig.
Es ist ein billiger Glaube, wenn man sagt, jetzt beten wir, dass die
Operation gut geht. Jetzt hat er geholfen. Die geistigen Gesetze bestimmen die
Welt.
Und
die Kirche?
Die
Kirche ist einfach langweilig, zur Zeit stinklangweilig. Bei Jesus war es nicht
langweilig. Ich bin ein Jesusfreund. Er gefällt mir so gut. Die Kirche erkennt
nicht den Schatz, den sie eigentlich hat: den Nazarener. Was er für Sachen
gesagt hat! Er ist vor nichts erschrocken. Er hat nicht verurteilt.
Auch
der Bischof lehnt sich nicht beim Fenster hinaus und nimmt nicht Stellung. Er
wird schon nachdenken, aber das Volk reißt er nicht mit, bringt er nirgendwo
hin. Wenn er wenigstens streitbar wäre! Es gäbe so viele Themen, z.B. die
Prostituierten in Bozen. Warum sind sie da, warum haben sie eine Arbeit? Mir käme
vor, man müßte einmal auch über
die eigene Kirche reden.
Das
Hirtenamt geht dem Ende zu. Die Kirche wird es immer geben. Diese Form, dass die
Kirche das Sagen hat, was der Mensch tun musst, damit er glücklich ist, das
geht dem Ende zu. Wenn es in der Kirche nicht mehr ehrlich ist - und das ist es
lange schon nicht mehr - dann merken das die Leute. Die Leute lassen sich nicht
mehr hinters Licht führen. Das sind meine Freuden.
Wie
gelingt es dir persönlich, die Ideale des Langsamer .... zu leben?
Ich
bin ein unruhiger Geist. Mein Alltag ist viel spazieren gehen, allein. In der
Natur finde ich Geborgenheit. Es ist eine Therapie. Da kann ich mich vom
Schnellen, Aggressiven, Streitsüchtigen entferne. Da spüre ich die Verbindung
zwischen oben und unten. Die tollsten Erlebnisse hat man, wenn man die
Verbindung zwischen Erde und Himmel spürt. Da ist man unaufhaltsam. Der Mensch
ist ein Geheimnis. Er ist etwas Göttliches. Die Sache, die in mir drinnen ist,
muss ich leben. .... Viele Dinge kann ich lernen, aber was in mir drinnen ist,
muss ich leben.
Herzlichen
Dank für das Interview.
Interview: Robert
Hochgruber
Sprache
des Herzens - Gott in mir
Isidor
Puntajer hat anläßlich der Beerdigung seines Freundes und weisen Ratgebers Johannes Alfred Wagner in vorigen Jahr eine Ansprache
gehalten. Dabei hat er die wesentlichsten Aussagen seines Freundes
wiedergegeben, die auch ihn tiefgehend beeinflusst haben:
Wir sollten lieben und uns nur die für uns unbedingt notwendigen Gedanken über Gott machen. ... Denn das Zentrale ist die Liebe.
Das tatsächliche Ziel unseres Lebens ist: sich verstehen und sich mögen.
Der Mensch trägt Gott und alle Notwendigkeiten des Menschseins in sich.
Das Vater Unser müsste abgeändert werden: VATER UNSER IM HIMMEL UND IN MIR.
Wir Menschen müssen wirksam sein.
Die Kirchen müssen den Anspruch "Heilig" zu sein, ablegen.
Die Zukunft der Kirche ist die Sprache des Herzens.
Die Kirche darf nicht fesseln.
Je mehr Katholiken sich vom Gesetz ihrer Kirche entfernen und ihre Religiosität in Freiheit leben, umso mehr werden die Menschen Brüder und Schwestern sein.
Freiheit und Ehrlichkeit sind alles.
Wir überschätzen uns in der Bedeutung.
Wesentlich ist das geistige, seelische Wohlbefinden.
Wir dürfen nicht hartnäckig auf unseren Verstand bauen.
Wir können nicht alles wissen, weil wir Menschen sind.
Alles hat SINN.
Es ist ausgeschlossen, dass es nach dem Tod NICHTS GIBT.