EISENSTÄDTER  ERKLÄRUNG

der österreichischen Plattform "Wir sind Kirche"

Im Herbst 2000 hat sich die österreichische Plattform " Wir sind Kirche" in Eisenstadt/Burgenland bei einer Klausurtagung mit der gegenwärtigen Lage der Kirche auseinandergesetzt und Vorschläge für eine Reform der Kirche erarbeitet. Das Ergebnis der Arbeit ist in dieser Erklärung enthalten, die wir in einer kurzen Zusammenfassung wiedergeben.

Im Vorwort wird Bezug genommen auf das "Kirchen-Volksbegehren" des Jahres 1995. Inzwischen seien fünf Jahre vergangen und es stelle sich die Frage, was in der Zwischenzeit geschehen sei. Diese Selbstbesinnung wird in drei Schritten gemacht:

1.           " Wir halten es für nützlich, in einer Außerstreitstellung alle jene Dinge zu benennen, die uns in Einmütigkeit mit der gesamten Kirche und Kirchenleitung verbinden."

·       Dazu gehöre das Glaubensbekenntnis unserer Kirche, beginnend mit den Glaubensformeln der Bibel und der frühchristlichen Konzilien bis zum Credo von Papst Paul VI. -weitergeführt in der Glaubenslehre, den Sakramenten, dem Dienst und der Vollmacht kirchlicher Ämter.

·       Dazu gehöre das Wissen um die Bedeutung des dreifachen Amtes, seiner Herleitung von Jesus selbst und den Aposteln und die Bejahung der Grundstruktur von der Gemeinde über die Diözese bis zur Weltkirche.

·       Dazu gehöre auch die Bejahung des Petrusamtes als dem einigenden Band unserer Kirche, und ebenso zu den wohlerprobten Wegen der Synoden und Konzilien.

·       Dazu gehöre weiters die Heilige Schrift als ständige Rückbindung zur Botschaft Jesu und an die frühe Kirche.

·       Schließlich heißt es: " Wir erkennen aus der Geschichte der Kirche und in ihrer Gegenwart, dass es innerhalb eines verbindlichen Grundkonsenses eine großzügige Vielfalt in der Spiritualität, in der Liturgie, in der Seelsorge, in den Lebensformen der Amtsträger und sogar im Kirchenrecht gegeben hat und gibt."

2.           " Wir wollen in allen Freimut unser Kirchenbild beschreiben und es jenem gegenüberstellen, das wir im Alltag unserer Kirche erleben." Dabei werden folgende Thesen aufgezeigt:

·       Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an den Gemeinden.

·       Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich am Handeln.

·       Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an der Gesprächsbereitschaft.

·       Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an versöhnender Verschiedenheit.

·       Die Lebendigkeit der Kirche erweist sich an ihrer Lebensfreude.

3.           " Vorschläge zur Kirchenreform":

Die Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens von 1995 werden von vielen Teilen der Bevölkerung akzeptiert und sie werden weltweit diskutiert:

1) Aufbau einer geschwisterlichen Kirche;

2) Volle Gleichberechtigung der Frauen;

3) Freie Wahl zwischen zölibatärem und nicht-zölibatärem Lebensstil;

4) Positive Bewertung der Sexualität;

5) Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

Diese Forderungen werden in der Eisenstädter Erklärung nicht wiederholt, sondern es werden folgende Vorschläge für eine umfassendere Kirchenreform gemacht:

·       Eine Kirchenverfassung, die über das Kirchenrecht hinausgeht und die Grundrechte aller festschreibt.

·       Ein ökumenisches Petrusamt, das die Kirchen nicht unter den Papst stellt, sondern mit dem Papst.

·       Wiederbelebung der Patriarchate, die sowohl die Geschichte als auch die heutigen Bedürfnisse berücksichtigt.

·       Eine neue synodale Praxis, die eine bessere Beteiligung des Kirchenvolkes  ermöglicht.

·       Frauen -Priester -Sexualmoral.

·       Die dreifache Ökumene: Gläubige verschiedener Konfessionen - Gläubige der monotheistischen Religionen - Kontakte zu entfernteren Religionen und Atheisten.

·       Einberufung eines Konzils, um gemeinsam auf diese Fragen Antworten zu finden.

Mit einem Ausblick auf die Zukunft schließt die Eisenstädter Erklärung ihre Überlegungen. Es liegt nun an uns, sich für die Verwirklichung dieser Träume einzusetzen. Es liegt aber auch an den Amtsträgern, die Zeichen der Zeit zu verstehen und den Dialog mit dem Kirchenvolk zu suchen.

Willi Rotter


EXKURS:

Es gibt kein stets gleich bleibendes Bild von der Kirche. Wenn Kirche lebendig ist, dann ist ihr Bild in einem stetigen Wandel begriffen. Kirchenreformen waren und sind ein Zeichen dieser Lebendigkeit.

Die Kirche lebt in einer Wechselbeziehung mit der Welt und der Gesellschaft – deren Teil sie ja ist. Diese Wechselbeziehung ist gut, bisweilen auch konfliktreich. Solche Konflikte können für beide Seiten von Vorteil sein.

Ähnlich wie es sich die Kirche wünscht, mit ihren Grundsätzen in der Gesellschaft und auf die Gesellschaft zu wirken, muss sie auch die gesellschaftlich anerkannten Werte und Regeln überdenken und nötigenfalls übernehmen.

Die "Unterscheidung der Geister" - die Unterscheidung zwischen dem oberflächlichen Zeitgeist und den zeitbedingten Erkenntnissen und Fortschritten - ist ein notwendiger Prozess der immerwährenden Kirchenreform.

Dieser Denk- und Gesprächsprozess ist eine Sache aller Betroffenen - aller Christinnen und Christen. Wenn "Dialog" das meint, dann gibt es ohne ihn keine lebendige Kirche. Kirche ohne diesen Dialog wäre eine erstarrte, eine tote Kirche.