Leserbriefe
Die
Päpste und der Kern der Lehre
Im
Artikel Elisabeth Höglingers „Die Seligsprechung von Papst Pius IX. Was
bedeutet das für heute?„ („Impulse„ vom März 2001, S. 14f.) wird das
Judenkind Edoardo Mortara aus Bologna genannt, das auf Veranlassung Pius IX: den
Eltern entzogen, im Vatikan eingesperrt und im katholischen Glauben erzogen
worden sei.
Diese
Erwähnung machte mich neugierig. So begab ich mich auf die Suche und fand in
der Enciclopedia cattolica VIII 1426f. folgendes. Das Kind hieß Edgardo,
erkrankte mit elf Monaten schwer und wurde vom christlichen Hausmädchen, das um
das Leben des Kindes fürchtete, heimlich getauft. Als es ins Volksschulalter
kam, veranlaßte der Erzbischof von Bologna die Trennung des Kindes von seinen jüdischen
Eltern. Es kam nach Rom, wo es auf Kosten Pius IX. in einem kirchlichen Institut
aufwuchs. Edgardo bejahte seine christliche Erziehung, wurde Ordensmann und
katholischer Theologieprofessor und nannte sich zum Dank an den Papst fortan Pio
Edgardo Mortara. Er hielt zeitlebens die Verbindung mit seinen jüdischen
Stammesgenossen aufrecht, denen er den Übertritt zum Christentum empfahl.
Fazit:
Die beklagte Tat ist geschehen, doch unter teilweise anderen Voraussetzungen,
als die kurze Erwähnung Höglingers vermuten ließ. Die erfolgte Taufe war
ausschlaggebend, kann aber aus heutiger Sicht das Geschehene nicht
rechtfertigen.
Frau
Höglinger geht dann zu Papst Johannes Paul II. über und schreibt:
„Während
er durch die Form seiner Auftritte und wohl auch durch vieles Zeitgemäße und
Zukunftsweisende in seiner Botschaft liberal denkende Menschen für sich
gewinnt, bleibt er im Kern der Lehre reaktionär und unbeugsam„.
Lassen
wir das „reaktionär„ weg, weil es zu allgemein und polemisch ist, so bleibt
der Vorwurf „im Kern der Lehre unbeugsam„ stehen. Ist eine solche Haltung
unkirchlich? Widerspricht sie dem Evangelium und dessen frühester Auslegung?
Ist sie ein Verrat an der Lehre und dem Beispiel Jesu Christi?
Es
ist nicht verwunderlich, daß heutige Menschen die Verfassung der Kirche – um
die geht es – an Beispielen wie Verein, Genossenschaft, Staat messen. Aber
richtig ist das nicht. Aus einem Watterverein kann man durch Mehrheitsbeschluss
(gewöhnlich braucht es für Statutenänderungen zwei Drittel der Stimmen) einen
Schachklub machen, wie ja auch durch Mehrheitsbeschluss aus dem Königreich
Italien eine Republik wurde. Aber selbst dann bleibt der Zusammenschluss ein
Spielverein, wie denn auch Italien ein Staatswesen geblieben ist. So bleibt das
Ziel - das eine Mal die Unterhaltung und das andere Mal (so sollte es wenigstens
sein) die Sorge um das Wohl des Bürgers – erhalten.
Der
Kirche ist das Wesentliche der Lehre („der Kern„) von Jesus Christus
vorgegeben und kann wirklich nicht geändert werden. Das ist gut so. Dadurch
wird die Kirche zur moralischen Größe, auf die Verlass ist, wenn es um
Wahrheit geht. Das ist eine der Leitlinien des II. Vatikanischen Konzils,
besonders im Dokument „Gaudium et spes„.
Frau
Höglinger hat allerdings recht, wenn sie feststellt, daß die Kirche in manchen
Dingen auf verlorenem Posten steht. Aber um den Wert einer Lehre zu beurteilen,
gibt es bessere Maßstäbe als den Erfolg. Übrigens hat Christus selbst, als er
sichtbar auf Erden lebte, wenig Erfolg gehabt und seinen Jüngern nie den Erfolg
versprochen. So ist aus den Paulusbriefen erkennbar, daß ihre Verfasser sich
nicht selten über den vielleicht unverhofften Erfolg wunderten, den die von
ihnen verkündete Botschaft Christi in den damaligen Städten des
Mittelmeerraumes hatte.
Em.
Prof. Johann Mayr, Brixen
Kirchenvolksanwaltschaft sehr gut - Reform vergeblich
Ich
finde die Idee des Kirchenvolksanwaltes grundsätzlich sehr gut und unbedingt förderungswürdig,
wie ich auch sonst voll und ganz hinter den Anliegen des Kirchenvolksbegehrens
stehe. Dennoch bezweifle ich, dass viele Menschen diese Möglichkeit in Anspruch
nehmen würden. Die Initiativgruppe versucht die gute Sache Jesu zu retten und
wieder einmal Sprachrohr zu sein für die Suchenden und kirchlich Verletzten.
Vom Forum der Kath. Verbände wird
die Idee sogar mit dem Satz "Den Dialog fördern" aufgegriffen und den
"altbewährten" kirchlichen Anlaufstellen überantwortet. Gezielte
Ausbildungsmaßnahmen sollen die Konflikte elegant umschiffen und erledigen.
Ich
halte nichts mehr davon, in die alten Schläuche neuen Wein zu gießen. Es ist
vergebliche Liebesmühe, wie die Kirche selbst trotz der vielen Kardinäle und
unzähligen Heiligen und Seligen. Immer
mehr Menschen sind es leid und ziehen stillschweigend aus der Kirche aus, denn
ihr geistiger Zustand und der Zustand der Geistlichkeit strotzt von Doppelmoral,
Autoritätsdenken und mangelnder Bereitschaft zum Dialog und zur
Auseinandersetzung über Fakten.
Maria
Möhrle, Schlanders
Rückmeldung
zu den Impulsen Nr. 1 - 2001
Sehr geehrter Herr Röck, beim Bundestreffen von „Wir sind Kirche„ in München bekam ich dieses „Impulse„ - Heft, habe fleißig darin gelesen, Respekt! Die Idee der Kirchenvolks-Anwaltschaft wollen wir auch hier in Deutschland aufgreifen (ich würde nur einen Bindestrich für das Wortungetüm einfügen, s. o.) - sie könnte womöglich bald spürbar entkrampfend wirken. Dadurch würden vielleicht weiter oben in der Hierarchie die irrationalen Ängste vor sachlicher Redlichkeit ein bißchen abgebaut, und das ohne Kampf und Konfrontation, die so zeit– und nervraubend sind...
Noch ein Hinweis zur letzten Seite: Unser ehemaliger Diözesanbischof (Rottenburg/Stuttgart) heißt auch als Kardinal in Rom, Walter Kasper. Nach den Erfahrungen mit ihm hier im Bistum sollte man gut aufpassen, was er tatsächlich meint – der „Spielraum„ kann auch ein „schwarzer Peter„ sein, den man den Bischöfen zuschiebt, um sie gegebenenfalls haftbar zu machen.
Zuletzt noch zu S. 4 (Zitelmann): da müßte der Name Teilhard de Chardin, wenigstens in einer Fußnote, vorkommen – siehe Kolummnentitel „Neue theologische Ansätze„. Ich wollte nicht nur kritisieren, die übrigen 17 Seiten sind und bleiben o.k.
Freundliche Grüße,
Roswitha Lüttmann, 27.03. 2001