Das aktuelle Interview

Warum ich mich nicht laisieren lasse

Impulse von unten: Alfons, Du warst 12 Jahre in Ecuador. Wie geht es Dir jetzt nach Deiner Rückkehr?

Alfons Messner: Es ist ein gemischtes Gefühl da. Ich bin froh da zu sein, da die Situation in Ecuador "drastischer" geworden ist. Ich habe gemerkt, daß ich meiner Familie nichts Gutes tue, wenn ich drüben Alfons Messner bleibe. Die Kinder haben drüben keine Zukunftsperspektive. Die Kriminalität ist angestiegen, was die allgemeine Situation verschlechtert hat.

Wie fühlst Du Dich in Bozen?.

Ich fühle mich wohl, weil meine Kinder und die Frau sich sehr wohl fühlen, sie haben sich in der Schule und im Kindergarten gut integriert. Sie haben, was Sprache anbelangt, wenig Schwierigkeiten. Kinder lernen ja schnell eine Sprache. Was mir zu schaffen macht, ist das Heimweh nach Ecuador. Ich denke oft an die Mitarbeiter, die Freundschaften. Ich weiß, denen geht es sehr schlecht. Da merke ich, dass wir auf der nördlichen Hemisphäre ein Privileg haben: wenn alle Stricke reißen, können wir heimfahren.

Wie geht es Deiner Frau?

Sie hat sich ziemlich gut integriert. Sie versucht deutsch oder italienisch zu reden. In der Stadtsituation in Bozen ohne feste Traditionen, wo ein offener Wind bläßt, fühlt sie sich eher wohl und auch mir tut das gut. Wir merken beide, dass - wenn ich auf das Religiöse zurückgreife -, wir Chancen haben, da wir in einer nicht allzu festgefahrenen Pfarrei leben dürfen. Die deutschsprachigen Pfarrmitglieder sind ein bunte Haufen aus ganz Südtirol. Die Pfarre hat keine festgefahrenen Traditionen, deshalb können neue aufgebaut werden.

Wie geht es Dir in der Kirche im Allgemeinen?

Ich habe eine positive Erfahrung gemacht. Unser Sohn Josef ist am 22. April ein Jahr geworden. Wir haben ihn in der Osternacht taufen lassen. So haben wir einen Grund mehr, uns in der neuen Pfarrgemeinde zu integrieren. Pfarrer Profanter ist sehr aufgeschlossen und hat uns alle sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen. Er meinte, es werden sich Möglichkeiten ergeben, in der Pfarre mitzuarbeiten. Es besteht ein herzliches Verhältnis zwischen uns beiden.

Was sagst Du zur Kirche in Südtirol?

Mei, das ist für mich kaum ein Thema. Ich sehe die Kirche mehr universal.

Wie siehst Du die Zukunft der Kirche?

Nur dann hoffnungsvoll, wenn die Bischöfe und Kardinäle ganz offen und ehrlich über jedes Thema, über jedes Problem reden. Solange die Bischöfe sagen, weil der Papst bestimmte Fragen nicht hören will, schneide ich sie nicht an, bleibt alles beim Alten. Sie müssten diesen Mut aufbringen. Viele Bischöfe sind für das Aufgeben bestimmter Gesetze in der Kirche, aber der Papst will es nicht hören.

Ein weiteres ist: die Laien müssen mit der Zeit den Weg gehen, den sie für eine junge Kirche gut halten. Dieser Weg muss mutig gegangen werden.

Die verheirateten Priester der Welt - mit allem Respekt und aller Hochachtung den Priestern gegenüber, die nicht "ausgetreten worden sind" - mussten diesen Schritt machen. Viele begnügen sich jetzt und sagen: ich hab Arbeit und kann meine Familie erhalten. Ich verstehe sie. Das ist auch der Grund, warum sich viele laisieren lassen und nicht - wie ich - mich nicht laisieren ließ. Diese verheirateten oder laisierten Priester müssten fest zusammenhalten und ihren Weg gehen. Alle Priester guten Willens sollten im Grunde in ihrem Sprengel eine Art Hauskirche machen, wo sie als Priester tätig bleiben.

Warum hast Du Dich nicht laisieren lassen?

Weil die Kirche mit Argumenten kommt, die ich vor meinem Gewissen nicht verantworten kann. Zuerst, wo ich nur die Frau hatte, hätte ich mich einem psychologischen Gutachten fügen müssen. Ich hätte unterschreiben müssen, dass ich während der Priesterweihe psychologisch nicht zurechnungsfähig war. Dann, als ich einige Kinder hatte, habe ich gehört, dass die Kinder für die Laisierung genügen würden. Es ist eine ganz große Zumutung, diese Unehrlichkeit der offiziellen Kirche, die Grausamkeit und Asozialität der Kirche. Das pfeifen die Spatzen vom Dach: Ich darf Priester bleiben, wenn ich die Frau und die Kinder nicht als meine anerkenne. Ich müßte sie verleugnen. Dann darf ich Frauen haben oder zusammenleben, nur darf es nicht öffentlich bekannt sein, d.h. ich darf nicht dazu stehen.

Würdest Du gerne in der Kirche aktiv sein?

Ja, sehr gerne, aber momentan verzichte ich auf die Laisierung aus einem weiteren Grund: Wie kann ein Papst jemanden laisieren, der zum Priester geweiht wurde? Ich finde, das ist so, wie wenn jemandem nachträglich der Doktortitel aberkannt würde. Entweder du bist geweiht für immer oder die Priesterweihe war ungültig. Die Kirche erklärt, dass du nicht gewusst hast, was du tust. Du musst dich für blöd erklären.

Ein weiterer Grund: Es ist eine vielleicht sonderbar anmutende Solidarität mit all jenen Priestern, die es wegen des Zölibates nicht mehr geschafft haben oder verzweifelt sind an der Sache, die entweder in Sucht verfallen sind oder dem Alkohol oder die mit Kindern zu tun gehabt haben oder homosexuell geworden sind. Ich respektiere die Homosexuellen. Sie sind ein Geschöpf Gottes. Aber es gibt auch Situationen im Leben, wo der Umstand dazu hinführt, homosexuell zu werden. Es ist eine Solidarität mit den Frauen, den Kinder, die abgetrieben worden sind, weil sie Kinder von Priestern waren, und die Frau diesen Verzweiflungsakt gesetzt hat oder mit zerrütteten Ehen, weil die Frau ein Verhältnis mit einem Priester gehabt hat, mit Frauen von Priestern, die Selbstmord begangen haben.

Es ist eine Solidarität mit dem Heer von Kindern, die zum eigenen Vater nicht öffentlich Vater sagen konnten, mit dem Meer von Frauen, die Versteck spielen müssen, weil sie mit einem Priester leben. Die gesamte Pastoral leidet darunter. Wenn ein Priester immer Versteck spielen muss, kann ich mir nicht vorstellen, dass er damit so leicht fertig wird.

Ich denke solidarisch mit diesen Menschen und nehme in Kauf, von der Mutter Kirche keine Arbeit zu bekommen. Das ist das Asoziale, von dem ich vorher etwas anklingen ließ. Innerhalb der eigenen Reihen ist die Kirche asozial.

Trifft das auch bei uns zu?

Das weiß ich nicht. Ich habe zu meinem damaligen Bischof von S. Domingo ein freundschaftliches Verhältnis gehabt. Er hat mir gedankt. Als er mich in der Pfarrgemeinde verabschiedet hat, hat er mich zur Seite gerufen und gesagt: Alfons, es ist nicht üblich, einem Priester, der sein Priesteramt aufgibt, Startgeld zu geben. Aber wir sind Freunde und du kannst das Geld jetzt brauchen. Da hat er mir umgerechnet an die 800.000 Lire gegeben mit der Bemerkung, die wirst du jetzt brauchen, wenn du eine Wohnung suchst und bis du Arbeit findest. Manche ausgetretene Mitbrüder haben Glück gehabt und haben Unterstützung bekommen. Einer z.B. in Chile konnte beim Orden blieben bis er das Studium in Sozialwissenschaften beendet hatte. Auch in Südtirol hat es das gegeben von Seiten eines Orden. Das war sehr lobenswert und wiegt in etwa das andere auf, bei dem die offizielle Kirche diesen Menschen vergißt, bis er kein Dorn mehr im Auge ist. D.h. solange er still ist, da hat er es gut bei ihnen.

Wie hat Deine Familie es aufgenommen, als Du ausgetreten bist?

Da habe ich ein großes Glück und einen Segen Gottes gehabt. Ich habe z.B. meine Frau nach zwei Jahren herübergeschickt. Sie ist bei meiner Geschwistern sehr herzlich aufgenommen worden.

Im September 91 habe ich offiziell meinen Austritt in einem Rundbrief mitgeteilt. Da haben meine Geschwister und viele Südtiroler darauf geantwortet., viele, die mich gekannt haben und auch andere, die mich nicht kannten. Da habe ich gemerkt, dass sich in Südtirol viel geändert hat - nicht nur bei den Jugendlichen, auch bei den Priestern. Als ich mit einem alten Dekan über den Zölibat geredet habe, schlug er mit der Faust auf den Tisch und sagte: Wenn im Vatikan nicht endlich die Mauern fallen ... Auch alte Leute, lebenserfahrene Menschen, auch Frauen haben dieses Probleme lange schon überwunden.

Hast Du Schwierigkeiten gehabt, als Du letztes Jahr zurückgekommen bist?

Ich bin Ende Juli 99 schon hergeflogen und habe Arbeit gesucht. Ich wollte in meinem Fach arbeiten. Ich habe geliebäugelt mit Krankenhausseelsorge oder mit einer Tätigkeit im sozialen missionarischen Bereich oder auch bei der Caritas. Da hat es überall geheißen: Da brauchst du die kirchliche Beauftragung (Missio) und die bekomme ich nicht, wenn ich mich nicht laisieren lasse.

Wie bist Du zur Arbeit als Hausmeister gekommen?

Während des Äpfelklaubens habe ich ein Inserat gesehen: Hausmeister in der Gewerbeoberschule in Bozen gesucht. Die Bedingung war die Hausmeisterwohnung zu besetzen. Das war für mich das Richtige. Da war auch das Wohnungsproblem gelöst. Ich habe nach einer Ausschreibung den Posten bekommen.

Wie gefällt Dir die Arbeit?

Ausgezeichnet. Es gehen 800 Jugendliche aus und ein. Ich habe mit Akademikern zu tun und auch mit bescheideneren Leuten. Es ist ein schönes Gemisch an Leuten. Ich verstehe mich gut mit allen, auch mit den Schülern. Vielleicht möchte ich mich mit der Zeit etwas mehr einsetzen, Beziehungen aufbauen. Viele Lehrer wissen nichts von meiner Vergangenheit. Wenn sie es erfahren, lachen sie dann sehr wohlwollend. Ich werde die Chance nutzen und einen Vortrag über Ecuador halten. Da kann ich vieles einflechten.

Was ist Dein erster Eindruck der Südtiroler Gesellschaft?

Es wird durch die EU immer mehr an Qualität verlangt. D.h. alles um ein paar Stufen höher schrauben. Der Mensch wird nur mehr auf Produktion ausgebildet und das Menschliche geht verloren. Was wird in ihren Köpfen oder Herzen an Ängsten vor der Zukunft sein, denke ich mir, wenn ich die Studenten sehe.

Dankeschön für das Gespräch

Interview: Robert Hochgruber




Zur Person: Alfons Messner aus Signat am Ritten war Diözesanpriester und 12 Jahre in der Diözese von Santo Domingo in Ecuador als Seelsorger und in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Seit Jänner 2000 arbeitet er als Hausmeister an der Gewerbeoberschule von Bozen.