Visionen braucht der Mensch, braucht eine Gemeinschaft auch die Kirche. Unter diesem Motto wurden von der Diözesanleitung im Jänner die Leitlinien der Pastoral für die kommenden 5 Jahre vorgestellt.
Wie sind sie entstanden? Welche Inhalte sind bemerkenswert? Welche offenen Fragen bleiben? Stellen die Leitlinien eine Hilfe für die Seelsorge dar? Darauf soll hier mit kritischem Blick eine Antwort zu geben versucht werden.
Der vorhergehende Pastoralrat hat sich Ende 1996 gemeinsam mit dem Priesterrat getroffen, um Situation und Zukunft der Seelsorge zu besprechen wohl als Antwort auf das Kirchenvolksbegehren. Eine Arbeitsgruppe legte daraufhin einen Zwischenbericht vor, der sehr konkrete Vorschläge enthielt, vor: Echte Mitentscheidung des Pfarrgemeinderates, Gemeindeleitung durch Laien, Dringlichkeit von viri probati und Diakonat der Frau, Laienpredigt, Krankensalbung durch Laien. Dieser Zwischenbericht mußte dem neuen Pastoralrat zur Weiterbehandlung übergeben werden und sollte in die neuen Leitlinien einfließen. Daraufhin wurde eine erste Fassung der Leitlinien erarbeitet, dann diese in einer zweiten überarbeitet. Schließlich wurden die Leitlinien vom neuen Pastoralrat beschlossen.
Vergleicht man die drei Entwürfe miteinander wird deutlich, dass sie immer unverbindlicher wurden. Konkrete Anliegen aus der Kirchenvolksbegehren sind in den beschlossenen Leitlinien fast nicht mehr vorhanden. Dafür sind die Leitlinien 25 Seiten lang geworden , enthalten viele gute Absichten, gehen aber kaum konkret auf die heutigen Bedürfnisse und Probleme der Pfarrgemeinden ein. Deshalb ist zu befürchten, dass die derzeitigen Leitlinien kaum eine Hilfe für die Pfarrgemeinden darstellen.
Diese Einschätzung wird anscheinend auch von Mitgliedern der Dekanekonferenz geteilt. Am 21. September 1999 hatte sich die Dekanekonferenz mit den Leitlinien befasst und vermerkt: Bei den Leitlinien "bei Punkt 18 ( Kirche in Südtirol eine Vision') wird bemängelt, dass es im Abschnitt wohl um eine Situationsbeschreibung geht, die Vision aber ausbleibt." In ihrem Protokoll der Sitzung vom 25./26.1.2000 ist mit Bezug auf die Leitlinien vermerkt: "Die Seelsorger vermissen z.T. neue Akzente." Der Priesterrat hatte schon auf seiner Sitzung vom 10.12.1998 "als ergänzende Schwerpunkte zur Neufassung der Leitlinien" u.a. vorgeschlagen: "- Verstärkte Mitarbeit der Laien (Predigt, Krankensalbung, Laienbeichte), - Suche nach neuen Formen der Gemeindeleitung (viri probati, Diakonat der Frau, Hilfe durch laisierte Priester)". Diese Vorschläge fanden nur teilweise und indirekt Eingang in die Endfassung.
Insgesamt kann festgehalten werden, dass die derzeit brennenden Probleme der Kirche in den Leitlinien kaum angesprochen werden und z.T. ganz ausgespart bleiben. Es wird kaum eine Antwort darauf gegeben, wie die Diözese mit der zunehmenden Überalterung der Priester und mit dem Priestermangel zurecht kommen soll. Die Einsetzung von Vertrauenspersonen in Pfarreien ohne Priester am Ort stellt nur ein Trostpflaster dar und degradiert die Laien zu Nothelfern. Wie der Frustration der Priester entgegengewirkt werden soll, wird ebenso wenig behandelt, wie das Thema der Frustration der Laien in den Pfarrgemeinden, die sich aufgrund mangelnder Mitentscheidung nicht ernst genommen fühlen. Eine Überprüfung der Statuten verschiedener Gremien, inwieweit sie Mitentscheidung vorsehen, ist begrüßenswert. Die Frage ist offen, ob das allerdings nur eine Vertröstung darstellt, denn für die kommenden
Im Herbst dürfte eine Überarbeitung der Statuten nicht mehr rechtzeitig
möglich sein. Ist eine diesbezügliche Kommission schon eingesetzt? Das
Thema Frauen und Kirche ist fast nicht angesprochen. Ein positiver
Schritt stellt allerdings der Hinweis auf eine verständliche Sprache in
der Verkündigung und der Gebrauch der inklusiven Sprache (immer beide
Geschlechter nennen!) dar. Wie aber dem Auszug der Frauen, Kinder und
jungen Menschen entgegenwirken? Was tun, um die Glaubwürdigkeit der
Kirche in Fragen der Sexualmoral wiederzugewinnen?
"Kirchliche Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft des Dialogs. Da Gemeinschaft durch Kontakte und Gespräche aufgebaut wird, sollen die gegenseitige Information, die Kommunikation und der Dialog gefördert werden." steht unter Punkt 89 der Leitlinien. Hoffentlich wendet die Kirchenleitung diesen Punkt in Zukunft auch für den Umgang mit kritischen Gläubigen wie z.B. mit der Initiativgruppe an.
Sie sollen entwickelt werden, heißt es in den Leitlinien. Seelsorger und Mitarbeiter/innen in der Pastoral sollen Begleitung und Supervision erhalten. Erfreulich konkret sind die Leitlinien in Bezug auf das soziale Anliegen ausgefallen. Nicht nur Verständnis für Randgruppen in der Gesellschaft und Kirche, sondern auch Veränderung von Zuständen, die dem Menschen und der Natur schaden, wird gefordert. Diözesanleitung und kirchliche Vereinigungen sollen verstärkt und klar Stellung zu gesellschaftspolitischen Fragen nehmen.
"Kirchliches Wirtschaften steht immer unter dem Anspruch des Evangeliums" wird festgehalten. Alternative Arbeitszeitmodelle werden im kirchlichen Dienst gefordert und bei gleicher Qualifikation die bevorzugte Einstellung von behinderten Menschen, Alleinerziehenden, Nicht EU-Bürgern. Es wird festgehalten, dass die Sozialpflichtigkeit besonders im Hinblick auf die Wohnkubatur im kirchlichen Verwaltungsbereich gilt.
Soweit die Leitlinien der Pastoral: gar manche guten Ideen, viele positiven Absichten, die meisten brennenden Probleme unangesprochen. Ob die Leitlinien eine Hilfe darstellen, müssen jene beantworten, die mit ihnen arbeiten. In 5 Jahren wird deutlich werden, was davon umgesetzt wurde und ob sie die Seelsorge verändert haben. Insgesamt stellt sich die Frage, ob die Probleme an den Wurzeln angepackt wurden. Von Visionen für die nächsten 5 Jahre wäre das vielleicht zu erwarten gewesen. Ist eine einzelne Diözese dazu überfordert oder darf und will sie nicht zukunftsweisende Wege beschreiten?
Robert Hochgruber
Der angesehene US-amerikanische Erzbischof John Quinn hält eine "grundlegende Reform" der Leitung der katholischen Weltkirche für dringend geboten. Nach seiner Überzeugung muss die kollegiale Verantwortung der Bischöfe wieder mehr Gewicht bekommen. Auch der große alte Mann der österreichischen Kirche Kardinal König hat in einem Interview mit der Kleinen Zeitung Graz (21.4.2000) eine Dezentralisierung der Führungsspitze der Weltkirche gefordert. Der Zentralismus sei "ein Zeichen von Angst angesichts der großen Verantwortung für die Weltkirche", unter dem der Papst mit Blick auf den Ökumenismus sicher leide, meinte der 95jährige. Und er fügte hinzu: "Vatikanbeobachter stellen fest, dass es eine verständliche Spannung gibt zwischen dem Papst und seinem Apparat, der immer größere Dimensionen annimmt. Im Vatikan gibt es gewiss gute Leute, es gibt aber auch solche, die zu wenig Interesse für das Wichtigste - die Seelsorge - haben." Die oberste Kirchenführung an die Realität der Kirche anzupassen, werde die wichtigste Aufgabe für den nächsten Papst sein, betonte Kardinal König abschließend.