Wenn man von "Reformation" spricht, denkt man unwillkürlich an Deutschland oder bestenfalls noch an die Schweiz. Es fallen uns dabei Namen ein wie Luther, Zwingli oder Calvin. Kaum jemand weiß von einer Reformation in Südtirol. Und genau darüber handelt der folgende Artikel.
Jörg Blaurock, der sich als erster "Täufer" in Zürich 1525 taufen ließ, kam nach Südtirol. Schnell wurde er einer der volkstümlichsten Prediger, welche die Bewegung in Südtirol je hatte: Hunderte ließen sich taufen. Blaurock wählte Klausen als Stützpunkt und dehnte seine "Feldzüge" über Deutschnofen bis nach Neumarkt und Kaltern aus. Die Spuren seiner Tätigkeit finden wir in Völs, Tiers, Breitenberg, Deutschnofen, Ritten, Leifers, Klausen, Gufidaun und an noch vielen anderen Orten. Anfangs war der Versammlungsort "jenseits der Brücke von Klausen" im Gebiet von Gufidaun. Als die Zahl der Gläubigen jedoch wuchs, erkannte er die Gefahr und verlegte die Versammlungen an weitere abgelegene Orte, die er häufig wechselte. Jörg Blaurock wurde 1529 in Gufidaun gefangen genommen und hingerichtet.
Die Taufgesinnten gehörten allen Ständen an. Gewiss waren die meisten Dienstboten oder in ihrer Existenz immer gefährdete sog. ,,Frei-stiftbauern", Handwerksgesellen und Bergknappen. Aber wir wissen auch von Handwerksmeistern, vermögenden Bauern, ehemaligen Priestern, auch von Adligen, die der neuen Lehre anhingen. Der am 2. Juni 1529 hingerichtete Michael Kirschner war Gerichtsschreiber, also Beamter, in Völs am Schlern. Wer sich dieser Bewegung anschloss, riskierte sein Leben, gleich wer er war.
Südlich der Michelsburg liegt der Weiler Moos. Hier wurde Jakob Hutter geboren, der zu einer der bedeutendsten Gestalten des frühen Täufertums werden sollte. Von Beruf war er Hutmacher. Vermutlich lernte er die Täufer in Kärnten kennen. Wann, von wem und wo er getauft wurde, wissen wir nicht. In Welsberg im Pustertal leitete er eine kleine Täufergemeinde. Als die Verfolgung unerträglich wurde, sandten die Brüder ihn aus, in Mähren einen Zufluchtsort zu suchen.
Unter dem Druck der harten Verfolgung wurde es notwendig, für die notleidenden Brüder und Schwestern zu sorgen. Darum teilten die Besitzenden mit ihnen ihre zeitlichen Güter. Nur so konnten sie überleben. Verwirklicht wurde die "Gütergemeinschaft" auf den Bruderhöfen in Mähren. Diese ,,Haushaben" entwickelten sich zu Produktions- und Konsumgemeinschaften. Jakob Hutter gab ihnen die entscheidende Prägung. Hutterische Bruderhöfe gibt es heute noch in Amerika. Bis in unsere Tage tragen sie ihre charakteristische Tracht, die damals in der Südtiroler Heimat ihrer Vorväter üblich war.
Als Jakob Hutter wieder einmal in die Südtiroler Heimat kam, wurde er verraten. Spitzel waren auf ihn angesetzt. Keiner wusste mehr, wem er trauen konnte. In Klausen wurde das Ehepaar, Jakob und Katherina Hutter am 30. November 1535 gefangen. Die Burg Branzoll oberhalb der Stadt bot dem erst seit Pfingsten verheirateten Paar das letzte gemeinsame Dach. Dem ,,Prin-zipalvorsteher" Hutter wurde in Innsbruck der Prozess gemacht. Nach standhaft ertragener, grausamer Folter erlitt er dort am 25. Februar 1536 ,,den Tod durch den Brand". Die hutterischen Episteln berichten folgendermaßen: "Jakob Hutter wurde durch Betrug und Verräterei zu Klausen in Tirol gefangen genommen. Er bekam einen Knebel in den Mund gebunden und wurde nach Innsbruck geführt. Durch große Marter und Pein, wollte man ihn von seinen Glauben abfällig machen: er wurde mit Ruten geschlagen, in die Wunden wurde Branntwein gegossen und angezündet. Er aber blieb standhaft und wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Während man ihn zum Feuer geführt hat, sprach er:" Nun kommt her ihr Widersprecher. Lasset uns den Glauben im Feuer probieren. Dieses Feuer schadet meiner Seele so wenig, wie der brennende Ofen dem Sadrah, Massach und Abednegot".
Seine schwangere Frau blieb bei den Verhören in Branzoll standhaft. Sie wurde zum Gerichtssitz Gufidaun überstellt. Dort gelang es ihr zu fliehen. Zwei Jahre lebte sie noch in Freiheit unter ständiger Angst. Von der Geburt eines Kindes ist nichts bekannt. 1538 wurde sie in Schöneck bei Pfalzen ergriffen und hingerichtet. Um 1600 war das Täufertum in Tirol im Wesentlichen erloschen. Wer auswandern konnte, hatte die Heimat verlassen. Später fanden sich nur noch vereinzelte Spuren. Die Erneuerung der katholischen Kirche durch das Trienter Konzil bedeutete das Ende aller evangelischen Bemühungen, also auch der Reformierten und Lutheraner. Aber bis heute geblieben ist die Erinnerung und das Andenken an die, die mit dem Leben ihren Glauben an Jesus Christus als ihren persönlichen Herrn und die Gemeinde der Glaubenden hier im Alpenland bezeugten.
In Tirol wurden zwischen 600 bis 1000 Täufer oder Hutterer wie man sie später nannte hingerichtet. Unter dem Druck der kaiserlichen und klerikalen Gewaltmaßnahmen wanderten nach 1529 an die 6000 Tiroler "Wiedertäufer" nach Mähren ab. Als sie auch dort 1622 durch die Habsburger vertrieben wurden, zogen sie weiter nach Ungarn, Bulgarien und Russland und 1874 schließlich nach USA und Kanada. Weltweit leben heute an die 50.000 Hutterer. Die verschiedenen hutterischen Lebensgemeinschaften betreiben vor allem Landwirtschaft und Viehwirtschaft. Sie leben heute noch auf Bruderhöfen oder Colonies, haben kein privates Eigentum, sprechen einen mittelalterlichen tiroler- kärntnerischen Dialekt und kleiden sich wie vor 500 Jahren. Die Liebe und Verbundenheit zur Heimat ist auch nach 500 Jahren nicht erloschen. Immer ertönt dieses Lied in der kanadischen Prärie von Nord-Dakota, Manitoba oder Saskatchewan:
Bin a Tiroler Bua,
hob immer frohen Muet.
Bin a Tiroler Bua,
hab frohen Muet.
Kimm aus dem schönen Land,
das Land das kennt man schon,
kimm aus dem schönen Land,
Tirol, Tirol
Refrain:
Tirol, Tirol, Tirol,
I sieg die nimmer mehr.
Kuhn Stefan, Bozen
Die Katholische Kirche feiert heuer ein Heiliges Jahr. Das nahm Papst Johannes Paul II zum Anlass, am ersten Fastensonntag, den 12. März, um Vergebung für verschiedene Fehler der Kirche in der Vergangenheit zu bitten. Es dürfte vermutlich Einigkeit darüber herrschen, dass auch die kirchlichen und politischen Vertreter Tirols Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts schwerwiegende Fehler gegenüber Andersgläubigen z.B. den Hutterern begangen haben. Heute würden wir sagen, dass es vor allem an religiöser Toleranz gefehlt hat. Wie in der Weltkirche so ist auch in Südtirol Aussöhnung mit den Nachkommen der damals Ausgegrenzten nötig.
Aus diesen Gründen hat die Initiativgruppe den heutigen kirchlichen und politischen Vertretern Südtirols - Diözesanbischof und Landeshauptmann - den Vorschlag unterbreitet, ein öffentliches Zeichen der Versöhnung mit den Hutterern zu setzen. Wir glauben, dass mit diesem Zeichen der Versöhnung ein Eingeständnis der Fehler und eine Bitte um Vergebung der Schuld verbunden sein könnte, sowie die Bereitschaft zu religiöser Toleranz bekundet werden sollte. Aus informellen Gesprächen wurde deutlich, dass verschiedene Vertreterinnen und Vertreter der heutigen Nachkommen der Hutterer sehr erfreut über ein solches Zeichen der Versöhnung und Wertschätzung wären.
Bischof Wilhelm Egger betonte im Antwortschreiben, dass er sich an das Modell, das Papst Johannes Paul II für die Vergebungsbitte gewählt hat, halten werde und die Pfarrgemeinden bitten werde, sich der Vergebungsbitte des Papstes anzuschließen. Er erklärte sich zu einem Gespräch mit den Hutterern bereit.
Landeshauptmann Luis Durnwalder wies darauf hin, dass das Thema friedliches Zusammenleben und gegenseitige Anerkennung unter Glaubensgemeinschaften von aktueller Bedeutung sei. Er habe dies auch bei einem Treffen mit 50 hutterischen Jugendlichen im Juli 1999 gesagt. "Jede Initiative, die der Versöhnung und dem besseren Verständnis der Menschen füreinander dient, kann nur begrüßt werden" unterstrich der Landeshauptmann abschießend.
Die Vertreter der Hutterer haben positiv auf diese Aussagen von Bischof Egger und Landeshauptmann Durnwalder reagiert und sehen einem Treffen bzw. einem Zeichen der Versöhnung im Sommer entgegen.