"Das Amt in der Kirche darf sich nicht wundern oder darüber unwillig sein, wenn sich ein Leben des Geistes regt, bevor es in den Ministerien der Kirche geplant worden ist.
Und die Gläubigen dürfen nicht meinen, sie hätten bestimmt nichts zu tun, bevor von oben ein Befehl heruntergereicht wird.
Es gibt Taten, die Gott will, vom Gewissen des einzelnen verlangt, auch bevor das Startzeichen vom Amt gegeben ist, und zwar in Richtungen, die nicht schon amtlich positiv gebilligt und festgelegt sind". (Rahner, 1964)
Viele sind Rahners Appell gefolgt. Aber seit durch so manche Bischofsernennung in so manchem Gremium und so mancher Gemeinde oder Diözese das freie Atmen schwer wurde, sind viele atemlos und erschöpft. Die heißen Eisen der Kirchenpolitik, einer notwendigen Strukturveränderung, werden seit Jahrzehnten periodisch aus dem Ofen genommen, ein klein wenig beklopft und dann wieder zurückgelegt. So entsteht nichts Neues. Die Trümmer erkalten aber auch nicht, denn die steigende Unzufriedenheit vieler KatholikInnen heizt nach.
Die Frauen der "Konzilsgeneration" erleben eine kirchliche Entwicklung, die ihre jahrzehntelangen Bemühungen um eine einladende und frauenfreundliche Kirche veruntreut und die gesellschaftliche Stellung der Kirche damit fahrlässig aushöhlt. Einige, die diese bittere Erfahrung teilen und dennoch weitermachen, haben in diesem Buch erzählt, wie es ihnen damit geht.
Bei Müdigkeit und Lustlosigkeit raten Mütter und ÄrztInnen, die Fenster aufzumachen und für genügend Frischluft zu sorgen. Auch ein Spaziergang wird als sehr hilfreich empfohlen. Doch das Öffnen der Fenster und Türen und der Weg ins Freie ist nur eine mögliche und nötige Folge der Entdeckung, daß im eigenen Haus die Luft schlecht geworden ist. Genauso und zugleich muß man sich in den Innenräumen auf die Suche nach den Luftverpestern begeben. Da gibt es sogenannte "Leichen im Keller", aber auch einfach nicht ausgeleerte Müllsäcke, ungewaschene Wäsche, Teppiche, unter die zu viel gekehrt wurde, und Kleinkinder mit vollen Windeln. Diejenigen, die im Kirchenraum die neuen Ideen und jungen Projekte umsorgen, die das wegwerfen, was einmal Lebensmittel war, jetzt aber abgelaufen und verdorben ist, die überliefertes Gut abstauben und durchklopfen, sodaß es in neuem Glanz erstrahlen kann, die waschen und flicken und nähen, sie sollten nicht dafür gescholten werden, daß sie sich mit angeblich zweitrangigen Interna abgeben. Zu vernachlässigen ist das, was im Haus zu erledigen ist, auch dann nicht, wenn dazu gelegentlich die streitbare Diskussion gehört, wer heute womit an der Reihe ist, wer Haushaltsvorstand sein kann und was dieser zu tun hat.
Ruach, die biblische Bezeichnung für den Heiligen Geist, ist Gottes Lebensatem, ist Wind, der weht, wo er will. Stickige Kirchenluft und chronische Kurzatmigkeit haben daher auch damit zu tun, daß Gottes Geist ausgesperrt wird. Wo der charismatische Wesenszug der Kirche zu kurz kommt, beschnitten und eingeengt wird, dort gefährdet sie selbst ihre Identität und Lebendigkeit.
Die Zuneigung ist müde geworden, Kirche stimuliert und vitalisiert nicht mehr, für die Enttäuschung gibt es genügend gute, reale Gründe, die Zukunftshoffnungen sind verflogen, man stößt sich ab. Mit jeder Nachricht aus Rom oder anderswo manchmal auch aus dem eigenen Pfarrhof wird es mühsamer, sich von der Sinnhaftigkeit des eigenen Kirchenengagements zu überzeugen. Viele ziehen sich in kleine Gemeinschaften zurück, mögen die eigene Pfarre, aber die Kirche nicht mehr.
Aber wir Frauen in der Kirche sind mit unseren Anliegen nicht erst dann erfolgreich, wenn alle zentralistischen und klerikalistischen Reste (und auch die diesbezüglichen Neuanschaffungen der letzten Jahre) aus den kirchlichen Strukturen und Umgangsformen ausgeräumt sind. Vielleicht feiern wir unsere wichtigsten Erfolge jetzt schon dort, wo wir durch konkretes Engagement, das ohne zögerliches Fragen, aber auch ohne Scheu vor Auseinandersetzung einfach und selbstverständlich getan wird, uns und anderen Gliedern der Kirche frische Atemluft und neue Lust am Kirche-Sein vermitteln.
Doch noch einmal: Die Spannung zwischen Tun und Wünschen, zwischen Einfordern und Selbst-Beginnen, zwischen Lust und Enttäuschung ist wahrscheinlich nicht auflösbar. Wer sich heute auf die Kirche einläßt, ist vor Widersprüchen nicht gefeit.
Mag. Veronika Prüller-Jagenteufel