Wohlwollende Subversive

Bahnbrechende Studie über römisch-katholische Frauen mit priesterlicher Berufung

Women's Ordination Conference (WOC) veröffentlicht bahnbrechende Studie über römisch-katholische Frauen mit priesterlicher Berufung.

"Frauen, die zum Priesteramt in der römisch-katholischen Kirche berufen sind, sind keine Radikalen am Rande der Institution. Sie sind reife und gebildete Frauen, nehmen regelmäßig am Gottesdienst teil und sind aktiv tätig in ihren Gemeinden. Mehr als die Hälfte dieser Frauen sind in der Kirche in formell-amtlichen Positionen beschäftigt." Diese Feststellung ist der Kern einer neuen und bahnbrechenden US-weiten Studie über Frauen, die eine Berufung zum Priestertum in der römisch-katholischen Kirche erleben.

Die Studie mit dem Titel "Wohlwollende Subversive" wurde am 13. Sept. 1999 von der Women's Ordination Conference (WOC) in einer Pressekonferenz in Washington, DC vorgestellt. Sie zeigt auf, dass berufene Frauen in der Mitte der Institution stehen und aus ihren Ämtern und Funktionen, und vor allem aus ihrem Glauben heraus, die kirchlichen Strukturen herausfordern.

"Wie die großen Frauen der Kirchengeschichte wagen sie es, auf das Aufrütteln ihrer Herzen durch den Geist mehr zu hören als auf die Worte der Männer in Rom. Dadurch fordern sie die geliebte Kirche heraus aus einer einzigartig günstigen Position: aus dem Herzen der Institution", setzte sie fort.

Die Frauen in dieser Studie sind zutiefst bestürzt über den Zustand des Priestertums und der institutionellen Kirche von heute. Sie sind in einem solchen Maße ernüchtert, daß nur 20 % von ihnen die Weihe annehmen würden, gesetzt den Fall, sie würde ihnen in der Kirche, so wie sie heute arbeitet, angeboten. Sie halten die gegenwärtigen Entscheidungsstrukturen für besonders peinlich. Mehr als zwei Drittel bezeichnen ein "gemeinsames Entscheiden" in ihren zukünftigen Ämtern und in größeren Kirchenstrukturen als "Muss" vor einer Annahme der Weihe.

"Diese Frauen analysieren die Probleme der Kirche von heute in einer Tiefe, die nicht nur die Ablehnung der Frauenordination berührt, sondern vor allem auch die Strukturen der Institution und die Werte, die sich in diesen Strukturen offenbaren", sagte Karen A. Schwarz, ebenfalls Sozialwissenschaftlerin und Autorin der Studie. "Sie lehnen die patriarchalische Regierungsform und die Hierarchie als fundamentalen Widerspruch zum Evangelium ab. Sie fordern radikal neue Modelle der Zusammenarbeit für Amt und Herrschaft."

Doch diese Frauen sind hoffnungsvolle Kritiker ihrer Kirche. 54% beurteilen die Kirche als zu patriarchal, um jetzt die Ordination anzustreben, aber nur 10% meinen, daß dies immer der Fall sein wird.

Diese Frauen haben auch Vorstellungen zum Priesteramt, die von der gegenwärtigen Praxis abweichen. Die große Mehrheit ist der Meinung, dass eine Berufung in ein priesterliches Amt von einer Glaubensgemeinschaft ausgehen muss, nicht nur von einem Bischof. Fast alle würden den Zölibat und alle äußeren Zeichen von Klerikalismus fallen lassen. Nur 16% sagten, dass Priester und Diakone "besonderen Respekt und einen besonderen Status verdienen, weil sie dem Klerus angehören".

Ihre Antworten auf Fragen zum Diakonat geben die allgemeine Ambivalenz innerhalb der Frauenordinations-Bewegung gegenüber dieser Form des geistlichen Amtes wieder. Viele fürchten, dass die offizielle Kirche - auf der Suche nach mehr Personal, aber in nach wie vor ungleicher Behandlung der Frauen - diese auf eine "spezielle Form" eines Diakonates zweiter Klasse ohne Aussicht auf das Priesteramt, zurückverweisen könnte. Es ist nicht überraschend, dass nur 5% diese Idee als akzeptabel betrachten. Lediglich 22% sind mit dem Ständigen Diakonat, wie er derzeit für Männer existiert, einverstanden.

Diese Frauen scheuen nicht davor zurück, sich selbst mit dem Wort "feministisch" zu beschreiben. Aber ihr Begriff von Feminismus hat nichts zu tun mit Männerfeindlichkeit. Sie interpretieren Feminismus in erster Linie als Begriff für die Gleichheit der Geschlechter, und demnach sind sie der Meinung dass sowohl Frauen als auch Männer feministisch sein können. Sie bevorzugen beispielsweise eine geschlechtsneutrale Sprache im Gottesdienst und glauben, dass Gott weibliche Züge ebenso wie männliche in sich vereint. Sie verbinden Feminismus stark mit anderen Fragen von Gerechtigkeit, wie etwa Respekt vor der Schöpfung, Gerechtigkeit in der Wirtschaft, Widerstand gegen Rassismus, Gewaltlosigkeit und Toleranz gegenüber Homosexuellen.

27% der 265 befragten Frauen sind Ordensfrauen, mehr als ein Drittel ist verheiratet. Diese Zahlen zeigen die wachsende Vielfalt innerhalb der Frauenbewegung in der katholischen Kirche in den letzten 20 - 25 Jahren.

"Die Kirche kann es sich nicht leisten, Frauen wie diese zu verlieren, talentiert, hoch gebildet, treu und zutiefst spirituell", sagte Andrea Johnson, nationale Koordinatorin der Women's Ordination Conference. "Der einzige Weg, um ihre weitere Entfremdung zu verhindern, ist eine große Kehrtwendung der katholischen Hierarchie zu allen Fragen der Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche, einschließlich des Priestertums."

"Die Women's Ordination Conference ist bereit, Frauen, die sich zum priesterlichen Dienst in der römisch-katholischen Kirche berufen fühlen, auf jede erdenkliche Art und Weise zu unterstützen", erklärte Regina Bannan, Vorsitzende des WOC-Vorstandes. "Wir werden weiterhin dafür arbeiten, daß ihre Ordination bald Wirklichkeit wird."

Die Studie wurde gefördert von der Women's Ordination Conference mit Zentrale in Fairfax, Virginia, USA. Sie stützt sich auf eine nicht zufällige Stichprobe von 265 Frauen aus Gruppen, die für die Frauenordination eintreten oder Frauen, die gegenwärtig von der Frage des geistlichen Amtes betroffen sind. Die Studie wurde in Form einer schriftlichen Befragung zwischen Juni 1998 und März 1999 durchgeführt.

Übersetzung: M. Mayr, Linz