Seit Beginn bekomme ich Euer Blatt zugeschickt und auch sonst verfolge ich - einmal mehr, einmal weniger - Eure Initiativen, Stellungnahmen, Leserbriefe.
Mit Eurem Anliegen kann ich mich weitgehend identifizieren. Viel Kritik an herrschenden Strukturen, unhinterfragten Traditionen, oft wirklich unverständlichen Verhaltensweisen einzelner Vertreter in der Kirche, speziell gegenüber Frauen, kann ich verstehen. Mit der Art Eures Vorgehens und mit Eurer Sprache kann ich mich nicht anfreunden. Das will ich genauer erklären:
In Euren Stellungnahmen spüre ich oft eine grundsätzlich
negativ-kritische Beurteilung dessen, was von Papst, von unserem
Bischof, von kirchlichen Amtsträgern (mit einigen Ausnahmen) kommt.
Ich meine, dass eine grundsätzliche Liebe zur Kirche und Solidarität mit ihren Amtsträgern zu unserem christlichen Glauben gehören. Liebe zur Kirche heißt aber immer: Liebe zur konkreten Kirche, d.h. zur Kirche wie sie jetzt ist, nicht: wie ich sie mir erträume oder sie gerne hätte; d.h. auch: Achtung, Liebe und Solidarität mit den konkreten gegenwärtigen Amtsträgern - natürlich nicht unkritisch, sondern in einer discreta caritas, einer Liebe (ich bin mir bewußt, dass ich ein großes Wort verwende), die unterscheidet. Wie in vielen anderen Bereichen geht es darum, die Wahrheit in Liebe zu sagen; d.h. die Wahrheit zu sagen, ohne die Liebe zu verletzten; die Liebe zu leben, ohne die Wahrheit zu verraten.
Mir kommt vor, dass die Art und der Ton Eurer Kritik an der Kirche fallweise lieblos ist. Die Art, in der ihr Eure Überzeugungen und Ideen vorbringt, klingt für mich belehrend, immer wieder recht penetrant; ich spüre wenig Verständnis für die Komplexität und die Vielschichtigkeit der Probleme.
Die kämpferische und auch bissige Sprache, in der Ihr Eure Kritik an der konkreten Kirche oft vorbringt, stört mich. Einige Beispiele aus den letzen "Impulsen: "Das scheinheilige Jahr 2000"; "Wir streicheln die Kirche gegen den Strich und sie pfaucht"; "Wir lassen nicht nach"; "Schlagende Kirche"; ich denke auch an die unerquickliche Diskussion im Sonntagsblatt über die Hochgruber-Kirche gegenüber Papst-Kirche. Die Karikaturen und manche Fotos in Euren "Impulsen" (bezüglich Amtsträger in der Kirche) finde ich einseitig negativ-kritisch und verletzend. Lob und Tadel an den Amtsträgern in Formulierungen wie: "Wir freuen uns, dass ... Es macht uns betroffen und ist uns unbegreiflich, dass ..." klingen für mich beurteilend, von oben herab, fast so, als würden die zuständigen Amtsträger jetzt wie Schüler benotet.
Große Gestalten, die in der langen Tradition der Kirche wichtige Reformen in Gang gesetzt haben (Franz von Assisi, Ignatius von Loyola, Teresa von Avila) oder in unserer Zeit wichtige Initiativen gebracht haben (Roger Schutz, Mutter Teresa, Kleine Sr. Magdeleine) sprechen - obwohl sie von der Amtskirche fallweise in einer sehr verletzenden Weise behandelt und grob missverstanden worden sind - eine ganz andere Sprache: bei ihnen spürt man - bei allem Schmerz, Zorn und trotz aller Enttäuschung - eine klare Solidarität und eine entschiedene (nicht unkritische) Liebe zur konkreten Kirche und deren Amtsträgern in ihrer Zeit.
Mit diesem Brief wollte ich deutlich machen, wie es mir mit der Art Eures Vorgehens geht, wo für mich - trotz meines Einverständnisses in den Anliegen - Vorbehalte und Schwierigkeiten sind.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Meßner, Brixen