Mitsprache und Kommunikation in der Institution Kirche

Synodal und/oder hierarchisch?

Thomas Plankensteiner, ehemaliger Vorsitzender der österreichischen Plattform "Wir sind Kirche" bei der Fachtagung des Dialogs für Österreich "LAIEN IN DER KIRCHE - PROFIS IN DER WELT?" am 9. Mai 1998 in Linz

Ich möchte mit zwei Begriffsbestimmungen beginnen: "Synodal" bedeutet "miteinander auf dem Weg sein" und "Hierarchie" wird meist mit "heiliger Herrschaft" übersetzt. Es kann aber auch "heiliger Ursprung" heißen und verweist dann auf den Ursprung der Kirche in Gott.

Und eine in Gott verwurzelte Kirche kann gar nicht anders als synodal sein, denn Gott selbst ist ein "synodaler" Gott, mit sich selber und mit uns Menschen auf dem Weg:

Während also "Herrschaft" und "Königtum" nach menschlichen Maßstäben meist "Herrschen über" (andere Menschen, Natur), "Herrschen auf Kosten anderer, das den Raum für andere einschränkt" bedeutet, ist Gottes Art der Herrschaft eine ganz andere: Er dient den Menschen und gibt ihnen Raum zur Entfaltung und zum Leben. So kann Jesus sagen: "Mein Königtum ist nicht von dieser Welt." (Joh 18,36) Wo also Gott "herrscht", dort darf der Mensch aufatmen, sich aufrichten und entfalten. Gott ist wie die Sonne, die Licht und Wärme spendet, damit die Blumen wachsen und aufblühen können.

Von daher also haben Partizipation und Mitverantwortung in der Kirche ihren Ursprung und ihre Berechtigung: Man sollte deshalb in der Kirche besser nicht von "Demokratie", sondern von "Theokratie" sprechen: Die Menschen beziehen ihre "Herrschaft" und Mündigkeit nicht aus sich selbst, sondern aus der zuvorkommenden Liebe Gottes, die den Menschen zu Freiheit und Verantwortung beruft. Es ist also genau umgekehrt, als es die Religionskritiker dargestellt haben: Gott ist nicht der einengende Konkurrent des Menschen, sondern möchte ihn zur höchsten Entfaltung seiner Möglichkeiten befähigen.

Aus dieser Erfahrung vom heiligen Ursprung muß auch in der Kirche gelten, daß nicht "Herrschaft über", sondern Dienst und partnerschaftliches Verhältnis das Miteinander bestimmen: "Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein." (Mt 20,26f.)

Es genügt aber nicht, nur in Theorie und Theologie von dieser Grundhaltung zu sprechen. Sie muß aus Gründen der Glaubwürdigkeit in die konkrete Praxis und Verfaßtheit der Kirche umgesetzt werden. Nur was die Kirche in ihrer "Körpersprache", d.h. in ihren Strukturen und Regeln, in ihrer gelebten Praxis zum Ausdruck bringt, kann die Menschen von der Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft überzeugen. Teilhabe, Partizipation, synodale Strukturen sind also die zwingende Folge und der konkrete, sichtbare Ausdruck des "synodalen" Gottes der Bibel. Es geht um nicht weniger als um das Einlösen der in Taufe, Firmung und Weihe gegebenen Zusagen. Letztlich steht auf dem Spiel, wie sehr wir Gott selbst und seine Botschaft ernst nehmen und im Erscheinungsbild der Kirche zum Leuchten bringen.

Es genügt nicht, Mitsprache und Mitentscheidung von der "Gnade" der Amtsträger abhängig zu machen und den Gremien eine beratende Funktion einzuräumen. In einer synodalen Kirche muß die Mitverantwortung des gesamten Gottesvolkes rechtlich-strukturell verankert sein und zumindest in pastoralen, personellen und organisatorischen Fragen systematisch zum Tragen kommen. Voraussetzung dafür ist, daß wir dem gesamten Volk Gottes den Beistand des Heiligen Geistes zutrauen, so wie das II. Vatikanische Konzil, das vom "Glaubenssinn des ganzen Volkes" sprach und betonte, daß "die Gesamtheit der Gläubigen ... im Glauben nicht irren" (Lumen Gentium Nr. 12) kann. Hier ist keine Rede von einer exklusiven Wahrheitsverwaltung durch ordinierte Amtsträger!

Nun kann man fragen, wie dann überhaupt die Entwicklung zur "Hierarchie" im Sinne der "heiligen Herrschaft" in der Kirche möglich war. Es handelte sich dabei um eine aus fremder Kultur übernommene Hülle, die den Kern des Christentums mit der Zeit überlagert und verdeckt hat. Indem monarchische Herrschaftsformen aus der weltlichen Gesellschaft übernommen wurden - gleichsam in Anpassung an den damals vorherrschenden Zeitgeist -, wurden die partizipatorischen, "demokratischen" Wurzeln der Kirche (vgl. Urkirche, Orden, Bischofswahl) zunehmend verschüttet. Mit der Zeit entstand der falsche Eindruck, die Hülle gehöre zum Wesen und zum Kern der christlichen Botschaft. Ließe man sie fallen, gefährde man die Grundsubstanz unseres Glaubens. Dazu kam noch die wachsende Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft: Während sich in der weltlichen Gesellschaft die Demokratie als Herrschaftsform durchsetzte - was durchaus als "entlaufenes Kind und späte Frucht des Christentums" gesehen werden kann -verstärkte die Kirche das monarchische Prinzip (vgl. Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes 1870) und verstand sich immer mehr als Bollwerk gegen die "böse Moderne" mit ihrer "gottlosen" Demokratisierung. Die besondere Tragik bestand darin, daß sich die Kirche in diesem "Abwehrkampf' gegen ihre eigenen Wurzeln wehrte.

Eigentlich hätte sie von ihrem "heiligen Ursprung" her den Auftrag, Vorbild für Teilhabe und Mitverantwortung zu sein und damit eine Gegenkraft gegen die sich ausbreitende Haltung des Egoismus, der Ausgrenzung und Resignation zu bilden. Gerade die Kirche müßte eine Lobby für die Aufwertung und das Ernstnehmen des/der einzelnen und gegen den anonymen Kollektivismus sein. Umso enttäuschender ist es, wenn ausgerechnet die Kirche - auch heute noch - ihre Mitglieder vielfach bevormundet und von wichtigen Entscheidungen ausschließt.

Zusammenfassend kann man festhalten: Die Kirche muß synodal werden, weil sie hierarchisch ist im Sinne ihres heiligen Ursprungs in Gott, der den Menschen an seinem Leben teilhaben läßt und ihn dadurch zur gegenseitigen Teilhabe, zur Communio, befähigt.