Die verlorene Drachme

Es nahten sich aber zu ihm alle Zöllner und Sünder, ihn zu hören; und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt Sünder auf und ißt mit ihnen. Er aber sprach zu ihnen dieses Gleichnis und sagte: Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine verliert, eine Lampe an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freut euch mit mir! Denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. So sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der umkehrt. Lk 15,1-3a.8-10

Diese Situation ist wahrscheinlich vielen oder allen von uns bekannt. Wir haben etwas verloren und suchen es. Je länger das Verlorene verschwunden bleibt, u mso intensiver wird gesucht. Da werden Schubladen durchwühlt, Taschen umgestülpt, das Zuunterste zuoberst gekehrt: es ist ein eher hektisches Tun, besonders, wenn das Verlorene etwas Wichtiges war, kein erhebender Anblick.

Und doch wird in diesem Gleichnis Gott genau mit dem Bild einer aufgeregt suchenden Frau und das Verlorene wiederfindenden Frau verglichen, ein ungewöhnliches, fast gewagt scheinendes Bild.

Für den Evangelisten Lukas ist das Thema des Suchens, Findens und der daraus erwachsenden Freude ein ganz wichtiges Anliegen, das er im 15. Kapitel seines Evangeliums gleich dreimal hintereinander aufgreift und in drei Gleichnissen erzählerisch entfaltet. Diese Gleichnisse stellen die Antwort Jesu dar gegenüber den Vorwürfen der Pharisäer und Schriftgelehrten und erklären, weshalb er sich mit Sündern abgibt und mit ihnen ißt.

Das erste Gleichnis ist jenes vom guten Hirten, der die Herde zurückläßt, um dem verlorenen Schaf nachzugehen. Das dritte erzählt vom barmherzigen Vater, der für den verlorenen und heimgekehrten Sohn ein Festmahl bereitet. Zwischen diesen beiden, also im Zentrum, steht das Gleichnis von der verlorenen und wiedergefundenen Drachme.

Es ist das kürzeste und unscheinbarste und findet weit weniger Beachtung als die andern beiden. Dennoch hat es gerade Frauen, aber nicht nur diesen, viel zu sagen: So wie die Drachme zwei Seiten hat, so hat auch dieses Gleichnis zwei Aussagerichtungen: Es erzählt uns von Gott und Gottes Handeln und es lädt uns ein, über uns und unser Verlorensein und Gefunden-werden und unseren Umgang mit Verlorenem nachzudenken.

Was sagt es uns über Gott?

Gott ist nicht ein fernab thronendes Wesen, hocherhaben, sondern eine Gottheit, die uns ganz nahe ist, die sich in unseren ganz gewöhnlichen, manchmal fast banalen Alltag hineinbegibt. Gott läßt keine Ecke der Welt, keinen Winkel unseres Lebens aus, um uns zu suchen.

Gott bleibt angesichts dessen, was uns widerfährt, nicht teilnahmslos oder gleichgültig, er ist eine ante ilnehmende Gottheit, die zutiefst beteiligt ist, sich einläßt. Sie setzt alles dran, das Verlorene wiederzufinden, selbst wenn dessen Wert wie bei der Drachme gering zu sein scheint. Damit weist die Erzählung auf Gottes die Vorliebe für die Kleinen hin.

Bei Gott wird das Verlorene nicht einfach für verloren erklärt, abgeschrieben oder abgebucht, es wird vielmehr zum Anlaß, daß Gott sich intensiv auf die Suche macht. Licht anzünden und fegen sollen den Einsatz Gottes bildhaft darstellen und ausdrücken, wieviel Anstrengung Gott walten läßt, um das Verlorene zu finden. Das ist kein unbewegter Beweger, wie die griechischen Philosophen verkündeten, sondern eine Gottheit, die sich aufmacht, nachgeht und unermüdlich sucht, wenn es um die Verlorenen geht.

Gott freut sich so sehr über das Wiedergefundene, dass diese Freude mit anderen geteilt, mitgeteilt werden muß. Und die Frau und die zusammengerufenen Nachbarinnen, die in schöner Gemeinschaft miteinander feiern, werden zum Bild für eine Go ttheit, die Gemeinschaft sucht, Beziehung will, für die gesellige Gottheit, wie Kurt Marti es einmal ausdrückte.

Ein Gedanke sei noch angefügt: Was bedeutet es, dass dieses Gleichnis von Gott im Bild einer Frau spricht? Offenbar war dieses Bild für den Evangelisten und seine Gemeinde weder unangebracht noch anstößig. Nicht nur der gute Hirte oder der barmherzige Vater sind Bilder Gottes, sondern auch die Frau, die eine Drachme verliert und wiederfindet. Das Weibliche repräsentiert das Göttliche ebenso wie das Männliche.

Könnte oder müßte von diesem Bibeltext nicht auch ein kritischer Impuls ausgehen und stellt er nicht manches in Frage, was von offizieller Seite über die Rolle der Frau in der Kirche gesagt und geschrieben wird?

Doch nun kurz zur Drachme, die verloren ist.

Verlieren -verloren haben - sich verlieren - nichts mehr zu verlieren haben - für verloren geben - verloren sein: Wieviel menschliches Schicksal spiegelt sich in diesen Worten, die alle mit viel Schmerzlichem behaftet sind und von Schuld und Versagen der Menschen, aber auch von Lebensläufen wissen, die besonders schwierig sind. Was verlieren Menschen im Laufe ihres Leben an Hoffnungen, Sehnsüchten und Träumen. In welche Irr- und Umwege verlieren sie sich, bis sie manchmal wirklich nichts mehr zu verlieren haben oder von ihren Mitmenschen als solche angesehen werden, bei denen ohnehin Hopfen und Malz verloren ist.

Und wenn wir von jemandem sagen, dass er oder sie ganz verloren wirkt oder ist, dann beinhaltet das den Verlust der eigenen Mitte, einer Ziel- und Sinnrichtung, Orientierungs-und Aussichtslosigkeit und hat einen erschreckenden Klang.

Gegen solche vermeintliche Endgültigkeit und Aussichtslosigkeit eines Verlorenseins steht die frohe Botschaft dieses Gleichnisses, die uns sagt, dass bei Gott niemand für verloren erklärt wird, ja dass Gott die Verlorenheiten der Menschen in überströmende Freude und in ein gemeinschaftliches Fest wandeln kann.

Und weil im Himmel gefeiert wird, dürfen au ch wir feiern. Feiern, dass es Gott gibt, der/die uns sucht und findet. Wir dürfen feiern, dass wir für Gott wichtig sind, wert, grenzenlos gesucht und gefunden zu werden.

Brigitte Siller-Grießmair