Über das nur bei uns übliche Firmalter 10-14 Jahre muß nachgedacht werden - ganz einfach, weil sich in Kirche und Welt heute vieles verändert hat. Dekan Georg Peer
l. Früher war es feste Glaubensüberzeugung, daß, wer nicht katholisch getauft war, sein ewiges Heil nicht erlangen könne. Aus diesem Grund mußten die Kinder schnell nach der Geburt getauft werden; damit ja kein Risiko entstand.
2. Die Sakramente Taufe und Firmung verstand man als aufeinander bezogen. So galt die Firmung vor allem als Vollendung der Taufe. Damit teilte sie auch ihre Heilsnotwendigkeit. Folglich galt es als seelsorgerische Pflicht eines jeden Pfarrers, einem in Todesgefahr geratenen getauften Kind schnell auch die Firmung zu spenden. Die bischöfliche Vollmacht war für solche Fälle vorgegeben.
Heute schafft es der konservativste Pfarrer nicht mehr, Ungetaufte und noch viel weniger Ungefirmte so einfach in die "Vorhölle" zu schicken. Das bedeutet nicht, daß sich die Glaubensbotschaft geändert hat, wohl aber ihr Verständnis. Im letzten Konzil (2. Vatikanisches) wurde dieser "Alleinseeligmachungsanspruch" auch formell aufgegeben.
Dieses veränderte theologische Verständnis allerdings entzieht der heute üblichen Praxis der Firmspendung im Kindesalter die Sinngrundlage. Man beachte: Die Firmung wurde schon den Kindern gespendet, weil man damit den Glauben an eine Erhöhung der Heilssicherheit verband. Es ist verständlich: Wenn durch einen Ritus das Heilsrisiko vermindert werden konnte,daß dieser Akt dann auch vollzogen wurde. Der Glaube an die Wirksamkeit des "vollzogenen Zeichens" war früher auch viel größer, viel realer. Heute hingegen tut sich der Mensch viel schwerer; die Rettung durch Gott von der Zufälligkeit eines mechanisch vollzogenen Zeichens abhängig zu glauben!
Damit kommen wir auf den Ursprung der sogenannten "Eintrittssakramente" zurück. Dazu gehören Taufe, Firmung und Eucharistie. Vor jedem Sakrament steht allerdings der GLAUBE. "Wer glaubt und sich taufen läßt", so steht es bei Markus ( 16,16). Mit der Zeit hat man auch den stellvertretenden Glauben überzeugter Eltern gelten lassen, wodurch es zur Kindertaufe und überhaupt zu den Eintrittssakramenten im Kindesalter gekommen ist.
In einer "geschlossenen Gesellschaft" konnte man sich mit der Relativierung der individuellen Glaubensannahme noch abfinden. Der große Strom - das Kollektiv Kirche - hat schließlich alle mitgenommen und -getragen. Das ist heute, im Zeitalter des großen Anspruchs auf freie persönliche "Selbstverwirklichung", nicht mehr drin. Diese wenigen, aber unumstößlichen Einsichten stellen die Praxis der Kinderfirmung radikal in Frage. Man kann gute und überzeugende Gründe für die Kindertaufe anführen. Sie ergeben sich aus dem großen allumfassenden Heilswillen Gottes, der seine rettende Freundschaft jedem und vor-leistungsfrei anbietet. Doch bedingt der Respekt vor der Freiheit, den selbst Gott bis zur Hingabe seines Sohnes in den Tod bezeugt, daß der Mensch ein freies Ja sagen muß. Ohne dieses kann von einem "Bund" zwischen Gott und Mensch nicht die Rede sein.
Mit der Praxis der Kinderfirmung leben wir heute buchstäblich an der Zeit vorbei: Einerseits ist der Glaube nicht mehr vorhanden, daß Menschen ohne christliche Taufe und Firmung unbedingt vom Heil Gottes ausgeschlossen sein müßten, andererseits vermeiden wir tunlichst eine wirkliche und verantwortungsfähige Selbstentscheidung unserer nachwachsenden Christen. Wir sitzen so buchstäblich zwischen zwei Stühlen.
Der Ruf der Zeit lautet vielmehr: Es ist höchste Zeit, zur ursprünglichen Praxis zurückzukehren und dem Sakrament der Firmung die Funktion der freien Bestätigung (Ratifikation) der Taufe zuzuweisen. Die "Eintrittssakramente" bekommen damit wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zurück; bzw. werden in einen überschaubaren und auch heute nachvollziehbaren religiösen Zusammenhang gestellt:
Was die "Folgen" betrifft, bringt man Firmung zwar auch in der herkömmlichen Katechese zur Sakramentspendung im Grund- oder Mittelschulalter immer mit Mündigkeit, Verantwortung, "Sauerteig für Jesu Botschaft in der Welt" u.s.w. in Verbindung, doch wird die Enttäuschung und der Frust für die Kirchenzugehörigen immer häufiger, weil sich das "Eintrittssakrament" immer mehr als "Austrittssakrament" entpuppt.
Irgend etwas muß da wohl falsch laufen. Bestimmt, Versagen wird es immer geben. Doch wenn das Versagen zur Regel wird, muß wahrhaft der Weg, bzw. die Methode überprüft werden. Dabei werden wir nicht weniger plausible Zusammenhänge entdecken.
Überlegen wir: Das geschlossene System der "Volkskirche" hat es ohne weiteres erlaubt, die neuen Christen von klein auf ganz auf die Kirche festzulegen, bzw. "einzuschwören". Ein späteres Abweichen war kaum zu befürchten, denn das System war wirklich dicht und zudem wurden Abweichler von vornherein recht drastisch mit Acht und Bann und Höllenqualen bedroht. Das ist gar nicht negativ aufzufassen. Die Strafandrohung hat man klar und ausdrücklich als notwendiges und probates Erziehungsmittel zum letztgültigen Wohl der Betroffenen selber verstanden. Der Staat macht es heute gar nicht anders, um überhaupt funktionieren zu können.: Doch im geistlich-religiösen Bereich haben wir heute damit wirklich Schwierigkeiten. Im Grunde auch zu recht. Doch der Effekt davon ist ohne Zweifel die Auflösung des geschlossenen Systems "Volkskirche".
Volkskirche ist also endgültig passé. In der Praxis tun wir aber immer noch so, als ob es keine Auflösung gäbe und wir bedienen uns frisch und fröhlich ihrer nun völlig unwirksam gewordenen Methoden.
Dazu gehört vor allem die Praxis des Gebrauchs der Eintrittssakramente. Sie werden fast ausnahmslos im Kindesalter gespendet. Nun aber tritt ein altes Entwicklungsphänomen auf. Der pubertierende Jugendliche hat den an sich guten und notwendigen Drang, alles Kindhafte zunächst einmal abzulegen. Glauben, Sakramente, Kirche u.s.w. hängen für ihn allzusehr mit den Kinderjahren zusammen. Also distanziert er sich zunächst einmal auch von dem ganzen frommen "Aufbau".
Das allein erklärt mir die beinahe rätselhaft panische Angst vor allem Frommen und Religiös-Kirchlichen, die ich bei so vielen Jugendlichen feststellen muß, wenn sie etwa zu einem kleinen Bekenntnistreffen als junge Christen in der Gemeinde eingeladen werden, obwohl ich mir dessen ganz sicher bin, daß sie Ereignisse wie ihre Erstkommunion, Firmung u.dgl. als wirklich schöne und wesenhaft gut gestaltete Feste in Erinnerung tragen. Und doch, jetzt auf einmal diese Fremdheit, ja geradezu Angst?! Ich glaube, anders ist es nicht zu erklären: Sie müssen sich zunächst einmal von allem Kindhaften abnabeln. Früher hat das Phänomen Volkskirche über diese Ebbe hinweggetragen. Heute trägt das nicht mehr - überhaupt in dem so kraß aufgeplusterten total säkularisierten Zeitgeist der Moderne. Wohl nur beste Bedingungen in Elternhaus und Gemeinde ermöglichen es jungen Menschen, auf "normalem Weg" den Tritt in der Türspalte des Glaubens zu behalten.
Auch vor einer weiteren Beobachtung können wir nicht die Augen schließen: Das Gesetz der Wertevermittlung. Es ist anders gar nicht möglich: Was etwas wert sein soll, hat seinen Preis, - ob materiell oder geistig, ganz gleich! Nun überbringen wir unsere Glaubensbotschaft wahrhaft zu Billigstpreisen. Wenn es schon eine Anstrengung geben könnte, etwa mit dem Besuch von Erstkommunion- oder Firmrunden, so entgelten wir das ja schnell mit entsprechenden "Gratifikationen" wie einem tollen Fest mit Geschenken und Im-Mittelpunkt-stehen u.s.w. Was bleibt da von einem wirklichen Preis um der Sache selber willen noch übrig? Erkenntnis: Wir verkaufen unser Christentum tatsächlich zu Schleuderpreisen! Was wunder, wenn junge, kritische Leute für die "Billigware" Christsein nicht sonderlich motiviert sind, sehr viel auszugeben?
Die Schlußfolgerung in Bezug auf den Umgang mit der christlichen Glaubensbotschaft kann meiner Ansicht nur heißen: Weg mit der Kinderfirmung! Sie hat heute keine Berechtigung mehr. Den jungen Leuten ist ein ehrliches Angebot der Selbstentscheidung zu machen. Der geeignete Rahmen dafür mit der sakramentalen Verheißung durch Gottes Geist: FIRMUNG nicht vor 17! Immer mehr Seelsorger im In- und Ausland haben das erkannt und die Konsequenz gezogen. Zu verlieren ist nichts, zu gewinnen sehr viel.
Dekan Georg Peer, Naturns