Spiritualität:

Die Wirklichkeit wahrnehmen

Welche Bedeutung hat die Kirche für Menschen, die auf der Suche nach spirituellem Leben sind? Und worum geht es dabei? Diese Frage habe ich Menschen gestellt, die beruflich mit diesem Thema befasst sind. Ihre Antworten gingen alle in eine ähnliche Richtung: Sie beschrieben nicht einen Inhalt, sondern einen Weg. Wege können aber nicht gelesen, sondern nur gegangen werden. Vielleicht ist es deshalb so schwierig, sie in Worte zu fassen. Und vielleicht müssen Sie den einen oder anderen der folgenden Sätze deshalb mehrmals lesen, um den Weg dahinter zu erfassen.

Ein junger Ordensmann erzählte: Es gibt viel mehr Sehnsucht und Suche nach Spirituellem und der göttlichen Dimension, als wir vermuten. Leider schreiben die Leute der Kirche dafür immer weniger Kompetenz zu. Von ihr wird keine Antwort mehr erwartet. Das ist wie z.B. bei der Sexualmoral, wo von der Kirche auch keine sinnvolle Antwort mehr erwartet wird. Allerdings finde ich es viel schlimmer, dass man der Kirche auf ihrem ureigensten Gebiet, im Spirituellen, im Geistlichen keine Antwort mehr zutraut. Zum Beispiel habe ich bei Therapeuten erlebt, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, dort zu suchen.

Weg zum göttlichen Kern

Spiritualität ist ganz etwas anderes als Moral. Spiritualität ist ein Weg, ein Weg zum inneren göttlichen Kern jeder Wirklichkeit. Es bedeutet: in dieser irdischen Wirklichkeit den Himmel offenhalten.Die äußere Welt, das äußere Leben wird dadurch zunächst nicht verändert, sie bleiben gleich. Aber ich lerne eine Tiefendimension wahrzunehmen. Das ist mir dabei ganz wichtig: Das Leben wahrnehmen, das Leben ganz an mich heranlassen. Der spirituelle Weg geht nicht am Leben vorbei, sondern mitten ins Leben hinein.

Anthony de Mello erzählt die Geschichte von den Tempelglocken: Der Tempel auf einer Insel war sch on lange im Meer versunken, aber immer noch wurde erzählt, dass ab und zu die Glocken läuteten. Und wer die Gabe hätte, sie zu hören, würde Gott ein Stück näher kommen. Ein junger Mann kommt von weither, um diese Glocke zu hören. Und er setzt sich ans Ufer und lauscht angestrengt. Aber alles was er hört, ist das Rauschen der Wellen. Und er ärgert sich über den Lärm der Wellen.

Nach einigen Wochen will er entmutigt aufgeben. Da hört er, wie die Menschen im Dorf von der Überlieferung erzählen. Und er geht wieder an den Strand. Und wieder hört er nur das Rauschen der Wellen. Nach weiteren vergeblichen Monaten beschließt er endgültig aufzugeben. Ein letztes Mal geht er an den Strand, noch einmal hört er die Wellen. Er lauscht auf dieses mittlerweile ganz vertraute Geräusch. Er verliert sich darin, kommt zur Stille, und plötzlich hört er das Klingeln eines kleinen Glöckchens. Er erschrickt, lauscht weiter dem Rauschen des Meeres, und wiederum vernimmt er einen Glockenton, und noch einen, und noch einen das ganze Geläute.

Das Himmlische im Irdischen

Darin besteht dieser Weg: auf die Wirklichkeit hören, sie nicht wegschieben. Auf sie lauschen, durch sie hindurch lauschen, um das Göttliche zu finden. Das Göttliche wahrnehmen, im äußeren Leben, in den Situationen, im Menschen, in mir, in allem. Dieser Weg ist zugleich eine irdische Spiritualität. Sie geht nicht im Irdischen auf, sondern sie geht dem Irdischen auf den Grund und entdeckt so darin das Himmlische.

Es ist eigentlich ein Erwachen, ein Bewußtwerden. Ich lerne, diesen Grund immer mehr wahrzunehmen. Er ist immer da, nur nehme ich ihn nicht wahr. Der Weg besteht darin, so lange in das Leben hineinzugehen, bis der göttliche Glockenton langsam erklingt. Dies schließt alles Irdische mit ein wirklich alles: Schönheit und Schrecken. Ein Buchtitel drückt es für mich sehr schön aus: Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit. Gott ist nicht neben, unter oder über der Wirklichkeit, Gott ist in der Wirklichkeit.

In der Stille entdecken

Eine Exerzitienleiterin meinte: Die Kirche täte gut daran, mehr auf das zu horchen, was die Menschen an Erfahrungen machen. Und die Leute machen sehr viele Erfahrungen, nur wird das in der Kirche einfach nicht ernstgenommen. Die katholische Kirche ist viel zu eng, da darf sich nichts entwickeln, es wird gleich wieder eingeengt durch Normen. Die Kirche meint, sie müsse alle beseelsorgen, sie müsse alles im Griff haben.

Spiritualität hingegen ist etwas ganz einfaches. Das Wichtigste ist die Stille, sie ist das Grundelement einer tieferen Spiritualität. In der Stille gibt es immer wieder etwas zu entdecken, von dem du vorher nicht gewusst hast, dass es das gibt. Dafür ist Zeit notwendig, auch persönliche Zeit.

Gott in sich entdecken

Dann muss man schauen: Welche Form spricht mich an? Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass ein Mensch so etwas wie Spiritualität oder Glauben in sich selbst entdecken kann, ohne dass es allzuviel von außen dazu braucht. In jedem Menschen ruht ein unzerstörbares Selbst, das mit Gott in Verbindung ist.

Wie kommen wir dorthin? Das Wichtigste ist: In die Tiefe gehen, den je eigenen Weg entdecken, Unwichtiges von Wichtigem trennen.

Menschen auf diesem Weg zu begleiten, heißt nicht, sie zu einem bestimmten, vorgegebenen Ziel zu führen. Es heißt, sie zu sich selber zu führen, zum göttlichen Kern in ihnen. Diese Aufgabe des Führens können nur Menschen erfüllen, die diesen Weg zunächst ein Stück weit in sich entdeckt haben, die zumindest eine Ahnung davon in sich tragen.

Jesus

Der Weg der Kirche scheint mir zur Zeit eher der zu sein, den Menschen etwas zu bringen. Dabei wird vergessen, dass Gott in jedem Menschen zu finden ist, dass es letztlich nur darum geht, das freizulegen. Aufgabe der Kirche könnte es sein, mitzuhelfen es freizulegen. Aufgabe der Kirche könnte es sein, mitzuhelfen, dass die Sehnsucht wach ist, dass die Menschen die Spur dorthin entdecken. Dieser Weg braucht eine sehr dienende Kirche, eine sehr machtlose Kirche. Macht kommt von machen (wollen). Aber Spiritualität kann nicht gemacht werden. Zum Tiefsten im Menschen kann die Kirche nichts dazugeben, dem kann sie nur dienen. Sie kann nur ein paar Vorhänge wegziehen, alles andere ist schon da.

So verstehe ich auch die Verkündigung Jesu: Das Reich Gottes ist nahe, es ist in euch, es ist da. Bei den Heilungen in der Bibel sagt Jesus immer wieder: Dein Glaube hat dir geholfen. Die Kraft, die in dir steckt, befreit von allen Hemmnissen. Und Jesu Botschaft lautet: Dorthin, wo ich gekommen bin, könnt ihr alle kommen. Wir können alle wie Jesus werden. Er hat etwas verwirklicht, was in uns allen steckt.

Wenn ich Jesus als Wirklichkeit erlebe, die jetzt (!) ist, dann kann ich auch in der Bibel nachschauen und mich daran orientieren. Das entscheidende ist, dass ich Jesus, Gott, als real zu erfahren suche. Das kann ich nicht machen. Ich kann nur die Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Und dann muss ich auf das hören, d em gehorchen, was ich erfahre in mir. Danach richtet sich dann mein Leben. Nicht weil jemand es gesagt hat, sondern weil ich zutiefst eins mit mir selber bin. Ich spüre, dass ich ganz da bin, wenn ich auf mein Tiefstes höre, meinem Innersten gehorche. Die innere Moral meines Lebens kann nur eine Frucht meiner Spiritualität sein, nicht umgekehrt. Ich gewinne die eigentliche Identität im Mitschwingen mit meiner innersten Wirklichkeit.

Einstiege in den Weg

Wo gibt es Einstiege in diesen Weg zum inneren göttlichen Kern? Der Einstieg ist wahrscheinlich bei jedem Menschen verschieden. Vielleicht zeigt er sich, wenn irgendetwas in meinem Leben passiert, wo ich das Gefühl habe: Da ist mehr. Ich bekomme eine Ahnung von einer anderen Wirklichkeit und gehe dem dann nach. Ich nehme die Sehnsucht wahr, die Sehnsucht als Spur zu Gott und spüre ihr nach. Es gibt viele Beispiele dafür:

Einstiege sind oft sehr banal, deshalb werden sie oft übersehen. Es gibt überall Möglichkeiten für einen Einstieg in diesen Weg. Wenn wir auf solche Dinge achten und ihnen nachgehen, geschieht es, dass wir Menschen begegnen, die uns helfen. Wir begegnen Dingen, die uns führen. Wir erleben, dass Führung geschenkt wird.

Kirche als Erfahrungspool

Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Kirche? Ich glaube, die Kirche ist so etwas wie ein Erfahrungspool. Es gibt in ihre eine jahrtausendealte Erfahrung in dieser Suche, in diesem Nachspüren. Es gibt viele Menschen, die gefunden haben, die ein Weg-Wissen haben: Von Jesus angefangen über all jene Leute, die ihm nachgegangen sind und entdeckt haben. Auch die Menschen vor Jesus gehören dazu, das ganze Erste Testament ist voll davon. Wir finden diese Erfahrungen im Christentum, aber natürlich auch in anderen Religionen.

Kirche als Suchbewegung

Wenn Kirche in Zukunft Bedeutung für den spirituellen Weg haben soll, dann nur die: Den Menschen zu helfen, Gott (wieder) zu entdecken. Bei all dem, was es in der Kirche gibt, ist das Kriterium der Unterscheidung: Hilft es mir, auf diesen Weg zu kommen oder hindert es mich vielleicht sogar? Aus dieser (Ein-)Sicht könnte sicherlich einiges an der jetzigen Kirche getrost wegfallen. Die Kirche ist auch eine Suchbewegung: Eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, aber auch von Suchenden, die auf diesem Weg sind zu Gott. Insofern sind alle gleich, da ist es unerheblich, ob einer Straßenkehrer ist oder Bischof. Der Straßenkehrer, der den Weg entdeckt hat, ist viel weiter als der Bischof, der nichts entdeckt hat. In diesem Sinne könnten wir umformulieren: statt Kirche sind wir alle Suchende sind wir alle.

Kirche nur ein möglicher Weg

Wie wichtig ist dieser Einstieg, wie wichtig ist es, dass wir einen bestimmten Einstieg nehmen? Ich meine: Wenn wir den Weg wirklich gehen, dann ist danach der Einstieg nicht so wichtig, weil wir dann immer auf die Mitte zugehen. Vielleicht ist mir, mir ganz persönlich aber, ein bestimmter Einstieg gegeben. Und insofern ist er nicht beliebig. Mein persönlicher Weg ist das Christliche und ich bin gewiss, ans Ziel zu kommen, wenn ich diesen Weg gehe.

Gleichzeitig heißt das nicht, dass dieser Weg besser ist oder schneller. Für andere ist vielleicht ein anderer Einstieg, ein anderer Weg besser. Alle Wege führen mehr und mehr in die Mitte. Und da, in der Mitte, im Tiefsten, ist immer das Gleiche. Je mehr einer am Rande einer Religion steht, desto mehr unterscheiden sich die Wege. Je mehr man ins Zentrum geht, desto mehr gleichen sie sich. Kontemplative Menschen schätzen sich gegenseitig sehr, welchen Weg auch immer sie gehen oder welcher Religion sie angehören.

Spirituelle Orte fördern

Die Aufgabe der Zukunft wäre es, das Christliche als einen möglichen Einstieg zu erhalten, dass es wirklich ein Einstieg sein kann auf diesem Weg dorthin. Für viele Menschen ist es dies heute nicht mehr. Wenn jemand heute etwas sucht, geht er um es plakativ zu sagen in die Esoterik-Abteilung und nicht in den Pfarrhof. Damit will ich die Esoterik-Abteilung nicht grundsätzlich abwerten. Aber ich möchte, dass auch der Pfarrhof, die Pfarrgemeinde, die Gemeinschaft der Suchenden und Entdeckenden eine Möglichkeit ist, wo ich etwas finden kann.

Leider gibt es nur wenige spirituelle Orte, wo ich so etwas finden kann. Und zudem werden sie nicht besonders gefördert. Klöster könnten solche Orte sein. In den letzten Jahren haben sich vor allem Fraue n zusammengetan, entwickelten eigene Formen und Rituale. Offiziell sind sie in der Kirche nicht wirklich akzeptiert. Hilfreich wäre eine größere Offenheit auch der Kirchenleitung, das zu erkennen und zu fördern.

Versöhnt verschiedene Wege gehen

Spiritualität gewinnt an Bedeutung, auch innerhalb der Kirche. Denn Spiritualität hat etwas mit Erfahrung zu tun. Die Erfahrung des Göttlichen erhält mehr Raum, und sie muss es. Manches Organisatorische, Strukturelle wird vielleicht den Bach hinuntergehen. Strukturen sind ein Stück hohl.

Wie können wir diese Veränderung vorantreiben? Das Erste und Wichtigste ist:

Den eigenen Weg gehen. Konsequent und ernsthaft gegangen, wird er ansteckend wirken. Den eigenen Weg zu gehen ist allerdings auch schon Kritik und macht ein Stück einsam. Und dann gibt es Zeiten, wo es angesagt ist, öffentlich zu sagen, was ist, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen und die Dinge beim Namen zu nennen. Je mehr ich aus einer spirituellen Tiefe lebe, je mehr ich bei mir und bei Gott angekommen bin, desto mehr kann ich das tun ohne den Druck, es unbedingt ändern zu müssen. Aber ich brauche auch nichts zu beschönigen. Wenn ich das versöhnt mache, ohne dass es unbedingt anders sein muss, dann trifft es vielleicht noch mehr.

Wolfgang Steger
aus: Kirche sind wir alle 12/1998