Kirche im Süden
Mit den Armen leben – nicht nur ihnen helfen
Toni Amort lebt als Josefsmissionar in Brasilien. Im folgenden Beitrag erzählt er über sein Verständnis von Befreiungstheologie, wie er sie konkret umsetzt und was die Brasilianer aus dem Papstbesuch gemacht haben.
Als ich im vergangenen Juni im Priesterseminar Brixen bei den Religionslehrern war, bezogen sich die meisten ihrer Fragen auf meine Beziehung zur Befreiungstheologie. Da kam mir erst zum Bewusstsein, dass ich theoretisch ganz wenig damit befasst bin. Wohl aber praktisch - und das ist wohl ein wesentliches Merkmal der Befreiungstheologie und zugleich der Grund, warum sie so Konfliktträchtig ist: sie lebt von der Praxis.
Ich besitze schon längst die einschlägigen Bucher von Gutierrez und Leonardo Boff, aber ganz durchgelesen habe ich keines von ihnen. Meine Entscheidung, Missionar in Brasilien zu werden, war hauptsächlich deshalb zustande gekommen, weil mich die Berichte über die Basisgemeinden so beeindruckt hatten. Kirche von unten her, Kirche der Armen. Als ich schließlich in Tumiritinga einstand, gab es da gleich ein paar Leute, die mich zu einer Versammlung einluden. Da ging es um den Großgrundbesitz rings um unser Dorf: 3.500 Hektar groß und nur etwa ein Dutzend Rinder drauf. Unter den Versammelten gab es viele Leute, die einmal dort Bohnen und Mais gepflanzt hatten, eines Tages aber brutal daraus vertrieben wurden. Nun kamen Leute von der Landlosenbewegung und zeigten ihnen, dass es möglich war, diese ganze Fazenda zu bekommen; sie müssten sich nur organisieren. In einer Nacht war es dann soweit. Jemand klopfte ans Fenster meines Schlafzimmers und sagte:"Sie sind schon alle dort und warten auf dich". Von jener Stunde an war ich ein anderer Missionar.
Etwa 600 Leute hatten Zelte aufgeschlagen und harrten nun der Dinge, die da passieren konnten. Zunächst mussten sie mit massivem Polizeieingriff rechnen, aber auch mit Pistoleiros, von entrüsteten Großgrundbesitzern gedungen. Wie ich die Tapferkeit dieser Leute bewunderte! Dazu die tiefe Überzeugung, dass sie Gott auf ihrer Seite hatten, wie einst die Israeliten beim Auszug aus Ägypten. Damals wurde für mich das Alte Testament so aktuell und interessant wie ein Film. Die Gegenwart des Priesters war für die Lagerleute ganz wesentlich. Auch ich trug ihre Gefahren mit. Oft musste ich dreimal am Tag durch Polizeisperren. Vor allem aber hatte ich das strenge Gebot, niemals allein mit dem Auto unterwegs zu sein. Nachts überhaupt nicht außer Haus zu gehen und stets einen Mann wie einen Leibwächter in der Nähe zu haben. Aber der Einzug ins Gelobte Land fand schließlich statt.
In den Jahren nachher hatte ich noch mehrmals Gelegenheit, eine Gruppe von landlosen Bauern zu begleiten. Diese Arbeit nennt man hier in Brasilien "Landpastoral"-eine "Seelsorge" (gibt`s auf Deutsch kein besseres Wort für Pastoral?), die im Namen Gottes die Habenichtse zu freien Bauern macht. Ein Nachbarbischof schrieb mir damals, dass er mit Geld aus Europa Grundstücke gekauft und dort Familien angesiedelt hat, ganz "friedlich", ohne jeden Konflikt. So aber geschieht keine Landreform und entsteht kein neues Volk...
Allmählich reifte in mir der Wunsch, nicht mehr Pfarrer zu sein. Es gelang mir, am Stadtrand, inmitten eines Armenviertels, ein kleines Haus zu beziehen. Die Leute dort fühlten sich auf einmal aufgewertet: ein Priester lebt unter uns, er ist nicht nur auf Besuch gekommen. Physisch anwesend sein bei den Armen, das ist ganz wesentlich verschieden vom üblichen Begriff: den Armen helfen.
Trotzdem: selbst wenn ich im selben Elend lebte wie viele Leute ringsum, wäre ich doch verschieden; meine Armut wäre selbst gewählt, während alle Armen sehr unfreiwillig arm sind. Einige Idealisten scharten sich um mich, die ebenfalls mehr wollten als nur den Armen zu helfen. Wir gaben uns den Namen:"Gruppe Sauerteig". Da waren etwa Jugendliche, die ihre Jugendgruppe fürs Soziale wecken wollten; oder Bibelgruppen und Vinzenzbrüder, die zur Tat schreiten wollten. Bald beschlossen wir, auf der nahegelegenen städtischen Mülldeponie jene Leute zu besuchen, die dort, bis zu den Knien im Dreck, ihren Lebensunterhalt herausfischten. "Das ist kein Leben für ein Gotteskind," sagte mir ein Mann damals. Nun, gar so einfach ist es nicht, aus Leuten, die nie etwas anderes als das Elend gekannt haben, selbstbewusste Staatsburger und Christen zu machen.
Wenn`s ums Überleben geht, dann herrscht Ellbogen-Politik: Jeder gegen Jeden. Auch fühlten sich diese Leute total abseits von der übrigen Gesellschaft. Dort auf dem Müll schlossen wir allmählich Kameradschaft. Am Weihnachtstag feierte ich sogar die Festmesse mit ihnen, mitten auf dem Müll - habe nie eine echtere Krippe erlebt! Gottes Menschwerdung ganz groß! Heute sind die selben Menschen in einer Genossenschaft organisiert, die Stadtverwaltung hat ihretwegen mit der Mülltrennung angefangen und immer wieder kommen Schulklassen auf Besuch. Mit erhobenem Haupt gehen sie jetzt durch die Straßen, ihr Leben hat Würde und Wert erhalten.
Wenn ihr mich fragt, wie die Kirche zu dieser Art von Missionsarbeit steht, so kann ich nur Folgendes sagen: es gibt wohl viele, die sich nicht vorstellen können, was ein Priester zu tun hat wenn er keine Pfarre hat. Aber ich habe volle Genehmigung. Die meisten Diözesanpriester betrachten mich als ein prophetisches Element in der Diözese, aber so richtig einsteigen tut keiner. Überhaupt läuft heutzutage fast alles Kirchliche in Brasilien als Show von Charismatikern ab, die füllen tatsächlich die Kirchen und sogar große Stadien! Armut und die Armen sind für sie kein Thema, das Wort "Befreiung" führen sie zwar ständig im Munde, verstehen damit aber etwas ganz Anderes: Wunder, die alle Krankheiten heilen und alle Probleme lösen.
Als der Papst im vergangen Jahr Brasilien besuchte, war ich daheim, bekam also nur wenig mit. Selbstverständlich bereiteten ihm die Brasilianer einen überwältigenden Empfang. Wenn man sie aber heute fragt, was der Papst gesagt habe, kommen recht kümmerliche Antworten. Unser Altbischof hat oft gesagt: "Rom versteht uns nicht" - auch die Brasilianer verstehen Rom wohl kaum. Aber sie regen sich herzlich wenig auf, klatschen fleißig Beifall und gehen dann seelenruhig ihren eigenen Weg.
Toni Amort, Brasilien
Wenig Hoffnung durch neue Papst-Enzyklika
"Spe salvi" (durch die Hoffnung heil, eher als "Von der Hoffnung gerettet", wenn man die Überschrift unrhetorisch und eher buchstäblich übersetzen möchte) ist eine gefährliche Enzyklika. Gefährlich, weil der ganze Aufbau ein völlig hierarchisch dominierendes es Bild der Theologie und auch der Religion vermittelt - die Angabe der ehemaligen Sklavin, dann Nonne, später (von Johannes Paul II) heiliggesprochenen Josephine Bakhita ist eigentlich nur ein Trojaspferd - weil die Hoffnung nur auf den Glauben bezogen wird (an den kirchlichen-also wiederum "Nulla salus extra ecclesiam"- keine Rettung außerhalb der Kirche, ein Spruch, der zur Inquisition, zur Gegenreformation, aber auch ganz einfach zur Diskriminierung des "Gottesvolkes" geführt hat), weil Hoffnung(eben spes) eher düster im Sinne der Märtyrer dargestellt wird, was nicht nur auf den Charakter des Papstes zurück geführt werden kann. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur weitere zwei Aspekte hervorheben: die Bestrafung der Befreiungstheologien und die Diskriminierung innerhalb des Gottesvolkes.
Zum ersten Punkt: das soziale Engagement der Christen wird sehr stark verurteilt: "Das Christentum hatte keine sozial-revolutionäre Botschaft vermittelt, mit der Spartakus, bei bluttätigen Kämpfen, versagt hatte. Jesus war wohl kein Spartakus, war kein Kämpfer für eine politische Befreiung, wie Barabbas oder Bar-Kochba"(Par.4). Adieu an alle Befreiungstheologien (ich betone immer wieder die Mehrzahl: Dorothee Sölle ist nicht gleich Ernesto Cardenal, Gustavo Gutierrez nicht Fernando Belo), Verneinung des Prinzips Hoffnung (Bloch, aber auch Moltmann), das eben nur auf überirdische Ebenen bezogen wird, niemals mehr auf die sozialen..., vom Angriff auf den politischen Messianismus der jüdischen Tradition abgesehen (sic!).
Zum zweiten: das Gottesvolk, die Basisgemeinschaften (nicht nur die Befreiungstheologien, wohlgemerkt) dürfen nicht mehr die Bibel lesen, auslegen, müssen wohl gemeinschaftlich, doch aber nur unter strenger Beobachtung des Vatikans arbeiten und handeln: der Individualismus (als freie Auslegung der Heiligen Schrift) wird stark verurteilt, die gemeinschaftliche Erfahrung wird immer mehr als Neigung zum Märtyrertum verstanden und erlebt, wie auch der UNO-Angriff beweist(vom Par.14 usque ad finem). Nicht mehr die Kirche in der Welt und zugleich außerhalb der Welt, sondern einfach eine streng konservative Weltverneinung, die nicht mehr das Anderssein des Christentums betont, wohl aber eine Flucht ins Jenseits, die nicht mehr einmal mehr Flucht sein kann/will. Meine Analyse mag nur teilweise zutreffen, doch lese man die nicht eindeutigen Verteidigungen - Rechtfertigungen der Enzyklika seitens der Theologen und Moralphilosophen, wobei die Stimmen jener Bewegungen wie "Wir sind Kirche" immer mehr "verdrängt" werden.
Eugen Galasso, Bozen