Lebensgemeinschaften
Tag der Familie?
Wird der Wert der Familie gemindert, wenn neben der Ehe eine zweite Form von standesamtlich eingetragener Lebensgemeinschaft geschaffen wird, die auch gleichgeschlechtlichen Paaren offen steht?
Man möchte meinen, dass die Einführung eines zusätzlichen Rechtsinstituts - bekannt unter der Abkürzung „Dico“ – einen konsensfähigen Kompromiss darstellt: Zum einen bleibt die Einzigartigkeit der Ehe gewahrt und damit die rechtliche Basis der Familie, des auf Fortpflanzung ausgerichteten Zusammenlebens von Mann und Frau als Grundbaustein der Gesellschaft: zugleich werden die Individualrechte der Personen abgesichert, die keine eheliche Lebensgemeinschaft führen können oder wollen. Mehr noch: Vom Erb-, Miet- und Unterhaltsrecht bis hin zu Pensionsansprüchen sorgen die „Dico“ für rechtliche Klarheit und Sicherheit in beträchtlichen Teilen der Gesellschaft, die ansonsten unreglementiert blieben - was niemand interessieren kann.
In fast allen europäischen Ländern wurden daher den „Dico“ vergleichbare Rechtsinstitute eingeführt. In Italien wurde darüber in einer immer vergifteteren Atmosphäre diskutiert, die katholische Kirche übte starken moralischen Druck aus, die Opposition unter Silvio Berlusconi, aber auch weite Teile der Regierungsmehrheit präsentierten sich als Paladine des katholischen Wertesystems, und so kam, was kommen musste: Spätestens seit dem 12.Mai 2007, als eine enorme, gewerkschaftlichen Großveranstaltungen vergleichbare Menschenmenge in Rom auf die Straße zog, sind die geplanten "Dico" politisch chancenlos. Die Veranstaltung trug den Namen "Family Day": Als Hauptgefahr der Familie wurde also das Rechtsinstitut der „Dico“ gesehen und nicht etwa die im internationalen Vergleich eher geringe steuerliche Entlastung von Familien mit Kindern, die spärlich gesäten Kindergärten und Kinderkrippen, die nicht kinderfreundliche Ausstattung vieler Städte und Verkehrsmittel. Darüber geben die Statistiken genügend Stoff zum Denken.
Dass die Geburtenrate gering ist weil die Frauen arbeiten wollen, ist eine Mär. In Skandinavien, Frankreich und in anderen europäischen Ländern wo die weibliche Beschäftigungsquote viel höher ist als in Italien, werden zugleich viel mehr Kinder pro Frau geboren. Viele italienische Frauen - das hat eine Untersuchung des Istat ergeben - wünschen sich mehr als ein Kind: Doch ist ein zweites oder drittes Kind oft schlichtweg nicht leistbar, weil der ökonomische Wert der weiblichen Arbeitsstellen oft geringer ist als die Kosten der Kinder. Mit der Folge, dass die Frauen zu Hause bleiben und die weibliche Beschäftigungsquote weiter sinkt. Ein Teufelskreis.
Thomas Amonn, ff, Nr. 20 vom 17.5.2007
Don Fabio Chiarani widmete seine Festtagsworte in der Kirche von Kaltern am 24. Dezember nicht allein der traditionellen Familie, sondern betonte vor seiner Gemeinde, dass die Zugehörigkeit zur Kirche mit der Taufe beginne und kein sozialer Status sei. „Ja zur Kommunion. Ja zur Taufe von Scheidungskindern.“ Das waren die Worte des 86-jährigen Seelsorgers, die in der vollbesetzten Kalterer Kirche für einen lang anhaltenden Applaus sorgten. Trotz Kritik seitens der Kurie hält er an seinen Worten fest: „Gott ist unser aller Vater, keiner ausgeschlossen. Tausende Hochzeiten habe ich gefeiert. Die Menschen leben heute anders zusammen als früher. Es gibt immer mehr Geschiedene und Paare ohne kirchliches Sakrament. Deswegen meine ich, dass es an der Zeit wäre, einen Schritt nach vorne zu machen, einen neuen Familientyp zu akzeptieren und allen Gläubigen die Kommunion zu erlauben.“
Elio Cirimbelli, der Direktor des ASDI (Associazione separati e divorziati) kritisiert die Art und Weise des Vorgehens von Fabio Chiarani. Auch Cirimbelli glaubt an Veränderungen. Derzeit diskutiert man im Vatikan, in dieser Causa der orthodoxen Kirche zu folgen. Denn „die orthodoxe Kirche lässt auch nach einer zweiten Heirat den Gang zur Kommunion zu.“
Tageszeitung, 10.1.2008
Homosexuelle noch immer diskriminiert
Christoph Tauber, Vize-Präsident von Centaurus, der Homosexuellen Initiative Südtirol, über den Tag gegen die Homophobie, die Diskriminierungsformen und seine persönlichen Erfahrungen.
Tageszeitung: Herr Tauber, am 18. Mai ist der internationale Tag gegen die Homophobie. Wann wurde er eingeführt?
Christoph Tauber: Im Jahr 1990. Damals hatte die Weltgesundheitsorganisation die Homosexualität aus der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen. Das war der Anlass für die Einführung dieses Tages.
Wie intolerant sind die Südtiroler Homosexuellen gegenüber?
Dass die Homosexualität als Krankheit angesehen war, merkt man heute noch. Sie ist bei der Bevölkerung immer noch negativ besetzt. Das gilt auch für Südtirol, da gibt es keine großen Unterschiede.
Welche Formen von Diskriminierung gibt es Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen gegenüber?
Der Staat gibt Homosexuellen nicht dieselben Rechte wie Heterosexuellen, denken wir nur an die derzeit laufende Dico-Debatte. Homosexuelle Beziehungen werden vom Staat in keinster Weise anerkannt, obwohl Homosexuelle denselben Beitrag für die Gesellschaft leisten und Steuern zahlen wie alle anderen, man kann sich höchstens privatrechtlich absichern. Viele getrauen sich nicht, sich zu outen. Denn sie fürchten negative Folgen. Im Berufsleben zum Beispiel kommt es manchmal vor, dass man deshalb nicht angestellt, nicht befördert oder der Arbeitsvertrag nicht erneuert wird. Das alles wirkt sich sehr negativauf die Psyche der Homosexuellen aus. Eine sehr gängige Form von verbaler Diskriminierung ist zum Beispiel der Ausdruck "schwule Sau". Auch wenn man das nicht offen zeigt: Es trifft einen sehr.
Welche Erfahrungen von Diskriminierung haben Sie persönlich gemacht?
Ich studiere in Innsbruck und hatte, weil homosexuell, große Schwierigkeiten, einen Mitbewohner für meine Wohnung zu finden. Einmal zum Beispiel hatte ich einen gefunden, als ich ihm dann aber sagte, dass ich homosexuell sei, war er plötzlich weg.
Verena Girardi, Tageszeitung, 17.5.2007
„Man kann nicht gleichzeitig links und katholisch sein.“ Silvio Berlusconi hat wieder einmal Blödsinniges von sich gegeben. (beim „Family Day“ am 13.5.07 in Rom, Anm. d.Red.) 20 Kirchenverbände hatten eingeladen, um für die Rechte der Familie auf die Straße zu gehen. Mit ein Grund war es auch, gegen den seit Monaten heiß diskutierten Gesetzentwurf „Dico“ zu demonstrieren. Er sieht eine weitgehende Gleichstellung nichtehelicher Lebensgemeinschaften vor. Die Wortmeldung eines Silvio Berlusconi zeigt uns, wie sehr die hohe Politik die Anliegen, auch den Glauben, der Menschen für sich benützt. Wen die kath. Familien wählen oder nicht, das sei ihnen selbst überlassen; für billige Wahlwerbung sind Familie und Religion jedoch zu schade.
Johanna Prader, Kath. Sonntagsblatt, 20.5.2007
Immer weniger Politiker haben den Mut, die Trennung von Kirche und Staat einzufordern. Die Kirche und die Linke. Nicht einmal die gottlose Linke kann es sich mehr leisten, die Forderungen der Kirche und des Papstes zu überhören. Das Verhältnis zur Kirche ist einer der großen Widersprüche in der italienischen Gesellschaft: Je ungläubiger die Gesellschaft wird, je weniger sich die Menschen um die Gebote der Kirche scheren, umso mächtiger wird die Kirche. Sicher, kaum eine andere Gemeinschaft spendet so schnell Trost, bietet so einfach Wärme, verfügt über so viele kollaudierte Rituale wie die katholische Kirche. Und der Papst mag vielen Intellektuellen gefallen, weil er ihren hohen Ton trifft, weil seine Schriften sich trefflich zur Haarspalterei eignen oder sich genüsslich auseinander schrauben lassen.
Und dennoch ist am Prinzip der Trennung von Kirche und Staat festzuhalten. Alles andere wäre ein Rückfall in vormoderne Zeiten. Der Kirche selber wird es wenig nützen wenn sie sich als Sprungbrett für Politiker gebrauchen lässt. Man wird mit der Kirche rechnen, aber mit ihr wirklich planen werden die Menschen nicht.
Georg Mair, ff, 17.5.2007
„Der Staat gibt sich schlau und katholisch“
Wie stehen Sie zu Dico?
Doris Seebacher: Ich persönlich finde, dass es heutzutage verschiedene Modelle der Partnerschaft gibt. Man sollte ihnen auch eine gewisse rechtliche Absicherung zugestehen, insofern die traditionelle Familie nicht untergraben wird.
Doris Seebacher, Vorsitzende des Kath. Familienverbandes Südtirol, Tageszeitung, 11.5.2007