Wer fürchtet sich vor Don Camillo?

Über „christliche Wurzeln“ und die Trennung zwischen Kirche und Staat

Seit einigen Wochen geht ein Rätselraten um, in Südtirols Polit-Theaterchen. Es betrifft die Frage: Wer hat in den Entwurf zum neuen Bildungsgesetz die Formel eingebracht, die Schule habe "die christlichen Wurzeln" des Landes zu beachten?

Zwei Versionen halten sich hartnäckig. Die eine lautet, es geschah auf Betreiben der Kurie. Die andere: Es war Luis Durnwalder persönlich. Seit einer Weile treibe den Landeshauptmann die Sorge um, Vertraute sprechen gar von Panik, die politische Rechte sei überall im Vormarsch und werde seiner Partei, der SVP, schon bei den Landtagswahlen im kommenden Jahr arg zusetzen. Dem versuche er nun vorzubeugen durch Besetzung vermeintlich "rechter" Positionen. Die Nachgiebigkeit gegenüber den Unternehmerverbänden in der Steuerfrage sei eine dieser "Panikattacken", die Formel mit den "christlichen Wurzeln" die nächste.

Es ist schade, dass die Frage nach der Herkunft des "Gottesbezugs" im Landesgesetz nicht öffentlicher diskutiert wird. Kommt er nun von der Kurie oder von Durnwalder? An der Antwort darauf ließe sich nämlich trefflich die ewige Reizfrage nach Trennung von Kirche und Staat erörtern. Denn was wäre, wenn ihn der Bischof ins Landesgesetz hineinschreiben hätte lassen? Man könnte sich dann über seinen Einfluss wundern. Sich auch darüber erregen. Denn glaubt er, der Bischof, wirklich, er könne die mittlerweile weidlich verweltlichte Südtiroler Schule durch solche formale "Ursprungsbezeichnungen" noch retten für seine Kirche? Es wäre eher kontraproduktiv. Die katholische Kirche ist in unserer öffentlichen Schule immer noch wohler gelitten, als die Kirche selbst imstande wäre, durch eigene Verfügung durchzusetzen.

Muss es also, in seinem Wahlkalkül, der Durnwalder selber gewesen sein. Und was ist es dann? Dann ist es eindeutig eine Verletzung des Prinzips der Trennung von Kirche und Staat. Ein kleiner Missbrauch von Religion zu politischen Zwecken ist es. Ein Werte-Gemauschel, eines aufgeklärten Gemeinwesens unwürdig. Ich behaupte, Grenzverletzungen zwischen Kirche und Staat können in unseren entwickelten Demokratien überhaupt nur noch von staatlicher Seite begangen werden. Nur sie haben die normative Kraft dazu. Der Papst spricht neuerdings wieder politischer, und das nicht auf eine Weise, die uns allen behagt. Solang er Frieden forderte, soziale Gerechtigkeit, auch die so poetisch formulierte "Bewahrung der Schöpfung" anmahnte, gab's da von irgendeiner Seite Einspruch? Selbst rabiateste Laizisten fanden nichts auszusetzen dran.

Nur, hörte da jemand auf den Papst? Neuerdings warnt der Papst vor eheähnlichen Partnerschaften und Homo-Ehen. Hört jetzt jemand auf ihn? Es wird aber getan, als nehme er das Parlament der Republik Italien in Geiselhaft. Der Papst muss reden dürfen. Es bedeutet, die modernen Demokratien zu unterschätzen, wenn man so tut, als seien sie immer noch die jungen, schwachen Demokratien von vor 100 Jahren, als das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat in den Verfassungen verankert werden musste. "Don Camillo e Peppone" spielte vor 50 Jahren. Und was bezeichnend (und in diesem Staat am besten an seinen Staatspräsidenten nachvollziehbar) ist: Es waren erklärt christliche Präsidenten wie Degasperi und später Scalfaro oder Ciampi die den "stato laico" am konsequentesten verteidigten und sich gegen allfällige vatikanische Übergriffe verwahrten. Im Vergleich dazu lässt es ausgerechnet der jetziger ex-kommunistische Giorgio Napolitano an laikaler Standhaftigkeit gebrechen. Es ist zum Schmunzeln: Als ob Politiker Katholiken sein müssten, um allem unbotmäßigen Liebeswerben der katholischen Kirche zu widerstehen!

Florian Kronbichler, Kompass, Juli 2007