Mina Welby Schett, Witwe von Piergiorgio Welby

„Würde alles nochmals tun“

Mina Welby zu Patientenverfügung und Sterbehilfe

Mina WelbyDie Witwe des im Dezember 2006 verstorbenen Piergiorgio Welby wirbt für den sanften Tod, für die Sterbehilfe. Mina Schett Welby stammt aus dem Pustertal und war seit dem langsamen Tod ihres Mannes für die Kampagne der Radikalen Partei für ein selbstbestimmtes Sterben der Kranken aktiv. Ihr Mann starb nach einer passiven Sterbehilfe eines Arztes, eine Hilfe, die Welby wollte, die nicht vorgesehen ist, für die der Arzt auch noch angeklagt wurde. Leidende Menschen sollen laut Mina Welby entscheiden können, welcher Therapie sie unterworfen werden. Patienten sollen mit entsprechenden Verfügungen den Ärzten Anweisungen geben können. Langfristig, so Mina Welby, sollen Sterbenskranke auch das Recht haben, die Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können. Es geht ihr um ein selbstbestimmtes Patientendasein. Im Morgentelefon der RAI Sender Bozen vom 10. August 2007 erklärte sie ihre Beweggründe.

Würden Sie alles nochmals durchstehen, ihren Mann im Krankenhaus betreuen, ihm zur Seite stehen, seinen Wunsch nach Sterbehilfe unterstützen?

Mina Welby: Ja, freilich, ich würde alles so machen, wie ich es bis dorthin und bis hierher gemacht habe. Ich bin jetzt noch viel überzeugter. Ich bin im Gewissen ganz ruhig, dass alles richtig gemacht wurde, noch dazu wo jetzt der Urteilsspruch für den Arzt gefallen ist, dass er entsprechend seinem Pflichtkodex richtig gehandelt habe.

Das gewollte Sterben des todkranken Welby sorgte Italienweit für heftige Diskussionen. Die kath. Kirche verdammte die Tat. Kath. Politiker äußerten sich entrüstet über die geleistete Sterbehilfe. Die Diskussion wurde religiös und äußerst ideologisch geführt. Sind Sie als Katholikin entsetzt über die Haltung der kath. Amtskirche?

Mina Welby: Ich bin nicht entsetzt, absolut nicht. Ich sage nicht, dass die Kirche gehandelt hat. Die Würdenträger der Kirche haben gehandelt. Das waren Menschen und jeder Mensch hat sein Gewissen und jeder Mensch handelt nach seinem Gewissen.

Mitte-rechts Politiker und Katholiken warfen der Radikalen Partei vor, den Fall Welby politisch instrumentalisiert zu haben. Die Radikalen fordern die Sterbehilfe, verlangen das Recht der Patienten auf Sterbehilfe. Was sagen Sie zum Vorwurf der Instrumentalisierung, waren die Radikalen eine Plattform für Piergiorgio Welby?

Mina Welby: Es war umgekehrt. Mein Mann hat die Radikale Partei schon seit 2002 instrumentalisiert. Er hatte schon viele Jahre lang darüber nachgedacht und studiert, wie die Leute in Italien sterben. Im Internet konnte er nachsehen und er konnte die Hinweise finden, wie man in Holland, wie man in Belgien zu einem entsprechenden Gesetz kam. Aber in Italien, so sagte er, gibt es nichts dergleichen, wo die Menschen eine Sterbehilfe erhalten. Man weiß nicht, wie die Menschen in Italien sterben. In Holland gab es früher viele Fälle von Euthanasie. Das wurde verschwiegen. Man wusste davon nichts. Clandestino, nennt man das. In Italien brauchen wir etwas, sagte er, das an die Öffentlichkeit kommt. Deswegen hat er angefangen, sich für ein Gesetz zur Sterbehilfe, aber auch zur Patientenverfügung einzusetzen. Er wollte, dass man seinen Willen schriftlich kundtun kann, ob man bestimmten Therapien unterzogen werden will oder nicht, wie in Deutschland. Dort sind schon 8 Millionen Patientenverfügungen von Bürgerinnen und Bürgern verfasst worden. Die Ärzte beachten diese Patientenverfügungen auch.

In den zuständigen Parlamentskommissionen liegen derzeit 10 Vorschläge zur so genannten Patientenverfügung auf. Die Patienten sollen das Recht erhalten, die Therapie wählen zu können. Dadurch wird das Recht der Patienten gestärkt. Ist sie ein erster Schritt zur Sterbehilfe?

Mina Welby: Ich bin auch für die Sterbehilfe, nicht nur für die Patientenverfügung. Das hat natürlich mit dem Gesetz, das derzeit in Bearbeitung ist, nichts zu tun, aber es gibt so viele Menschen, die wirklich schwer leiden. Sie fahren in die Schweiz und lassen sich dort helfen, in den Tod zu gehen. Ich finde es sehr sehr traurig, dass man aus Italien, aus der Heimat, von der Familie weggehen muss. Das ist sehr sehr traurig.

Mina Welby betont, dass ihr Mann keine aktive Sterbehilfe erhalten hat. Trotzdem wurde der Arzt belangt und inzwischen freigesprochen. Er begleitete mit den Medikamenten den Tod seines Patienten.

Mina Welby: Nein, mein Mann hatte nicht eine aktive Sterbehilfe. Mein Mann hat einen natürlichen Tod gewollt und er hat ihn gehabt. Er wollte, dass man sein Beatmungsgerät abstellt, also von seinem Hals wegnimmt. Wenn man das ohne Narkose getan hätte, wäre er unter großen Schmerzen und an Erstickung gestorben. Er hätte darunter sehr schwer gelitten. Das wäre wirklich ein wahnsinniger Tod gewesen. Piergiorgio hat um eine Narkose gebeten. Der Arzt hat das gemacht und man hat ihn ruhig sterben lassen.

Das mag alles hart klingen, meint Mina Welby. Sterbehilfe. Ihr Mann hatte aber gar keine Perspektive mehr. Er wollte nicht mehr sein Dasein dank einer Maschine verlängern.

Mina Welby: Er hätte sowieso sterben müssen. Er hätte es nicht mehr länger aushalten können. Er hatte ja keine Muskulatur mehr. Sein Brustbein hat auf die inneren Organe gedrückt. Es war wirklich ein Martyrium. Ich kann sagen, wenn’s wenig ist, drei Monate ist er in Agonie. Es war schrecklich, ein Todeskampf bis zum Schluss, denn er hatte wirklich große Schmerzen. Nur sein Gehirn war noch wirklich lebendig. Was seinen Körper betraf, war nichts mehr da.

Piergiorgio Welbys Tod hat die Diskussion zur Sterbehilfe angeheizt, aber auch die Notwendigkeit aufgezeigt, eine Regelung zu finden, die die Therapiefreiheit garantiert und die Sterbehilfe legalisiert.

Mina Welby: Dieses Gesetz, das jetzt im Parlament diskutiert wird, betrifft nicht die Sterbehilfe, sondern die Patientenverfügung. Das ist etwas ganz anderes. Für die Sterbehilfe wird es hoffentlich nachher etwas anderes geben, denn in dieses Gesetz darf die Sterbehilfe nicht hinein. Das ginge auch nicht gut, denn ein Mensch soll über die Therapien selbst entscheiden können, ob er sie will, ob er sie noch will, wie es in Amerika ist, in Deutschland und in vielen anderen Ländern. Ich hoffe, dass man in Italien auf einen einzigen gemeinsamen Gesetzesvorschlag kommt, dass man wirklich ein gutes Gesetz macht, wo dann die italienischen Bürgerinnen und Bürger einen Vorteil haben.

Mina Welby bestätigt, dass in vielen Krankenhäusern auf Wunsch der Patienten eine verdeckte Sterbehilfe geleistet wird. Sie sollte legalisiert werden. Es muss darüber offen diskutiert werden, auch auf diese Weise kann geholfen werden.

Mina Welby: In vielen Spitälern gibt es jetzt schon vielleicht eine aktive Sterbehilfe. Einige Ärzte haben gesagt, dass sie oft Leuten zum Sterben helfen, wenn sie es verlangen. Die Ärzte entscheiden oft selbst, dass bei bestimmten Menschen eine Therapie nicht mehr erfolgreich ist. Dann halten sie diese Therapie auf oder es sind Verwandte da, die das veranlassen. Ich hoffe, dass durch ein Gesetz das alles besser wird.

Mina Welby wirbt für die Sterbehilfe, für die offene, nicht für die verdeckte, illegale. Sie wirbt für die Sterbehilfe zu Hause unter der Obhut der Ärzte, als Dienst in den Krankenhäusern, nicht irgendwo im Ausland. Die Sterbehilfe, ein schwieriges Thema, der letzte Ausweg für kranke Personen ohne Aussicht auf Heilung, ein Instrument der Hilfe?

Mina Welby: Ich wünsche nie, dass jemand von meiner Familie, von meinen Bekannten, von meinen Freunden das wünschen müsste. Ich hoffe, dass es wenige Menschen sind, die das verlangen müssten. Aber jenen, die es wirklich brauchen, wo die Ärzte sehen, dass das notwendig ist, jenen soll man wirklich über diese Brücke ins Jenseits verhelfen, damit ihnen das Sterben leichter wird. Ich denke, wenn man den Tod so sieht, dass er ein Punkt im Leben ist, wo das Leben dann weitergeht und wo ich mein jetziges Leben Gott wieder zurückgebe, dann kann man auch sagen: Ich habe alles in meinem Leben probiert wie ein Talent auszunützen, um es erfolgreich zu gestalten und zu vermehren. Ich hoffe dann auch sagen zu können, wann ich dieses Talent zurückgebe: Mir ist es gelungen bis hierher, aber weiter konnte es nicht mehr gehen. Ich habe es nicht mehr weiter geschafft. Und ich hoffe, dass es dann Menschen gibt, die einem helfen, diese Brücke zu überwinden und ins Jenseits zu gelangen, auch glücklich zu sterben, nicht nur in furchtbaren Schmerzen und Todesängsten.

Redakteur Wolfgang Mayr, RAI, Sender Bozen, 10.8.2007