Wir sind Freunde geworden
Huttererehepaare auf Besuch - Versöhnungszeichens geplant
Es war eine großartige Begegnung mit den drei Hutterer Ehepaaren aus Kanada Ende Februar und Anfang März. Fred und Katharina Kleinsasser vom Concord Bruderhof in Manitoba, Paul und Susie Hofer vom Elkwater Bruderhof in Alberta und Mike und Lisa Wollman vom Hillcrest Bruderhof in Sakatchewan waren überwältigt vom Land und den Menschen in Süd- wie Nordtirol. „Sie sain soo guat und soo fraintlich zun ins" sagte Paul Hofer, einer der Hutterer. „Mir sain erstoant, dass mon in Tirol olbn no daitsch ret wia mir. Diis is dr schiansta Plotz auf dr gonzn Welt.“ Für die Hutterer war es eine Reise ins Land ihrer Vorfahren, aus dem sie einst wegen ihres neuen Glaubens und ihrer politischen Einstellung mit dem Schwert vertrieben wurden. Beeindruckt hat mich vor allem die Einfachheit dieser Hutterer, ihre Herzlichkeit, ihre religiöse Überzeugung, die mit dem Leben übereinstimmt, ihre Gewaltlosigkeit, ihre Bereitschaft zum gemeinsamen Besitz. Individuelle Freiheiten sind dadurch eingeschränkt, allerdings ist die gegenseitige Absicherung besser. Frauen sind nach außen hin dem Mann untergeordnet, was ich nicht befürworte. Zugleich haben die Hutterer-Frauen nicht den Eindruck erweckt, sie würden unterdrückt. Spitzfindig erzählte Lisa, dass der Mann das Haupt, der Kopf sei, die Frau aber der Hals. Wer dreht den Kopf, fragte sie dann mit einem Lächeln.
Für mich war es ein Schritt in die eigene Geschichte. Etwas davon wurde durch den Besuch wieder lebendig. Es ist einfach großartig, zu wissen, dass im fernen Kanada und den USA Menschen leben, die unseren Dialekt sprechen, ihre Tiroler Kultur bewahrt haben, ihre Herkunft, Religion und Tradition pflegen. Ich fühle mich mit ihnen verbunden, ja verwandt. Wir sind in dieser kurzen Zeit Freunde geworden.
Wir dürfen im gesamten Tirol stolz sein auf Jakob Hutter und all die Frauen und Männer von damals, auf die Altväter, wie die Hutterer sie nennen. Wir dürfen uns freuen über ihren Mut, den sie gezeigt haben als sie gegen die damaligen politischen, sozialen und kirchlichen Verhältnisse aufgestanden sind und ein neues Modell des sozialen und religiösen Zusammenlebens erprobt und durchgehalten haben: die Bruderhöfe. Das ist eine Form von Demokratie, eine Form von Wertschätzung aller. Einmalig in jener Zeit. Auch die Gewaltlosigkeit ist meines Wissens in jenen Jahrhunderten einmalig in der Tiroler Geschichte. Das ist verstärkt hervorzuheben, damit nicht nur die gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Tiroler Geschichte erwähnt und leider oft verklärt werden.
Tief ergriffen und den Tränen nahe waren ich und viele andere bei der Eröffnungsbegegnung vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck am 25.2.2007, dem 471ten Todestag von Jakob Hutter. „Bin a Tiroler Bua“ sangen zunächst die Hutterer. Dann hörten wir von Trommelklängen unterbrochen die Märtyrerberichte von Anna Maler und Ursula Ochsentreiber, die in Hall ertränkt wurden, von Jakob Hutter aus St. Lorenzen, der in Innsbruck verbrannt wurde, von Hans Mändl aus Albeins, Eustachius Kotter aus Sellrain und Georg Mair Rack aus Pfons, die in Innsbruck enthauptet und verbrannt wurden. Es war die Belastung aus der Vergangenheit zu spüren. Zugleich löste sich das Unheil auf, da es angesprochen und überwunden wurde. Im Bürgersaal, der die Menschen kaum fassen konnte, stellten sich die verschiedenen christlichen Konfessionen samt den freien christlichen Gemeinschaften vor und beteten und sangen miteinander. Die Hutterer lasen eine „Lehr“ zu 1 Kor 3,6-15 vor. Beim Vater Unser und beim Glaubensbekenntnis, das wir wie die Hutterer beteten, stellten wir fest, dass es kaum Unterschiede zu unseren Versionen gab. Es war ein einmaliges historisches Ereignis, betonten viele.
Beeindruckt hat mich das große Interesse an den Hutterern und ihrem Leben. Viele Menschen in unserem Lande haben uns öfters auf der Straße angesprochen und gar einige sagten, ja, eine Versöhnung wäre höchst an der Zeit. Wenn die Hutterer wiederkommen, werden wir entsprechende Informationsveranstaltungen machen. Gespräche gab es mit den Bischöfen Wilhelm Egger und Manfred Scheuer (Innsbruck) sowie mit Landeshauptmann Luis Durnwalder, um das geplante Versöhnungszeichen vorzubereiten. Auch Landeshauptmann van Staa ist offen dafür. Es scheint, dass die Zeit reif ist, dieses dunkle Kapitel der Tiroler Geschichte mit einem offiziellen Akt der Freundschaft und des Friedens abzuschließen. „Wie Gott will“ haben die Hutterer-Ehepaare betont. In einem Schreiben an ihre Ältesten und Prediger wurde die Bitte um ein Zeichen der Versöhnung formuliert. Es könnte im Herbst oder im Laufe des kommenden Jahres stattfinden. Neben der Aufarbeitung der Vergangenheit wäre es ein Signal für Respekt und Toleranz den verschiedenen heutigen Religionen und Weltanschauungen gegenüber, sei es unter Christen und mit den Moslems.
Ich hatte den Eindruck, dass ein Segen auf diesen Tagen, auf dieser Begegnung mit den Hutterern lag. Ich habe alles als großes Geschenk empfunden. „Es ist mir eine Ehre, die Hutterer hier zu haben“ sagte der Schlossherr der Michelsburg Herr Marcati, als ich mich für die Führung auch durch die Privatgemächer bedankte. Und Richard Rieder meinte nach der Führung durch das Schloss Taufers: „Das ist nur eine kleine Wiedergutmachung für all das Schlimme, was ihnen angetan wurde“. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Robert Hochgruber
Weiterentwicklung unserer Demokratie
Südtirol ist reich an Lebensqualität. Sich darüber zu beklagen, wäre vermessen und wohl auch dumm. Gemeinsam die Demokratie in unserem Lebensraum weiterzuentwickeln, erscheint mir aber als eine wesentliche Aufgabe unserer Zeit. Demokratie geschieht einerseits durch Wahlen von politischen Vertretern über Parteien und das Wirken der gewählten Politikerinnen und Politiker in den Gremien der Gemeinde, des Landes, des Staates und der EU. Andererseits verfügt Südtirol bereits, in Erfüllung staatlicher Rahmenbedingungen, über das Instrument der „Direkten Demokratie“, wonach wir als Bürgerinnen und Bürger unsere gemeinsame Zukunft direkter mitgestalten können.
Das bestehende Gesetz zur „Direkten Demokratie“ bedarf aber einiger Korrekturen, damit wir Bürgerinnen und Bürger es über Volksinitiativen, Referendum, Volksbegehren oder Volksabstimmung wirklich nutzen können. Seit Jahren hat eine Gruppe um Stephan Lausch, in der ich mitgearbeitet habe, bei Einbindung schweizerischer und bayerischer Erfahrungen, einen neuen Gesetzesentwurf erarbeitet, der dieses Demokratie-Instrument bürgernäher und effizienter werden lässt. Derzeit läuft südtirolweit die Sammlung von mindestens 13.000 Unterschriften, damit ein besseres Gesetz zur Direkten Demokratie möglich wird. Über 40 Verbände Südtirols, wie Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Alpenverein Südtirol, Katholischer Familienverband, Heimatpflegeverband, Gewerkschaften, Jugendring, Landesbeirat für Chancengleichheit, auch die Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche, unterstützen dieses Vorhaben. Im Gemeindeamt liegen Bögen auf, in denen wir durch unsere Unterschrift zum Gelingen von mehr Demokratie beitragen können. Auch werden in den einzelnen Ortschaften Unterschriftstände organisiert.
Karl Trojer, Terlan
Die Hutterer zwischen Tirol und Amerika
Eine Reise durch die Jahrhunderte
Die Hutterer gehören zur religiösen Bewegung der Täufer, die in der Reformationszeit in Tirol weit mehr Anklang fand als die Lehren Martin Luthers. Ein zentrales Element ihres Glaubens ist die Erwachsenen- oder Glaubenstaufe. Jeder Mensch soll frei über seine Taufe entscheiden; die Taufe unmündiger Kinder wird daher strikt abgelehnt.
Informativ, kritisch, wohlwollend
Das Buch bietet eine gute, leicht lesbare Übersicht über die wechselvolle Geschichte der Hutterer, auch über Tirol hinaus. Es gibt zudem einen hervorragenden Einblick in das heutige Leben und den Alltag der Hutterer. Der Autorin gelingt es in kritisch wohlwollender Art und Weise, mit großer Kompetenz einen wertvollen Beitrag zur Aufhellung dieses dunklen Kapitels der Tiroler Geschichte zu leisten und die heutigen Hutterer den interessierten Leserinnen und Lesern nahe zu bringen. Ein spannendes Buch über eine faszinierende religiöse Gemeinschaft mit Tiroler Wurzeln.
Robert Hochgruber
Schon bald nach der ersten Glaubenstaufe in Zürich im Jahr 1525 - einem deutlichen Signal der neuen Glaubensgemeinschaft - kam es auch in Tirol zur Verfolgung der Anhänger. Kaiser Karl V. bestimmte 1529 in einem Mandat die Todesstrafe für die Täufer. Viele flüchteten in kleinen Gruppen nach Mähren, wo sie wegen ihres Fleißes willkommen waren und in Gütergemeinschaft lebten. 1533 wählten sie den Pustertaler Jakob Huter zu ihrem Vorsteher, der jedoch auf einer Reise in Südtirol (Klausen) gefangen genommen und 1536 in Innsbruck auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
In Mähren erlebten die Hutterersiedlungen eine fast hundertjährige Blütezeit: In rund 100 Kolonien lebten etwa 20.000 Gläubige. 1622 stellte Kaiser Ferdinand II. als König von Böhmen alle Nicht-Katholiken und damit auch die Hutterer vor die Wahl, zum katholischen Glauben überzutreten oder das Land zu verlassen. Damit begann für die hutterische Gemeinde eine lange Wanderschaft. Sie führte zunächst nach Siebenbürgen, wo sie durch den Zuzug von Kärntner Kryptoprotestanten neue Impulse erhielt. Im 18. Jahrhundert folgte die Gemeinde einem Angebot der russischen Zarin Katharina der Großen, die ihnen in neu erschlossenen Siedlungsgebieten in der Ukraine freie Religionsausübung zusicherte. Als die allgemeine Politik der Russifizierung in den 1870er Jahren die hutterische Kultur bedrohte, eröffnete sich in der Auswanderung nach Amerika (1874) der bestmögliche Ausweg. In ihrem neuen Siedlungsgebiet in South Dakota kam es während des Ersten Weltkriegs zu Ausschreitungen gegen die Hutterer, die als Deutschsprachige und Militärdienstverweigerer auf viel Misstrauen stießen. Daraufhin wurde die Auswanderung nach Kanada beschlossen.
Heute gibt es in Kanada und in den USA etwa 465 Hutterer-Kolonien mit je 60 bis 150 Personen, die zumeist noch jene 15 Familiennamen tragen, die von den seinerzeitigen Einwanderern in die „neue Welt“ gebracht wurden und - wenn auch in jüngster Zeit in Konkurrenz zum Englischen - hutterisch, ein dialektal gefärbtes Deutsch, sprechen.
Astrid von Schlachta hat sich in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten mit der Geschichte der Hutterer beschäftigt und bei zahlreichen Besuchen auf verschiedenen Höfen in Kanada und den USA das Leben der heutigen Hutterer kennen gelernt. Das vorliegende Buch bietet einen Streifzug durch die hutterische Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert. Zahlreiche Fotos und Schilderungen von Hutterern zeugen vom Selbstverständnis und vom Überlebenswillen einer kleinen religiösen Minderheit, die vor rund 500 Jahren in Tirol ihren Ausgang nahm.