Sehnsucht
Mein Garten Eden
Viele von Ihnen werden einen Garten Eden kennen, vielleicht nur aus der Kindheit, vielleicht aber kennen Sie noch heute ein Stück Land, das für Sie die Erinnerungen an das Paradies wach hält.
Bei mir ist solch ein Stück Land der Garten meiner Eltern, ein Pfarrgarten in der Mark Brandenburg, in dem ich einen Teil meiner Jugend verbrachte und in den ich später immer wieder gern zurückkehrte. Wir saßen dort im Sommer oft auf einer Terrasse umgeben von wilden Rosensträuchern, die doch den Blick frei ließen auf alte Linden, Birken bis zu einer hohen Hecke, umgeben von einer alten Steinmauer. Hinter der Hecke war die Landschaft erkennbar, das märkische Dorf mit seinen roten Dächern, den Wiesen und dem Schilfgras am Ufer eines der vielen Seen. Da saßen wir oft, wir 6 Geschwister, mit den Eltern oder mit Freunden, später auch mit unseren Liebsten. Es war ein schöner Platz. Da konnte man sich verstehen.
Mein alter Vater war bis zu seinem Ruhestand dort Pfarrer. Hier lebte er und tat in dieser Pfarrei viele Jahre Dienst. Wir Kinder waren hier erwachsen geworden, von hier aufgebrochen und kehrten gelegentlich hierhin zurück mit unseren Kindern, genossen diesen Garten, die lauschigen Plätze, die Schaukel an der riesigen Linde. Ich bin oft durch diesen Garten gegangen nach dem Kaffee oder am Abend, manchmal mit meinem Vater, der mir zeigte, wie er über die Jahre hin diesen Garten angelegt hatte: die Terrassen, die Rosensträucher, die Gemüsebeete, die Schaukel und die Sitzecke, allerlei Obstbäume... Und er zeigte mir, wie das alles auch ein Stück Familiengeschichte bedeutete: "Hier habt ihr euch mit der Schubkarre hin und her geschoben", sagte er dann manchmal zu mir. Oder: "Hier hat deine Tochter Linda Fahrrad fahren gelernt." Oder: "Hier hatte eure Mutter den Küchengarten angelegt." So kann er erzählen, kann uns unterhalten und hin und wieder auch gehörig beeindrucken.
Wenn ich dann, als erwachsener junger Mann wieder in mein eigenes zu Hause fuhr, verabschiedete ich mich noch einmal von diesem schönen Garten, atmete tief ein und aus und genoss für eine lange Weile danach noch das ruhige Atmen.
Unseren alten Pfarrgarten halte ich in guter Erinnerung. In diesem Garten schienen alle Maße zu stimmen. Hier waren Sinn für Schönheit, praktischer Verstand für das Nahrhafte und Nützliche und die Bereitschaft zu harter Arbeit über eine lange Zeit, fast eine kleine Ewigkeit lang zusammengekommen. Der Garten war ein Ort der Arbeit und des Lebens, ein Ort, in dem die Arbeit dem Leben und den vielen kleinen Erlebnissen galt, von denen hier erzählt werden konnte.
Viele hätten gern einen solchen Ort, an dem sich einfach nur leben lässt, ohne dass Nichtstun zum Zwang würde, ein Ort, an dem das Wachsen und Reifen noch geschaut und geschmeckt werden kann. Doch auch wenn viele gerne einen Garten hätten, können nicht alle solch ein Stück Land genießen. Auf jedem Dachgarten jedoch, in Tausenden von Schrebergärten und beim Besuch der öffentlichen Parks wächst und gedeiht die Hoffnung auf ein wenig Garten Eden.
Sicher, bei all diesen Gärten wird neben der Hoffnung auch viel von der Verzweiflung darüber deutlich, dass der Garten Eden uns verschlossen ist. Der Pfarrgarten in der Mark Brandenburg und all die anderen Gärten sind immer auch Wahrzeichen einer Sehnsucht, die nicht zu erfüllen ist.
Der Garten Eden, von dem die Bibel erzählt, ist solch ein Land: von Gott urbar und fruchtbar gemacht, über einen Strom mit der übrigen Welt verbunden. Ein Ort, an dem der Mensch frei atmen und leben soll.
Der Mensch lebt, doch der Garten Eden ist ihm verschlossen und nur noch erinnerbar in Gärten, die viele Menschen sich anlegen wie ihre wahre Heimat. Aber die Sehnsucht nach dem Garten Eden, der verlorenen Heimat, bleibt in allen Gärten.
Der Ort, wo das Atmen wie ein Geschenk erfahren wird, müssen wir uns immer wieder suchen. Wir finden ihn selten und manchmal nur für einen Augenblick. Das bewusste Atmen bleibt ein sicheres Zeichen dafür, dass ich zum Leben notwendig etwas brauche, was mir von außen geschenkt wird. So wie Gott im Garten Eden dem Menschen von seinem Atem gegeben hat.
Meinen alten Pfarrgarten in der Mark Brandenburg gibt es jedenfalls immer noch. In ihm wird inzwischen schon wieder an einer neuen Familiengeschichte geschrieben.
Sebastian Zebe, evangelischer Pfarrer in Bozen
Gemeindebrief Juni – Juli 2005