JESUS VON TEXAS

DBC Pierre

Vernon Gregory („God“) Little lebt in Martirio, Texas, einer öden Kleinstadt, die einzig für ihre Barbecuesaucen bekannt ist. Durch seine Freundschaft zu dem Highschool-Amokläufer Jesus Navarro gerät Vernon in den Verdacht, Mitwisser bei dessen 17-fachen Mord gewesen zu sein. Aus anfänglich vermuteter Mitwisserschaft wird schnell unterstellte Mittäterschaft, so dass sich Vernon gezwungen sieht, sich nach seiner Freilassung auf Kaution nach Mexiko abzusetzen. Die Flucht dauert jedoch nicht lange. Zurück gebracht, wird Vernon in den Vereinigten Staaten ein bizarrer Schauprozess gemacht. In Texas, dem Staat mit der mit Abstand höchsten Exekutionsquote, droht ihm für solch ein Verbrechen natürlich die Todesstrafe. Und es sieht nicht gut aus für Vernon...

Der Autor DBC Pierre, ein gebürtiger Australier, aufgewachsen in Mexiko und heute in Irland lebend, hat selbst 20 Jahre lang ein sein Leben geprägt mit Betrügereien, Schießereien, Schulden, Drogen- und Spielsucht. Nunmehr „dirty but clean“ rechnet Peter Warren Finlay mit der US-amerikanischen Gesellschaft ab: einer Gesellschaft, in der Medienbilder von größerer Wahrhaftigkeit sind als die Realität und in der „Wahrheiten“ zurechtgeschnitten werden, um bequem zu bleiben. Vernons Heimatort mit dem sprechenden Namen „Martirio“ wird zum Schauplatz einer Passion in 5 Akten und 27 Kapiteln. Die dichte Handlung, rasant wie ein Road-Movie, spielt in den wenigen Wochen vor dem 28. März, dem Tag der geplanten Hinrichtung. Der Sündenbock für ein Ereignis, das nicht in das Bild des guten, kleinbürgerlichen Lebens passt, wird wie ein Lamm dem Schlächter (in diesem Fall die mediale Öffentlichkeit, die per TED darüber abstimmen darf, welcher Insasse des Todestraktes zuerst auf die Bahre geschnallt wird ...) vorgeführt.

Sprachlich fasziniert dieser bitterböse Gesellschaftsroman durch die Bandbreite von obszön-deftigen bis hin zu poetischen Passagen. DBC Pierre erhielt 2003 für seinen fulminanten Erstling verdientermaßen den englischen Booker-Preis: „Eine funkelnde schwarze Komödie, die sowohl unser Unbehagen als auch unsere Faszination in Bezug auf das moderne Amerika reflektiert.“ (Booker-Preis-Jury)

Gelesen und empfohlen von Lisa Hammer


Leseprobe (S. 207f)

„Ich richte mich in meinem Sitz auf und versuch mir gerade einzureden, dass alles ganz normal ist, als die Wellen schon heranbranden, Flutwellen des Horrors, die den schönen Traum von eben überschwemmen und durch grelle Bilder von Jesus ersetzen. Er schaut mich nicht an. Abgewandt steht er da und schiebt sich den warmen Lauf in den Mund, umschließt ihn mit seinen Lippen. Milchige Augen sprenkeln den Schulhof wie eine Blumenwiese; erschrocken fliegen Blicke umher, werden müde und erlöschen. Abgehackte Atemstöße, Husten und Würgen, das Zischen von verzweifelt gerinnendem Blut, schwerwiegende letzte Botschaften, die niemand hört. Dann der Schuss. Mr. Nuckles, der Lehrer, ist auch da, sein Gesicht ist benetzt von Bläschen jungen Blutes. Die Erinnerung ist zurückgekehrt. Und dann schießen mir die Tränen nur so aus den Augen, Tränen für die Gefallenen, für Max Lechuga, Lori Donner und all die anderen. Ich bin erledigt, das weiß ich – für den Rest der Fahrt sowieso und vielleicht für den Rest des Lebens. Sie haben sich meinen Schwanz gegriffen und mich ans größte verfügbare Kreuz genagelt. Wie können sie nur glauben, dass ich das war? Doch ich kenne die Antwort: Ausgeschert aus der Meute bin ich, hab´s gewagt, mit dem Underdog rumzuziehen, und jetzt bin ich selber der Underdog, und alles, was ich jemals gesagt oder getan hab, hat einen finsteren Anstrich erhalten. Zum ersten Mal kann ich verstehen.“

DBC Pierre: Jesus von Texas („Vernon God Little“,
Deutsch von Karsten Kredel), Aufbau Taschenbuch Verlag 2150,
383 Seiten, ca. 9 Euro