„Mutter unser im Himmel“

Die weibliche Seite Gottes entdecken

Wir vom Vorstand der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche haben zum internationalen Tag der Frau am 8. März eingeladen, die weibliche Seite Gottes zu betonen. Gott kann und soll nicht nur als Vater, sondern auch als Mutter angesprochen werden. Männern und Frauen würde es gut tun, weibliche Erscheinungsformen und Eigenschaften an Gott zu entdecken. Auch in der Bibel selbst werden eine Reihe weiblicher Bilder für Gott verwendet. Diese Sichtweise ermöglicht eine neue, vielfältige Gottesbegegnung.

Wird Gott als Vater und als Mutter angesprochen, betont das die Gleichwertigkeit von Männern und Frauen. Gott auch als Mutter zu verstehen, ist deshalb angebracht, weil Sprache immer Ausdruck der gesellschaftlichen und kirchlichen Grundhaltung ist. Durch die einseitige Betonung des Bildes von Gott als Vater wird die patriarchalische Tradition in der Kirche fortgesetzt. Dadurch wird den Frauen wenig Spielraum und Mitentscheidung gegeben, ja, oft wird diese Tradition als Legitimation für den Machtanspruch der Männer in der Kirche herangezogen.

Wir sind uns bewusst, dass Gott weder im Bild des Vaters noch im Bild der Mutter vollständig erfasst werden kann. Gott als Vater und als Mutter zu verstehen, bleiben unzureichende Umschreibungen eines umfassenden Gottesbildes.

Begründungen aus der Sicht der Bibel und einiger Päpste

Im Schöpfungsbericht werden Mann und Frau als Ebenbilder Gottes bezeichnet. Der Prophet Hosea hat Gott als liebevoll sorgende Mutter dargestellt. Auch beim Propheten Jesaja gibt es entsprechende Stellen. Ebenso ist im Hebräischen der Begriff „Geist“ weiblich. Die Weisheit wird als weibliche Erscheinungsform Gottes bezeichnet. Diese Bilder verdeutlichen, dass die Menschen im Alten Testament sehr wohl weibliche Züge am Gottesbild erkannt und verehrt haben. Jesus verhielt sich gegenüber Frauen sehr wohlwollend und offen. Auch befanden sich Frauen in seiner Nachfolge und waren die ersten, die ihn als Auferstandenen erlebten und bezeugten. Papst Johannes Paul I. hat es so zum Ausdruck gebracht: „Mehr als Vater ist Gott Mutter“. Sein Nachfolger Johannes Paul II. betonte, Gott vereinige in sich auch „Eigenschaften, die üblicherweise der mütterlichen Liebe zugeordnet werden“.


Lob einer Mutter

Meine Mutter war für meinen Lebenslauf bedeutender, als es für mich Maria, die Mutter Jesu, war. Nicht nur weil sie mir physisch und geistig näher stand, sondern auch weil sie schon mit dem Geiste Jesu Vertraut war, ehe ich zur Vernunft kam, während die Mutter Jesu erst nach und nach vom ihrem Sohn eingeführt werden musste.

„Kinder“ war ihr Spruch „wegen der Leute tue ich nichts, und wegen der Leute unterlasse ich nichts. Ihr habt euer Gewissen“. Wie bei Jesus nahm bei ihr dieses Wort auch Fleisch an. Das wurde mir bewusst, als ich einen Schritt tat, von dem ich wusste, er würde ihr wie ein Schwert durchs Herz gehen. Ich musste ihr mitteilen, dass ich aus dem Priester- und Ordenstand aussteige. Es kam zurück, wie ich erwartete: „Franz, ich vertraue dir. Du wirst schon wissen, was du tust.”

Ich komme zurück auf den ersten Satz, der mancher und manchem zu viel war. Maria, die Mutter Jesu, musste erst von ihrem Sohn lernen. Das sehen wir bei der Auffindung des verlorenen Zwölfjährigen (Lu 2,48-49), bei der Hochzeit zu Kanaan (Joh 2,3b- 4), .bei der ersten Seligpreisung Marias durch eine Frau (Lk 11,27-28), als Maria und seine Geschwister ihn heimholen wollten (Mt 12,46-50). Und wie sie gelernt hat!

Dabei tut das der Größe der Mutter Jesu keinen Abbruch. Sie ist ihrem Sohn gefolgt bis an den Galgen des Kreuzes. – Ich bin mir völlig sicher: Meine Mutter hätte dort auch gestanden. Glücklich, wer solche Mütter hat, denn „wo der Geist des Herrn wohnt, da ist Freiheit“.

Franz Wieser, Lima