Was falsch ist und was stimmt

Buch „Sakrileg“ unter bibelwissenschaftlicher Analyse

Halten Dan Browns Thesen im Roman „Sakrileg“ einer wissenschaftlichen Prüfung stand? Professorin Silvia Schroer (46) ist Bibel-Wissenschafterin an der Universität Bern. Sie erklärt in der Schweizer Tageszeitung BLICK, wo Dan Brown Recht hat, wo er irrt - und welche Fragen offen bleiben.

„Dan Browns Buch ist ein Thriller, kein Geschichtsbuch. Der Autor ist sorgfältig mit den historischen Quellen umgegangen. aber er geht in einigen Punkten über das Beweisbare und Wahrscheinliche hinaus. Hier beginnt die Fiktion, über die man nicht sagen kann, dass sie richtig oder falsch ist, sondern nur, obs sie plausibel ist oder nicht.

Als historisch nicht zutreffend beurteile ich:

  1. Nach Brown waren Jesus und Maria Magdalena verheiratet und hatten eine Tochter. Dafür gibt es keinerlei Beweise.
  2. Jesus war laut Brown der erste Feminist. Das ist sicher falsch. Im Judentum zurzeit Jesu und auch schon vorher gab es verschiedene. einander widerstreitende Ansichten zur Stellung der Frauen.
  3. Die Verdrängung der Sexualität und des Weiblichen aus der christlichen Religion sowie die Auslöschung der Frau an der Seite Jesu ist nach Dan Brown das Resultat von Intrigen, Verschwörungen und Machenschaften bestimmter Gruppen innerhalb der Kirche - zum Beispiel des Opus Dei. Diese Ansicht ist eine geschichtliche Verharmlosung. Die Verschwörung gegen das weibliche und gegen die Autorität von Frauen geht weit über solche Stoßtrupps hinaus - und sie heißt: Patriarchat. Nicht die Machenschaften von Geheimbünden, sondern die Normalität der Frauenfeindlichkeit in großen Teilen der kirchlichen Tradition sollte uns erschrecken.

Völlig zutreffend ist:

  1. Jesus und Maria Magdalena hatten eine besondere, wahrscheinlich auch erotische Beziehung. Dass Maria die wichtigste Jüngerin Jesu war, geht aus allen Evangelien hervor. Das Johannesevangelium (Joh 20) bringt literaturgeschichtlich nachweisbare erotische Töne ein, wenn sich Jesus und Maria in der berühmten Gartenszene wie Liebende suchen, gegenseitig beim Namen rufen und finden. Die außerbiblischen Texte (alle - auch das Maria-Evangelium - sind in Fachbibliotheken ohne weiteres zugänglich) unterstreichen weniger die Erotik als die Autorität und den Führungsanspruch der Maria Magdalena.
  2. Maria Magdalena war die wichtigste Jüngerin Jesu, die Erstzeugin seiner Auferstehung, die Apostelin der Apostel. Deshalb ist es der wohl größte Skandal der Kirchengeschichte, dass sie trotz der eindeutigen Quellenlage schon früh aus ihrer Position verdrängt wurde. Und dass die gesamte Autorität, auf die sich die Kirche gründen wollte, an die viel weniger überzeugende Figur des Petrus gebunden wurde. Das patriarchale Räderwerk hat aus Maria eine Sünderin und Hure gemacht.

Umstritten ist:

  1. Wollte Leonardo da Vinci in seiner Darstellung des Letzten Abendmahls an Jesu Seite Maria darstellen und einen Hinweis auf den heiligen Gral geben?
  2. Haben die Templer, die Meister mittelalterlicher Dombauten, die Prieuré de Sion und ihre Großmeister tatsächlich allesamt die Rehabilitierung eines Kultes der Weiblichkeit angestrebt? Das ist eine sehr gewagte Behauptung.“

Blick, Schweizer Tageszeitung, 24.03.2005, S. 19.


„Liebe Schwestern, (und Brüder) vergesst nicht, neben dem Lernen, dem Arbeiten und Kämpfen, der Wut und der Geduld, das Billardspiel zu lernen. Oder greift zur Gitarre, Laute, Flöte, lernt das Kochen neu, nicht als Pflicht, sondern als schmatzigen, schmausigen Spaß. Denkt euch Witze aus, lernt erneut den Himmel sehen, das Jauchzen beim Tanzen, das laute Rufen, das Miteinander; übt euch im Lieben, nur so werden wir, altersschwer und grau dann, sagen können: Ich bin lebenssatt.“

Anne Thüme