Kann Gott geändert werden?

Wie ein Computer Theologie betreibt

Unter den Texten, die ich für den Religionsunterricht in meinem Computer gespeichert habe, befand sich eine Datei mit Texten zu einer Unterrichtseinheit „Gottesglaube-Atheismus“. Im neuen Lehrplan für die gymnasiale Oberstufe heißt diese Unterrichteinheit nun schlicht „Gott“. Diese Umbenennung hatte ungeahnte Folgen.

Nach den jüngsten Texteingaben in „Gott“ will ich die Datei wieder schließen. Dabei entspinnt sich ein tiefsinniger Dialog mit meinem Computer.

Er fragt mich: „Möchten Sie die Änderungen in Gott speichern?“ (Mein Computer redet mich immer respektvoll mit „Sie“ an). Tapfer antworte ich „Ja“ - den Gedanken an die „Wandlungen Gottes“ im Hinterkopf. Der Computer erwidert: „Gott kann nicht geändert werden, Gott ist schreibgeschützt.“ Gott ist also schreibgeschützt.

Ich weiß, was in diesem Fall zu tun ist. Man muss nach den Eigenschaften Gottes suchen. Ich klicke also , dann und erfahre, dass Gott folgende Eigenschaften habe: Gott sei eine Microsoft-Word-Datei. Er sei tatsächlich schreibgeschützt, aber man könne den Schreibschutz auch aufheben, ihn also veränderbar machen, was ich auch tue. Außerdem verrät mir mein Computer, wo Gott zu finden sei, nämlich auf der Festplatte D. Mein Computer sagt mir auch, dass er eine Statistik über Gott führe. Die will ich sehen und erfahre: Gott besteht aus 76.863 Wörtern. Das kommt mir angemessen vor; es ist etwas weniger als „die heilige Tora“, die aus 119.985 Wörtern besteht (wie ich ebenfalls von meinem Computer erfahre). Des Weiteren beanspruche Gott 895 KB Raum.

Eine weitere Eigenschaft Gottes sei, dass man Gott auch ins Archiv aufnehmen könne, was sich sehr beruhigend anhört und was ich auch veranlasse. Außerdem könne man, wenn man wolle, Gott auch verbergen, so dass in meinem Computer außer mir niemand mehr Gott finden könne. Einerseits wäre das dem „Deus absconditus“ durchaus angemessen, aber wenn ich dies täte, wäre das vermessen. Also lasse ich es bleiben. Der Computer bietet mir auch an, Gott mit einem Passwort zu schützen, so dass niemand zu ihm Zutritt hätte außer mir. Auch diese Vermessenheit lasse ich lieber bleiben.

Ich weiß nicht, welche falsche Taste ich jetzt gedrückt habe. Jedenfalls teilt mir mein Computer mit, dass er die soeben geschehene Anwendung Gottes für ungültig halte und sie deshalb geschlossen habe.

Ich hätte, sagt er mir vorwurfsvoll, einen schweren Ausnahmefehler begangen. Es ist also endgültig geschehen: Gott ist abgestürzt. Der Bildschirm wird grün. Ob Gott noch zu retten ist? Ich starte erneut, voll banger Hoffnung. Manchmal geschieht das Wunder. Und tatsächlich: Gott erscheint! Nichts ist verloren gegangen, und mein Computer meldet beruhigend: Gott wiederhergestellt! Jetzt darf Gott nicht mehr verloren gehen, also muss er sofort gespeichert werden. Ich versuche also „Gott (wiederhergestellt)“ unter „Gott“ zu speichern. Aber da hat mein Computer offensichtlich theologische Bedenken und meint: „Gott existiert bereits. Wollen Sie Gott, erstellt am 14. September 1998, durch Gott, zuletzt geändert am 17. Juni 2002, ersetzen?“ Es hat mich tief getroffen. Ich denke nach: Darf man Gott durch eine geänderte Fassung seiner selbst ersetzen? Das ist eine ganz schwere Frage. Ich fälle schließlich die schwere Entscheidung, zuerst die alte Datei zu entfernen. Also gebe ich meinem Computer den blasphemischen Befehl, Gott zu löschen. Mein Computer wehrt sich ein letztes Mal und fragt resignierend: „Soll Gott wirklich in den Papierkorb verschoben werden?“ Es ist mir nicht wohl dabei, aber dann tu ich es. Denn ich weiß: Wenn Gott im Papierkorb ist, dann ist er immer noch ein bisschen da. Mein Computer bewahrt ihn dort so lange für mich auf, bis ich ihn wiederhaben will. Nur eines darf ich nicht tun: den Papierkorb leeren. Dass mein Computer heimlich Theologie treibt, dessen bin ich mir seit diesem Erlebnis sicher. Kann er womöglich auch glauben?

Gerhard Zeller