Meilenstein und Reformstau
40 Jahre II. Vatikanisches Konzil
Ein Meilenstein der Kirchengeschichte – brisant und politisch – wurde vor genau 40 Jahren gesetzt. Am 8. Dezember 1965 hat Papst Paul VI. – nach einer Gesamtdauer von mehr als drei Jahren - das Zweite Vatikanische Konzil feierlich beendet. In vier Sitzungsperioden haben mehr als 2500 Kardinäle, Bischöfe und Patriarchen aus rund 130 Nationen die römisch-katholische Kirche in eine neue Ära geführt. Diese erste wirklich weltweite katholische Kirchenversammlung sollte der Kirche neue Impulse geben und ihr helfen, ihre defensive Haltung gegenüber der Gesellschaft abzulegen. „Aggiornamento“, also „Verheutigung“ war die Devise, geprägt von Papst Johannes XXIII., der das Konzil überraschend einberufen hatte. Als Konzilsstenograph konnte der damals junge Priester und heutige Weihbischof von Wien, Helmut Krätzl den Beginn der großen Versammlung miterleben. In einem ORIENTIERUNG-Beitrag ließ Krätzl Erinnerungen an historische Momente Revue passieren – und verwies, auch mit Kritik an derzeitigen Entwicklungen, auf die bleibenden Herausforderungen dieses Konzils, ebenso wie auf die uneingelösten Fragen.
Helmut Krätzl: Ich glaube, es hat diesem alten Papst – er war 78 Jahre – vorgeschwebt, die Kirche nach innen so zu erneuern, dass sie nach außen den neuen Herausforderungen einer aufziehenden Moderne gewachsen ist. Die alte Lehre, die im Wesentlichen gleich bleibt, sollte verheutigt werden, in der Sprache, aber auch in Strukturen und im ganzen Zeugnis der Kirche für die moderne Welt, die eben schon ganz anders zu denken begonnen hat.
Orientierung: In den folgenden Sitzungsperioden formten die Konzilsväter ein neues Gesicht der römisch katholischen Kirche. Keine Priesterkirche allein, sondern eine Kirche aller Getauften hatten sie jetzt vor Augen. Laien sollten daher Mitverantwortung tragen. Grundlegend reformierten sie die Liturgie und sprachen ein deutliches Ja zur Ökumene. Der Naturwissenschaft wollte die Kirche nicht länger ablehnend gegenüberstehen. Auch der Dialog mit anderen Religionen wurde mit dem Konzil eröffnet. Mit dem Thema Religionsfreiheit beschäftigte sich ein eigenes Konzilsdokument.
Krätzl: Das Konzil wird einerseits auch von anderen Religionen und Kirchen durchaus positiv gesehen. Andererseits ist die Religionsfreiheit nicht ein Urteil über die Wahrheit, sondern der große Respekt vor der Überzeugung des Anderen. Und das ist doch heute so wichtig in einer Gesellschaft, die z.B. Angst hat vor der Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen.
Orientierung: Auch die Kirche bekam es mit der Angst zu tun. Angst vor der eigenen Courage. Die gesellschaftlichen Veränderungen jedenfalls, die mit dem Aufkommen der 1968er Bewegung einhergingen, empfanden jene Kirchenmänner als Bestätigung, die schon früher gewarnt hatten, die Öffnung der Kirche sei auch eine Gefahr. Und so wurden Reformen im Keim erstickt, Schritt für Schritt zurückgenommen oder deutlich gebremst.
Krätzl: Das Konzil wollte doch die größere Selbständigkeit der Kirchen am Ort, der Ortskirchen, die größere Kollegialität der Bischöfe mit dem Papst, d.h. eine Dezentralisierung. Aus Angst um die Einheit sind wir heute in einer Situation der Zentralisierung, wie es fast noch nie gewesen ist, natürlich auch unterstützt durch die vielen Kommunikationsmöglichkeiten. Das Konzil hat das gemeinsame Priestertum ausgerufen. Lange Zeit war das wie eine protestantische theologische Ausdrucksweise. D.h., dass die Kirche eben das Volk Gottes ist, wo wir zunächst alle gleich sind durch Taufe und Firmung. Und in diesem Volk Gottes gibt es dann verschiedene Aufgaben, Ämter, Dienste und auch die Weihe, die unverzichtbar ist. Aber die Spannung zwischen den Laien und den Priestern ist in der letzten Zeit eher größer geworden. Ich bedauere, dass man dieses große Reservoir der hoch gebildeten theologischen Laien gerade in Europa in den deutschsprachigen Ländern nicht nutzt, sondern ihnen eher sagt, was sie nicht dürfen und ihnen den Dienst in der Welt draußen, den sie auch haben, immer wieder anbietet, aber zu wenig ihre selbständige Mitverantwortung in der Kirche betont. Diese Mitverantwortung muss sich auch ausdrücken in Gremien. Natürlich gab es eine gewisse übertriebene Gremielitis und überall wurden Ausschüsse und Gremien eingesetzt. Das war zu viel. Aber auf der anderen Seite sie heute abschaffen wollen oder sagen, die Zeit der Gremien ist vorbei, ist falsch. Die Laien müssen mitverantworten. Da muss es auch Institutionen geben. Auf höchster Ebene ist das etwa mit der Bischofssynode in Rom so. Durch sie ist gedacht gewesen, dass der Weltepiskopat zu wichtigen Fragen von Zeit zu Zeit seine Meinung abgibt. Leider musste man feststellen, dass die Bischofssynode bis heute eigentlich nicht sehr fruchtbar war, sondern eher nachher das nachsynodale Schreiben den Status Quo festgeschrieben hat. Allerdings haben wir Hoffnungen, da der jetzige Papst selber schon Andeutungen gemacht hat, er wolle die Bischofssynode wieder verändern, damit sie wieder lebendiger wird. Das waren alles Dinge, bis hin auch zum ganz wichtigen Wort von der verantworteten Elternschaft, die das Konzil ausgerufen hat. Wir haben noch zu wenig getan, um Eltern und auch junge Leute zu einer sehr persönlichen Verantwortung im Hinblick auf Partnerschaft und Sexualität zu bringen und dabei zu früh wieder begonnen, durch sehr kasuistische und enge Regeln eigentlich diese Verantwortung einzuengen.
Auf dem Weg zur Übergabe der Unterschriftenanzahl aus den Kirchenvolksbegehren - Vatikan 1996 |
Orientierung: Auch der heiligen Liturgie wurde beim II: Vatikanischen Konzil ein eigenes Dokument gewidmet. Als Gipfel, Quelle und Mittelpunkt allen kirchlichen Lebens beschreibt das Konzil die Liturgie. Doch gerade die regelmäßige Messfeier, das Sakrament der Eucharistie, ist heute in Zeiten des Priestermangels nicht mehr überall gewährleistet.
Krätzl: Um nicht die Sakramente zu vernachlässigen, müsste man nachdenken über neue Zugänge zum Priesteramt, um jetzt den Gemeinden diese notwendige Quelle ihres eigentlichen spirituellen Lebens wieder zu bieten.
Orientierung: Meinen Sie damit, dass man den Pflichtzölibat fallen lassen könnte?
Krätzl: Natürlich wäre das eine Möglichkeit. Wahrscheinlich wird der nächste Schritt sein, dass die so genannten Viri Probati - das sind Männer, die glauben und auch in der Ehe bewährt sind – geweiht werden könnten. Ich glaube, dass es in diese Richtung gehen sollte. Noch einmal. Die Ehelosigkeit als Lebensform ist sicher immer hoch zu halten, aber die Verpflichtung müsste nicht so eng sein.
Orientierung: Das II. Vatikanische Konzil hat der röm. kath. Kirche einen bleibenden Auftrag hinterlassen, die Zeichen der jeweiligen Zeit zu erkennen, immer im Dialog mit der Gesellschaft zu bleiben und die christliche Botschaft für diese Gesellschaft immer wieder neu zu buchstabieren.
Krätzl: Ich würde mir wünschen, dass etwas von dieser Aufbruchstimmung wieder kommt die nach dem Konzil war. Es war manches zu enthusiastisch und auch übertrieben, aber die Grundstimmung, diese positive Grundstimmung, dass wir für die Welt da sind und auch etwas zu bieten haben, würde ich mir wünschen. Ich fürchte, dass da und dort ein bisschen Angst vor dieser Welt wieder größer wird und man sich eher zurückzieht in kleine Kreise, wo man froh sein Christentum lebt, aber die Auseinandersetzung mit der Welt, die oft schwierig ist, meidet.
Orientierung: „L’aggiornamento“ lässt also immer noch auf sich warten.
Bericht: Barbara Krenn
Orientierung, ORF 2, 11.12.2005