Homosexuelle Priester protestieren gegen Vatikan
Eine Gruppe aus zirka 50 Priestern mit homosexuellen Tendenzen hat in einem offenen Brief an den Vatikan gegen das umstrittene Dokument über homosexuelle Priesteramtskandidaten protestiert.
In dem Brief an den Präfekten der Kongregation für katholische Bildung, Kardinal Zenon Grocholewski, betonten die Priester, dass ihre homosexuellen Tendenzen sie nicht daran gehindert hätten, „gute Priester zu sein“. „Wir fühlen uns als verlassene und nicht geliebte Kinder der Kirche“, schrieben die Priester, die sich zur Anonymität gezwungen erklärten.
Homosexualität ist nicht Pädophilie
„Homosexuelle Tendenzen zu haben, bedeutet keineswegs pädophil zu sein. Auch nur die Idee, gelegentlich für Pädophile gehalten zu werden, ist für uns unerträglich“, heißt es im Brief. Homosexualität führe keineswegs zu verzerrten Beziehungen zu Männern und Frauen. „Homosexuelle Priester haben keine größere Schwierigkeiten als heterosexuelle Priester, ihre Keuschheit zu leben“, hieß es.
Vatikanische Instruktion
Das im November veröffentlichte Dokument mit dem Titel „Instruktion zu den Kriterien zur Unterscheidung von Berufungen bei Personen mit homosexuellen Tendenzen hinsichtlich ihrer Zulassung zum Seminar und zu Weiheämtern“ enthält Richtlinien für die Zulassung Homosexueller zur Priesterweihe. Die Kirche könne „jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen, die Homosexualität praktizieren, Tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine so genannte homosexuelle Kultur unterstützen“, heißt es in dem achtseitigen Papier. Männer mit homosexuellen Tendenzen, die nicht seit mindestens drei Jahren keusch leben, sollen dem Dokument zufolge künftig nicht mehr zu Priestern geweiht werden. Das Dokument löste weltweit scharfe Reaktionen aus.
ORF News, 15.12.2005
Drewermann verlässt katholische Kirche
Der prominente Kirchenkritiker Eugen Drewermann ist nach langjährigem Streit aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten.
Der Theologe und suspendierte Priester sagte am Dienstagabend in der ARD- Sendung „Menschen bei Maischberger“, er habe sich damit an seinem 65. Geburtstag (20. Juni 2005) „ein Geschenk der Freiheit an mich selber“ gemacht. Im Streit um Drewermanns umstrittene Ansichten über die römische Amtskirche war ihm im Oktober 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden. Anfang 1992 verhängte der damalige Paderborner Erzbischof Joachim Degenhardt ein Predigtverbot gegen Drewermann, auch die Ausübung des Priesteramtes wurde ihm untersagt.
Der 65-Jährige sagte in der ARD-Sendung: „Ich habe geglaubt, ich könnte in der katholischen Kirche Interpretationsbrücken schaffen, von der Botschaft Jesu zu der Not der Menschen hin. Daran leide ich nach wie vor, dass die katholische Kirche dies im Grunde verweigert.“ Der Papst-Kritiker wirft der Kirche vor, die Botschaft Gottes zerredet und ihrer Gefühls- und Symbolkraft beraubt zu haben. In zahlreichen Büchern habe er dargelegt, dass es nicht auf die Konfession ankomme, „sondern was für ein Mensch man ist“, sagte Drewermann. Zugleich betonte er, sein Schritt bedeute keinesfalls ein Abwenden vom Glauben.
Der Psychotherapeut und erfolgreiche Buchautor (mehr als 60 Veröffentlichungen), der auch das Pflichtzölibat als schädlich für die Priester angeprangert hat, hielt bis zum Verbot Vorlesungen über Religionsgeschichte und Dogmatik an der katholischen theologischen Fakultät in Paderborn. Auch zur Wahl von Papst Benedikt XVI. hat er sich kritisch geäußert.
Drewermann ist aber auch politisch engagiert. U.a. hat er wiederholt scharfe Kritik an der US-Politik im Allgemeinen und den Irak-Krieg im Besonderen geübt. Der Theologe und Psychotherapeut spricht sich dafür aus, den Krieg generell als Mittel der Politik zu ächten. Den US-amerikanischen Präsidenten George Bush analysiert Drewermann so: Getrieben von Versager-Komplexen, gestärkt vom fundamentalistischen Gotteswahn.
Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ bezeichnete Drewermanns Schritt als Verlust. „Unserer Kirche wird der wache und kritische Geist dieses Theologen fehlen“, sagte Christian Weisner von „Wir sind Kirche“ in Deutschland. Die katholische Kirche verliere immer mehr an Glaubwürdigkeit und Zukunftsfähigkeit, wenn kritische Menschen keinen Platz mehr in ihr hätten.
ORF News, 14.12.2005