Zweite Enzyklika gewünscht
Prof. Hans Küng zur ersten Enzyklika des Papstes
„Viele Katholiken sind bestimmt froh, dass die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. kein Manifest des Kulturpessimismus oder leibfeindlicher kirchlicher Sexualmoral ist, sondern sich einem zentralen theologischen und anthropologischen Thema widmet. Das meiste was in diesem respektablen, solide und differenziert gearbeiteten Dokument über die Liebe gesagt wird, müsste für Christinnen und Christen selbstverständlich sein. Papst Ratzinger bietet in sachlichem Stil solide theologische Kost über Eros und Agape, Amor und Caritas und hütet sich, falsche Gegensätze aufzubauen. Ein gutes Signal, das ich begrüße.
Doch hat die Enzyklika Grenzen: Ich wünschte uns eine zweite Enzyklika: nicht über die Liebe Gottes und Jesu Christi und über das karitative Handeln der Kirche und ihrer Organisationen, sondern über Strukturen der Gerechtigkeit in der institutionellen Kirche selber und den liebevollen Umgang mit allen verschiedenen Gruppen: mit den Frauen und Männern, die Verhütungsmittel gebrauchen, mit den Geschiedenen und wieder Verheirateten, mit den wegen des Zölibats ausgeschiedenen Priestern, mit den kritischen Stimmen in der Kirche, mit den protestantischen und anglikanischen Amtsträgern, denen man die Gültigkeit ihrer Abendmahlsfeiern abspricht.
Joseph Ratzinger würde ein großer Papst, wenn er aus seinen richtigen und wichtigen Worten über die Liebe mutige Konsequenzen für die kirchlichen Strukturen und juristischen Regelungen folgen ließe. Zu wünschen wäre neben der römischen Glaubenskongregation eine römische Liebeskongregation, die jeden Erlass der Kurie überprüft, ob er der christlichen Liebe entspricht.
Hans Küng, Tübingen, 25.1.2006
Abbé Pierre, Paris
zu Sexualität, Zölibat, Frauenpriestertum und Homosexualität
Der legendäre Armenpriester Abbé Pierre, mit 93 Jahren immer noch einer der beliebtesten Franzosen, hat einst selbst „gelegentlich“ dem fleischlichen Verlangen nachgegeben und Sex gehabt...
Dies berichtet der Gründer der Emmaus-Bewegung in seinem neuesten Buch „Mon Dieu... pourquoi?“ („Mein Gott...warum?“). Darin spricht Abbé Pierre sich zudem für Priesterweihen von verheirateten Männern und von Frauen aus und äußert Verständnis für den Kinderwunsch von Homosexuellen.
Sein Leben Gott zu widmen, mindere die „Kraft des Verlangens“ nicht, betonte der Abbé in dem gemeinsam mit dem Soziologen Frédéric Lenoir verfassten Buch. Er selbst habe „gelegentlich nachgegeben“, aber „niemals eine regelmäßige Liaison unterhalten, weil ich das sexuelle Verlangen keine Wurzeln schlagen ließ“.
Er selbst kenne aber katholische Geistliche, die mit Frauen lebten und „weiterhin gute Priester“ seien, schrieb Abbé Pierre. Für die Pflicht zur Ehelosigkeit zeigte er kein Verständnis: Während in den mit Rom vereinten katholischen Ostkirchen - also etwa bei den Maroniten im Libanon oder den Kopten in Ägypten - seit Jahrhunderten auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden könnten, habe Papst Johannes Paul II. dies für die eigentliche römisch-katholische Kirche abgelehnt, „und ich verstehe nicht recht, warum“. Eine Aufhebung des Pflichtzölibats würde sicher einen Teil des Priestermangels lösen, erklärte der Abbé; er sei zudem sicher, dass auch dann noch immer genauso viele Geistliche freiwillig in Keuschheit leben wollten.
Im Streit um die Priesterweihe von Frauen griff Abbé Pierre indirekt Johannes Pauls Nachfolger Benedikt XVI. an: Er habe „noch kein einziges entscheidendes theologisches Argument dafür vernommen, dass der Zugang von Frauen zum Priesteramt gegen den Glauben verstoßen würde“. Josef Ratzinger, der langjährige oberste Hüter der katholischen Lehre und heutige Papst, lehnt die Idee weiblicher Priester ab. Abbé Pierre sprach sich auch grundsätzlich für Homosexuelle als Eltern aus, sofern nicht nachgewiesen sei, dass die betroffenen Kinder psychologische oder soziale Nachteile erlitten. Jedermann wisse indes, dass auch ein klassisches Elternmodell „nicht unbedingt ein Garant für das Glück und das Gleichgewicht des Kindes ist“.
Aus der französischen Zeitschrift EXPRESS, September 2005
„Sich nicht im Heiligen irren“
Angesichts des Leidens und des Todes, des Bösen, des Krieges und der Naturkatastrophen wird der Mensch aus der Fassung gebracht. Er versteht das nicht; das Leben hat keinen Sinn mehr; die Welt gerät aus den Fugen. Er empfindet das Bedürfnis, sich einer höheren Macht anzuvertrauen, die einschreiten und diese chaotischen Zustände ändern kann. Wie kann man sich ihre Gunst und ihren Schutz sichern? Durch Geschenke, Opfergaben, Riten, die das Schicksal beschwören sollen. Man zündet Kerzen an, verrichtet Gebete, verehrt Bildnisse, trägt Medaillen, bringt Opfer dar, geht auf Pilgerschaft... Auf diese Art tritt man mit dem Göttlichen in Verbindung, und die Orte, an die man sich zu diesem Zweck begibt, die verwendeten Zeichen und Gegenstände werden selbst geheiligt, werden sakral. Das intuitive Gefühl, dass der Mensch nicht das höchste Wesen ist, dass etwas oder jemand ihn weit überragt, war und ist weit verbreitet. Es ist der Ursprung der Religionen. Die Religion verbindet den Menschen mit dem Heiligen.
Hinter diesen Praktiken versteckt sich oft der Wunsch, den göttlichen Willen seinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen gefügig zu machen – ein Markten also: Ich gebe dir dies, und du tust für mich das. Irren wir uns also nicht im Heiligen. Unsere Gesten, Zeichen und Riten haben nur einen Zweck: uns unablässig in Erinnerung zu rufen, dass wir für eine bessere Zukunft der Menschheit arbeiten sollen. Gottes heiliges Antlitz scheint in den Gesichtern unserer Schwestern und Brüder auf. Es ist an uns, etwas zu unternehmen, damit Krankheiten eingedämmt werden, an uns, den Sterbenden Trost zu spenden, gegen das Böse zu kämpfen, in erster Linie in uns selbst und dann um uns herum, damit die Übergriffe auf das Leben und auf die Würde des Menschen aufhören. Es liegt an uns, uns dafür einzusetzen, dass der Planet Erde für kommende Generationen erhalten bleibt, und katastrophalen Entwicklungen vermehrt vorzubeugen. Eine gewaltige Aufgabe – ein heiliges Unterfangen!
Jacques Gaillot, Alice Gombault, Pierre de Locht, Ein Katechismus, der Freiheit atmet, Edition K. Haller