Echte Demokratie - Echter Dialog

Auf der Serles stimmten sich Luis und Konrad Kaserer auf die Feierlichkeiten zum Priesterjubiläum ein.

Viel Beachtung hat der erste Teil des Interviews (Impulse 2/2005) zum Priesterjubiläum der verheirateten Priester Konrad und Luis Kaserer aus Afing hat gefunden und zum Nachdenken angeregt. Sie haben erzählt, wie sie ihr Priesterjubiläum mit der Familie, Verwandten und Freunden bei einer Eucharistiefeier unter offenem Himmel begangen haben und welche Reaktionen es darauf gegeben hat – zustimmende und ablehnende. Sie haben ihre Motive dargelegt, warum sie sich nach wie vor als Priester verstehen.

Hier der zweite Teil, in dem Luis und Konrad darlegen, wie sie ihre priesterlichen Dienst derzeit ausüben, wie sie die Situation der Kirche in den Niederlanden und den USA einschätzen, was sie sich von Papst Benedikt XVI. wünschen und wie die Kirche der Zukunft aussehen dürfte.

Ihr versteht euch nach wie vor als Priester. Wie übt ihr derzeit eure priesterliche Funktion aus?

Luis: Ich arbeite als katholischer Seelsorger in einem Pflegeheim. Der Bischof hat mir dazu die Erlaubnis gegeben. Ich spende, wenn man mich fragt gerne und oft die Krankensalbung. Mit den anderen Sakramenten halte ich mich am Schriftwort: Wenn jemand um Brot fragt, gibt man ihm doch keinen Stein. Ich bin in dieser Frage hier aber auch etwas  zurückhaltend, weil ich ja meinem Bischof und auch mir selber keinen Ärger besorgen will. Es ist ein glücklicher Umstand, dass ich auf der Lohnliste vom Pflegeheim und nicht von der Kirche stehe. Das hat hier Vorteile für mich und auch für den Bischof.

Konrad: Liebe findet immer einen Weg. Nach meiner Heirat sah ich viele Wege zum üblichen Priestertum versperrt. Aber immer wieder kamen Leute zu mir, und baten um priesterliche Hilfe. Besonders jene, die aus irgendeinem Grund zur offiziellen Kirche keinen Zugang fanden. So sah ich meine Berufung am Rande der Kirche als Einladung für viele andere die sich an den Rand gedrückt fühlen.

Ich begann mein Studium der Psychotherapie (= Seelsorge), und fand dabei sehr viel Freude und Erfolg. Ich eröffnete 1999 meine eigene Praxis, wo ich dann besonders Sexualverbrechern eine Hilfe wurde auf ihrem Weg zur inneren Heilung. So sehr mir diese Arbeit auch gefällt, so drängt es mich doch immer wieder, vollzeitig im Dienste einer Glaubensgemeinschaft zu sein. Unity of Flagstaff ist eine solche lebendige Gemeinschaft, die mich und meine Familie mit freudiger Begeisterung aufnahm. Sie wissen meinen geistigen Dienst unter ihnen sehr zu schätzen. Weil unsere Gemeinschaft im Wachsen ist, haben wir angefangen, eine neue Kirche zu bauen. Was innerlich wächst, wächst auch äußerlich. Ich fühle mich daheim und überaus gesegnet in diesem vielfältigen und allumfassenden Priestertum. Zudem bin ich noch weiterhin in meiner Praxis beschäftigt, und kann auf diese Weise einen guten Lebensunterhalt für meine Familie erwerben.

In den Niederlanden hat der Vatikan in den 80er Jahren versucht, durch die Ernennung von konservativen Bischöfen die progressive Ausrichtung der Kirche umzudrehen. Wie geht es derzeit der katholischen Kirche in Holland im Allgemeinen und wie in deiner Diözese im Speziellen?

Luis Kaserer: Es ist nicht leicht hier eine kurze Antwort zu geben. In der Kirche von Holland geschieht zurzeit ein großer Abbruch, Umbruch, manche sagen Aufbruch. Der Durchbruch geht aber langsam. Viele Pfarreien haben keinen eigenen Seelsorger mehr und werden oft unter Druck mit anderen Pfarreien zusammengefügt. Die wenigen Priester sind nicht mehr in der Lage, das zu tun, was sie wahrscheinlich als Kind geträumt haben: Seelsorger zu sein. Sie sind gezwungen Manager zu sein. Sie haben nach meiner Meinung viel zu viele und zu große Verantwortlichkeiten. Das ist nicht gesund für sie und für die Pastoral. Bei mir klagen viele Leute aus den Pfarreien, dass sie den Priester nicht erreichen können, auch wenn sie ihn dringend nötig hätten. Viele Bischöfe in Holland sind von Rom gegen den ausdrücklichen Willen der Katholikinnen und Katholiken ernannt und sind, im Gegensatz zum Kirchenvolk, konservativ. Das gibt Spannungen, vor allem wenn sie versuchen ihre Ideen manchmal unter Druck durch zu setzen. Aber dann schalten die Gläubigen ab. Das hat sichtbare Folgen: Die nicht  mehr mitmachen, bezahlen auch nicht mehr. Die finanziellen Probleme in den Diözesen steigen dadurch jetzt dramatisch.

Dee und Konrad Kaserer sowie Luis Kaserer mit Brigitte (v.l.n.r.) bei Eucharistiefeier anlässlich des Priesterubiläums in Afing im Juni 2005.
Dee und Konrad Kaserer sowie Luis Kaserer mit Brigitte (v.l.n.r.) bei Eucharistiefeier anlässlich des Priesterubiläums in Afing im Juni 2005.

Es gibt aber auch andere, gute Ansätze des Umbruchs. In vielen Pfarren arbeiten gut ausgebildete Laien-Seelsorger, Frauen und Männer, die sehr gute Arbeit leisten. Leider  dürfen sie nicht mehr wie früher wirklich die Endverantwortlichkeit einer Pfarrei tragen. Sie werden als Konkurrenz zum Priester gesehen. Vielen gelingt es trotzdem, die Gemeinschaften zu beleben und zu begeistern. Ich bin in unserer Diözese Mentor für diese angehenden Laien-Seelsorger. Da sehe ich viel Gutes, das Hoffnung gibt. Vielen gelingt es ihre Talente zu versilbern in dieser Phase des Umbruchs. Unsere diözesane Verantwortliche für die  Berufepastoral, zum Beispiel, ist eine intelligente engagierte Frau, die selber davon träumt einmal zur Priesterin geweiht zu werden. Das geht leider noch nicht, aber dieser Umstand allein schon verspricht Gutes. Auch werden mancherorts wo eine Pfarrei abgebrochen wird, neue und kleinere Glaubenszentren errichtet, wo weniger Nachdruck auf Sakramente und mehr auf christliche Spiritualität gelegt wird. Dort wächst, so schein mir, für viele Gläubige, die da als Frei- und Willige mitmachen, ein neues Konzept von Kirche.

Was mir auffällt ist dies: die emanzipierte Holländerin oder der emanzipierte Holländer lassen sich einfach nichts mehr von kirchlicher Seite vorschreiben. Um es plastisch zu sagen: Viele HolländerInnen lassen die kalte und abgestandene kirchliche Suppe einfach stehen und bezahlen auch nicht mehr dafür. Und weil der Mensch halt unverbesserlich ein „homo religiosus“ ist, suchen viele und finden manche tatsächlich neue, frische, gesunde und nährende Rezepte. Das sollte der Küchenleitung der Kirche eigentlich Freude machen, aber viele setzen immer noch auf das alte römische Rezept: noch zwingender als bisher beten um mehr Priesterberufe: ausschließlich männliche und zölibatäre natürlich.

Wie ist die Situation der kath. Kirche in den USA? Welche Schwerpunkte setzt sie und wie versteht sie sich im Chor der anderen Kirchen oder religiösen Gemeinschaften?

Konrad Kaserer: Die katholische Kirche in den USA hat in den letzten Jahren sehr viel Leid ertragen. Der Aufschrei der vielen Opfer von sexuellen Kindesmisshandlungen durch Priester und Ordensleute in allen Teilen des Landes brachte viel Entsetzen und Enttäuschung, und für manche Diözese finanziellen Ruin. Es ist schwer, unter solch traurigen Bedingungen die Gute Nachricht zu hören und zu verbreiten. Ich glaube, die Priester die getreu ihre Arbeit unter diesen harten Zuständen ausüben, haben es umso schwieriger. Wahrheit und Reinigung bringen auch wieder Heilung, und wir haben eine große Anzahl von Erneuerungsgruppen und Aktionsgruppen, die vieles in der Kirche, wie zum Beispiel das Pflichtzölibat abschaffen oder das Frauenpriestertum einsetzen möchten, und mehr Mitspracherecht und mehr Rechenschaft verlangen.

Was mich eher besorgt, ist der wachsende radikale Fundamentalismus, der sich in viele Kirchengemeinschaften einschleicht, und der andere Religionen und Glaubensgemeinschaften als Feind betrachtet. Wie lange noch, Herr, bis wir in allen Gesichtern deutlich unseren Bruder und unsere Schwester erkennen können?

Was bedeutet die Wahl des konservativen Kardinals Josef Ratzinger zum Papst?

Luis: Es ist noch viel zu früh, um zu sagen, welche Bedeutung er für die Kirche hat und in welche Richtung er die Kirche leiten wird. Aber eigentlich tut er mir ein wenig Leid wegen der so schweren Aufgabe in diesem hohen Alter. Warum kann er nicht wie andere in seinem Alter die verdiente Pension genießen? Diese schwere Aufgabe kann ja nicht gesund und deshalb gut sein. Aber ich erwarte auch nicht so viel von ihm. Viel mehr erwarte ich mir von der Basis der KatholikInnen. Meine Erfahrung ist, dass dort im kleinen freien Kreis ein guter Geist weht; viele KatholikInnen haben das Herz ja am rechten Fleck. Es wäre schön, wenn der Papst viel mehr zuhören würde, was diese Menschen, z.B. die Jugendlichen, die Frauen und Männer, die homo- und heterosexuellen, zu sagen hätten.

Ich würde ihm wünschen, dass er seine uralte Funktion wieder ausüben könnte: Als Bischof  von Rom für das seelische Wohl der RömerInnen zu sorgen; als „Primus inter pares“ mit anderen Bischöfen nachdenken und die Leitung der Weltkirche einem mehr oder minder permanenten ökumenischen Konzil anvertrauen mit durch die Basis gewählte weisen Frauen und Männern. Und auch ein bisschen Zeit haben für sich selber um z.B. mit seiner Haushälterin Ingrid Stampa (Violine) Piano zu spielen und gemeinsam musizieren zu können. Anscheinend machte er das früher ja gerne. Ich bin sicher, dass dies nicht nur ihm, sondern der gesamten Kirche gut tun würde.

Wie siehst du die derzeitige Situation der kath. Kirche weltweit und wo liegen die brennendsten Probleme?

Konrad: Ich glaube durch die Korruption, durch die politische, finanzielle und moralische Machtausübung weltweit hat die Kirche selber die vertraute Stimme des Guten Hirten verloren. Es ist überaus schwer die Stimme und die Botschaft des Herrn zu erkennen und zu erleben im vielfachen Nein, im Ausschließen, im Monolog, in den zwingenden Kirchengesetzen und was sich in der uralten Tradition an nicht Inspirierendem oder als menschenfeindlichem Staub niedergelassen hat. Ordnung machen im eigenen Haus durch Besinnung auf das Wesentliche ist ein Anliegen vieler Gläubigen. Zudem gehört auch Respekt vor allen Religionen, ihnen offen begegnen und bereit sein zum echten Dialog; (Im Wort Dialog steht das Wort: Ja!!). Und letztlich: Die Ehrung aller authentischen Glaubenserfahrungen von Frauen und Männern, wer, wo und wie bunt sie auch immer sind, kommt mir als ein guter Weg zur Heilung, zum Frieden und zur vielfältigen Einheit unserer Kirche und der gesamten Weltfamilie vor. Hier liegt eine große Chance der Kirche.

Welche Richtung sollte (und wird?) die Kirche einschlagen, damit sie Zukunft hat?

Luis: Zurzeit legt die Kirchenleitung nach meinem Geschmack viel zu viel Wert auf den Gehorsam der Gläubigen. Sie erwartet dass Gläubige sich dem heutigen überholten Kirchensystem anpassen, alle Glaubenswahrheiten pauschal einfach akzeptieren und zwar überall auf der Welt auf der gleichen Art und Weise. Hier fordert die Kirche dass die Gläubigen ihr dienen. Dieser Weg hat nach meiner Meinung keine Zukunft. Die Kirche hat Zukunft, wenn sie als inspirierende und pilgernde Gemeinschaft unterwegs den Menschen und der ganzen Schöpfung versucht zu dienen, und wenn es ihr gelingt – in der Nachfolge von Jesus - auf den Anspruch von Macht und Superiorität zu verzichten. Bischof Gaillot von Frankreich sagt es kurz und bündig: Wenn die Kirche nicht dient, dient sie zu nichts!

Konrad: Ich glaube, dass am Ende folgende Gedanken eine gute Zukunft haben werden: Echte Demokratie und echter Dialog (im jetzigen Gegensatz zu Monarchie und Monolog) bringen in der Kirche Gutes. Einheit drückt sich bestens in der respektierten Vielfältigkeit aus. Offenheit und Transparenz bringen Vertrauen und Verantwortung. Inklusiv sein auf allen Ebenen ist gesund, ebenso wie Sexualität bejahen und erleben als Ausdruck von gesunder Spiritualität. Gleichberechtigung der Frauen in allen Bedingungen sorgt für Harmonie und bringt frische, großartige Ideen. Die Berufung zum Priesterberuf ist genauso für Frauen als auch für Männer ein heiliges Geschenk. Priesterehen und Priesterfamilien bringen Glück und Leben in die Gemeinschaft. Freiheit, selber so sein zu dürfen wie man/frau ist, fördert Respekt und die Gemeinschaft.

Und mir kommt vor: letztlich kommt es auf die Liebe an: Dort, wo die Kirche ein Ort der gelebten Liebe ist, hat sie, wie eine liebende Familie, immer Zukunft.

Herzlichen Dank und euch eine gute, gesegnete Zeit.

Interview: Robert Hochgruber