Literarische Seite

David, König über Israel

Gerald Messadié

„David ist als der mächtigste aller jüdischen Könige in die Geschichte eingegangen. Doch war dieser Held des Alten Testaments nicht nur ein genialer Feldherr, sondern auch ein begnadeter Künstler: ein Dichter, Sänger und Musiker. Die Frauen liebten David. Dies ist der Roman seines Lebens.“

Der Klappentext weist bereits sehr treffend auf den Inhalt dieses 2001 in deutscher Übersetzung erschienen historischen Romans hin: auf 460 Seiten entfaltet der in Kairo geborene Journalist und Autor Gerald Messadié ein vielschichtiges Portrait des Königs David zwischen Schlachtgetümmel und Bettgeschichten. David bezwingt als jugendlicher Hirte den Riesen Goliath und wird zum Helden. Sein Schicksal wird zum Schicksal eines Volkes.

Die Handlung hält sich an die biblische Vorlage in den Büchern Samuel, teilweise geht der Autor auch darüber hinaus. In Fußnoten begründet der ehemalige Chefredakteur der französischen Wissenschaftszeitung „Sciences et Vie“ diese Änderungen gegenüber der biblischen Vorlage mit Argumenten aus der Geschichtswissenschaft. Gegen den Vorwurf, er zerstöre Mythen, meint der Autor in einem Interview treffend, dass er sie vielmehr lebendig mache. Nach einigen Längen am Beginn des Romans gelingt es Messadié sehr gut, David und den Menschen, die ihn umgeben, Leben einzuhauchen: seinen Frauen, seinen Kameraden, seinen Freunden und Feinden, seinen Söhnen und letztlich seinem ganzen Volk.

Der Leser begleitet David über ein halbes Jahrhundert lang, erlebt mit ihm Höhen und Tiefen mit: als jugendlicher Bezwinger Goliaths, als Lyraspieler und Psalmist, als unersättlicher Liebhaber, als unschuldiger Held, als siegreicher König, als listiger Stratege und schließlich als reifer, weiser Mann. Ein gelungenes Portrait einer großen biblischen Gestalt!

Gelesen und empfohlen
von Lisa Hammer


Leseprobe:

David streckte sich auf der Strohschütte aus, die ihm die Sklaven hergerichtet hatten, und schlief sofort ein. Später weckte ihn Samuel, damit er seine Waschungen vornahm, und David gesellte sich zum Abendgebet zu ihm. Beim Abendessen saß er ihm gegenüber, dem Mann, der ihn zum König gemacht hatte und der nun in der Unbeweglichkeit derer verharrte, die den Tod nahe wussten. Dieser Greis, wie zum Mineral geworden, brüchig, spröde, gab keinerlei Gefühl preis. Erriet er die Gefühle, die David bewegten? Oder hielt er Gefühle nur für vorübergehende Krankheiten oder Anzeichen schwacher Seelen, während der Gerechte mit der Zeit lernte, sich nicht mehr erschüttern zu lassen? An jenem Abend begriff David jedenfalls, dass er ein noch unbedeutendes Zeichen auf einem immens großen Pergament war, doch nach den Worten des großen Sehers ein Zeichen von der Hand des Herrn selbst.

Oftmals wandte er sich am nächsten Morgen auf dem Weg um, da er noch die Gestalt Samuels sehen wollte, der auf dem Hügel stand. Bis das Bild sich schließlich im Licht der Landschaft verwischte. Doch er vergaß es niemals.

Er brach auf mit seiner Lyra, ein wenig Brot und Datteln. Wenig für einen König.

Gerald Messadié: David, König über Israel
(„David, Roi“, Deutsch von Gabriele Krüger-Wirrer),
Knaur 62260, ca. 10 Euro