Besser befruchtet
Am 12. Juni wird Italien über das restriktive Gesetz zur künstlichen Befruchtung per Referendum entscheiden. Martin Steinkasserer, Reproduktionsmediziner am Brunecker Krankenhaus, über Ethik und Forschung, seine Zustimmung zum Referendum und wann das Leben beginnt.
Tageszeitung: Herr Steinkasserer, wenn alles glatt geht, findet im Juni das Referendum zum Gesetz der künstlichen Befruchtung statt. Gehen Sie hin?
Martin Steinkasserer: Ja, weil ich der Meinung bin, dass das bestehende Gesetz zumindest verbesserungswürdig ist. Vor allem geht es um die Menge der zu befruchtenden Eizellen, die Möglichkeit des Einfrierens im Pronukleus-Stadium (Vorkern, der haploide Kern der reifen Eizelle. Die beiden Zellkerne sind noch nicht verschmolzen. A.d.R.). Und: Innerhalb gewisser Grenzen sehe ich auch die so genannte Präimplantationsdiagnostik als angebracht.
Beim Befruchtungs-Referendum werden vier Fragen zur Abstimmung gebracht. Werden Sie alle Fragen mit Ja beantworten?
Für mich geht es in allen Punkten um eine Verbesserung des Gesetzes, weshalb ich mit Ja stimmen werde.
Halten Sie es für sinnvoll, an das Befruchtungs-Gesetz via Volksentscheid heranzugehen?
Ich glaube schon, weil die Bevölkerung ein gutes Rechtsempfinden hat. Bisher war es ein Streit auf abgehobenen, philosophischen Ebenen. Jetzt wird es Zeit, das Thema auf' den Boden der Realität zurückzuholen. Wenn die Politiker schon nicht imstande sind, sich das auszuraufen, halte ich das Referendum für gar keine schlechte Lösung.
In die Befruchtungsdebatte hat sich die kath. Kirche eingeschaltet und die Diskussion um das „Recht auf Leben“ erneut losgetreten. Gibt es eine medizinische Antwort?
Auch von der Kirche her gibt es mehrere Definitionen, was als Leben zu bezeichnen ist. Wir sind natürlich auch der Meinung, dass mit Embryonen kein Schindluder getrieben werden darf. Eine Position, die auch die Kirche in Deutschland toleriert, besagt: Bevor die Zellkerne der beiden Gameten (Geschlechtlich differenzierte Fortpflanzungszellen von Pflanze, Tier und Mensch. A.d.R.) nicht verschmolzen sind, kann man schwerlich von einem begonnenen Leben ausgehen. Das heißt, ich habe keine neue genetische Information für eine Zelle. Insofern kann man sich erlauben zu sagen, dass man bis zum Pronukleus-Stadium geht und mit mehreren befruchteten Eizellen bessere Schwangerschaftsraten erzielt. Damit hilft man kinderlosen Paaren gut, wir haben gleichzeitig eine sehr eng gesetzte ethische Definition und bauen sehr „abwegigen Tendenzen“ der Reproduktionsmedizin vor.
Im aktuellen, sehr restriktiven Gesetz zur künstlichen Befruchtung wird ab der Stunde Null absoluter Schutz verhängt...
Ab dem Moment, in dem das Sperma in die Eizelle eingedrungen ist, gilt dies als neues Leben. Das ist eine Definition, die in meinen Augen nicht tragbar ist.
Ab welchem Zeitpunkt bekommt das beginnende Leben Rechtsstatus?
Zu klären ist nach wie vor, inwiefern über ein solches Gesetz das Recht auf eine Schwangerschaftsunterbrechung untergraben wird. Die katholische Kirche denkt das Gesetz konsequent weiter und münzt es auf die Abtreibung um.
Zurück zur Ethik-Diskussion: Wann beginnt das Leben?
Es gibt eine ganze Menge an Definitionen: Angefangen vom Heiligen Augustinus über die Juden, alle möglichen Glaubensgemeinschaften bis hin zu den Philosophen. Prinzipiell glaube ich, ein Leben beginnt mit der Verschmelzung der Zellkerne, mit der neuen Information für ein Leben, also in etwa zwölf Stunden nach Eindringen des Spermiums in die Eizelle. Ein Jurist kann hier Rechtsstatus einräumen oder nicht, das ist eine juridische Definition, mehr nicht.
Interview Silke Hinterwaldner, Tageszeitung, 19.1.2005
Die vier Fragen des Referendums
Präimplantationsdiagnostik: Die Diagnostik an einem in vitro befindlichen Embryo vor seinem Transfer in den mütterlichen Organismus. Dem Embryo werden Zellen entnommen, deren Erbgut (DNA) auf das Vorliegen krankheitsrelevanter Merkmale untersucht wird.
Maria Hechensteiner, die Autorin des Buches „Orchideenblüten – Mein Weg zum Wunsch-kind“ zum Referendum über künstliche Befruchtung
Zett: Sie gelten als scharfe Kritikerin des Gesetzes.
Maria Hechensteiner: Dieses Gesetz ist frauenfeindlich. Ein Beispiel: Bei der Befruchtung von Eizellen außerhalb des weiblichen Körpers wird die Frau zuerst mit Hormonspritzen behandelt, was nicht selten schwere Nebenwirkungen hat. Danach werden ihr die Eizellen entnommen, meist unter Vollnarkose...
...was bekanntlich nicht ungefährlich ist:
Da das neue Gesetz das Einfrieren überzähliger befruchteter Eizellen verbietet, muss sich die Frau bei jedem Versuch erneut dieser Prozedur unterziehen, anstatt auf bereits vorhandene Embryonen zurückzugreifen. Und das ist bei der Häufigkeit der Versuche ein Problem, denn nur 10 bis 15 Prozent der Paare kommen pro Versuch zu ihrem Wunschkind.
Kinderlosigkeit betrifft doch Paare. Warum nennen Sie das Gesetz dann frauenfeindlich?
Die „Patientin“ ist immer die Frau. Auch wenn das Problem beim Mann liegt, ist es doch immer die Frau, die mit Hormonen behandelt und operiert wird.
Wie kann es zu solchen Gesetzen kommen?
Unsere Gesetzgeber im Parlament sind überwiegend ältere Herren, für die „Frauengesundheit“ ein Fremdwort ist.
Wie werden Sie stimmen?
Mit Ja.
Interview Heidi Hintner, Zett, 10.4.2005
P.S. Maria Hechensteiner hat inzwischen öffentlich erklärt, sie werde bei Punkt 1, der Stammzellenforschung mit Nein stimmen.
Der Gründer und Präsident des bekannten San Raffaele Krankenhauses von Mailand, Don Luigi Verze, hat zum Referendum über die künstliche Befruchtung erklärt, dass man die Wissenschaft nicht aufhalten könne. Die Wissenschaft müsse wie die Freiheit erklärt werden. Es sei legitim, zur Bekämpfung von Krankheiten Embryonen einzusetzen, vorausgesetzt man töte sie nicht. Die homologe Befruchtung sei eine Vervollständigung des ehelichen Aktes, Inquisitoren sollten nicht die Decken der Ehebetten lüften, das sei unkeusch. Die Kirche werde früher oder später auch die Pille und die Kondome akzeptieren. Gewisse Prohibitionisten sollten ihre Kurienzimmer verlassen und sich in den Favelas und afrikanischen Elendshütten umschauen, sagte der Priester.
Tageszeitung, 3.2.2005
Noi Siamo Chiesa, Italien - Referendum
Il Card. Ruini trova la contrarietà e l’imbarazzo dei molti cattolici. Sono quelli che credono nelle istituzioni democratiche e che hanno comunque come principale punto di riferimento su problemi tanto complessi e delicati come quelli della fecondazione assistita la carità e la misericordia di cui parla il Vangelo e la propria coscienza. “Noi Siamo Chiesa”, movimento impegnato per la riforma della Chiesa cattolica, propone e spera che una simile presa di posizione non sia accettata in silenzio.
P.S. Kardinal Ruini hat im Namen der Bischöfe zum Boykott des Referendums aufgerufen in der Hoffnung, dass bei der Abstimmung das nötige Quorum von 50% nicht zustande kommt. Damit stellt man sich dem wichtigen Thema bzw. der Diskussion nicht und untergräbt das Instrument des Referendums.
Robert Hochgruber