Lob des Ungehorsams

Vom Mut, nein zu sagen und ob Zivilcourage erlernbar ist.

Welche Rolle spielen das Elternhaus und die Schule? Welche Bedingungen waren vorhanden, damit Sophie Scholl (ähnlich wie Josef Mayr-Nusser) zu ihrer Überzeugung und ihren Taten kam? Fragen an den Psychoanalytiker und Pädagogen Kurt Singer.

PUBUK-FORUM: Der Mensch sei böse von Jugend an, heißt es einmal in der Bibel. Herr Professor Singer: ist der Mensch eher gut oder eher böse?

KURT SINGER: Das ist eine schwierige Frage, aber ich denke, wir können davon ausgehen, ihn besser zu machen. Jedem Menschen ist das so genannte Böse, die Aggression, gleichsam eingeboren; aber wir müssen dafür sorgen, dass es zur gesunden Aggression wird. Dies meint, dass Menschen aktiv zupacken, dass sie sich bewegen, dass sie lernen, sich zu wehren und sich geistig auseinander zu setzen. Ich finde die Frage, wie wir die gesunde Aggression entwickeln können, viel wichtiger und hilfreicher, als nur zu fragen, wie wir Aggressivität und Gewalt bekämpfen können.

Was brauchen Kinder, um diese gesunde Aggression zu lernen?

Sie lernen es von Anfang an, wenn man ihnen möglichst viel Raum für Eigenbewegung gibt. Bewegung im körperlichen Sinn ist ein existenzielles Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen. Sie sechs Stunden am Tag auf Stühle zu setzen, um sie passiv zuhören zu lassen, ist eine schwere Beeinträchtigung der gesunden Aggressionsentwicklung. Stark gefährdet ist die gesunde Entwicklung auch durch das Fernsehen. Weniger durch die Inha1te als dadurch, dass Kinder stundenlang bewegungslos, oft wie in Trance, vor dem Fernseher sitzen.

Für die Schule bedeutet das aber auch: sie sollte keine Zuhörschule sein, was sie immer noch ist, sondern eine Arbeitsschule, in der Kinder handelnd lernen, anpacken, sich auseinander setzen können. Zur gesunden Aggression gehört auch ein selbstbewahrendes Nein. Kinder müssen lernen, nein zu sagen, um sich selbst zu schützen, um später dann nein sagen zu können, wenn etwas von ihnen verlangt wird, das gegen ethische Normen verstößt. Also einen eigenständigen Gehorsam lernen.

Eigenständiger Gehorsam? Das klingt wie ein Widerspruch!

Mit eigenständigem Gehorsam meine ich, den Gehorsam zu überprüfen: Ist das, was mir befohlen wird, auch recht? Und wenn nicht: Traue ich mich zu widersprechen? Widerspruchsmut ist eine nicht sehr geschätzte Tugend. Wenn ich Eltern oder Lehrer frage. „Wann haben Sie ein Kind zum letzten Mal gelobt, weil es ungehorsam war?“ werden sie oft stutzig. Dabei beruht jeder geistige und technische Fortschritt auch auf Ungehorsam!

Das Milgram Experiment hat gezeigt, dass die meisten Menschen eher andere foltern, als sich dem Befehl einer Autorität zu widersetzen. Wieso ist es so schwer, nein zu sagen?

Es ist vor allem die Angst, allein zu stehen: Ich bin nicht mehr geborgen durch die Gruppe, sondern muss allein verantworten, was ich tue. Wenn ich mich dagegen dem Mächtigen beuge, bin ich geschützt. Selbst wenn ich „sündige“, kann mir nichts passieren, weil der, der die Macht hat, mir verzeihen kann. Diese Gehorsamsbereitschaft hat weit reichende Konsequenzen. Erich Fromm beispielsweise meinte, unsere Erde könnte am Gehorsam zu Grunde gehen, weil unsere moralische Entwicklung weit hinter der technischen - etwa der Atombombe - zurückliegt.

Liegt das wirklich nur am Gehorsam, oder gibt es nicht auch eine Faszination des Bösen, eine Lust an der Zerstörung?

Es gibt tatsächlich Menschen mit sadistischen Zügen, die andere mit Lust quälen. Aber das ist nicht das Normale; deren seelische Energie wurde fehlgeleitet. In den Milgram-Experimenten zeigte sich auch, wie die Versuchspersonen, denen befohlen wurde, die Opfer mit elektrischen Schlägen zu quä1en, in seelische Not und moralische Zweifel gerieten. Aber sie machten dann doch weiter, wenn der Versuchsleiter es befahl, obwohl sie spürten, dass es nicht recht ist. Es zeigte sich allerdings auch, dass die Hemmung, Leid zuzufügen, umso höher ist je größer die Nähe zum Opfer ist.

Mutig die persönliche Meinung sagen, sich gewaltfrei mit Andersdenkenden auseinander setzen - das ist Zivilcourage. Viele würden sich gern einmischen, ob auf der Straße, in Schulen oder in einer Partei. Aber die Angst, gegen den Strom zu schwimmen, hält sie zurück.

Dieses Buch wendet sich an Menschen, die sich für mehr Menschlichkeit und für eine "bessere Welt " engagieren wollen. Sie sollen darin bestärkt werden, Mut zum Widersprruch zu entwickeln. Anschauliche Beispiele regen an, Konfliktscheu und Anpassungsbereitschaft zu überwinden.

Zivilcourage ist lernbar - das zeigt Kurt Singer in seinem überzeugenden Plädoyer.

Kurt Singer, Zivilcourage wagen, Wie man lernt, sich einzumischen, Ernst Reinhardt Verlag, München, 2003, S. 204, 14.90 €

Heißt das, Menschen neigen zwar zu Mitgefühl, werden aber durch Gehorsam daran gehindert?

Ja. Rousseau war der Meinung, die allen gemeinsame Menschennatur läge nicht in der Vernunft, sondern in einem eingeborenen Widerwillen, einen Menschen leiden zu sehen. Meine Interviews mit „zivilcouragierten“ Menschen haben mir gezeigt, dass Mitleid eine wesentliche Triebfeder dafür ist, sich zu widersetzen, wenn Unrecht geschieht: Aus Mitleid erwächst Zorn und der Impuls, helfend einzugreifen.

Sind es besonders mutige Menschen, die zu Widerstand neigen?

Zivilcouragierte Menschen sind keine Draufgänger. Ich habe viele erlebt die eher ängstlich sind und aus deren Angst die Kraft zum Widerstand entsteht. So sind auch Frauen oft zivilcouragierter als Männer. Das mag mit deren größerem Einfühlungsvermögen zusammenhängen. Bei Männern spielt oft das Rationale eine größere Rolle, Ziele wie Gerechtigkeit oder Frieden, während Frauen häufig Mitgefühl als Motiv angeben.

Was ich immer wieder fand, war die feste Orientierung an menschlichen Grundwerten wie Hilfsbereitschaft oder Nächstenliebe. Bei Untersuchungen über Menschen, die anderen unter Lebensgefahr geholfen haben, etwa im Warschauer Ghetto, stellte sich immer wieder heraus, dass der Grundantrieb war, „menschlich anständig“ zu sein und anderen zu helfen. Ich geniere mich oft, wenn ich nach den Motiven fragte und einfach sagte:“ Ich wollte das tun, was mir als richtig erschien.“ Solche Bescheidenheit erlebte ich bei vielen Menschen mit zivilem Mut.

Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus?

Eine Studie untersuchte, wieso amerikanische junge Männer den Kriegsdienst in Vietnam verweigerten, obwohl sie mit hohen Strafen rechnen mussten: Die allermeisten von ihnen hatten ein Gehaltenwerden, eine ganz sichere Zugehörigkeit in der Familie erlebt. In diesen Familien wurde auch gemeinsam über Wertfragen und über politische Probleme nachgedacht.

Sophie Scholl beispielsweise hatte Eltern, die Widerspruchsmut ausdrücklich förderten. Ihr Vater, der ein engagierter Antifaschist war, duldete die Meinung seiner Kinder, die zunächst begeistert waren von der Hitlerjugend. Die Eltern Scholl verurteilten ihre Kinder nicht wegen ihres anderen Denkens, aber ließen sich selbst mit ihren Wertvorstellungen erkennen. Sie übten keinen Druck aus, aber sagten klar. was sie dachten und wo sie standen. Vater Scholl war überhaupt der Meinung, man müsse viel Eigenbewegung haben. Er wollte auch immer große Wohnungen, damit die Kinder genügend Bewegungsfreiheit hatten; damit man auch „aneinan-der vorbeigehen kann“. Die körperliche und geistige Eigenbewegung ist ein wichtiges Element für zivilen Mut.

Die Geschwister Scholl kamen dann selbst zu der Erkenntnis, wie verwerflich das nationalsozialistische System war. A1sSophie Scholl in der Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ gegen den Nationalsozialismus kämpfte, schrieb sie in einem Brief: „Wir müssen den Mantel der Gleichgültigkeit zerreißen.“

Was müsste geschehen, damit mehr Menschen Zivilcourage entwickeln?

Das wesentliche Element in der Erziehung ist: Kinder ernst nehmen. Es ginge darum, Eltern und Lehrern aufzuzeigen, mit Kindern achtungsvoll umzugehen. Sie nicht zu blamieren, ihre Schwächen nicht bloßzustellen, im Unterricht niemals eine Arbeit vorzulesen, ohne das Kind um Erlaubnis zu bitten, also den pädagogischen Takt zu wahren. Eltern könne schimpfen, und Lehrer dürfen wütend werden, aber – und das ist der pädagogische Imperativ, den ich aufstellen würde – sie dürfen Kinder nicht demütigen, nicht „klein machen“. Ein Kind auszulachen ist ein Verbrechen, sagte der berühmte Arzt und Pädagoge Janusz Korszak.

Gerade die Schule hätte viele Möglichkeiten, Zivilcourage zu fördern, aber das wird zu wenig getan. Es gilt, das eigene Denken der Schülerinnen und Schüler zu fördern, ihre eigenen Themen ernst zu nehmen. Wenn unter einem Aufsatz „Thema verfehlt!“ steht, hat meist der Lehrer das Thema verfehlt; denn er hat nicht das getroffen und ermöglicht, wozu das Kind was auszusagen hat! In Modellschulen hat sich gezeigt, dass die Kinder durch handelndes Lernen, durch künstlerische Aktivitäten, durch freien Aufsatz und freie Rede eigenständiger werden und mehr Selbstverrauen entwickeln. Dieses Selbstvertrauen ist die Grundlage für mehr Ich-Stärke und damit auch für mehr Widerspruchsmut und weniger Gehorsamsbereitschaft.

Dafür könnte man die Strukturen schaffen, aber die Eltern trauen sich nicht, die Politiker finden es nicht wichtig genug.

PUBUK-FORUM: In den 40 Jahren, seit Milgram sein Experiment entwickelte, hat sich vieles verändert. Macht Sie das nicht optimistisch?

SINGER (schweigt lange): Nein, ich teile das Erschrecken der Bioethikerin Christiane von Weizsäcker. Sie berichtet von dem Versuch eines Neurophysiologen, der aus einem Fischschwarm einen Fisch herausgenommen und ihm die Nervenleitungen zum Gehirn durchtrennt hat, so dass der Fisch die Mitwelt nicht mehr wahrnehmen konnte. Als er diesen hirnamputierten Fisch zurücksetzte, schwamm der wie wild im Zickzack hin und her, und was geschah? Der gesamte Schwarm folgte ihm! Christiane von Weizsäcker sagt dazu, manchmal habe sie den Eindruck, als würden wir wie hirnamputiert Befehlen folgen, ohne hinzuschauen, wer uns da befiehlt.

Interview: Andrea Teupke,
PUBLIK-FORUM,
Nr. 2, 2003, S. 9-11