Josef Mayr-Nusser

Mein Vater und seine Verweigerung

Interview mit Albert Mayr, dem Sohn von Josef Mayr-Nusser

Vor einigen Monaten ist das Seligsprechungsverfahren von Josef Mayr-Nusser verstärkt vorangetrieben worden. Die Debatte über die Persönlichkeit dieses Vertreters der Kath. Laienbewegung Südtirols, der vor 60 Jahren gestorben ist, weil er den Eid auf Hitler verweigert hatte, war in Dezember 2004 Inhalt eines Interviews im Diözesanen Radiosender „Sacra famiglia“. Albert Mayr-Nusser, Musiker und Lehrer sowie Sohn von Josef Mayr-Nusser, war zu Gast im Studio. Der Musiker und Lehrer erzählt, wie seine Familie die Entscheidung seines Vaters erlebt hat und wie sie das Seligsprechungsverfahrens aufgenommen hat.

Sacra famiglia: Wie hat die Familie dieses Verhalten Ihres Vaters aufgenommen?

Albert Mayr-Nusser: Die Familie hat die Entscheidung meines Vaters verstanden und geteilt, einerseits wegen der tiefgehenden religiösen Erziehung und andererseits, weil alle von Anfang an Gegner von Faschismus und Nationalsozialismus waren. Dies war damals nicht leicht. Es bestand eine Kluft zwischen denen, die solche Regimes ablehnten und denjenigen, die sie in irgendeiner Form unterstützten. Die tiefe Kluft durchzog in einigen Fällen auch Familien und ansonsten homogene Gruppen. Auch nach dem Krieg verging viel Zeit, bevor diese Spaltung überwunden werden konnte.

Mein Vater hat jedenfalls mein Leben schon vom Kindesalter an beeinflusst und mich mit verschiedenen Problematiken konfrontiert; in erster Linie mit der Tatsache, ohne Vater aufwachsen zu müssen. Meine Mutter hat eine sehr schwierige Zeit durchgemacht, die den Rest ihres Lebens geprägt hat. Viele Jahre lang wusste sie nämlich nichts über das Schicksal meines Vaters.

Eines Tages kam dann doch die gesicherte Nachricht des Todes Ihres Vaters. Hat man sich in Südtirol in den folgenden Jahren mit seiner Lebensgeschichte auseinandergesetzt?

Für die Politik der SVP stand die Idee der Unabhängigkeit der Südtiroler Bevölkerung im Mittelpunkt, und man konnte in den eigenen Reihen wichtige Vertreter des Antifaschismus wie Amonn und Volgger vorweisen. In den ersten Nachkriegsjahren wurde jedoch der antifaschistische Gedanke etwas beiseite gelegt, weil man vor allem die Gesellschaft einigen musste. Aus diesem Grund hat man sich in Südtirol nicht so klar distanziert wie in Deutschland. Dieser Prozess hat sich – mit einigen verdienstvollen Ausnahmen - auch auf die Geschichtsforschung ausgewirkt. Das Problem ist auch nicht auf der Ebene des gesellschaftlichen Bewusstseins aufgearbeitet worden; man hat sich eher geweigert, darüber zu sprechen.

Innerhalb der italienischen Sprachgruppe gab es dagegen eine vorsichtige Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Linksparteien hatten in Italien aber eigene, interne Probleme und konnten sich deshalb nur am Rande mit der Problematik beschäftigen. Die Spaltung gab es außerdem auch innerhalb der Kirche.

Am meisten bedauerlich ist, dass über die Thematik des Widerstandes bis heute nicht diskutiert worden ist, auch wenn das Interesse in den letzten Jahren zugenommen hat. Der Widerstand hatte in Italien eine katholische Prägung, wobei sicherlich ein Teil der Priester solidarisch war. Im deutschsprachigen Raum war dieses Phänomen viel seltener, weil das Naziregime viel grausamer war. Jedenfalls sind Nationalsozialismus und Kirche in Deutschland weitreichende Kompromisse eingegangen.

Die Persönlichkeit meines Vaters könnte der Anlass sein, um sich die theoretische Frage zu stellen, ob der Widerstand gegen ein unrechtmäßiges Regime zu den Pflichten eines Christen gehört oder nicht.

Hat sich jemand in der lokalen Kirche diese Frage gestellt?

Ja, als erster Josef Kögl, der damals Progeneralvikar der Diözese Trient war. Von ihm kennt man einen Zeitungsartikel mit dem Titel „Verrückter oder Held?“. Der Widerstand war allgemein für die lokale Kirche ein heißes Thema, sowohl vom praktischen als auch vom theoretischen Gesichtspunkt aus.

Was hat in den letzten Jahren diese Pattstellung gebrochen, so dass das Seligsprechungsverfahren eingeleitet werden konnte?

Ich habe die Südtiroler Realität nur teilweise miterlebt, weil ich seit 1963 in Florenz lebe. Meine Beurteilung ist völlig subjektiv. Im Allgemeinen denke ich, dass die größere Vielfalt an Informationen – welche zur Zeit meines Vaters selten und kostbar waren - ein maßgeblicher Faktor ist. Mein Vater war einer der Wenigen, die - inmitten der übermächtigen Propaganda - die Wahrheit kannten. Südtirol hat heute mehr Gelegenheit und vielleicht auch mehr Interesse, etwas darüber zu erfahren. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand können wir es uns erlauben, in die Vergangenheit zu schauen und deren Schattenseiten zu hinterfragen. Es gibt einen Dialog zwischen den Sprachgruppen, auch wenn er nicht immer ganz gelingt. Jedenfalls wollen wir heute wissen, woher wir kommen.

Wie können Sie mit der Tatsache leben, der Sohn eines möglichen zukünftigen Heiligen zu sein?

Ich bin etwas hin und her gerissen. Jüngste Selig- und Heiligsprechungen haben bei vielen Leuten Zweifel hervorgerufen. Man fragt sich, welche Signale die Kirche mit diesen Seligsprechungen setzen will. Das Seligsprechungsverfahren meines Vaters ist meiner Meinung nach ein Weg für die Kirche und auch für die Öffentlichkeit, die Ereignisse besser kennen zu lernen und eingehender darüber diskutieren zu können. Besser jetzt als gar nicht.

Es wäre wichtig, sich auch heute mit der Thematik des christlichen Widerstandes gegen die Macht auseinanderzusetzen, welche heutzutage zwar weniger von Gewalt geprägt ist, aber trotzdem Züge aufweist, die wir als unmoralisch definieren können.

Interview: Luca Sticcotti
Il Segno, 17. 12. 2004, S. 21


Das reich illustrierte Lebensbild stützt sich auf schriftliche Quellen und Zeitzeugen. Auch Josef Mayr-Nusser kommt als Jugendführer und Vinzenzbruder zu Wort. Das geschichtliche Umfeld mit Faschismus und Option wird nachgezeichnet. Gattin Hildegard, seine Kameraden in Konitz und ein Begleit-soldat auf dem Todestransport kommen zu Wort. So werden die Motivation für die Eidesverweigerung deutlich, ebenso wie der Mensch und Christ Josef Mayr-Nusser.

Er blieb sich selber treu – Josef Mayr-Nusser,
Josef Innerhofer, Athesia, 2005, 14.50 €.

Gedenktag für Josef Mayr-Nusser

Weil sein Handeln ihn auch 60 Jahre nach seinem Tod zum Vorbild für die Menschen in Südtirol macht, sollte das Land seinen Todestag zu einem offiziellen Gedenktag erheben, schlägt Südtirols Kath. Jugend (SKJ) vor. Mayr-Nusser sei mit der Nichtleistung des SS-Eides eine Südt. Symbolfigur für Gewissenstärke, Zivilcourage und gewaltlosen Widerstand geworden. Er habe sich in einer schweren Zeit für bedürftige, zerstrittene und für junge Menschen eingesetzt, obwohl er selbst nur ein einfacher junger Mann war.

Dolomiten, 24.2.05, S. 10


Geschichte aufarbeiten - selbständiges Denken heute fördern

Initiativgruppe zu Seligsprechung von J. Mayr-Nusser

Am 24. Februar wurde des 60. Todestages von Josef Mayr-Nusser gedacht, der auf Grund seiner Verweigerung des SS-Eides auf dem Weg ins Konzentrationslager Dachau in Erlangen verhungern musste. Dies sei ein guter Anlass, erklärte der Vorstand der Initiativgruppe, um die Zeit der Option und des Nationalsozialismus aufzuarbeiten und zu überlegen, wo heute selbstständiges Denken und Handeln bis hin zu demokratischem Ungehorsam gefragt seien. Dann bekomme die Seligsprechung von Josef Mayr-Nusser einen tiefen Sinn. Derzeit würden allerdings nicht mehr der Einsatz des Lebens im Vordergrund stehen, wohl aber die Bildung des Gewissens sowie die Bereitschaft zu Zivilcourage und Gewaltlosigkeit.

Nicht so sehr die Seligsprechung sollte im Vordergrund stehen, sondern vor allem die die Auseinandersetzung mit jener unseligen Zeit. Fragen wie das Verhalten der damaligen Christen ebenso wie die Thematik des Widerstandes sollten aufgeworfen und unter vielerlei Aspekten untersucht werden, betonte der Vorstand. Das Ziel könne nicht die Verurteilung der Menschen von damals sein, da niemand jene Umstände nachträglich zu beurteilen vermöge. Das Ziel müsste vielmehr sein, sich den damaligen Ereignissen mit Option und Nationalsozialismus zu stellen, um ähnliches Versagen in Zukunft zu vermeiden.


Denkmal für Josef Mayr-Nusser

Josef Mayr-Nusser ist einer der wenigen Vertreter des antifaschistischen Südtirol, dessen Haltung, Glaubensstärke und Menschlichkeit exemplarisch und ermutigend sind. Er ist zudem eine Persönlichkeit, die unter allen Sprachgruppen Interesse und Sympathie weckt. Die Südtiroler Gesellschaft sollte das Gedächtnis an jene Persönlichkeiten, die für unser Land durch ihren friedlichen Einsatz Vorbildwirkung entfalten, mit Nachdruck und Energie wach halten. Ein Denkmal für Mayr-Nusser wäre ein wichtiger Beitrag zu einer nationalistisch nicht besetzten, antitotalitären und humanen Gedächtniskultur, auch ein Signal für eine mutige und weltoffene Kirche. Ein Denkmalsprojekt könnte durch einen europaweit ausgeschriebenen Künstlerwettbewerb ermittelt werden, denkbarer Standort wäre das Bozner Stadtzentrum, so etwa der Platz zwischen Dom und Ordinariat.

Hans Heiss, Brixen


Zivilcourage - damals wie heute

Zivilcourage – damals wie heute

Die Feigheit vor der Macht in der Demokratie ist eine größere Sünde als die Feigheit in einer Diktatur, wenn auch nicht alles entschuldbar scheint, was selbst hochrangige Vertreter der Kirche an peinlicher Zustimmung für den "Führer" von sich gegeben haben. Tiefe Bewunderung verdienen jene, die nicht durch einen hohen Rang geschützt waren, ob Priester oder gewöhnliche Arbeiter, Nonnen oder Hausfrauen, Studenten oder Fabriksarbeiter, Offiziere oder Beamte. Wer damals Juden vor der Verfolgung schützte, tat es unter akuter eigener Lebensgefahr.

Es wäre im Rahmen der heutigen demokratischen Verhältnisse ebenso wichtig und nicht weniger gut, Zivilcourage vorzuleben. Sie verlangt keine Blutzeugen, aber Menschen, die sich zumindest unter viel leichteren Verhältnissen ein Gewissen machen und es bekunden, tolerant in der Form, aber klar in der Sache.

Franz Pahl, Taisten