Geschichte
Flugversuche
„Flieg“, sagte das Mädchen zum Vogel und öffnete die goldene Käfigtür. Aber der Vogel flog nicht hinaus. Er blieb weiterhin auf der Käfigstange hocken und piepste. Da war nichts zu machen, mochte das Mädchen noch so lieb bitten und locken.
„Der Vogel weiß, was gut für ihn ist“, sagte der Mann, der den Vogel vor vielen Jahren im Wald gefangen und in den goldenen Käfig gesperrt hatte, „wenn er herausflöge, würde ihn vielleicht die Katze fressen, oder ein Adler würde ihn zu fassen kriegen, oder er würde verhungern und verdursten, denn er hat verlernt, sich selbst sein Futter zu beschaffen.“ Und er lachte laut, und dieses Lachen klang für den kleinen Vogel so furchteinflößend, dass er sich auf seiner Käfigstange zusammenduckte und mit dem Piepsen aufhörte.
Dieses Bild hatte ich vor Augen, als ich von der, für mich enttäuschenden, Beteiligung von 25,5 Prozent der Abstimmungsberechtigten an der Pustertaler Volksbefragung zum Thema Verkehr hörte. Wie ist es möglich, dachte ich mir, dass sie den Wert, den persönlichen und den politischen Wert, den eine solche Befragung hat, nicht erkennen?
Genau so dachte wohl das Mädchen in der Geschichte: Warum fliegt denn der Vogel nicht heraus aus seinem Käfig?, wo es doch in der Natur der Vögel liegt, die Freiheit und das Fliegen zu lieben.
Ich glaube fest daran, nein, ich weiß es mit Gewissheit, dass es in der Natur der Menschen liegt, mitbestimmen zu wollen, mitreden zu können, bei den Dingen, die ihr Leben betrifft, anstatt irgendsonstwen entscheiden zu lassen.
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Aber der Vogel hat wohl zu lange im goldenen Käfig gesessen, so lange, dass er vergessen hat wie es ist, ein Vogel zu sein, die Flügel auszubreiten und hinauszufliegen in das Blau des Himmels und in das Grün der Wälder. Es ist ihm ein Stück seiner Natur, seines Wesens, verloren gegangen...
Und trotzdem sage ich NEIN, dieser Vergleich hält nicht stand, ich will nicht daran glauben, was manche andere, so genannte Realisten (ich nenne sie Pessimisten) sagen: dass die Menschen in Südtirol manipuliert sind von „der“ Zeitung oder von „der“ Partei, dass es ihnen „zu gut“ geht, dass ihnen die Demokratie eh wurscht ist, wenn sie nur eine ordentliche Arbeit und ein schnelles Auto haben und alle Fernsehsender empfangen können.
NEIN.
Ich glaube eher, dass sie einfach nicht wissen was anfangen mit diesem Ding, mit einer Volksbefragung, noch dazu einer selbstverwalteten, das sei doch eine Art Spiel, „so tun als ob“; und weil es das erste Mal ist, ist alles um noch eine Spur merkwürdiger als es eh schon ist. Ich glaube, man kann nicht wirklich sagen, warum 74,5 Prozent der Abstimmungsberechtigten nicht zur Abstimmung gegangen sind, man kann nur spekulieren und raten: ob es das schöne Wetter war oder die Ungewissheit über Zweck und Wirkung der Volksbefragung oder ob sie sich nicht „exponieren“ wollten oder ob sie die Entscheidung an jene delegieren wollten, die eben hingehen würden, oder ob sie das Ganze für einen Unsinn hielten, oder ob sie von Außerirdischen mit elektromagnetischer Strahlung betäubt worden waren oder was auch immer – wirklich wissen tun es vermutlich nur diese Menschen selbst. Man sollte sie fragen, die Nichtbeteiliger. Man sollte eine Volksbefragung über die Nichtbeteiligung abhalten. Bloß würden da vier zur Auswahl stehende Szenarien nicht reichen...
„Flieg“, sagte Mama Vogel zum Vogelkind, das nun groß genug war, um das Fliegen erlernen zu können. Das Vogelkind hockte auf dem Rand des Nestes hoch auf der Eiche und äugte misstrauisch hinunter. „Flieg, dazu sind deine Flügel da, flieg!“ wiederholte Mama Vogel aufmunternd, und das Vogelkind öffnete seine Flügel und flatterte auf den nächsten Ast. Der Abstand vom Nest zum Ast betrug präzise 25,5 cm. Mama Vogel strahlte glücklich und das Vogelkind strahlte auch. Das war das allererste Mal für das Vogelkind, und also war das als außerordentliche Leistung anzusehen, und basta.
Sybille Tezzele Kramer, Montan