Mensch gewordene Frohbotschaften

Die Verkündigung des Gottesreiches und was dies für uns bedeutet

Jeder Mensch ist zweifellos irgendwelchen seelischen Verwundungen in seinem Leben ausgesetzt. Von den Psychologen lernen wir, dass es die Kindheit ist, die einen Menschen am nachhaltigsten prägt und beeinflusst, und zwar erfolgt diese Prägung im Besonderen durch die engsten Bezugspersonen, in der Regel also durch Vater und Mutter. Auch in der Vermittlung des Gottesbildes spielen die Eltern eine wichtige Rolle. Verkündet Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Vater nicht einen Gott, der stets mit ausgebreiteten Armen auf alle wartet, die ihn suchen? Ebenso spricht das Gleichnis vom verlorenen Schaf von einem Gott, der sich sogar selbst auf die Suche nach den auf Abwegen Geratenen macht. Ein solches froh machendes Gottesbild kann jedoch nur problemlos in einem Menschen entstehen, wenn dieser seinen eigenen Vater als verständnisvoll und zugleich Sicherheit bietend erlebt hat.

Nach meinem Empfinden lebte die ganze Persönlichkeit Jesu aus diesem positiven Gottesbild heraus. Mit - und dies muss ganz deutlich gesagt werden - allen Konsequenzen! Bis ans Kreuz! Dieses Gottesbild und die daraus erwachsene Verkündigung einer radikalen gelebten Frohbotschaft (Heilungswunder am Sabbat/ Mahl halten mit gesellschaftlich Geächteten usw.) führten letztendlich zu den Konflikten mit den Pharisäern und Schriftgelehrten und somit auch zur Kreuzigung Jesu. Besonders in den Zeiten, als in der Kirche Macht die wichtigste Rolle spielte, war von einer Verkündigung einer Frohbotschaft kaum die Rede. Die biblischen Gerichtsreden, die nicht einmal authentische Jesusworte enthalten, sondern der Verkündigungsreflexion der urkirchlichen Gemeinden entspringen, wurden zur Einschüchterung missbraucht; es wurde mit Angst gearbeitet, und so kam es, dass das Evangelium häufig zu einer Drohbotschaft umfunktioniert wurde. Die Zeit nach dem II. Vatikanum ist in der 2000jährigen Kirchengeschichte eine Umbruchszeit.

Der Durchbruch zur Frohbotschaft ist noch nicht vollkommen. Vielmehr ist bei so manchen Geistlichen und Laien ein Ringen spürbar, mit diesem Spannungsbogen Liebe - Gerechtigkeit klar zu kommen. Frohbotschaft bedeutet keineswegs: es spielt keine Rolle, ob du dich für das Böse entscheidest und ist auch absolut keine Verniedlichung von Schuld, sondern froh machend, befreiend ist für mich: Gott steht zu mir in meinem Versagen und trägt mich mit meiner Schuld. In der Tat mag das Reifen eines Gottesbildes, wie Jesus es aufgrund eigenen Erlebens in sich trug, ein womöglich lebenslanger Prozess sein.

Große Hindernisse für das stete Wachsen dieses Gottesbildes in einem Menschen sehe ich vor allem in einem mangelnden Selbstwertgefühl (wenn ich mich selbst nicht vorbehaltlos annehmen kann, glaube ich es auch nicht von Gott) und in dem „kleinen Machtteufel“, der in uns allen sitzt und den Mut zum Dienen, die Demut, unterdrückt. Auch in der „großen“ Kirche erlebe ich, wie die Frohe Botschaft in der Verkündigung noch wachsen muss. Dies besonders da, wo Menschen aufgrund ihrer Lebensgeschichte mit Schuld, Versagen und allem Drum und Dran oder ihrer Sexualität vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen werden und Kirchenrecht vor Barmherzigkeit geht oder dort, wo Menschen exkommuniziert werden. Gott entlässt niemanden aus seiner Liebe. Die Gemeinschaft, die Abbild der Liebe Gottes sein will, sollte es auch nicht tun.

Zurückerinnernd darf ich dankbar zum Ausdruck bringen, dass die Begegnung mit vielen Menschen, die vom Geiste Jesu und seinem Gottesbild geprägt sind, mir auf meinem Glaubensweg eine große Hilfe waren und sind; und so wünsche ich allen Leserinnen und Lesern, ebenfalls solchen Mensch gewordenen Frohbotschaften zu begegnen.

Annegret Steck, Naturns


Gott richtet mich

Ich frage mich oft, warum ich so gut davon gekommen bin. Geboren nach dem Krieg, Kindheit vor dem Konzil, Klosterschule: die Vorzeichen standen nicht nur auf rosig. Dennoch ist Drohbotschaft an mir irgendwie abgeperlt. Was für ein Glück!

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. "Gott ist ein gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft" hab ich brav im Katechismus (jenem berühmten grünen Pichler-Katechismus) gelernt. Die Botschaft, die für mich in dieser Aussage war und ist: Gott richtet mich -das heißt, er richtet mich wieder her, er macht alles heil, was nicht stimmt an mir und in mir. Und alles Gute, das ich zustande bringe, belohnt er mir. Böses will ich sowieso nicht tun. Wenn mir das nicht immer gelingt, ist es nicht mein Wille, sondern mein Unvermögen. Dafür bestraft er mich nicht. Der Gedanke an eine Gerichtsverhandlung, der Gott als Richter vorsitzt, bekümmert mich nicht sehr. Gott ist befangen, ich gehöre zur Familie. Er wird mir nichts Schlimmes wollen. Er wird mich richten - wieder her-richten, heil machen.

Ich weiß auch nicht, wieso mich die drohenden Bilder nicht so beeindrucken. Es wird wohl viel an der unterstützenden, wertschätzenden, sehr liebevollen Stimmung in meiner Familie liegen.

Martha Heizer, Absam / Tirol


Den Weg gehen oder weg gehen

Zwei Stationen meines Lebens, die mich zu neuen Ufern geführt haben

Ich wage einen bruchstückhaften Rückblick auf die persönliche religiöse Entwicklung in der Glaubensgruppe bei der Südtiroler Homosexuelleninitiative Centaurus. Da war - ist zuerst mein Coming out, das untrennbar mit Centaurus zusammenhängt. Es begann der bewusste Weg der eigenen Akzeptanz. Religiös stürzte ich gleichzeitig als tief glaubender Christ mit einer vollen Loyalität zur kath. Kirche in eine existentielle Glaubenskrise. Als regelmäßiger Kirchgänger zweifelte und verzweifelte ich an der Frage „ob Gott mich so liebt“. Von der Kommunion hielt ich mich zurück, bis ich mir innerlich immer wieder denselben Satz vorsagte: „Gott, ich weiß, ich bin schwul, aber ich möchte zur Kommunion gehen“. Und ich ging mit Herzklopfen. Die Beichtgespräche endeten, neben dem Verständnis des Priesters, in den Äußerungen der kath. Kirche zu diesem Thema: „Gott liebt auch dich mit deiner Anlage; die gelebte Sexualität ist Sünde“. In dieser inneren Zerrissenheit sah ich drei Auswege: Ich versuche einen persönlichen religiösen Weg zu finden verbunden mit einem Weggehen von der Kirche; es gelingt mir beides zu integrieren oder ich setze mich für Veränderungen in der kath. Kirche ein, um so mein Gewissen zu entlasten.

In der Euphorie über das geglückte Coming out veröffentlichte ich im Jahr 1992 eine Anzeige in der Wochenzeitung ff. „Schwul und katholisch. (K)ein Widerspruch? Selbsthilfegruppe geplant“. Mein Lebensprogramm und der erste Versuch eine schwule Glaubensgruppe zu gründen. Zwei Briefe kamen. Es entstand zwar nicht der religiöse Gesprächskreis; für mich aber eine unerwartete Entwicklung. Ich lernte so meinen Partner kennen, mit dem ich bis heute zusammen bin. Seine Geschichte und Entwicklung über das Spannungsfeld „Glaube, Kirche und Homosexualität“ führten mich zu neuen Sichtweisen. „Entscheidend ist das Gewissen (das es immer gilt zu bilden) und wie wir miteinander umgehen. Es zählt das liebende Herz. Was außerhalb meiner, deiner Freiheit ist (wir haben uns ja nicht aus einer Laune heraus für die Homosexualität entschieden, sondern wir sind so), für das können wir, kann jeder, nicht verantwortlich gemacht werden“. Ein Jahr später. Angelo, der ehemalige Vorsitzende von Centaurus, war wieder beruflich in Südtirol tätig. Mit seinem Einsatz startete dann die Glaubensgruppe. Ein Ziel: Das eigene (schwule) Leben mit den vielen Facetten aus dem Blickwinkel des Glaubens, der persönlichen Religiosität, Spiritualität zu betrachten.

In diesen Jahren der Treffen entstand bei mir zu den Mitgliedern eine Vertrautheit, Offenheit und eine echter Dialog in den Gesprächen. Besonders dankbar bin ich der Gruppe für das Aushalten, wenn ich immer wieder meine Reibungspunkte mit der kath. Kirche vorbrachte. Es war als würde meine unstillbare Sehnsucht nach einem Platz und Heimat in der kath. Kirche sich nicht erfüllen. Dabei lernte ich von den Teilnehmern eine Vielfalt von Glaubens-Lebens-Sicht-weisen kennen. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“, ein Zitat von Kardinal Ratzinger, das mir immer wieder einfiel. Ein wichtiger und heilsamer Prozess entstand, der mich herausführte aus meinen engen (kath.) Glaubensüberzeugungen. Katholisch heißt ja all-umfassend. Vieles darf Platz haben, auch in meiner Glaubenswelt. Freiheit im Kopf begann sich zu entwickeln. Gott ist größer als unsere Vorstellung!

Es entstand eine gesunde Distanz zur Kirche, verbunden mit dem Abschied von Erwartungen. Ein Trauerprozess mit vielen Tränen. Tränen als Grundlage eines neuen selbstbewussten persönlichen Glaubensweges. Heute sage ich: Loyalität zur Kirche ja; eigenes Denken ist erlaubt. Wahrgenommen habe ich dies im Jahr 2000. Die Aussagen des Papstes über den World Pride haben mich nicht mehr gekränkt. Ich konnte die Äußerung so stehen lassen. Oder die Erfahrung vor ein paar Monaten in einem Beichtgespräch. Der Priester kam in einen Gewissenskonflikt, als ich um die Lossprechung bat. Er sah meine gelebte schwule Partnerschaft und Sexualität als Sünde an. Vor ein paar Jahren hätte mich dieses Erlebnis in eine Krise gestürzt. Heute kann ich die Gewissensentscheidung des Priesters zulassen. Ich spürte nach dieser Beichte keine Enttäuschung, keinen Zorn auf diese Kirche, die an sich den Gott der Liebe verkündet. Das innere Wachsen durch die Glaubensgruppe hat mich hingeführt zu diesem Gefühl: „Gott liebt mich und sagt ja zu meinem (schwulen) Leben; Ja zu meiner gelebten Partnerschaft. Denn es ist, wie es ist. - So wie es ist, ist es gut.

Was zählt, ist das liebende Herz. Ich habe meinen persönlichen Glaubensweg mit und in der Kirche gefunden“. Und das ist gut so und tut gut!

Toni (Name der Redaktion bekannt)


Lebenszeugnis einer Südtiroler Frau

Die Angst hat ihr Leben geprägt. Schuldgefühle wurden ihr von Kindheit an eingeredet. Schwer war ihr Leben auf dem Bergbauernhof, mit ihrem Mann, mit ihren Kindern und Enkeln. Hart musste sie ringen mit der Kirche, um ihre Schuldgefühle los zu werden. Depressionen, Alkoholabhängigkeit, die Scheidung waren Stationen, die sie heute nicht mehr missen möchte. Sie haben sie reifen lassen, so dass sie heute, wenn auch entfernt von der Kirche und ihrem vermeintlichen Gottesbild, einen Zugang zu Gott über die Natur gefunden hat. Sie hat zu sich selber gefunden. Sie sagt heute mit ihren 70 Jahren: Ich möchte nie mehr jemanden für mich denken lassen. Mir geht es rundum gut. Im Folgenden erzählt sie aus ihrem bewegten Leben:

„Ich habe gewusst, dass ich ein Mensch bin mit tausend Ängsten. Ich habe den Ängsten nicht einmal einen Namen geben können. Ich bin 43 Jahre alt gewesen, als meine Mutter 80jährig gestorben ist. Bis dahin und auch noch einige Zeit nachher bin ich eine „dumme“ Frau gewesen. Ich habe viel gebetet. Nach dem Tod der Mutter habe ich Alpträume bekommen. Ich habe sie im Traum immer zornig gesehen. Sie hat immer mit mir geschimpft. Da habe ich begonnen nachzudenken, wo die Alpträume herkommen. Ich wusste, dass meine Mutter eine strenge Frau, eine harte Frau war. Aber ständig hat sie zu Lebzeiten auch nicht geschimpft. Da habe ich versucht, mit Geistlichen zu reden. Aber ich bin auf keinen grünen Zweig gekommen. Da hat es meist geheißen: Tun sie nur viel beten und nicht zu viel nachdenken. Das war für mich nicht befriedigend. Diese Gespräche haben mehr Fragen aufgeworfen, als ich Antworten bekommen habe. Es hat geheißen, in der Bibel steht das und das. Aber mit der Zeit bin ich draufgekommen, die Bibel kann man auslegen, wie man will. Es stimmt alles. Ich habe es bei verschiedenen Priestern versucht. Dann habe ich angefangen zu lesen. Die ersten Büchlein waren von Josef Kirschner. Das waren kleine Taschenbüchlein. Sie heißen: Leben ohne Angst. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Die sind so toll, so verständlich geschrieben. Ich musste das Lesen erst lernen. Wir haben nur Zeitung gelesen: Das Sonntagsblatt, das Antoniusblatt und den Volksboten. Kirschner hat so verständlich geschrieben: Du musst dir auch Gedanken machen über deine Religion, deinen Glauben. Und damit bin ich drauf gekommen, dass die Alpträume von meiner Vergangenheit herrühren. So vieles war im Unterbewusstsein geblieben. Dadurch, dass die Mutter gestorben ist, sind sie wieder hervorgekommen. Sie waren nicht aufgearbeitet.

Langsam habe ich festgestellt, dass mich meine Mutter wegen meiner jüngsten Schwester viel angelogen hat. Diese war 5 Wochen alt, als mein Vater starb. Sie wurde immer verwöhnt. Wenn sie etwas nicht bekommen hat, hat sie geschrieen, gestampft oder beides getan. Wie sie erwachsen war, hat sie nicht mehr geredet, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging. Die Mutter – die Gefühle, die eine Mutter hat, kann ein Mann nicht verstehen - die Mutter ist einfach näher dran beim Kind. Das ist logisch. Ja, die Mutter hat auch gesehen, dass meine Schwester so eigensinnig geworden ist. Sie ist ledig geblieben. Heute braucht sie nach einem Streit zehn und mehr Jahre, bis sie wieder mit dem betreffenden Menschen redet. Das hat sie auch frustriert. Heute verstehe ich das schon. Ich war immer der Blitzableiter. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind viel Husten hatte. Einen ganz tiefen, rauen Husten. Ich habe immer gehustet, auch heute huste ich noch. Aber heute denke ich mir, wer lange hustet, lebt lange. Ich weiß heute, warum ich damals gehustet habe. Da hat sich nämlich meine Mutter um mich gekümmert. Da machte sie mir einen Tee.

Ich habe nach dem Tod meiner Mutter erkannt, dass ich schon als junges Mädchen Depressionen hatte. Ich kann mich erinnern, als meine Schwester im Kloster die Einkleidung hatte. Das ist vielleicht 48 oder 49 Jahre her. Nächstes Jahr hat sie das 50jährige Jubiläum. Da habe ich den ganzen Tag geweint wie ein Schoßhund. Ich bin ein paar Jahre später bei einem Gemeindearzt als Hausmädchen tätig gewesen. Die hatten die Familienfeiern immer schön gemacht. Da war die finanzielle Seite auch schon besser, als zu meiner Zeit. Das verstehe ich. Da habe ich stundenlang geweint. Ich wusste nicht warum. Ich weiß es heute noch nicht, aber ich vermute es. Es waren Depressionen. Wann immer ein Ereignis war, wo sich andere gefreut haben, z.B. bei der Hochzeit meines Cousins, der mit uns aufgewachsen ist, habe ich den ganzen Tag geweint. Ich bin mir heute fast sicher, dass es Depressionen waren. Ich habe immer nur Angst gehabt. Unser „Plumpsklo“ war vom Haus etwas entfernt. Ich habe immer gewartet, bis jemand aus dem Haus getreten ist. Erst dann traute ich mich hinüber zu gehen. Ich bin immer ausgelacht worden. Ich wusste gar nicht, von wem ich Angst habe, vor was ich mich fürchte. Ich wusste nur, die Angst lähmt mich. Am Ende des 2. Weltkrieges sind etwas entfernt von uns Bomben gefallen. Es war vermutlich ein Notabwurf. Die Fliegerstaffeln wollten 20 km entfernt von uns eine Brücke zerstören. Nachher fürchtete ich mich noch mehr.

Die Angst ist aber schon vor diesem Ereignis da gewesen. Sie wurde nur verstärkt. Ich wusste ja nicht, was eine Bombe ist. Da fragte meine Mutter den alten Pfarrer, warum sich das „Diendl“, warum ich mich so sehr fürchte. Was er gesagt hat, ist für meine Mutter Wort Gottes gewesen. Da sagte dieser Mann: Sie hat ein schlechtes Gewissen. Na, was haben diese Männer für ein Hirn! Was haben diese Männer im Hirn gehabt, das frage ich mich heute schon oft. Mit 9 oder 10 Jahren, wie ich damals war. Die Mutter hat sich mit dieser Erklärung zufrieden gegeben. Sie hatte ja selber kein Wissen. Das, was der Pfarrer am Sonntag oder bei der „Weiberpredigt“ gesagt hat, hat gegolten. Ich weiß noch, als ich noch „Weiberpredigt“ ging. Da sagte dieser Pfarrer: Am Sonntag soll man dem Mann eine gute Marende machen, damit er zu Hause bleibt. Da dachte ich mir nachher: Was gibst du ihm zur Marende, wenn man eh schon zu Mittag alles zusammengekratzt hat, damit man alle Mäuler voll bekommen hat? So ist es! Da verliert man den Respekt vor dem Pfarrer, wenn er mit so einem „Schmarrn“ daherkommt. Der Pfarrer weiß ja genau, wie eine Ehe zu führen ist, wie Kinder zu erziehen sind. Das wissen alle jene, die keine Kinder haben. Ich beneide niemand heute um die Kindererziehung. Es wird nämlich so viel geboten. Die Umwelt ist heute sehr schwierig.

Ich komme zurück zu meinen Ängsten. Ich bin als Kind immer ausgelacht worden. Es hat niemand verstanden. Ich verstehe es ja heute. Ich habe selber so lange gebraucht, bis ich es kapiert habe. Die Leute haben damals ja nicht viele Möglichkeiten gehabt. Wenn mir vor 30 Jahren jemand ein Buch vorgelegt hätte, die ich heute hier habe ..... Ich musste erst lernen, Bücher zu lesen. Kirschner hat z.B. geschrieben, man soll nicht so tun, wie er es aufgeschrieben hat, sondern prüfen, ob das auch für mich richtig ist. Alles ist nicht für jeden Menschen richtig. Er hat geraten, dass man, wenn man streng, konservativ erzogen wurde, prüfen soll, ob das für mich das Richtige ist. Das war mein Werdegang zum Lesen. Zuerst habe ich Illustrierte oder einen Dreigroschenroman gelesen. Die sagten mir mit der Zeit nichts mehr.

Schon als Kind habe ich viel Angst vor dem Teufel, der Hölle, vor der Sünde mitbekommen. Durch die Alpträume nach dem Tod meiner Mutter ist dies alles wieder gekommen. Da habe ich erst festgestellt, dass die Sünde, die Schuldgefühle, das schlechte Gewissen 24 Stunden allgegenwärtig waren. Vielleicht war ich ein Typ, der das im Unterbewusstsein vergraben hat und alles zu tragisch genommen hat. Aber dafür kann ich nichts. Ich kann mich noch gut erinnern. Es war vor meiner Erstkommunion Der Kooperator hat gesagt, dass die Kinder, die nicht getauft wurden, in die Vorhölle kommen. Das habe ich nie vergessen. Dass die von der Kirche so einen Blödsinn sagen können, verstehe ich heute noch nicht. Je mehr ich Wissen hatte, dass Kirche und Gottesglauben zwei ganz verschiedene Paar Stiefel sind, ist es mir besser gegangen. Ich wusste dann: Die Angst vor der Hölle, vor dem Teufel – früher hat es geheißen, wenn man in den Spiegel schaut (nur der Vater hatte einen zu rasieren), schaut der Teufel heraus. Ich habe auch hinten drinnen nachgeschaut, aber da war nichts da. Die ganze Frömmigkeit, die mir anerzogen wurde und die die Mutter gehabt hat, und all die Lügen habe ich nicht mehr unter einen Hut gebracht. Meine Mutter hat mich immer angelogen, weil sie meine jüngere Schwester immer bevorzugt hat. Bis 15 Jahren war ich Bettnässerin. Das war nicht Vererbung. Heute weiß ich zudem: Ich bin nur die „Gitsche“, das Mädchen gewesen, nicht der ersehnte Junge.

Wenn meine Mutter von der Messe heimkam, war sie immer zornig. Sie hat geschimpft, hatte irgend etwas zu kritisieren. Heute weiß ich, dass sie müde war. Wir wohnen nämlich auf dem Berg. Ich weiß, was es heißt, auf einem steilen Feld zu arbeiten. Mein Mann war Handwerker und arbeitete nicht gerne auf dem Feld, so dass ich, auch wenn ich schwanger war, alles selber tun musste. Drei oder vier Jahre nach dem Tod meiner Mutter wurde mir klar, dass die Mutter keine böse Absicht gehabt hat, mich so zu behandeln. Sie konnte nicht anders, sie hatte es nicht anders gelernt. So bin ich im Frieden mit meiner Mutter auseinandergegangen, obwohl sie schon lange gestorben war.

Die Alpträume haben dann aufgehört. Zugleich habe ich einen Kampf mit meiner Kirche geführt. Das war ein heißer Kampf und dauerte viel länger. Das was ich falsch mache, z.B. wenn ich einmal meinen Mund zu weit aufmache oder mit dem Mann schimpfe – was tun wir Frauen schon so viel Schlechtes? – ein Kind ungerecht behandle, das ist ja noch lange kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist menschlich. Das ist erst nach einiger Zeit in meinen Kopf hineingegangen. Schuldgefühle haben wegen jeder Kleinigkeit, das muss ja nicht sein. Ich habe auch festgestellt, dass die Kirche mir gar nichts anhaben kann. Z.B. die Exkommunikation der sieben Frauen, die sich im Sommer 2002 weihen ließen: Ich würde pfeifen auf die Exkommunikation. Wenn man Angst hat, wenn man Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen hat, bleibt man klein. Dann ist man nicht aufmüpfig. Man bleibt ganz klein, solange man das glaubt. Aber das Leben ist dann auch zur Sau. Ich wüsste nicht, vor was ich nicht Angst gehabt habe.

Ich habe dann im Jahr 1969 begonnen zu trinken. Mein Mann war auch Alkoholiker, aber damals schon lange trocken. Ich bin fünf Jahre alkoholabhängig gewesen. Da merkte ich wieder, was es heißt Schuldgefühle zu haben. Ich habe noch 10 Jahre danach meinen Kindern gegenüber Schuldgefühle gehabt. Sie haben mich auch ausgenützt. Und ich habe es geschehen lassen. Da habe ich am besten gemerkt, wie hilflos, wie angreifbar man ist mit Schuldgefühlen. Dann hat damals die Tochter ganz jung ein Kind bekommen. Da war ich schon 10 Jahre trocken. Ich habe auf das Kind geschaut. Ich habe immer Ja gesagt. Für mich aber hat man nicht einmal die notwendigsten Reparaturen z.B. bei einer alten Tür gemacht. Wenn man Schuldgefühle hat, lässt man sich aussaugen. Alle wollten etwas von mir, aber wenn ich etwas gebraucht habe, bekam ich es nicht. Da bin ich erst drauf gekommen, wie ich ausgenützt wurde: Die Arbeiter habe ich versorgt, auch das kleine Kind, eine kleine Arbeit als Putzfrau wollte und konnte ich auch nicht aufgeben, weil ich dadurch etwas Geld bekam. Da ist mir bewusst geworden, dass ich durch diese Schuldgefühle noch vom Trinken her ausräumen muss, sonst gehe ich zugrunde. Ich habe mich gefühlt, wie ausgetreten. Wenn man etwas gibt, muss man auch irgendwo etwas zurückbekommen, sonst ist bald einmal fertig. Dann hat man nichts mehr zu geben, auch nicht als Frau für die Kinder. Was soll ich jetzt tun, dachte ich mir. Irgendwann habe ich mit einer Frau geredet. Sie war auf Urlaub bei uns. Sie sagte mir: Ihre Kinder nützen sie aus. Das habe ich nicht geglaubt. Aber wenn sie eine Hose brauchten, bin ich sofort gerannt. Wisst ihr überhaupt, was eure Mutter für euch tut, sagte sie öfters zu meinen Söhnen. Das verstanden sie nicht. Gewisse Sachen kann man mit einem Mann gar nicht besprechen.

Damals hat mein Mann – er war ein I-Tüpfel-Reiter – begonnen, meinen Buben die Schuhe vor das Haus und in den Schnee zu werfen, wenn sie nicht ordentlich hingestellt waren. Da habe ich zu ihm gesagt: Wenn du noch einmal die Schuhe der Kinder bei der Tür hinauswirfst, kannst du deine auch draußen suchen. Da ist es um meine Kinder gegangen. Er hat sie nur zweimal hinausgeworfen. Dann musste er auch seine draußen suchen. Dann habe ich Schneid, dann habe ich Mut bekommen. Es wurde mir bewusst, dass ich ausgenützt werde und dass ich die Schuldgefühle, die mir zu Hause, in der Schule und in der Kirche eingeimpft wurden, los werden muss. Sonst kann ich nicht mehr weiterleben. Da wurde mir klar, dass mir die Kirche gar nichts anhaben kann. Ich habe ja ganz einen anderen Herrgott. Heute weiß ich, wenn wir keinen anderen Herrgott haben, als den Kirchengott, sind wir alle „geliefert“. Dieser Herrgott ist mir zu leidenssüchtig, zu rachesüchtig und zu prunksüchtig. Mit dem komme ich nicht aus. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Ich horche nicht mehr zu. Ich gehe selten einmal mehr in die Kirche. Ich vermisse kein Sakrament. Ich habe das mit einem befreundeten Priester ausgeredet.

Ich fragte ihn einmal wegen dem Gebet: Kommt das irgendwo an? Er sagte, nein, das soll dir helfen. Das soll dir helfen! Ich habe viele Unfälle bei meinen jungen Leuten, meinen Kindern gehabt. Vor einigen Jahren hatte ein Sohn von mir einen schweren, grausigen Unfall, aus Leichtsinn. Ich habe 10 kg abgenommen. Da habe ich das erste Mal nicht mehr gebetet. Mir hat es nicht mehr geholfen. Eine Krankenschwester sagte mir, da hilft nur noch beten. Nein, sagte ich, bei einem solchen Leichtsinn hilft beten auch nicht mehr. Sie hat mich nur blöd angeschaut. Ich bin ja auch frech manchmal. Ich sage, was ich denke. Damals habe ich das erste Mal nicht gebetet, obwohl es mir beschissen gegangen ist. Es war für alle ein schlimme Sache. Mir hat die Schwiegertochter mehr leid getan, als er. Er hat es ja selbst verschuldet. Er ist ein Draufgänger. Er ist schon durch die ganze Welt gereist. In dieser Situation habe ich einfach nur noch Hoffnung gehabt. Sie stirbt zuletzt. Von einem Tag auf den anderen hofft man. Wenn ich heute bete, bitte ich fast nicht mehr. Ich tue ganz oft danken.

Mein Gottesglaube ist mir allerdings ganz ganz wichtig. Gott spüre ich in der Natur. Ich bin mit Vorliebe im Garten. Ich habe einen großen Garten mit vielen Blumen. Im vorigen Jahr habe ich 400 Gladiolen gepflanzt. Das ist mein Leben. Da vergesse ich Zeit und Raum. Ich spüre Gott in der Natur. Die Natur ist so etwas Wunderbares, dass die Kirche nichts dergleichen zu bieten hat. Was sie uns von Jesus und von der Bibel erzählt, ist sowieso das meiste Märchen und Legende. Heute wird die Bibel ausgelegt. Aber das beginne ich nicht mehr. Denn alles ist richtig. Ob es nun die Zeugen Jehovas auslegen oder die Evangelischen oder wir. Alle haben recht. Irgend etwas muss faul an der Kirche sein, wenn sie Martin Luther verfolgt hat. Ich sehe im Fernsehen vor allem Naturfilme an. Die Natur ist so perfekt. Es gibt nichts Perfekteres. Wir können unsere Haustiere ansehen. Wie mein Hund jung war, habe ich gemerkt, wie sehr seine Mutter für alle gesorgt hat, obwohl sie sonst abweisend war. Ich spüre Gott in der Natur. Er freut sich mit mir, wenn ich im Garten arbeite. Ich tue alles gerne: jäten, umstechen, säen. Ich tue alles selber. Gott freut sich mit mir. Da muss ich keine Schuldgefühle haben, weil ich am Sonntag im Garten gearbeitet habe und nicht in die Kirche ging. Gott freut sich mit mir. Das weiß ich ganz genau. Er mag mich mit allen Fehlern, die ich habe. Er mag mich so, nicht nur um mich zu kritisieren. Er mag mich mit allen Schwächen. Das beruhigt. Ich habe heute keine Angst mehr. Sie ist ganz weg. Fürchten tue ich mich nur mehr vor dem Gewitter und dem Feuer. Wir hatten vor vielen Jahren einen Großbrand. Das blieb mir. Aber mit dem kann ich gut leben. Vor dem Tod habe ich keine Angst. Das ist der letzte Lebensabschnitt, den ich zu erwarten habe. Das kommt erst ganz zuletzt. Vor dem Tod habe ich überhaupt keine Angst. Als junges Mädchen habe ich oft nicht gewagt, einzuschlafen, weil ich Angst vor dem Sterben hatte. Diesen letzten Abschnitt haben alle noch geschafft. Den werde auch ich schaffen.

Ich bin ganz grundsätzlich dagegen, dass die Kirche überall die Nase drinnen hat. Z.B. sollte man jene sterben lassen, die keine Aussicht mehr auf einen schmerzlosen Tod haben, wo nur mehr die Schläuche hängen. Warum darf der um Gottes Willen nicht sterben. Wir werden auch ins Leben hineingeworfen, ohne dass wir gefragt werden. Ich bin nicht für die Abtreibung. Aber niemand schert sich um die Kinder, die verhungern. Auch der Papst könnte ein Stück Land, das die Kirche nicht rechtmäßig erworben hat, für diese fast verhungerten Kinder hergeben. Es ist einfach zu wenig, wie sich der Papst im Heiligen Jahr entschuldigt hat. Sie sollen die Gründe zurückgeben, die sie sich unrechtmäßig angeeignet haben. In allen Erdteilen hat die Kirche, als sie Geistliche geschickt hat, Land zur Verfügung bekommen. Wie viele Pfarrer haben einfachen Leuten einen Hof, ein „Hoamat“ abgelottert nur um des lieben Himmels willen? Das ist bei uns oft vorgekommen. Es genügt nicht, wenn man nur sagt, man solle die Kinder nicht abtreiben. Die alten Männer in Rom haben keine Ahnung, in welche Situationen Frauen kommen können. Die haben alle keinen „Tau“. Da heißt es keusch leben. Auch der Zölibat ist nur ein Feigenblatt. Viele dieser Herren haben irgendwo ein Kind. Ich bin der Meinung, dass es ganz normal ist, dass auch der Pfarrer diesen Trieb hat. Wenn die Pfarrer heiraten dürften, hätten sie eine Vorstellung von allem. Das sagte schon mein Stiefvater. Er ist vor 35 Jahren gestorben. Ich bin überzeugt, wenn Frauen Priester werden dürften – aber ohne all diese Zeremonien, das ist so ein Ziborium – wäre das sehr gut. Wenn die Priester heiraten dürften, wüssten sie, wie schwierig es ist und sie würden nicht mehr so einen Stuss predigen. Aber die Kirche hat Angst vor Machtverlust, z.B. bei der Ehe von Geistlichen. Die Kirche ist heute nicht mehr glaubwürdig, weil sie uns das Gegenteil vormacht von dem, was sie predigt. Die Seelsorge findet heute ganz einfach nicht mehr statt. Die heutigen Priester sind wenig dazu fähig. Viele sind nicht aus Berufung Priester geworden, sondern mussten es werden, weil sie sonst z.B. nicht hätten studieren können.

Seit ich ohne Angst lebe, empfinde ich es so wunderbar. Das kann niemand nachempfinden, wer es nicht selber probiert hat. Ich bereue nichts. Mein Mann war ein Frauenheld, ich habe die Not gehabt, ich habe am Tag hart gearbeitet auf dem Feld und im Stall, in der Nacht habe ich gestrickt, damit ich für die Kinder etwas Anzuziehen hatte. Ich musste arbeiten gehen, weil mir mein Mann kein Geld mehr gegeben hat. Der kleine Hof hat mir gehört. Ich möchte in meinem Leben nie mehr abhängig sein. Ich möchte nie mehr andere für mich denken lassen. Das muss man aber auch einüben. Da wird man dann manchmal bös angeschaut. Ich bin heute rundum zufrieden. Ich genieße 24 Stunden am Tag. Die Freiheit zur Entscheidung ist das Kostbarste, was ich habe. Ich habe vor 16 Jahren die Trennung von meinem Mann gehabt. Er wollte sie. Damals war es der Weltuntergang für mich. Heute bin ich ihm dankbar dafür und dass ich mit einem blauen Auge davongekommen bin. Meine Erwartungen an einen Mann waren aber wohl zu hoch. Ich möchte mit ihm reden können. Er müsste nicht nur ein „Versorgungsfall“ sein. Ich möchte die ganze „Scheiße“, die ich hinter mir habe, nicht missen. Alles ist mir ganz wichtig. Alles gehört zu meiner Lebenserfahrung. Sonst wüsste ich nicht, wie gut es mir heute geht. Ich bin nicht verbittert. Der Suff hat meine ganze Lebenseinstellung geändert. Die Erinnerung daran, der Erfolg, trocken zu werden, war ein riesengroßes Erlebnis. Ich habe es geschafft. Das war das größte Erfolgserlebnis. Die nasse Zeit ist nicht mehr so wichtig. Jetzt, nachdem ich es geschafft habe, bringt mich nichts mehr um. Ohne dieses Erfolgserlebnis hätte ich das Restliche nicht geschafft. Wenn jemand hart behandelt wurde, besteht die Gefahr, dass er hart zu sich selber wird. Wir müssen die gute Mutter in uns suchen, habe ich gelesen und mir vorgenommen. Mir geht es heute richtig gut.“

Maria (Name der Redaktion bekannt)


Noch weit entfernt

Einige Gedanken zu Drohbotschaft - Frohbotschaft

Gebet: „Ich muss sterben, ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wo, ich weiß nicht wie, aber das weiß ich, wenn ich mit einer Todsünde sterbe bin ich verloren auf ewig“. Dieses Gebet, als Kind gebetet, ist mir lange als Schreckgespenst nachgegangen. Eine schwere Sünde war ja bald einmal begangen, z.B. unkeusche Gedanken. Gerade in den Gebeten, als Ausdruck unserer Lebenseinstellung kommt das Bedrohliche unseres vorgegebenen Glaubens zum Ausdruck. Eine ganze Generation wurde - und wird z. T. heute noch - mit Drohbotschaften erzogen: Der beleidigte Gott oder der zürnende Gott als Reuemittel für eine gute Beichte, bzw. auch, dass Beichte notwendig ist.

Auch alle Privatoffenbarungen, die zum Teil von der Kirche ja befürwortet werden, gehen in diese Richtung, ob Lourdes, Fatima oder Medjugorie. Nur wenn die Menschheit oder Christenheit sich bekehrt und betet (Rosenkranz), wird Unheil abgewendet (Kriege, Krankheiten, Aids). Kann man Gott weich kriegen? Bestraft er oft schon in dieser Welt? Lässt Gott sich beeinflussen von bestimmten Menschen oder Heiligen? Mir scheint, das sind Vorstellungen wie im tiefsten Mittelalter. Man hat den Eindruck, dass viele Menschen sich Gott als Aufpasser vorstellen, der nur wartet, dass der Mensch etwas anstellt. „Pass auf kleines Auge, was du siehst.“

Auch das Gebet: „0h mein Gott, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen“. Auch die ganze Fegfeuer- und Armen-Seelen-Lehre geht in diese Richtung (die vielen Messen für Verstorbene).Vieles wird allerdings nur des Geldes wegen propagiert und aufrechterhalten. Oft meint man, dass kein Unterschied besteht zur „heidnischen“ Mythologie. Nur in der kath. Kirche ist alles legal und heilig.

Das nur einige Gedanken, die mir kommen, wenn von christlicher Frohbotschaft die Rede ist. Da sind wir noch weit entfernt.

Anton Niederstätter, Pinzon, Pfarrer i. R.


Zweifeln, Glauben, Suchen

Ein Ostertext

Herr Hochgruber meinte am Telefon: „Sie haben bestimmt öfter mit ekklesiogenen Neurosen zu tun. Berichten Sie uns etwas darüber. Oder kommen Sie auf Ihre eigene Einstellung zu Glauben und Kirche zu sprechen.“ Höchstens zweiteres kann ich tun. Denn ich habe zu meinem eigenen Erstaunen gemerkt, dass von der Kirche ausgehende Zwänge in meinen Therapien selten sind, bei jüngeren Patienten und Klienten praktisch gar nicht mehr vorkommen. Als hätte die Kirche ihren inquisitorischen Druck eingebüßt, als sei sie aus psychologischer Sicht keine Bedrohung mehr.

Was sie mir persönlich sofort wieder sympathischer macht. Kirche verwaltet heute wohl großteils Jenseitiges, Glaubenssätze, Dogmen, die sich nur mehr selten in täglichem Machtkampf oder in unsauberen Intrigen niederschlagen können. Sie wirkt umso überzeugender, je entmachteter sie ist. Sie wirkt um so bedeutender, je weniger Vertreter sie besitzt. Der allseits beklagte Priestermangel ist eine große Chance für die Kirche, ihre Wirkung auf einige wesentliche Gebiete zurückzunehmen und keine Überwachungshaltung der Bevölkerung gegenüber einzunehmen. Kirchen sind heute öfter fast leer und manchmal auch übervoll, weil niemand mehr aus sozialem Druck heraus gezwungen ist, in die Kirche zu gehen. Kirchgänger bringen Überzeugungen mit und nicht Angst. Seien sie auch bloß überzeugt, am Sonntag Gesellschaft suchen zu wollen, wegen der netten Mädchen vor und in der Kirche, oder wegen des Glases Wein und des Kartenspieles danach, so wird ihnen Kirche sozial verwendbar, und das ist irgendwie auch christlich, und ganz besonders katholisch (was übersetzt „für alle vorhanden“ bedeutet). Der Priestermangel lehrt die Kirche vielleicht neue, bessere Wege. Er könnte sie lehren, Vorschriften und Ansprüche aus Gebieten wie Sexualität und Ehe abzuziehen, um das Nachdenken auf wichtige Kernbereiche wie Frieden, Konflikt- und Konsensfähigkeit, Umgang mit Pluralismus und Informationsfülle, Verwendung von Natur und Technik, zu lenken. Um überhaupt mehr schlichtend als richtend, eher fragend als wissend einzugreifen ins menschliche Bewusstsein. Viele heute gegebene Antworten sind vorschnell oder einseitig. Antworten zur Entstehung der Welt müssten den Big Bang, das sich rasend ausbreitende Universum, die Kernfusion und das Verschmelzen von Elementarteilchen bei Sternenexplosionen zu schwereren Elementen als Wasserstoff und Helium, die Verdichtung der Erde zu einem flüssigen Kern aus Nickel, Eisen, Silizium und Aluminium, das irdische Magnetfeld, das vor dem Teilchenbeschuss der Sonne schützt, die Entstehung von Wasser auf der Glut und von Leben im Wasser, das Werden von Land und von Pflanzen und Tieren darauf, den Kreislauf von Sauerstoff und Kohlendioxyd, die Photosynthese und die Atmungskette, die Evolution des Menschen mit und neben anderen Säugetieren, einschließen. Antworten zu richtigem oder nützlichem Verhalten müssten die Erkenntnisse der Verhaltensforschung, der Psychologie und der Neurowissenschaften genauso mit berücksichtigen wie geschichtliche und soziologische Ideen oder kulturelle Vorlieben.

Vorschriften müssen im Zeitalter der reflektierenden Philosophie auch die Zweifel an ihrer Wirksamkeit, Durchführbarkeit und Sinnhaftigkeit zulassen. Autorität erwächst nicht mehr aus Titeln, einer langen Ahnenreihe oder gottgegebenem Amt allein, sondern in ihrer echtesten Form aus überzeugender Darstellung.

Das heißt: Glaube ist nicht mehr Sache einer Kirche, sondern zuerst Suche, Anstrengung oder Errungenschaft des Einzelnen. Sein kreatives Fragen, seine Fähigkeit, mit viel Unsicherheit zu leben oder sich Wahrscheinlichkeiten zurecht zu legen, machen individuellen Glauben zunächst aus. Die Kirche ist einer unter mehreren Anbietern von Modellen, offeriert ihren Parteigängern soziale Vorteile. Unter anderem die sozialen Vorteile von so genannten Gewissheiten über das Jenseits und das Diesseits, und vor allem die Vorteile der kulturellen Bekanntheit.

Es kann also sein, dass ich Kirche brauche – zeitweise, oder mein ganzes Leben lang. Nur wenn ich sie brauchen und benützen kann, ist sie für mich von Wert. Nur wenn ich zu ihren Projekten beitrage (was ich auch durch Widerspruch kann), bin ich für sie von Wert. Im Zeitalter des Pluralismus können wir beide, Kirche und ich, aber auch ganz neutral nebeneinander herleben. Mit geringen, und doch meist hilfreichen Berührungspunkten. Es gibt sicher so etwas wie grauen Katholizismus: Menschen, die fern von glühendem Bekennertum sind, aber einzelne Aspekte der Kirche nicht missen möchten, und deshalb das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Sie möchten mit Kirche ehelichen, karitativ sein, ihre Kinder gebären, Schicksalsschläge verarbeiten und sterben. Auch die Post, die Krankenhäuser und die Müllabfuhr sind wohl durchdachte, brauchbare Systeme, und doch denken wir vor allem dann an sie, wenn wir sie gerade brauchen. Ist Kirche bescheiden genug, sich so einstufen und verwenden zu lassen?

Muss sie ja nicht. Sie kann weiter Jenseits verwalten, das tut keinem weh außer der Konkurrenz (anderen Konfessionen). Wo sie aber tief empfindend auftritt, muss sich Kirche sagen, dass sie Jenseits verwaltet, um Menschen ganz konkret im Diesseits zu stärken. Und dann tut sich die Frage auf: Wie viel Verwaltung, wie viel Akte und Paragraphen sind nötig, um Menschen abzusichern?

Meines Erachtens braucht es wenig davon, aber viel lebendiges Vorbild. Kirche soll uns beistehen, mit eigenen Fehlern zurecht zu kommen, Negatives an uns anzunehmen, und nur die Anteile der Außenwelt zu verändern, die sich auch beeinflussen lassen. Sie hat sich großen Ideen wie Friede und Liebe verschrieben, und darf ruhig zeigen, dass sie daran fast zerbricht. Dass sie so für Missbrauch besonders anfällig wird. Dass sogar die kleineren Geschwister von Friede und Liebe, der begrenzte Konflikt und die gerechte Verteilung, von der Kindersterblichkeit bedroht sind.

Günstig ist, wenn der einzelne Gläubige innerhalb der Kirche sehr frei leben kann. Wenn sie ihm hilft, sich zu befreien. Wenn sie seinem Empfinden, seinem Nachdenken über Gefühle, seiner Bereitschaft zu gemeinsamem Tun neugierig nachspürt und Raum gibt.

Jeder Gläubige ist zunächst Mensch, und damit zeitweise glaubenslos oder ungläubig. Jeder Priester ist zunächst Mensch, und daher mit Schwächen oder Besonderheiten behaftet. Pädophilie. Alkoholismus, Suizid finden sich eben deshalb unter Priestern auch. Illegale Gespielinnen und Geliebte, verleugnete Kinder, intrigante Machtgelüste haben Bischöfe auch.

Diesbezüglich wirkt Sigmund Freud ehrlicher als die katholische Kirche: er hat die Theorie eines psychosexuellen Apparates in Eigenanalyse aufgestellt, er hat aufrichtig bei sich selbst gesucht und auf andere übertragen. Die katholische Kirche tut, als habe sie für schwierige Vorgänge in sich selbst einen blinden Fleck, oder nur ein Mehr an Geboten zur Verfügung.

Allerdings ist es unfair, ein soziales Gebilde mit einem Einzelmenschen zu vergleichen. Täte man es, würde man der Kirche den Status eines Neurotikers, der zwar gekonnt verdrängt, aber auch unsagbar darunter leidet, zuerkennen. Und hätte damit ein herrliches, auf 1,2 Milliarden Menschen verteiltes Sinnbild von Selbstähnlichkeit. Warum soll im Ganzen nicht herauskommen, was in vielen seiner Teile schlummert?

Das große, das wohl größte Paradox der Kirche liegt darin, dass sie mit all ihren Teilen immer wieder den Menschen nahe legt: Ihr müsst glauben, und zwar genau an diesen einen Gott. Das wäre, wie einem Mann zu sagen: du musst lieben, und zwar genau jene bestimmte Frau. Oder: sei spontan, sei kreativ. Auf Kommando spontan oder kreativ sein ist nicht mehr spontan oder kreativ. Auf Druck zu glauben ist nicht mehr glauben.

Wo liegt denn da eine Lösung? Wie kann ich im Kleinen weiter machen? Wenn Fragen die Vorstufe des Glaubens darstellen, dann gelange ich jetzt dort hin. Und die Kirche hält mich nicht auf, sie lässt meine Glaubensgeburt zu. Im Mittelalter hätte man mich vielleicht verbrannt dafür. Aber damals war Verschiedenheit gefährlicher als heute, sie wurde mit mangelnder Unterwerfung, mit Insubordination gleichgesetzt. Vielleicht ist eine Lösung für mich nicht einfach paradox, sondern sogar paradox einfach.

Häufig werden Probleme durch ihre Überzeichnung gelöst. Krisen dadurch bereinigt, dass man sie verstärkt, bis gehandelt werden muss. Die Kirche ist mir vielleicht die Mauer, an der die Wellen meiner Fragen brechen. Der Widerstand, der mir immer wieder sagt: Das kann die Antwort ja nicht sein. Oder: Ich will eine Antwort für dieses Leben, nicht für ein nächstes. Oder: Ich will etwas glauben, was intim zu mir gehört, und nicht etwas Aufgesetztes. Indem die Kirche mein Problem verstärkt, mein Leid verschärft, hilft sie mir suchen. Manchmal, nach dem Prinzip des blinden Huhnes, hilft sie mir sogar finden. Und niemals bedroht sie dabei mein physisches Leben.

Schimpfen über den Papst – über diesen reisezähen Kerl, der überall hin kommt, mit seinen politisch so intuitiv richtigen Ideen zum Weltfrieden, mit seinen gesellschaftlich so überholten Ansichten zur Wiederverheiratung Geschiedener, zu Homosexualität und Verhütungsmitteln. Schimpfen über seine abgöttische Liebe zu opus dei…. Aber dann mischt sich Bewunderung in meine Schimpftirade, wie er mit seiner Parkinsonkrankheit umgeht, wie er am Schutz des Lebens festhält.

Vielleicht ist Glaube heute ambivalent, oder vielschichtig. Ein Teilnehmen an einer wichtigen Antwortsuche-Bewegung, die immer neue Aspekte und Fragen aufwirft. Ist Euthanasie ok, wenn jemand zu sterben wünscht und sich selber nicht mehr das Leben nehmen kann, weil er vom Hals abwärts gelähmt ist und weiß, dass langsam auch die Atemmuskeln versagen werden? Ist der Ehepartner dieses Menschen, der angekündigt hat, ihn aus Mitleid zu töten, ein Mörder, Vollstecker oder Helfer? Ist es erlaubt, sicherheitshalber 5 Eizellen künstlich zu befruchten, und 4 davon zu verwerfen?

Bei all diesen Dingen ist die Position der Kirche wichtig. Es ist aber genauso wichtig, dass der Staat weniger rigide Regeln vorgibt – eheähnliche Gemeinschaften anerkennt, Wiederverheiratung zulässt, Abtreibung ermöglicht. Es ist absolut in Ordnung, dass die Wissenschaftsgemeinde und die moderne Medizin sagen, wir verwirklichen alles, was der Menschheit hilfreich sein kann: Organverpflanzung, Leihmutterschaft, Stammzellenforschung und –züchtung, Genentschlüsselung, Genmanipulation und Genreparatur. Der Kirche eignet nicht mehr die (vermeintlich) einzig richtige, sondern eine unter mehreren erwägenswerten Positionen. Sie hilft entscheiden. Vielleicht ist der Staat für den modernen Glauben gleich wichtig wie die Kirche – als Gegengewicht des Machbaren zu den vielen Verboten. Vielleicht ist er als menschenähnliches Gebilde sogar wichtiger als die Kirche. Er hat den Vorsprung der Demokratie. Diesbezüglich steckt die Kirche noch im Altertum oder im Mittelalter. Sie reizt einfach pausenlos zur Demokratisierung. Unaufhaltsam wird diese kommen. Je mehr stockkonservative Kirchenleute es gibt, desto früher. Der Großteil der Priestertätigkeit wird an Laien ausgelagert werden, der größere Teil davon an Frauen, die sich nicht mit dem Demutsvorbild der Gottesmutter Maria zufrieden geben werden. Vor allem aber werden es Laientheologinnen sein, die die nächsten Generationen im Glauben unterweisen (so man Glauben lehren kann). Sie werden ein ganz anderes Rollenverständnis ihrer selbst einführen. Vielleicht heißt es bald, Frauen brauchen keine Priester zu sein. Wenn ich über den Papst schimpfe, tut ihm das nicht weh, und es hilft mir glauben. Wenn ich etwas Anderes glaube, als die katholische Kirche mir vorgibt, nehme ich ihren Auftrag an die Menschen Ernst. Nämlich jenen, sie zu befreien und ihnen beizustehen. Weil dieser Auftrag wichtiger ist als jeder religiöse Inhalt es sein kann.

Roger Pycha,
Primar der Psychiatrie am Krankenhaus Bruneck