Ein schwieriges Erbe

Reformstau und kritische Äußerungen zum Pontifikat

In der Zeit um den Tod von Papst Johannes Paul II. war das Wort Reformstau in der Kirche Südtirols in vieler Munde. Kritische Äußerungen zum abgelaufenen Pontifikat waren nicht selten, wenn teilweise auch verhalten zu hören.

Begonnen hat den Reigen der Medienbeauftragte der Diözese Josef Innerhofer, indem er in einem RAI Morgentelefon am 24.3.05 meinte: „Es gibt einen Reformstau in der Kirche. Das ist nicht abzuleugnen. Er muss mit der Zeit aufgearbeitet werden“. Toni Fiung betonte in den Dolomiten vom 4.4.05, dass unter Johannes Paul II. innerkirchliche Probleme, wie „die Pastoral der geschiedenen Wiederverheirateten, die Frage des Pflichtzölibats und die Diskussion um Diakonat und Priestertum der Frau … auf eine Lösung warten“. Die stellvertretende Landesleiterin der SKJ bekannte auf der Jugendseite, dass sie die päpstliche „extreme Haltung zum Zölibat, zum Frauenpriestertum, zur Verhütung und Homosexualität nicht so gut“ fand.

Der Kirchenhistoriker Josef Gelmi sprach in denselben Dolomiten von einem „beträchtlichen Reformstau“ und bestätigte diese Haltung im „Runden Tisch“ der RAI am 4.4.05. Auch der Fundamentaltheologe Paolo Renner war dort sehr kritisch, was das innerkirchliche Erbe von Johannes Paul II. betraf. Schwester Klara Rieder und die Vorsitzende des Beirates für Chancengleichheit Julia Unterberger gingen mit dem verstorbenen Papst in Bezug auf Frauenfragen hart ins Gericht und forderten das Priestertum der Frau. Der Präsident des Kath. Forums Herbert Denicolò sprach sich im RAI Mittagsmagazin Spezial vom 6.4.05 für Reformen aus, ebenso wie Christine Vieider von der Kath. Frauenbewegung. Die Themen des Kirchenvolksbegehrens seien nach wie vor auf dem Tisch.

Dass der neue Papst die „Verkru-stung in der Kirche aufbricht“ war der Wunsch von P. Paul Hofer in der Tageszeitung vom 9./10.4.05. Der Verwaltungsamtsleiter der Diözese Michael Mitterhofer bestätigte in einer Sendung von Radio Tirol am 9.4.05, dass es derzeit einen Reformstau in der Kirche gäbe, wie am Ende eines jeden Pontifikates. Martin Lercher deutete in der Zett vom 10.4.05 das Blättern des Windes im Evangelienbuch auf dem Sarg von Johannes Paul II. als Zeichen dafür, dass der Geist Gottes neue Seiten im Leben der Kirche aufschlagen werde.

Für Dezentralisierung und mehr Gewicht für die Diözesen und Bischofskonferenzen sprachen sich in der ff vom 14.4.05 der Kapuziner Robert Prenner, der geistliche Assistent des KVW Josef Stricker, aber auch der Moraltheologe Karl Golser ebenso wie der Pressesprecher der Diözese Innsbruck Gilbert Rosenkranz aus. Der Pfarrer von St. Leonhard-Abtei Franz Sottara bedauerte die Abhängigkeit in Rom, wenn liturgische Texte approbiert werden müssten. Das Frauenpriestertum müsse „ohne Scheu zumindest diskutiert“ werden, forderte Prenner. Stricker betonte, dass auch Bischöfe „mutiger“ sein könnten und sprach sich für eine „synodale Kirche“ aus. Vorbehaltlos für die „viri probati“ trat Robert Prenner ein, Josef Stricker sprach diesbezüglich von „Mut zum Experiment“, der Schriftleiter des Kath. Sonntagsblattes Walther Werth von einem „wichtigen Diskussionspunkt“.

Ohne Scheu sei das Frauenpriestertum laut Prenner zu diskutieren. Stricker meint, diese Frage „müsste theologisch offensiv angegangen wer-den“. Der Bozner Franziskaner Richard Nöckler meinte, dass Priesterinnen ohne Probleme aufgenommen würden und trat für eine „Rückkehr zu den Ursprüngen“ ein. Dadurch würden sich die Fragen nach Aufhebung des Zölibates oder das Frauenpriestertum „von selbst erledigen“. Denn „die Diskriminierung der Frau in der Kirche ist unerträglich“. Dies gilt auch für die Boznerin Manuela Schweigkofler, die Geschäftsführerin vom „Haus der Begegnung“ in Innsbruck. Besonders die Unbarmherzigkeit gegenüber den Homosexuellen störte sie am verstorbenen Papst. Sie trat für eine deutliche Öffnung in Fra-gen der Sexualmoral ein und meinte, dass Priesterinnen „nicht aufzuhalten“ sein würden. „Statt einer patriarchalen brauchen wir eine lebendige Kirche“.

Der Vorstand der Initiativgruppe zeigte sich erfreut über all diese Äußerungen und sah sich dadurch im Bemühen um Reformen in der Kirche bestätigt. Diese wurden bereits seit dem Kirchenvolksbegehren von 1995 gefordert, das sich mit mehr als 18.000 Unterschriften für mehr Demokratie, die Freistellung des Zölibates, die Gleichberechtigung der Frauen, eine positive Bewertung der Sexualität und für Barmherzigkeit gegenüber ausgegrenzten Gruppen ausgesprochen hat. Umfragen haben Mitte der 90er Jahre in Südtirol, ebenso wie derzeit in Deutschland und den USA, bestätigt, dass die Gläubigen Reformen wünschen und auf Veränderungen vorbereitet sind.

Robert Hochgruber