Kirchenrecht und Leben

Man sieht nur mit dem Herzen gut
Oder: Warum ich meine Ehe nicht annullieren lasse

Ein sehr heißer Samstag im August 1984: Ich las die Passage vom Vertrautmachen, vom Zähmen und von der Verantwortung, mit 26 war ich im besten Alter für den Klassiker „Der kleine Prinz“ und fühlte mich reif zu heiraten. Den Vater meiner damals einjährigen Tochter. Sie schlief während der Trauung, danach freute sie sich, mir Blumen zu schenken. Erinnerungen an Textstellen, Refrains der Lieder, einige Blicke und das grenzenlose Vertrauen, das ich damals in uns hatte. Unsere Eltern waren zufrieden, dass ihre Kinder „ihre Verhältnisse endlich in Ordnung gebracht“ hatten, und wir kauften uns einen alten R 4 und ein neues Sofa. Im Jahr darauf freuten wir uns über das zweite Kind, zogen um und begannen, uns gut organisiert auseinander zu entwickeln, sehr weit, weiter, als es sich der kleine Prinz hätte vorstellen können. Trauer, Trennung, Wut und Schmerz, Scheidung: viel beredet, gewendet, gehofft und geweint. Danach lebte ich viele Jahre allein mit den beiden Kindern, „Der kleine Prinz“ stand weit hinten in meinem Bücherregal.

Unter meinen kurzen, roten Haaren, dem beinahe gezwungen-lässigen Auftreten hätte niemand Spurenelemente von Romantik bei mir vermutet. Ich habe gerne geheiratet, niemand hat mich gezwungen. Die Anfragen von daheim, die deutlichen Hinweise auf die gemeinsame Tochter habe ich als lästig, aber niemals als Gezwungenwerden empfunden. Ob ich zur Ehe fähig war? Ich war schnell gekränkt und witterte im Partner böse Absichten, mir wehzutun; ich konnte schlecht verzeihen und mein Jähzorn war noch jung und ungezähmt. Ich war wie viele Menschen: konsequent bei der Mülltrennung, bewusst beim Einkauf der Nahrungsmittel und sehr unwissend über den Beziehungsalltag, dieses Kleingeld der Liebe, das mich sehr schnell den Überblick verlieren ließ. Es ging nicht gut mit uns, uns ging es nicht gut miteinander und das Gefühl, allein zu sein, sich daheim nicht anvertrauen zu können, wuchs.

Sehr viele Sommer später habe ich zum zweiten Mal geheiratet, am Standesamt an einem wunderschönen See. Der Kreis der Mitfeiernden war kleiner als bei meiner ersten Hochzeit, es war eine sehr ernsthafte Feier, ging es doch neben einer neuen Partnerschaft sehr maßgeblich um das gemeinsame Leben mit vier Kindern. Geschieden wieder verheiratet oder wieder verheiratet geschieden, so werde ich im Fachjargon der katholischen Kirche bezeichnet, ich nenne meinen Familienstand „verheiratet“.

Die Pfarre, in der ich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben kirchlich geheiratet habe, besuche ich noch gelegentlich, noch immer begeistert mich die Fülle an Licht, die durch die Glasfenster und -konstruktionen einfällt, ich sehe meinen ersten Mann, mich im Hochzeitskleid, ein großer Hut als Attribut der Ernsthaftigkeit auf dem wirbelnden Kopf, die kleine Tochter schlafend dabei. Diese Szene möchte ich niemals streichen, löschen: Ein Schritt in meiner Entwicklung, kein Fehltritt, vielleicht ein zu großer Schritt, man hätte noch warten können und die Reiseroute besser kennen lernen und den Schwierigkeitsgrad der Ehe näher bestimmen können. Viel hätte ich anders machen können, wenn ich es gekonnt hätte.

Ich ließ mir wenig Zeit andere Reaktionen auszuprobieren, hielt am vertrauten Schema fest, hier Täter, dort Opfer, ein richtiger Streit hat einen Schuldigen/eine Schuldige. Heute kann ich leichter leben, manches auf sich beruhen lassen, die Selbstüberforderung habe ich gestoppt, dann, als ich mir selbst mit meinen hohen Ansprüchen zu bunt und zu anstrengend wurde.

Niemals ist mir eine Annullierung der ersten Ehe in den Sinn gekommen. Ich trete auch selten von eingegangenen Pflichten zurück, in den letzten Jahren habe ich begonnen, stets das Kleingedruckte zuerst zu studieren. Ich habe kein Bedürfnis, mit mir fremden Menschen über meine damalige Befindlichkeit zu reden, ihnen vom kleinen Prinzen, dem gelben R 4 und dem selbst gemachten Brot als Inbegriff der alternativen Lebensbewältigung zu erzählen. Vielleicht meinen Kindern einmal, vom Traum ihrer Mutter, das perfekte Leben - politisch korrekt, biologisch gesund, pädagogisch wertvoll - zu gestalten, mit festgeschriebenem Regiebuch und wenig Platz für Improvisationen. Wie könnte ich meinen beiden Kindern erklären, dass sie aus einer Ehe stammen, die ich für annullierungswürdig befunden hätte? Wie kann ich von diesen jungen Erwachsenen Verantwortungsbewusstsein fordern und mich in die Ecke der Unreife, Unfähigkeit ... zurückziehen? Ich bin in zweiter Ehe verheiratet und das ganz unangestrengt. Meinem jetzigen Mann bin ich nicht mit der ungestümen Verliebtheit der 23-Jährigen begegnet, ihn habe ich nicht mit 26 Jahren geheiratet, sondern mit 40, da hatte ich mich schon mit und an mir abgekämpft. Mittlerweile lasse ich mich bisweilen schon mehrere Tage selbst in Ruhe und vertraue meinen Gefühlen. Es ist gut, wie es ist, und aus dem Bücherregal nicken mir die Alben der Vergangenheit zu.

Martha Martin, welt der frau, 3/2004, S. 31,
Zeitschrift der Kath. Frauenbewegung Österreichs,
Linz, Tel. 0043 732 770001 14