Sexueller Missbrauch in der Kirche - Frage und Antwort
Sehr geehrte Frau Ferolli!
Ich erinnere mich, im vergangenen Jahr in einem Heft einen Artikel von Ihnen über Kardinal Groer gelesen zu haben, der mir, dem Anlass und der Person entsprechend, stimmig schien. Nun würde ich sehr gerne Ihre Meinung zum Fall August Paterno in Vorarlberg hören. Im Grunde ist es ja das Gleiche, das beiden vorgeworfen wird. Doch so sehr ich dem fanatisierten Finsterling Groer jede Untat zutraue, so wenig kann ich Pater Paterno damit in Zusammenhang bringen. Ich habe ihn anlässlich einer Caritas-Veranstaltung kennen gelernt und ein langes und überaus anregendes Gespräch mit ihm geführt. Für ein Eingehen auf meine Fragen wäre ich Ihnen sehr dankbar. Mit freundlichen Grüßen,
Siegfried P., Hofrat im Amt der Tiroler Landesregierung
Sehr geehrter Herr Hofrat,
lassen Sie uns gleich in medias res gehen: An Sympathien und Antipathien kommt niemand vorbei. Groer schien uns fremd und entrückt, auf eine uns unangenehm berührende Weise. Paterno ist der gemütvolle Kumpel, mit dem sich’s reden, trinken und lachen lässt. Nun sprechen Sie das Wort „Untat“ aus. Und hier möchte ich einhaken. Ein Pädophiler will keinem Kind etwas Böses antun. Das ist es ja, was sein (für uns unverständlich!) völlig mangelndes Unrechtsbewusstsein ausmacht: Er liebt Kinder. Er ist selbst aus Gründen, die vielerlei Ursachen haben können, nicht zur sexuellen Reife gelangt, sondern im Stadium des psychischen Kindseins stecken geblieben. (M. Jackson!) Er versteht Kinder, fühlt sich in ihrer Gegenwart glücklich, geborgen, akzeptiert. Sie laufen ihm zu, weil er mit ihnen zu sprechen und zu spielen versteht, wie niemand sonst. Es entstehen Bindungen, die es ihm so verdammt leicht machen, einen Schritt zu weit zu gehen. Er nimmt die Grenze selbst nicht wahr oder setzt sich im Sog seiner Sehnsüchte darüber weg (er kann ja beichten!). Er liebt Kinder: Er liebt sie nur eben ein bisschen zu sehr. Das ist die Tragödie, das ist die Schuld. Denn im Inneren muss er wissen, dass er etwas Ungeheuerliches begeht. Hier liegt auch der Anteil der Kirche, die durch den Pflichtzölibat Persönlichkeiten mit gebrochener oder verschobener Sexualität - die ansonsten von herausragender und charismatischer Struktur sein können - einen unauffälligen und sicheren Hort bietet. Sie, Herr Hofrat, schreiben in Ihrer Einleitung, dass Sie Familienvater sind und früher im Schuldienst tätig waren: Wäre Ihre Hand nächtlicherweise „gewandert“, wie es Kaplan Paterno ausdrückt, hätten Sie überhaupt je mit einem Schüler ein Doppelbett geteilt? Hier sind Zwänge am Werk, die letztlich nicht einmal geleugnet, aber in ihrer Konsequenz nicht wahrgenommen werden (wollen). Groer selbst meinte dazu, er verstünde nicht, „dass über eine Sache, die so weit zurückliege, so viel geredet würde.“
Zwei Kleriker (Eisbergspitze!) haben dasselbe getan und werden von uns unterschiedlich wahrgenommen. Das ändert nichts an den Fakten. Wir helfen Pater Paterno nicht, wenn wir sagen: „Ausgeschlossen!“ Wir helfen ihm, wenn wir es ihm möglich machen, sich seiner zur Schuld gewordenen Schwäche zu stellen.
Mit den besten Grüßen für Sie und Ihre Familie
Beatrice Ferolli
Kirche In, 12/2004, S. 21
Helmut Schüller, der Leiter der katholischen Wiener Ombudsstelle (Kirchenvolksanwaltschaft) für Missbrauchsopfer, fordert eine rasche Umsetzung des von einer Expertengruppe ausgearbeiteten Maßnahmenpakets zur Vorbeugung und Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen. „So lange man nicht willens ist, strukturierte Maßnahmen zu setzen, wird jeder neue Missbrauchsfall zu einem neuen Skandal führen. In Deutschland, Frankreich oder den USA haben die Bischöfe bereits entscheidende Schritte gesetzt. Man braucht das Rad nicht neu erfinden, es gehört endlich gehandelt.“ Verschiedene Verhaltensregeln für den Umgang mit Jugendlichen müssen eingehalten werden. Etwa, dass sich Priester und kirchliche Mitarbeiter nicht mit Minderjährigen allein in einer Wohnung aufhalten sollen, auch sollten sie private Reisen mit nichtverwandten Minderjährigen unterlassen. Verantwortliche sollten immer transparent agieren, die eigene Verhaltensweise sollte ständig reflektiert werden. Schüller meinte zum Zölibat, dass dieser für Menschen, die pädophil veranlagt seien oder Probleme mit ihrer Sexualität hätten, nicht lebbar sei. Zölibat an sich mache aber sicher nicht zum Missbrauchstäter.
o.k. offene Kirche,
St. Pölten, 12 / Dezember 2004, S. 7