Auferstehung - Kirche

"Vielleicht ist es wahr"

Der ehemalige evangelische Pfarrer von Meran, Hans Reimer, in einem Interview mit der ff über die Figur des Jesus von Nazareth, das Verständnis von Auferstehung, das Besondere der heute noch aktuellen Botschaft und über Notwendigkeit und Gefahr der Kirche als Institution.

Hans Reimer, 63, stammt aus Schleswig-Holstein und wirkte zehn Jahre in Meran.

ff: Was ist nach der Kreuzigung passiert? Was macht die Figur Jesu so faszinierend, dass sie schon 2000 Jahre lang überlebt hat?

Hans Reimer: Dieser Jesus von Nazareth hatte schon zu Lebzeiten eine große Ausstrahlung. Auf die einfachen Leute, die sich von ihm angesprochen fühlten, die wähnten, dass endlich einer auftritt, der sich ihrer Unterdrückung annimmt. Dann hat er Leute angesprochen, die die Hoffnung hegten, dass er der sein könnte, der die verhasste Römerherrschaft bricht.

Die Frage war, was danach passiert ist?

Nachdem er gekreuzigt worden war, hat eine tiefe Enttäuschung seine Anhänger ergriffen, nach dem Motto, jetzt ist alles aus. Dann ist etwas geschehen, was wir nicht greifen können, was höchstens zu deuten ist und was der Glaube akzeptieren kann.

Wir reden von der so genannten Auferstehung?

Das ist das, was wir nachher Auferstehung nennen. Es muss nach diesem Einschnitt ein Hoffen, ein Erwarten, ein Gegen-den-Augenschein-Annehmen aufgekommen sein, dass dieser Mann, der uns seinen Gott so verkündigt hat, nicht einfach in der Versenkung verschwunden ist, in irgendeiner Weise weiter lebendig sein muss. Aus dieser Annahme, so nenne ich es zunächst einmal, ist die Gewissheit geworden, dass das, was dieser Jesus war und verkörpert hat, mit seiner Kreuzigung nicht einfach tot ist, sondern in seiner Wirkung und seiner Bedeutung über seinen Tod hinaus lebendig bleibt. Dass diese Überzeugung theologisch erst mal zu dem Begriff „Auferstehung“ geführt hat und im realen Glauben die Vorstellung von der Wiederbelebung eines Toten entstanden ist, ist ein weiterer Vorgang, weil der Glaube sich Bilder und Konkretionen sucht.

Warum war die Botschaft Jesu erfolgreich?

Es waren zwei Komponenten in der Botschaft enthalten, die für die Menschen attraktiv waren. Erstens hat Jesus ihnen den bisher geglaubten Gott neu verkündigt, nicht als einen Gott, den man fürchten muss, sondern als einen Liebhaber des Lebens. Das Zweite ist, dass Jesus etwas verkündigt hat, was in der antiken Welt so nicht vorhanden war, das ist alles, was sich mit dem Begriff Nächstenliebe verbindet, eine soziale, ethische Komponente. Das war eine attraktive Botschaft für die einfachen Menschen, die im Grunde darin für sich auch ein Aufstehen sehen konnten.

Braucht es für diese Botschaft die Kirche - katholisch wie evangelisch?

Einerseits ist die Kirche nötig, um die Botschaft weiter-zu-sagen, am Leben zu erhalten, zu vertreten, andererseits steht die Institution Kirche immer in der Versuchung, die Botschaft des Jesus von Nazareth zu verdunkeln. Das kann bis hin zum Missbrauch gehen. Man denke nur daran, dass ein Teil der Kirche im Nationalsozialismus nicht wach war, sich hat benutzen lassen, zur Verfolgung der Juden geschwiegen hat.

Was macht diese Figur heute noch aktuell?

Die Wirkung dieses Jesus besteht darin, dass er glaubhaft seinen Gott verkündigt. Man glaubt ihm seinen Gott auch deswegen, weil das ein Gott ist, der nicht Rache und nicht Strafe will, dieser Gott will heilen, will uns zum Menschsein anstiften, uns in unserer Würde bestätigen. Die Worte, die Jesus gesagt hat, sind so gut und gültig, dass sie auch heute eine Gewissheit schaffen, die man nicht ganz fassen und beweisen kann, aber die so überzeugend sind, dass man sich darauf einlassen kann, losgehen und weiter gehen kann.

Kein Zweifel?

Es gibt diesen schönen Spruch eines Rabbi, lang, lang ist es her, der gesagt hat: „Wer weiß, vielleicht ist es wahr.“

Interview: Georg Mair, ff, Nr. 13 / 25. März 2004, S. 46 - 47


Pfarrer Reimer über Ökumene in Südtirol und Nachfolgerwahl

Hans Reimer wurde südtirolweit durch sein „Wort zum Sonntag“ und „Mit in den Tag“ im RAI Sender Bozen bekannt. Die sonntäglichen Gottesdienste, die „Gästekanzel“, wo fast ausschließlich Katholiken predigten, „geführte Spaziergänge über den Friedhof“, sowie Konzerte und Lesungen waren seine seelsorgliche Schwerpunkte.Hier Auszüge aus einem Abschiedsgespräch.

Sonntagsblatt: Welche waren Ihre prägendsten Erfahrungen in diesen zehn Jahren?

Hans Reimer: Im kirchlichen Bereich war für mich neu, dass ich mein Ökumene - Verständnis etwas revidieren musste. In Norddeutschland waren die Barrieren zwischen den Konfessionen verhältnismäßig niedrig. In Südtirol war es etwas schwierig, Kontakt aufzunehmen.

Sie haben vorher die Ökumene angesprochen; wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche?

Sehr durchwachsen. Mit einigen Seelsorgern hatte ich ein ausgezeichnetes Verhältnis, mit anderen war es etwas schwieriger. Der Südtiroler Bevölkerung möchte ich aber ein großes Kompliment aussprechen; es war erstaunlich, wie vorbehaltlos sich die Menschen geöffnet und auf meine Ansprachen in Rundfunk und Fernsehen reagiert haben. Auch hat sich eine gewisse Normalität eingebürgert in dem Sinne, dass es viele Katholiken ganz selbstverständlich fanden, auch den evangelischen Gottesdienst zu besuchen.

Fällt Ihnen der Abschied von Meran schwer?

Besonders die Landschaft und die Berge haben es mir angetan, das a1les wird mir schon fehlen. Aber ich bin jetzt 63; aus verschiedenen Gründen sagte ich mir, es ist Zeit, aufzuhören, obwohl das für mich den Ausstieg aus dem aktiven Berufsleben bedeutet. Die Jahre in Meran waren für mich eine gute Abrundung meiner Tätigkeit.

Hat die evangelische Gemeinde bereits einen Nachfolger gefunden?

Der Pastor wird bei uns demokratisch gewählt, das braucht seine Zeit. Im November 2004 werden sich verschiedene Bewerber der evangelischen Gemeinde von Meran vorstellen, mit Gottesdienst und Bewerbungsgespräch. Am 1. Adventsonntag wird dann die Gemeinde einen neuen Pfarrer wählen. Wenn dieser die Wahl annimmt, wird er frühestens am 1.6. 2005 seine Pfarrstelle antreten dürfen. Wie man hört, fehlt es in Deutschland nicht an Bewerbern für die Pfarrstelle in Meran.

pr, Kath. Sonntagsblatt, 24.10.2004, S. 11

P.S. Georg Welker wurde inzwischen zum evangelischen Pfarrer von Meran gewählt.