Damit sie das Leben haben...
Neuer Herdenbrief:
Frohbotschaft statt Drohbotschaft
Zehn Jahre nach dem Kirchenvolksbegehren und nach bisher 4 „Herdenbriefen“ zu den einzelnen Forderungen wenden wir uns erneut an die Bischöfe Österreichs und den Bischof von Bozen-Brixen. Dieser 5. „Herdenbrief“ ist dem Thema „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ gewidmet, sozusagen der „Klammer“ über allen Forderungen des Kirchenvolksbegehrens, und enthält zudem die bisher erschienen „Herdenbriefe“ – zur Erinnerung an sie und für einen erneuten Dialog darüber.
In den vergangenen Jahren hat sich kaum etwas verändert, auch wenn es relativ still geworden ist in unserer Kirche und um unsere Kirche – nicht zuletzt auf Grund der Müdigkeit und Resignation vieler Katholikinnen und Katholiken, die die Hoffnung verloren haben, dass die Leitung unserer Kirche die Zeichen der Zeit erkennen und glaubwürdig umsetzen kann.
Trotzdem ist uns die Freude am Glauben nicht verloren gegangen. Wir spüren und erleben die wachsende Suche nach Sinn bei ungezählten Menschen. Wir glauben, dass die Botschaft Jesu Christi Menschen von heute helfen kann, ein sinnerfülltes Leben für sich und andere zu gestalten, erleben aber zugleich, dass diese befreiende Botschaft durch die Last traditioneller Prägungen und durch kleinliche, bedrückende Vorschriften verdunkelt wird und bei den Menschen kaum mehr ankommt. Und wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass unsere Kirche nur dann in der Lage ist, der Welt von heute die Frohe Botschaft glaubwürdig zu verkünden, wenn sie endlich beginnt, die seit langem bestehenden Probleme wirklich wahrzunehmen und strukturelle Reformen einzuleiten.
Wir haben uns deshalb entschlossen, uns einmal mehr mit einem „Herdenbrief“ an unsere Bischöfe zu wenden. Er ist nicht die Meinung einiger Weniger, sondern wurde breit diskutiert. Viele persönliche Erfahrungen flossen in ihn ein, belastende und bedrückende persönliche Prägungen kamen dabei zur Sprache, aber auch die Hoffnung, dass unsere Kirche wieder lernen wird, in ihrer Verkündigung zuerst und vor allem von der Frohen Botschaft zu sprechen.
Auch dieser Brief strebt – wie die vier vorangegangenen – keine Allgemeingültigkeit an, er ist weder Lehrschreiben noch Katechismus, sondern formuliert Erlebniswelten und Erfahrungen von Katholikinnen und Katholiken aus Österreich und Südtirol in der römisch-katholischen Kirche und mit ihr. Wir möchten Gräben überwinden und Verständnisbrücken zwischen Bischöfen und den Menschen bauen, für die Hirten ihren Dienst leben und Verantwortung übernommen haben, indem wir mit der Kirchenleitung unsere Freude und Hoffnung, Trauer und Angst zu teilen versuchen.
„Aus dem vertrauten Umgang zwischen Laien und Hirten kann man viel Gutes für die Kirche erwarten“, so steht es in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ des 2. Vatikanischen Konzils. Der große Mangel an Möglichkeiten zum Dialog zwischen dem Volk Gottes und seiner Leitung und die große Unfähigkeit dazu auf beiden Seiten legen eher den Umkehrschluss nahe: Man kann nichts Gutes für die Kirche erwarten, so lange Volk und Hirten keinen vertrauten Umgang miteinander aufbauen und pflegen.
Uns liegt viel an einem vertrauensvollen, offenen Dialog mit unseren Bischöfen und wir sind bereit, diesen immer wieder neu zu suchen. Gerade jetzt – nach dem Ende eines langen Pontifikates und am Beginn eines neuen – wäre es sehr sinnvoll, die Probleme - aber auch Chancen - der Kirche offen zu diskutieren und gangbare Wege in die Zukunft gemeinsam zu suchen. Deshalb wendet sich dieser „Herdenbrief“ nicht nur an unsere Bischöfe, sondern zugleich auch an uns selbst und an alle Menschen guten Willens. Nicht nur die Kirchenleitung muss sich den Herausforderungen der Zeit stellen und um eine zeitgemäße Verkündigung bemüht sein. Jede Katholikin, jeder Katholik steht vor der gleichen Herausforderung und darf die Verantwortung dafür nicht nur der Kirchenleitung zuschieben.
Wir alle sind Kirche, prägen ihre Gestalt und verkünden ihre Botschaft – ob es uns bewusst ist oder nicht. Niemand kann sich dieser Verantwortung entziehen – weder die Gläubigen noch die Kirchenleitung. Im Dialog miteinander und im gemeinsamen Ringen um eine lebens- und liebenswerte Kirche der Zukunft, könnten aber leichter Lösungen gefunden werden. Dieser 5. „Herdenbrief“ ist als Einladung dazu gedacht. Die konkrete Erfahrung, dass Kirche ein Mehr an Leben bedeutet, ja dass in ihr und durch sie Leben in Fülle geschenkt wird, ist leider weitgehend verloren gegangen. Zu viele Menschen erfahren sich durch kirchliche Würdenträger und Vorschriften gemaßregelt, in ihrer Lebensqualität eingeschränkt und in ihren ganz persönlichen Lebenserfahrungen, Fragen und Sehnsüchten nicht ernst genommen. Katholikinnen und Katholiken werden auch kaum mehr aufgefordert, ihrem Gewissen gemäß zu handeln.
Unser Brief spricht von der Erlebniswelt ungezählter Katholikinnen und Katholiken. Sie ist sicher auf vielen Gebieten eine ganz andere als die unserer Bischöfe. Die unterschiedlichen Welten, in denen wir uns bewegen und die große Sprachlosigkeit dazwischen sind Quellen von Verdächtigungen und Vorurteilen auf beiden Seiten. Im Miteinander-Reden könnten verschiedene Standpunkte schneller erklärt werden, sie wären leichter zu verstehen, und damit könnten auch gegenseitige Vorwürfe grundlegend ausgeräumt werden. Die eine oder andere positive Erfahrung solcher Gespräche mit Bischöfen bestärkt uns darin, diesen Dialog immer neu zu suchen.
Zugleich möchten wir uns selbst und den Bischöfen Mut machen, dringend notwendige Reformschritte eigenverantwortlich zu setzen, offen aufeinander zu zugehen und auch die eine oder andere Auseinandersetzung auf Grund unterschiedlicher Sichtweisen und Erfahrungen zu riskieren. Dabei stehen wir alle erst am Beginn des Lernprozesses für eine Streit- und Konflikt-Lösungs-Kultur, die wir in unserer Kirche so schmerzlich vermissen.
Ein „Herdenbrief“ ist naturgemäß an unsere Bischöfe gerichtet, um ihnen Sichtweisen, Wünsche und Anregungen aus dem Volk Gottes näher zu bringen, damit wir gemeinsam als Kirche leben und Zukunft gestalten können. Wir gehören ja nicht nur zur Kirche – wir sind Kirche, wie es bereits Papst Pius XII. formuliert hatte. Uns ist bewusst, dass es noch eines großen Lernprozesses bedarf, um Kirche wirklich als „communio“, als Gemeinschaft aller Getauften, erleben zu können. Dieser Lernbedarf besteht auf beiden Seiten. Alle gemeinsam werden das offene Wort und die ehrliche Austragung von Konflikten lernen müssen, das gegenseitige Eingestehen von Fehlern, Schwächen und der eigenen Bedürftigkeit nach Erlösung.
Unsere Bischöfe sollten das Vertrauen ständig vertiefen, dass die Geisteskraft Gottes auch Laien bewegt, führt und zum Handeln herausfordert, auch dann, wenn dies in unüblicher Form geschieht oder u.U. kirchlichen Gesetzen widerspricht; die Gelassenheit Jesu, der die Beurteilung, ob Weizen oder Unkraut heranwächst, getrost dem Herrn der Ernte überlässt und nicht sofort alles ausreißen lässt, was im Keim nach Unkraut aussieht, möge sich durchsetzen; und sich selbst und uns Irrtum zuzugestehen, um dadurch vielleicht gute Entwicklungen, Versuche und Erfahrungen erst möglich zu machen, erschiene uns heilsam.
Wir, das Kirchenvolk, müssen die Bequemlichkeit und die Angst ablegen, unserer Berufung in Kirche und Welt tatkräftig zu folgen; wir müssen Akzeptanz und Toleranz untereinander lernen angesichts der Tatsache, dass uns unterschiedliche Begabungen geschenkt werden, damit wir uns nicht gegenseitig durch Neid und Verdächtigungen behindern; und wir müssen den Mut haben, unserem Gewissen und dem Ruf Gottes zu folgen – sei es gelegen oder nicht.
Kirche, wie wir sie verstehen, lädt alle Menschen ein, grenzt niemanden aus und respektiert andere Überzeugungen als je eigene Wege zu Gott und zu einem friedlichen Miteinander aller auf unserer Erde. Sie greift nicht nach der Macht, sie sucht Partner, um die Welt lebenswerter zu machen, ist offen für neue Ideen und dankbar für jede Zusammenarbeit. Sie lebt im Dialog untereinander, mit Schwesterkirchen, anderen Religionen und Weltanschauungen, prüft alles ohne Vorurteil und Überheblichkeit und behält das Gute, das dem Leben dient.
All das könnte eine Chance sein und Vorbildwirkung erhalten, wenn wir alle gemeinsam und schrittweise versuchen, vorurteilsfrei aufeinander zu zugehen, einander besser verstehen zu lernen, und zuerst das zu sehen, was uns eint: die tiefe Sehnsucht aller Menschen nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit und die jedem Menschen eigenen Fragen nach dem Woher und Wohin und dem Sinn des Lebens. Die Antworten auf diese Fragen mögen verschieden sein, das Ziel ist das gleiche: Leben in Fülle für alle Menschen.
Ingrid Thurner