Leseprobe
„Es ist nicht leicht für den Papst“, fuhr Patrick fort, „wie Jesus zu sein. Alle reden mich mit ,Eure Heiligkeit´ an, als wäre ich der Inbegriff des Heiligen. Einige, ist das zu glauben, nennen mich ,Heiliger Vater´, sogar ,Santissimo Padre´ - ,Allerheiligster Vater´. Wenn einer Jesus heilig nannte, sagte er: ,Niemand ist heilig außer Gott.´ In der Bibel steht auch: ,Ihr sollt niemand Vater heißen außer Gott allein.´ Trotzdem“ – Patrick biss sich auf die Lippen und lächelte wehmütig – „werde ich ,Heiliger Vater´ genannt“ Einige Kardinäle regten sich unruhig, außerstande, ihm bei der Lösung dieser kniffligen Aufgabe zu helfen. Manche wieherten, als ihnen der alte Vatikanscherz einfiel: Wenn Johannes Paul II seine Gebete sprach, redeten er und Gott sich gegenseitig mit „Heiliger Vater“ an.
„Ich nehme an, ich werde mit dieser Ironie leben müssen. Dann wiederum denke ich, dass mein Herr oft hungrig war und heimatloser als ein Fuchs oder Vogel. Ich sollte leben wie er. Was nicht leicht ist, wenn man in“ – er wies in die Runde – „einem so großen Palast lebt. Mein Staatssekretär hat mir einen Plan gegeben, aber ich verlaufe mich trotzdem in diesem Dschungel von Kostbarkeiten. Er hat mir einen Kompass versprochen, der mir helfen soll, den Weg durch die tausend Räume meines neuen Heims zu finden.“
Dem Kardinal von Rio machte dieses Geplauder langsam Spaß. „Wissen Sie“, fuhr der Papst vertraulich fort, „man lässt mich nicht einmal eine Tür öffnen. Ich war ganz gut im Öffnen von Türen. Bis vor ein paar Tagen tat ich es regelmäßig. Aber wenn das so weitergeht, werde ich vergessen, wie man es macht.“
Peter de Rosa, Gottes letzter Diener
(„Pope Patrick“, Dt. M. Längsfeld)
Knaur 61463, ca. 9 Euro
Literatur
Gottes letzter Diener
Peter de Rosa
„Im Herbst des Jahres 2009 waren die Tage Johannes Pauls II, obwohl er erst einunddreißig Jahre im Amt war, ein Jahr weniger als Pius IX, ganz offensichtlich gezählt.“
So die Ausgangssituation des bereits 1995 erschienen gesellschafts- und kirchenkritischen Romans von Peter de Rosa. Nach seinem Weltbesteller „Gottes erster Diener“ konstruiert der Vatikanspezialist de Rosa, Absolvent der Gregoriana und ehemaliger Priester, eine satirische Utopie mit Tiefgang rund um den nächsten und letzten Papst vor dem Weltuntergang.
Der überraschend gewählte achtundsechzigjährige irische Priester Brian Aidan O`Flynn entfaltet als Papst Patrick rasch ein außergewöhnliches Charisma und die Gabe, Menschen für sich zu gewinnen. Letzteres verdankt er nicht zuletzt seinem treuesten Freund, dem Labrador Charley, der sich schon bei der ersten Ansprache auf dem Petersplatz losreißt, zu seinem Herrchen läuft und den Rest der Zeremonie auf dem päpstlichen Balkon mitverfolgt.
Doch Papst Patrick ist nicht nur ein Tierfreund, er nimmt auch sein Amt sehr ernst und versucht, der Kirche die ihr entsprechende Rolle in der Welt des dritten Jahrtausends zu sichern, eines Jahrtausends, das von den wachsenden Spannungen zwischen den beiden politischen Supermächten geprägt ist: den Vereinigten Staaten unter der Führung des ersten katholischen Präsidenten seit Kennedy und der Föderation Islamischer Republiken.
Mit großer Detailkenntnis und einer guten Portion Humor zeichnet de Rosa vor dem Hintergrund einer krisengeschüttelten Welt das Bild eines tiefgläubigen, liebenswerten und tatkräftigen Mannes auf dem Stuhl Petri. Papst Patrick lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht davon abbringen, in kirchen- und weltpolitischen Fragen Türen zu öffnen, die bisher verschlossen blieben. Der Roman bietet auf 395 leicht zu lesenden Seiten Unterhaltung und Spannung, einen Papst wie Patrick dürfen wir uns nur wünschen!
Gelesen und empfohlen von Lisa Hammer
Wenn ich könnte
gäbe ich jedem Kind
eine Weltkarte.
Und wenn möglich,
einen Leuchtglobus
in der Hoffnung,
den Blick des Kindes
aufs Äußerste zu weiten
und in ihm
Interesse und Zuneigung
zu wecken
für alle Völker
alle Rassen,
alle Sprachen
alle Religionen!
Dom Helder Camara