Aufbruch - Ausgrenzung - Auszug - Aufschrei
Das Südtiroler Kirchenvolksbegehren im Lichte von vier Publikationen
Das Kirchenvolksbegehren in Südtirol ist in die Geschichte eingegangen, auch wenn es erst acht Jahre alt ist und noch einer Umsetzung harrt. In drei Büchern und einer Diplomarbeit wurde es inzwischen behandelt, allerdings recht unterschiedlich.
Im Dezember 2003 ist der fünfte Band der Reihe „Das 20. Jahrhundert in Südtirol - Zwischen Europa und der Provinz“ erschienen. Darin findet sich unter dem Titel „Hoffnungsvoller Bischofswechsel“ (S. 120 f) ein Verweis auf das Kirchenvolksbegehren. „Neuerungshoffnungen“, die der neue Bischof Wilhelm Egger geweckt hatte, „blieben weitgehend unerfüllt“ wird erklärt. „Die couragierte Stellungnahme, die reinigende Reform war jedoch nicht die Sache des neuen Bischofs und seines Ordinariates.“ Der Aufbruch sei im Ansatz stecken geblieben. „Auch nicht das von Robert Hochgruber 1995 initiierte Kirchenvolksbegehren konnte die Kirche zum Umdenken bewegen.“ Daneben findet sich ein Bild von der Präsentation des Kirchenvolksbegehrens am 23.11.1995 mit den Promotoren Franz Thaler, Schw. Angela Neunhäuserer, Robert Hochgruber, Dekan Georg Peer, Georg Oberrauch und Georg Windisch. Auffallend ist, dass die Kirche im gesamten Band fast nur auf diesen zwei Seiten vorkommt und dass dabei das Kirchenvolksbegehren neben der Bischofsernennung und dem Papstbesuch Platz gefunden hat: Ein deutlicher Hinweis auf die große Bedeutung der Unterschriftenaktion!
Fehlen kann das Kirchenvolksbegehren natürlich auch nicht bei der „Geschichte der Kirche in Tirol Nord-, Ost- und Südtirol“, herausgegeben vom Brixner Kirchenhistoriker Josef Gelmi im Jahr 2001. Die Sichtweise ist allerdings eine andere. Im Kapitel „Diözesansynoden, Dekanate, Pfarreien, Kirchenvolksbegehren“ wird in einem kurzen Abschnitt (S. 463) erklärt, dass 1995 das nach „österreichischem Modell“ durchgeführte Kirchenvolksbegehren „für eine lebendigere Kirche ... zu vielen Diskussionen pro und contra führte und schließlich von rund fünf Prozent der Gläubigen der Diözese unterschieben wurde“. Es wird nirgends - auch nicht beim Tiroler KVB (S. 545) - erwähnt, welche Forderungen gestellt wurden und welche Gruppe die Unterschriftenaktion startete. Gelmi betont, dass es dem Bischof vor allem darum ging, „gemeinsam Kirche zu bauen“ und dass er deshalb gegen das Kirchenvolksbegehren war. „Verschiedene Gespräche“ (es gab nur eines!) mit den Promotoren um einen Kompromiss seien fehlgeschlagen. Egger sei bereit gewesen, „den Weg der Erneuerung mit Hilfe von Diözesanversammlungen zu gehen“. Dies sei aber von den Initiatoren abgelehnt worden. Dazu ist Folgendes zu sagen. Die Abhaltung einer Diözesanversammlung zur Umsetzung der Forderungen des Kirchenvolksbegehrens wird sogar auf dem Unterschriftenbogen genannt. Allerdings war die Initiativgruppe für die Zusage einer Diözesanversammlung nicht bereit, auf das Kirchenvolksbegehren zu verzichten. Darauf bestand aber Bischof Egger. Die Initiativgruppe erachtete eine Meinungsäußerung von Gläubigen in Form der Unterschriftenaktion als zuträglich für die Kirche und nicht als Störung des kirchlichen Lebens. So lehnte Bischof Egger auch bei der Übergabe der Unterschriftenanzahl (18.384) die neuerliche Bitte um eine Diözesanversammlung ab. Gelmi weist darauf hin, dass es der Oberhirte schließlich „gelassen“ genommen hätte und erklärt hätte, dass Zeiten der Krise auch Zeiten der Gnade sein könnten. Es wird nicht ersichtlich, was Gelmi mit dem letzten Satz meint: „Kritiken, die sich der Bischof in diesem Zusammenhang anhören musste, gereichten ihm eher zur Ehre“. Bedauerlich oder vielleicht bezeichnend ist, dass die Weiterarbeit der Initiativgruppe mit keinem Wort erwähnt wird.
Das Kirchenvolksbegehren wird bei Gelmi also aus der Sicht von Bischof Egger dargestellt. Es entsteht der Eindruck, dass eine Geschichtsschreibung im Dienste der Kirchenleitung vorliegt. „Die Kirche mauert, weil die Schäfchen abhauen und weil sie schon immer höllische Angst davor hatte, ihre Macht zu teilen“ schrieb die ff bei der Vorstellung des Buches von Josef Gelmi 2001. Interessant ist noch der Bericht über das Kirchenvolksbegehren im Bundesland Tirol (S. 545). Kurz wird darauf verwiesen, dass die Forderungen aus dem 1995 vom Mittelschullehrer Thomas Plankensteiner initiierten Kirchenvolksbegehren „in den verschiedenen diözesanen Ämtern und Räten zur Diskussion standen und auch vom Diözesanforum aufgegriffen“ wurden. Es ergibt sich die Frage, warum die Anliegen des Kirchenvolksbegehrens in Südtirol nicht auch in dieser Weise behandelt werden konnten. Auf die Bedeutung, die das Kirchenvolksbegehren für ganz Österreich und darüber hinaus hatte, geht Gelmi nicht ein.
Im Buch „Augenhöhen“ von Armin Gatterer, Abteilungsdirektor für Kultur in der vergangenen Legislaturperiode, wird dem Kirchenvolksbegehren ein besonderer Stellenwert beigemessen. Im Essay „Das Ende der Monopole“ (S. 21) weist der Autor darauf hin, dass die politischen, kirchlichen, wirtschaftlichen und künstlerischen Instanzen gefallen seien. (Im Folgenden wird nur der Bereich von Religion und Kirche herausgegriffen.) „Jeder und jede ... kann Kirche bilden“. Aber Gatterer betont auch, dass die Zeit der Opposition gegen die Instanzen vorbei sei. „Und doch: Wir brauchen Instanzen“. Einerseits herrsche Kirchenkritik, andererseits artikuliere sich Religiosität abseits der Kirche. Eine stille Revolution mit neuen Chancen habe sich abgespielt. Der Vatikan habe sein Monopol auf Kirchlichkeit verloren. „Es gab eine Zeit der Proteste ... von Kirchenvolksbegehrern gegen den Vatikan“ (S. 22). Die Träger all dieser Begehren hatten zutreffend diagnostiziert, wie die Spitzen von Instanzen autistisch in sich selbst zu kreisen riskieren, zynisch gegenüber Anliegen von einzelnen Menschen sein können, deren tatsächliche Sorgen aus den Augen verlieren und damit Glaubwürdigkeit einbüßen“. Es gehe um eine menschenfreundlichere Kirche, eine demokratischere Politik, eine ausbeutungsfreie Wirtschaft. Gatterer bekundet Sympathie für diese Bewegungen, betont aber zugleich, dass sie ihn an die Haltung von Pubertierenden erinnern, „die glauben, sie müssten zuerst die Väter ändern, um selbst den eigenen Vorstellungen gemäß leben zu können“ (S. 23). Einerseits hätten sich solche Bewegungen überschätzt, betont der Autor, da man „in einer selbst noch so konstruktiv gemeinten Gegnerschaft zu den Spitzen von Instanzen ... nicht gewinnen“ könne. Andererseits hätten sich die Bewegungen unterschätzt, da man durch eigenes Tun und ohne den Segen der Kirche Veränderungen herbeiführen könne. Schließlich bedauert Gatterer die Erosion der Instanzen, die nicht dem Trugschluss anheim fallen sollten, dass sie nun gefestigter und unumstrittener dastehen würden, nachdem „die Kirchenvolksbegehren versandet sind und auf der Straße keine Demonstranten mehr marschieren“ (S. 23). Die Bewegungen hätten damals die Instanzen als Autoritäten, wenn auch in Gegnerschaft, anerkannt. Heute finden viele aktuelle Bewegungen, wenn man sie überhaupt so nennen könne, „ohne Auseinandersetzung mit den Institutionen, sondern an diesen vorbei“ statt. So entglitten sie der Aufsicht, Kontrolle und Regelung. So werde Religiosität fern der Institution Kirche gelebt, ohne dogmatische Nachfrage. Die Perspektive und Erfahrung sei, dass z.B. eine menschenfreundliche Kirche möglich sei unabhängig vom Vatikan. „Die Menschen entdecken, dass sie selbst ... Kirche bilden ... und die Instanzen sich den Veränderungen nicht werden verschließen können“ (S. 25). Das Monopol der Instanzen sei also gebrochen, auch wenn diese nicht aufhören. Gatterer plädiert dafür, dass die Instanzen die neuen Chancen wahrnehmen und sich den aktuellen Herausforderungen stellen. Die Institutionen hätten ihre Aufgabe nicht verloren, z.B. dass die Kirche dahingehend wirkt, „dass religiöses Empfinden sich vollziehen kann“. Die Kirche sollte gewährleisten, dass sich viele Menschen am religiösen Leben beteiligen können, um so zu einer demokratischen und menschenfreundlichen Gesellschaft beizutragen, die immer wieder Fortschritt stiftet.
In einem Exkurs weist Gatterer zum Abschluss darauf hin, „dass wir in einer globalisierten Welt Instanzen, freilich verändert, aber mit neuer und zusätzlicher Autorität, dringender denn je brauchen“. (S. 27) Die großen Krisen, „gleich ob militärische oder kulturell-religiöse oder ökologische oder der Hunger in großen Teilen der Welt“ (S. 27) ließen sich ohne internationale Instanzen, ausgestattet mit Autorität, nicht lösen. „Welt-Religion“ entstehe nicht durch Ausbreitung der Weltreligionen, „sondern indem sie sich auf gegenseitigen Dialog einlassen, die Gültigkeit der Vielfalt religiöser Formen anerkennen und gemeinsam herausentwickeln, dass es für Religiosität ein Sensorium, ein Bedürfnis, eine Fähigkeit in den Menschen gibt, die zu wecken und zu entfalten Bereicherung und Vermehrung von Frieden bedeutet“. (S. 27) Alles sind sehr überlegenswerte Punkte.
Friederike Pixner aus St. Martin in Passeier hat im Jahr 2000 eine Diplomarbeit am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck eingereicht. Der Titel drückt die Richtung aus: „’Das Kirchenvolksbegehren’ Bei den Menschenrechten steht die Gleichheit an 7. Stelle, in der Kirche ist sie nicht zu finden.“ Die Autorin beschreibt die Entstehung des Kirchenvolksbegehrens in Österreich, die Forderungen sowie die Reaktionen der Gegner und Befürworter, um schließlich zu fragen, wie es nach dem Kirchenvolksbegehren weiter geht, auch in Südtirol. Der Aufschrei aus dem Kirchenvolk dürfe nicht wieder verstummen, der Aufbruch nicht zum Stillstand kommen.
Robert Hochgruber