Eingeständnis und Versöhnung – Zeichen von Stärke
Politisch motivierte Vergebungsbitten – Versöhnung mit den Deferegger Protestanten - und mit den Hutterern?
Am 25. Februar 1536 - also vor 468 Jahren – wurde der wohl bedeutendste Täufer Tirols Jakob Huter auf dem Scheiterhaufen vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck verbrannt. Dieses traurige und dunkle Kapitel der Tiroler Geschichte möge durch eine Versöhnungsfeier abgeschlossen werden. So lautet das Anliegen der Initiativgruppe seit dem Jahr 2000. Bestärkt wird sie darin durch Ereignisse in jüngster Zeit und eine gelungene Versöhnungsaktion, die vor gut einem Jahr in Osttirol stattgefunden hat.
Gianfranco Fini, der Vorsitzende von Alleanza Nazionale, hat Ende des vergangenen Jahres in Israel um Vergebung für die Vergehen des Faschismus gegen die Juden gebeten. Daraufhin wurden Stimmen aus verschiedenen Lagern in Südtirol laut, dass AN auch in Südtirol sich zu den Verbrechen des Faschismus bekennen und die Schuld eingestehen möge. Im Rahmen des Gedenkens an die Vernichtung der Juden (Shoah) ersuchte die Gesellschaft für bedrohte Völker Ende Jänner den Landtag, sich bei der jüdischen Gemeinde Meran für die historisch nachgewiesene Südtiroler Mittäterschaft an der Shoah zu entschuldigen und auch Entschädigungen vorzusehen. Die Zeit dafür scheint noch nicht reif zu sein. Da könnte die Kirche mit gutem Beispiel vorangehen. In Osttirol hat sie es bei einer Versöhnungsfeier mit den Nachfahren der Deferegger Protestanten im Oktober 2002 getan.
Bereits im April 2000 hatte der damalige Bischof von Tirol Alois Kothgasser angekündigt, im Anschluss an die Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. die Ausweisung der evangelischen Christen aus dem Osttiroler Defereggental näher zu erforschen. Im Rahmen einer ökumenischen Feier solle „eine Gedenktafel aufgestellt werden, um über vergangenes Unrecht aufzuklären und es zu bereuen“. (Kirche, Kirchenzeitung Tirols, 2.4.2000, S. 5). Und Kothgasser auf die Frage, ob eine Vergebungsbitte nicht als Schwäche ausgelegt werden könne: „Das ist vermutlich nicht zu verhindern. Im Grunde ist sie aber keine Schwäche, sondern einfach das Stehen zur Wahrheit auch dort, wo sie bitter ist, wo sie wehtut und wo sie persönliche oder kirchliche Haltungen in Frage stellt. Die Wahrheit macht frei.“ (ebenda) Für heute und die Zukunft sei es das Beste, die Wahrheit in Liebe miteinander zu leben. Und so wurde am 20. Oktober 2002 in St. Veit in Defereggen eine Gedenkinschrift an der Kapelle von Bruggen enthüllt mit folgendem Text:
HERR ERBARME DICH
VON 1684 BIS 1686 WURDEN MEHR ALS 600 DEFEREGGER WEGEN IHRES EVANGELISCH-LUTHERISCHEN GLAUBENS AUS DEM TALE VERTRIEBEN. SIE WANDTEN SICH NACH SÜDDEUTSCHLAND.
IHRE KINDER UNTER 15 JAHREN MUSSTEN SIE ZURÜCKLASSEN, DA NACH DAMALIGEM VERSTÄNDNIS NUR EINE ERZIEHUNG IM KATHOLISCHEN GLAUBEN ZUM EWIGEN HEIL FÜHREN KONNTE. HEUTE BEKENNEN KATHOLISCHE WIE EVANGELISCHE CHRISTEN GEMEINSAM, DASS WIR ALLEIN AUS GNADE IM GLAUBEN AN DIE ERLÖSUNGSTAT CHRISTI VON GOTT ANGENOMMEN SIND UND IMMER AUS SEINEM ERBARMEN LEBEN.
UNSER GEDENKEN AN SIE SEI MAHNUNG UND VERPFLICHTUNG ZU VERSÖHNUNG UND FRIEDEN. IM SINNE DER VERGEBUNGSBITTE VON PAPST JOHANNES PAUL II. WURDE ANLÄSSLICH EINER GEMEINSAMEN FEIER DIESES RELIEF ANGEBRACHT.
ST. VEIT IN DEFEREGGEN, AM 20. OKTOBER 2002
ALOIS KOTHGASSER, Bischof von Innsbruck
MANFRED SAUER, Superintendent von Kärnten und Osttirol
Als „Tiroler Vergangenheitsbewältigung“ hat Florian Kronbichler die beeindruckende Feier in Osttirol bezeichnet (Tageszeitung, 23.10. 2002). Die katholische und die protestantische Kirche Tirols hätten sich über einem der finstersten Kapitel gemeinsamer Geschichte versöhnt. Besondere Verdienste hat sich dabei der Brunecker Historiker Alois Dissertori erworben. Er hatte seine Dissertation dem Thema gewidmet, um dabei äußerst gründlich die Schicksale der lutherischen Deferegger zu erforschen und zu rekonstruieren. Im Vorwort der 2. Auflage des Buches (siehe nebenan) schrieb er, dass es wichtig sei, nicht bei einer historischen Betrachtung und einem Bedauern stehen zu bleiben, sondern die Lehren für uns und unsere Zeit zu ziehen. „Wir sind alle aufgerufen zu Toleranz, zum Dialog und zur Bereitschaft, den anderen das Anderssein im Sinne der christlichen Nächstenliebe zu gestatten: Denken wir z.B. an die oft schwer fallende Toleranz gegenüber Einwanderern, die nicht aus dem EU-Raum kommen, oder den verschiedenen sprachlichen Minderheiten.“ (S. 5) Ziel des Buches sei es, zu Versöhnung und Dialogbereitschaft der Menschen beizutragen.
In diesem Sinne könnte sich auch eine Versöhnung mit den Nachfahren der Hutterer für Süd- und Nordtirol auswirken und ein Signal dafür sein, dass die Geschichte aufgearbeitet wird, dass man auch zu deren dunklen Seiten steht, dass Respekt und Achtung gegenüber anderen religiösen Gruppen heute selbstverständlich sind. Dann wird die Tafel unter dem Goldenen Dachl mit dem Hinweis auf die Verbrennung Jakob Huters neu geschrieben werden können.
Robert Hochgruber