Eugen Drewermann kommt nach Brixen
Vortrag mit Diskussion am Montag, den 30. August 2004 um 20 Uhr im Forum Brixen

PUBLIK-FORUM: Sie sagen, die Menschen haben eine Sehnsucht nach einer Gottesunmittelbarkeit. Wo wird diese Sehnsucht in der katholischen Kirche gestillt?
Eugen DREWERMANN: Man begreift beim Lesen des Neuen Testamentes, dass Jesus keine neue Religion gründen wollte, er wollte die glühenden Visionen der Propheten seines Volkes endlich leben: eine universale Menschlichkeit, ein menschliches Dasein, gegründet ganz und gar auf voraussetzungslose Vergebung durch die absolute Güte Gottes und daraus abgeleitet die Bereitschaft, einander zu verstehen und zu vergeben. Jesus wollte unser Leben ändern. Daraus hat man in kirchlicher Dogmentradition ein kompliziertes Lehrsystem gemacht, das in der Sprache der späten Antike die Sache Jesu für den hellenistischen Raum in einer Form ausgedrückt hat, die uns seit 1500 Jahren immer fremder geworden ist und sich an die Generation heutiger Jugendlicher kaum weiter sagen lässt. Heute spürt man, wie brüchig dieses Lehrsystem ist und wie wenig es die eigentlichen Anliegen Jesu ausdrückt. Man hat versucht, im katholischen Bewusstsein den Wahrheitsbesitz des Göttlichen an das Lehramt zu binden. Diese doppelte Verformung, aus Fragen des Lebens Fragen des Lehrens zu machen und schließlich aus Fragen des Lehrens Fragen nach dem jeweiligen Amts- und Machtbesitz, ist eine Verschiebung, die jeder Gottesunmittelbarkeit diametral entgegensteht.
Ich verstehe mich nicht als Kirchenkritiker, sondern als Mensch, der Gott sucht und dabei versucht, das zu leben, was Jesus wollte - was mir in der Praxis leider nur mit Abstrichen gelingt. Was mir vorschwebt, ist eine Einheit von Poesie, Prophetie und Therapie, eine Einheit von Fühlen, Denken und Handeln.
PUBLIK-FORUM, Nr. 8, 2001