Friede ist möglich - in Südtirol

WeLa - Werkstatt für Frieden und Gewaltfreiheit nimmt Tätigkeit in Bozen auf

Mit Jahresbeginn ist WeLa, die „Werkstatt für Frieden und Gewaltfreiheit - Laboratorio di pace e nonviolenza“ in Bozen in die Räume des gemeindeeigenen Friedenszentrums am Grieser Platz eingezogen. Damit kommt eine kleine, bisher nur in Insiderkreisen bekannte Initiative an die breite Öffentlichkeit. Für Südtirol stellt WeLa ein Novum dar. Was WeLa will, welche Schwerpunkte es hat und welche Hilfen es bieten kann, erzählt Hermann Barbieri, der neben seiner Mitarbeit bei der Organisation für eine solidarische Welt (OEW) in Brixen bei WeLa tätig ist.

Hermann Barbieri

Impulse: Hermann Barbieri, du hast die ersten Bemühungen um die Werkstatt für Frieden und Gewaltfreiheit (WeLa genannt) in Bozen miterlebt. Wie ist es zur Gründung dieser Werkstatt für Frieden und Gewaltfreiheit gekommen?

Hermann Barbieri: Die Sache geht zurück auf das Jahr 2000. Damals hatte die OEW zusammen mit dem Bozner Treffpunkt Frieden von Pax Christ eine Veranstaltungsreihe „Schule der Gewaltfreiheit“ erörtert. Darin wurden Beispiele und Erfahrungen von gewaltfreien Konfliktaustragungen aus nah und fern vorgestellt und in Bezug zur Südtiroler Realität gebracht. Zugleich wurde das OEW Projekt „Friedenserziehung“ bekannt gemacht. Der Bürgermeister von Bozen Giovanni Salghetti-Drioli ist auf diese Initiativen aufmerksam geworden und hat Pax Christi den Vorschlag gemacht, dem Ganzen eine institutionellere Basis zu geben und ein Institut einzurichten, das Konfliktbearbeitung als Dienstleistung für die Bevölkerung anbietet, also für Personen, Vereine, Jugendzentren, Schulen und andere öffentliche und private Initiativen. Bald darauf hat sich um Pax Christi eine Gruppe formiert, die sich WeLa nennt. Dann hat es aber drei Jahre gedauert bis man mit dieser Form an die Öffentlichkeit gehen konnte.

Wer trägt die Einrichtung WeLa?

Für Außenstehende ist die Struktur auf den ersten Blick etwas verwirrend: WeLa ist ein Projekt vom Verein "Pax Christi - Treffpunkt Frieden Bozen". Dieser hat eine Vereinbarung mit der Gemeinde Bozen, die im Rahmen des Friedenszentrums Bozen die materiellen Mittel zur Verfügung stellt. Pax Christi bietet mit WeLa die genannte Dienstleistung an. Die Obhut über das Projekt haben also Pax Christi auf der einen, die Assessorate für Schule, Kultur und Soziales auf der anderen Seite. Darüber hinaus sucht Pax Christi für das Projekt WeLa die geeigneten Partner, vorläufig in einzelnen Fachkräften und in der OEW. Gespräche mit anderen Partnern sind im Gange. Der Kreis ist dabei, zu wachsen.

Und wie wird WeLa finanziert?

Der Schritt in die Öffentlichkeit stellt uns natürlich vor neue Herausforderungen, auch finanzieller Natur. Der größte Beitrag kommt von der Gemeinde Bozen, also die Büroräume, Benützungsmöglichkeiten für Räume für Versammlungen und Seminare - und eine zum Start halbwegs angemessene Grundfinanzierung. Wir hoffen natürlich auch auf den Zugang zu anderen Quellen und rechnen damit, dass sich die Kerntätigkeit durch unsere Angebote von selbst trägt. Und wirn sind offen für jeden Beitrag und für jede Idee.

Welche Zielsetzungen verfolgt WeLa und welche Schwerpunkte hat man sich gesetzt?

WeLa ist ja nicht neu. Die Gruppe hat schon seit einiger Zeit in kleinem Rahmen gearbeitet. Was heißt nun für uns Friedens- und Konfliktarbeit? Es haben sich in diesen drei Jahren vier Schwerpunkte entwickelt: Der erste Schwerpunkt geht in Richtung Öffentlichkeitsarbeit zu den Möglichkeiten kreativer und gewaltfreier Konfliktbearbeitung in Form von Publikationen, Vorträgen, Gesprächen. Der zweite ist die Kerntätigkeit selbst. Es gibt da eine Gruppe von 8 bis 10 Personen, Fachleute, die Konfliktarbeit in verschiedenen Formen anbieten: also Prävention von Gewalt, Lernmöglichkeiten für kreative Umgänge mit Konflikt, aber auch Intervention, alles in verschiedenen Formen und Ansätzen: Weiterbildung, Training, Beratung für Einzelne, Gruppen und Teams, Supervision, Mediation, Psychodrama, Forumtheater, ..., auch Ausbildungen in Kooperation mit bekannten Trägern bieten wir an. Ein dritter Schwerpunkt, der damit zusammenhängt: Fortbildungen mit externen oder eigenen Referentinnen und Referenten (das gibt dann den eigentlichen Werkstattcharakter) zu spezifischen Themen für die WeLa Fachkräfte, die wir aber gerne auch nach außen öffnen. Schließlich, als vierter Schwerpunkt: in absehbarer Zeit wird es eine kleine Fachbibliothek geben.

Wie wird versucht, diese Schwerpunkte konkret und in der nächsten Zukunft umzusetzen?

Zunächst werden wir mit den Zielgruppen, mit denen wir bisher gearbeitet haben, einfach weiterarbeiten und die Kontakte ausbauen. Diese Zielgruppen sind angesiedelt in Schulen, also bei LehrerInnen und SchülerInnen, auch bei Uni-StudentInnen, in der Erwachsenenbildung, in der Jugendarbeit, im Ehrenamt, in Non-Profit-Bereichen wie Solidaritätsgruppen und Fairer Handel, Menschenrechtsarbeit und interkultureller Arbeit, hie und da in kirchlichen Basisstrukturen. In diesen Bereichen sind wir gewachsen. Dort haben wir Erfahrungen gesammelt und gelernt. Es zeichnet sich ab, dass Anfragen aus anderen Bereichen kommen werden: Mediation für Paare und auf Nachbarschaftsebene. Und auch aus größeren Zusammenhängen: Bozen sammelt gerade Erfahrung in Auseinandersetzungen auf Stadtviertelebene. Da tun sich neue Felder auf, die wir sicher nicht im Alleingang meistern können, wo sich aber Kooperationen abzeichnen. Erste Gespräche sind im Gang.

Ein anspruchsvolles Programm!

Mir ist dabei wichtig zu betonen, dass eine so kleine Einrichtung nicht für alles zuständig sein kann. Laß uns Schritt für Schritt wachsen. Wir sind ja nicht die einzigen, die in der Konfliktarbeit tätig sind, wir verstehen uns durchaus auch als Knotenpunkt für eine Netzwerkarbeit. Ich bin sicher, dass sich Kontakte, Synergien und Kooperationen ergeben, dass Mittel, Erfahrungen, Kompetenzen sinnvoll ausgetauscht werden können. So gibt es in Bozen ja auch eine Ausbildung für Friedensfachkräfte für internationale Zusammenhänge. Auch da wünsche ich mir Zusammenarbeit. Und ich kann mir vorstellen, dass diese Friedensfachkräfte und die Konfliktlotsen einer Schule in Meran einiges voneinander und miteinander lernen können. Wir werden zum ganzen Themenkreis ein Programm gestalten mit einer Eröffnung, bei der wir uns den Institutionen in Politik, Verwaltung und Kultur, sowie der Bevölkerung vorstellen werden. Dazu wird es noch einige Begegnungsmöglichkeiten in Seminarform geben.

Wird WeLa auch zu aktuellen Fragen, z.B. Friedens- oder Siegesplatz oder zu kriegerischen Ereignissen in der Welt Stellung nehmen?

Ich sehe unsere Aufgabe nicht darin, eine von mehreren verhärteten Positionen zu stärken, sondern verhärtete Positionen aufzuweichen. Was es braucht sind also Stellungnahmen für den Dialog, für die Bereitschaft zur Beziehung zwischen den Konfliktparteien und zur gemeinsamen Suche nach Wegen, die aus dem Konflikt herausführen. Darin wollen und können wir Unterstützung sein. Gerade in Sachen Friedensplatz/Siegesplatz wäre eine pro-oder-contra-Haltung nicht unsere Sache gewesen, schon eher die Stärkung derer, die Alternativen zur einseitigen Positionierung gesucht haben. Das Drama an der Umbenennungsgeschichte lag ja darin, dass es auf jeden Fall Verlierer geben musste und dass die Kräfte, die einen langfristigen Dialog zwischen den Positionen suchten, nicht wahrgenommen werden konnten. So hat die Fragestellung damals zur ethnischen Polarisierung führen müssen. Die Umbenennung hätte aber gerade das Potential in sich getragen, diese Polarisierung aufzuweichen: der Initiator war ja der "italienische" Bürgermeister der Stadt Bozen, Salghetti-Drioli.
Ähnliches gilt für Kriege. Wir haben im April letzten Jahres eine Fortbildung angeboten für Menschen, die in Schule, Jugendarbeit, aber auch in der Familie und vor allem für sich einen Umgang und eine geeignete Form für´s Reden über den Krieg suchen. Die Explosion kriegerischer Gewalt bewirkt ja auch, dass viele Menschen mutlos werden und schweigen. Wir wollten dem eine Antwort geben und den Menschen helfen, ihre eigenen Quellen der Kraft zu erschließen gegenüber diesem ungeheuerlichen Geschehen. Dazu braucht es beides: Sachkenntnis ist Voraussetzung. Es geht aber auch nicht ohne Kenntnis unserer eigenen Ängste, Befürchtungen, Gewaltpotentiale. Wie sonst sollen wir reden über den Krieg?

Wie kommt es, dass du dich für dieses Projekt engagierst? Warst du bisher schon im Bereich der Friedensarbeit tätig?

Das ist jetzt eine große Frage. Ich weiß nicht, ob ich in der geforderten Kürze darauf antworten kann. Ich arbeite ja in der OEW. Friedensarbeit gehört mit zu deren Anliegen. Nun habe ich in Bosnien und im Kosovo persönlich ziemlich dramatisch am eigenen Leibe die Tragweite der folgenden Aussage gespürt: Wir können nur in dem Maße Frieden in die Welt bringen, in dem wir selber Frieden sind. Deshalb war und ist es für mich Gebot, mir selbst dieses Maß bewusst zu machen und daran weiterzuarbeiten. Im Sinne von Ghandi, dass der Friede kein Ziel ist, kein Zustand, den es zu erreichen gilt, sondern ein Weg.
Es gibt ja grundsätzlich zwei Vorstellungen von Frieden. Die eine sagt, lasst uns alle Guten zusammenbringen und die Bösen ausschließen, dann ist Frieden. Das ist die Praxis, die den Weltkrieg gegen den internationalen Terrorismus und gegen die Schurkenstaaten zum Weg zum Frieden erklärt. Es ist die Praxis der Feindbilder, der Verurteilung der Gegner. Sie benennt das Unrecht und identifiziert seine Urheber mit dem Unrecht. Es ist die Praxis der Sicherheit auf Kosten anderer, der fertigen Wahrheit unter Ausschluss des Gegners. Sie ist ein Teil unseres kulturellen Alltages und mir auch aus sozial-solidarisch engagierten Organisationen und in meinem eigenen Tun und Sein gar nicht fremd.
Die andere Vorstellung geht den Weg des Dialoges, der Integration, des Suchens nach der Mitte in mir und zwischen mir und den anderen. Er ist verunsichernd, versteht Wahrheit als etwas, das ständig im Entstehen begriffen und nie fertig ist, als etwas, in das mit einzubeziehen ist, wer mir Unrecht tut, als etwas, das notgedrungen im Kleinen der Person und ihres Umfeldes beginnt. Der Weg ist gar nicht leicht zu gehen, vor allem allein. Darum braucht der Weg des Friedens die gegenseitige Begleitung von Menschen, braucht Strukturen, Räume, Lernmöglichkeiten. Das wollen wir mit dem Projekt WeLa erarbeiten und anbieten. Da ist nichts Fertiges, keine endgültige Antwort. Darum nennen wir es ja auch Werkstatt. Es hat etwas Kreatives an sich, etwas Schöpferisches und das gibt ihm, bei aller Schwere und Unsicherheit, auch etwas Schönes und Leichtes.

Wann kann sich jemand an WeLa wenden? Welche Hilfen bietet ihr?

Alle, die sich ernsthaft auseinandersetzen wollen mit ihren Konflikten und mit ihrem Konfliktverhalten können sich an uns wenden. Wir hören zunächst zu und entscheiden, ob und was wir anbieten können und in welcher Form. Umgekehrt: wir nehmen auch gern Hilfe entgegen. Von Fachkräften, die mit uns ein Stück des Weges gehen wollen und von denen wir lernen können, aber auch von Menschen, die uns auf ehrenamtlicher Basis bei der Bewältigung des Büroalltages helfen wollen.

Mit welcher Motivation gehst du an die Tätigkeit heran und was erwartest du dir davon?

Diese drei Jahre Vorbereitungszeit haben viel in Bewegung gesetzt. Die Erfahrung vor allem, dass auch wenige Menschen mit kreativem Potential, Freude, Bereitschaft zum Dialog und zur infragestellenden Reflexion imstande sind, Veränderungsprozesse einzuleiten. Dass das Spaß machen kann, auch, wo das nicht leicht ist. Das nehme ich mit in diese neue Phase. Und die Hoffnung, langfristig zur Veränderung einer Konfliktkultur beizutragen, in den Bereichen, die ich als destruktiv bezeichnen möchte, und zur Stärkung der heilen, schönen, kraftvollen Seiten, die ich durchaus auch in der Konfliktgeschichte Südtirols wahrnehme.

Was ist der erste Eindruck von deiner Tätigkeit und welche längerfristigen Chancen siehst du für die Friedensbemühungen in Südtirol?

Ich nehme wahr, dass der ganze Themenkreis auf sehr viel Interesse stößt, dass immer mehr Menschen nach Möglichkeiten suchen, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und aus Konflikten mehr zu schöpfen, als destruktive Energien. Ich halte es für eines der positiven Signale unserer Zeit, dass die Angebote in Ausbildungen zu Konfliktthemen boomen, dass gar nicht wenige Menschen mit den gewohnten Lösungsansätzen für Konflikte in Partnerschaft und Beruf unzufrieden sind und zur Eigeninitiative greifen. Es war vorauszusehen, dass WeLa entstehen musste.
Wir sind aber nicht die ersten und einzigen, die so etwas machen. Neu an WeLa ist, dass es eine Plattform für die verschiedenen Ebenen der Konfliktbearbeitung bietet, ein beständiges Feld für Experiment, Auseinandersetzung und – wer weiß – irgendwann einmal auch zur Forschung auf diesem Gebiet.

Danke, Hermann, für das Gespräch und alles Gute für die Friedensarbeit.

Interview: Robert Hochgruber