Noch zu früh oder schon zu spät?

Kirchenkrise

Vor einigen Monaten hielt der Wiener Weihbischof DDr. Helmut Krätzl im Kolpingsaal von Bozen einen Vortrag zum Thema „Spannungen in der Kirche - Zeichen des Lebens“. Vor einem vollbesetzten Saal wagte es der Bischof die heißesten Problemfelder, die seit vielen Jahren die Kirche herausfordern, anzuschneiden und Stellung zu nehmen. Es war sicher ein mutiger Akt von Seiten des hohen Würdenträgers, der sich mit viel Diplomatie auf Messers Schneide zu bewegen wusste, denn ein paar Worte zuviel und Rom hätte mit Sicherheit darauf reagiert. Ich persönlich habe mich auf diesen Vortrag schon Tage zuvor gefreut, obwohl ich mir nichts Konkretes erwartet habe, denn keinem Bischof der Welt wird es je gelingen die Gemüter im Vatikan umzustimmen, damit dieser Kurs ändert. Aber viele Bischöfe gemeinsam könnten einiges erreichen. Da fehlt es den meisten aber an Zivilcourage. Ich bin überzeugt, dass es genügend Bischöfe auf der Welt gibt, die mit dem jetzigen vatikanischen Kirchenregime nicht einverstanden sind. Die Entscheidungen in Rom werden einfach schweigend hingenommen, denn solche, die sich dagegen wehren, werden ganz einfach kalt gestellt. Und die Bischöfe wissen das nur zu gut.

Aber Herr Krätzl – guter Freund Ratzingers (wie man aus seinen Äußerungen heraushören konnte) kannte die Zauberformel, die ihm garantierte, dass aus Rom keine Rüge kommen würde: „Es ist noch zu früh“. Und damit hat er sich gerettet. Auf die Frage einer Frau, was denn „zu früh“ sei, folgte ein kaum verständliches theologisches Wortwirrwarr, sodass die Teilnehmerin abermals die selbe Frage stellte, auf der dann keine Stellungnahme mehr folgte. Ein Herr, der sich zu Wort gemeldet hatte, meinte, dass eher das Gegenteil der Fall sei: „Der Zug ist längst schon abgefahren“ d.h. es ist schon „zu spät“. Diesen Eindruck hat jede und jeder bekommen, wenn man einen Blick in den vollbesetzten Saal warf: die Jugend hat völlig gefehlt. Damit meine ich Menschen unter 30 Jahren. Da gibt es nur zwei Gründe: entweder die Kirche ist für diese Generation zu alt oder diese Generation ist für die Kirche zu jung.

Warum ich mich schon auf diesen Vortrag gefreut habe, ist schlicht und einfach: ich wollte „Dampf ablassen“. So habe ich dann auch meine Wortmeldung definiert: Dampf ablassen! Das tut gut, ist notwendig und wichtig. Dabei ist natürlich immer die Gefahr gegeben, dass sich jemand angegriffen, beleidigt oder böse behandelt fühlt oder es zumindest als „böse Kritik“ abtut. Aber das muss man in Kauf nehmen, denn das Leid, Elend und sogar Tod, das die Kirchenleitung in Rom durch ihre Unbeweglichkeit weltweit hervorruft, ist unbeschreiblich größer als eine Stimme, die das Unrecht anklagt, das der Vatikan weltweit verursacht. Es geht um das Unrecht

Sollte sich in der Kirche irgendetwas irgendwann zum Positiven wenden, werden genau diese Würdenträger, die heute ängstlich ihre prophetische Stimme erheben, sagen: wir haben es immer schon gesagt.

Alfons Messner, Bozen