Eine Safari, die sechs Jahre dauerte
Erste Jugendfirmung Südtirols in Naturns
So etwas hat es in Südtirol noch nie gegeben! Eine Safari, die durch so manche Wüste führte, aber auch zu herrlichen Ruheplätzen, eine Safari, die die Teilnehmenden immer neu an Wegkreuzungen zu Entscheidungen forderte.
Dazu lud das Dekanat Naturns im Jahr 1997 die Kinder der ersten Klasse der Mittelschule ein. Am Pfingstsonntag kam ein Dutzend Jugendlicher, das sich damals auf diesen „Abenteuerweg des Glaubens“ eingelassen hatte, ans Ziel: Sie erhielten in ihrer Pfarrkirche auf persönlichen Wunsch das Sakrament der Firmung. Sie hatten sich sechs Jahre lang darauf vorbereitet, waren gemeinsam einen Weg des Suchens, Wachsens und Reifens gegangen und hatten erlebt, dass der Glaube auch heute noch „in“ ist.
Neue Zeiten brauchen neue Wege
Für Georg Peer, den Dekan von Naturns, war es immer mehr zur Gewissheit geworden, dass in einer Gesellschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten mehr gewandelt hat als in den 100 Jahren zuvor, die gängige Praxis der Kinderfirmung überholt war. Deshalb wagte er einen Ausbruch aus dem Gewohnten und einen Aufbruch ins Neue.
Vorerst jedoch galt es, die Mitarbeiter in der Pfarrei ebenso wie die kirchlichen Vorgesetzten von diesem neuen Weg zu überzeugen. Wie schwierig es in Südtirol ist, Altgewohntes loszulassen, wissen alle! Doch der Dekan ließ sich nicht entmutigen. Mit der ihm eigenen Zähigkeit und Geduld, vor allem jedoch durch seine persönliche Begeisterung gelang es ihm nach und nach, alle Hürden beiseite zu räumen. Vor nunmehr sechs Jahren entschlossen sich 13 von insgesamt 50 Kindern in Absprache mit ihren Eltern für die Jugendfirmung.
Der Dekan von Naturns, der nicht nur für neue Wege (Jesus - Besinnungsweg), sondern auch für mutige Schritte und solidarisches Handeln bekannt ist, wagte als Erster in Südtirol diesen neuen Weg. In einer multikulturellen Gesellschaft ist die Kinderfirmung oft das Gegenteil von dem, was sie sein sollte. Sie wird zum Schlussstrich nach einer Zeit, in der man wenigstens bei besonderen Anlässen zur Kirche ging. Dabei sollte sie der Beginn einer aktiven, verantwortlichen, ja mündigen Mitarbeit in der Gemeinschaft der Kirche sein. Zu so einer Entscheidung sind jedoch Elfjährige nicht fähig.
Deshalb wurden die Kinder mit einem Aufbruchfest auf die sechs Jahre dauernde Glaubenssafari geschickt.
Ein abenteuerlicher und langer Weg
Dass Glaube nichts Fades, Langweiliges ist, sondern das größte Abenteuer, nämlich das Sich-Einlassen auf das große DU, auf Gott, das durften diese Kinder nun schrittweise erfahren.
Unvergesslich werden ihnen die „Rodelmessen“ im Winter bleiben, wenn sie mitten in der Nacht in einer verschneiten Landschaft ihre Rodeln zu einem Altar aufbauten und dann im Fackelschein gemeinsam mit ihrem Dekan Eucharistie feierten, oder der Sonnenaufgang auf der Naturnser Hochwart.Immer war auch Zeno, ihr Begleiter vom Aufbruchsfest an, mit dabei.
Er weiß, dass seine Schützlinge so manche Wüstenstrecke durchqueren mussten. Aber gerade in diesen Zeiten fühlten sich die Heranwachsenden nicht allein gelassen. Heute wissen sie, dass sie diese Durststrecken zu ihrem Reifen brauchten. Im Alter zwischen 11 und 17 Jahren sind sechs Jahre eine sehr lange Zeit. „Da werden sich dann keine mehr firmen lassen!“ Diesen Einwand musste sich der Dekan wohl von „oben“ wie auch von „unten“ oft anhören.
Auch auf diese Gefahr hin wollte er weitergehen und vor allem - er glaubte an seine Jugendlichen!
In insgesamt 35 Treffen, über die sechs Jahre verteilt, setzten sich die Heranwachsenden mit dem Glauben auseinander, aber auch mit dem sozialen Engagement, das damit verbunden ist.
Eine Woche auf den Spuren des hl. Franz in Assisi gehörte ebenso zu dieser Vorbereitung wie ein mehrtägiger Besuch beim Primizianten Basilius in Rom, bei P. Robert Locher in München. Begegnungen im „Haus der Obdachlosen“ in Meran wie auch mit den Aidskranken im „Haus Emmaus“ in Leifers sensibilisierten die jungen Menschen.
Eine Fahrkarte nach Babel und zurück
Die Jugendlichen wählten das Motto von Babel und gestalteten das Fest der Firmung selbst, bewusst schlicht und einfach. Sie stellten szenisch dar, wie Konsumdenken, Habsucht, Mobbing usw. zur Fahrkarte nach Babel werden, eben dort, wo man die Sprache des andern nicht mehr versteht. Sie zeigten aber auch auf, wie durch Solidarität, Ehrfurcht, Leidensbereitschaft usw. man aus diesem Babel wieder zurück findet. Zum Schluss gab jede und jeder persönlich ein kurzes Zeugnis, warum sie sich firmen ließen. Dies war ein bewegender Augenblick. Alle spürten, wie ernst es den jungen Menschen dabei war.
Mögen sie den eingeschlagenen Weg weitergehen und mehr und mehr andere Pfarreien diesem Beispiel folgen, das die jungen Menschen ernst nimmt und auf Mündigkeit Wert legt!
Christl Fink
BAZ, Burggräfler
Allgemeine Zeitung,
19. Juni 2003, S. 12.