Endzeitstimmung?
25 Jahre Johannes Paul II.
Was ist los in Rom? Ich meine nicht im politischen Rom, sondern im Zentrum der katholischen Kirche. Da kam kürzlich ein Entwurf eines Dokumentes ans Tageslicht, um angebliche Fehlentwicklungen in der Liturgie rückgängig zu machen. Ministrantinnen sollten in Zukunft verboten sein, ebenso wie das Klatschen und Tanzen im Gottesdienst. Insgesamt wurden 37 Verbote aufgelistet. War es ein verfrühter Aprilscherz oder sind die in Rom von allen guten Geistern verlassen, fragten sich so manche Gläubige. Selbst gestandene Dekane wie Johannes Noisternigg von Bozen erklärten, auf die Ministrantinnen nicht verzichten zu wollen. Der Entwurf wurde allerdings tags darauf von den zuständigen Kardinälen zurückgenommen. Die Proteste dagegen waren doch zu massiv gewesen.
Dies alles wirft ein bezeichnendes Licht auf die gegenwärtige Situation im Vatikan. Papst Johannes Paul II. kann jeden Tag sterben. Und so versucht im ausgehenden Pontifikat noch jede Kongregation - im politischen Bereich würden man Ministerium sagen - ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, d.h. ihre Vorstellungen durchzusetzen. In Rom regiere die Kurie, sprich die Beamten, und es gäbe kaum noch Koordination, sagte mir kürzlich ein Professor der päpstl. Universität Gregoriana. Alle in letzter Zeit veröffentlichten Dokumente seien Eintagsfliegen, die ein neuer Papst wieder zurücknehmen müsse.
Immer mehr nicht nur fortschrittliche Gläubige sagen, dass sie es nicht mehr mitansehen können, wie sich Johannes Paul II. abquält. Muss ein Papst wirklich bis zum Umfallen im Amt bleiben und seine Krankheit öffentlich zelebrieren, fragen sich gar manche. Natürlich könnte er zurücktreten, wie Anno 1294 Papst Cölestin V. Aber das lässt seine übersteigerte Auffassung vom Papsttum nicht zu. Dieser, sich als Stellvertreter Christi auf Erden verstehende Mann, hat den römisch-katholischen Zentralismus und Absolutismus auf die Spitze getrieben. Vielleicht war das auch eine seiner „Aufgaben“, um deutlich zu machen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher wies jüngst in einem Interview auf die zu große Entscheidungskonzentration bei Papst und Bischöfen hin und meinte, „Senilitäten in einem solchen Amt zu entwikkeln, das kann man sich eigentlich um der Aufgabe willen nicht leisten“. Ein Alterungsschub könne nämlich über Nacht eintreten und „gewisse Fixierungen und Verhärtungen“ seien „eigentlich biologisch selbstverständlich“.
Nein, nicht dass ich nicht Respekt vor diesem unermüdlichen und von seiner göttlichen Mission überzeugten Mann hätte! Er hat Großartiges für den Frieden auf der Welt, für die Veränderung der politischen Verhältnisse im ehemaligen kommunistischen Osten, für die Zusammenarbeit der Religionen geleistet. Er setzte sich konsequent gegen die zum Himmel schreienden politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten auf der Welt ein. Innerkirchlich gesehen schaut die Bilanz freilich anders aus. Zugegeben, er ist eine überzeugende spirituelle Persönlichkeit, die als moralische Instanz in und außerhalb der Kirche anerkannt ist. Er hat die Einheit garantiert, aber die Vielfalt blockiert. Die kath. Kirche ist auf über eine Milliarde Menschen angewachsen. Aber unter keinem Papst bisher sind so viele Menschen aus der Kirche ausgetreten. Er vertritt ein Kirchenmodell, das der heutigen Gesellschaft nicht mehr entspricht: hierarchisch, absolutistisch und patriarchal. Demokratisch, subsidiär, offen für Frauen lautet heute die Devise. Unter Johannes Paul II. gab es kein Gespräch mit kritischen Geistern, abweichende Theologieprofessoren wurden abgesetzt, die Bischöfe zu striktem Gehorsam verpflichtet. Das „System“ hatte die Oberhand. Dies alles führte zu einem noch nie da gewesenen Reformstau. Das Ergebnis: der Kirche laufen die Gläubigen davon, beklagte kürzlich der Kardinal von Mailand Donigi Tettamanzi, ein Papabile.
Ich weiß nicht, was noch alles zusammenbrechen muss, damit die Kirchenleitung die Zeichen der Zeit erkennt und dem Geist Gottes freie Bahn lässt. Die Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität und Religion, nach Sinn und Begleitung harrt einer Antwort. Alle Kirchen haben das religiöse Monopol verloren und das ist gut so. Trotzdem sind sie aufgefordert, aus ihrem reichen Schatz an Spiritualität zeitgemäße Antworten zu geben.
Dass in Rom „Endzeitstimmung“ herrscht, machte das um 4 Monate vorgezogene Konsistorium der 31 neuen Kardinäle deutlich. Man munkelt, dass damit die Weichen für die Papstnachfolge im Sinne Johannes Pauls II. gestellt werden sollten. Allerdings lehrt uns die Kirchengeschichte, dass nach konservativen Päpsten das Pendel meist in die andere Richtung ausgeschlagen hat. Der Geist Gottes ist eben unberechenbar.
Von einem neuen Papst erwarte ich mir keine Wunder. Gleich aus welcher innerkirchlichen Richtung er kommt, wird er aber nicht umhin können, bestimmte Einseitigkeiten in der Kirche abzubauen und gesellschaftliche Entwicklungen zu akzeptieren. Sonst könnten, wie es Kardinal Kasper in einem Spiegel - Interview formulierte, die kirchlichen Strukturen schon bald implodieren, d.h. in sich zusammenbrechen. Manche dürfen es ruhig. Aber die katholische Kirche wird sich reformieren, bevor es zu spät ist. Es wäre ja auch schade darum, denn eine neue religiöse Instanz würde nur sehr bald wieder dieselben Fehler machen, wie derzeit die katholische Kirche.
Robert Hochgruber
ff, Nr. 42 16.10.2003
Bischof Egger zu Papstjubiläum
Dolomiten: Kritiker werfen dem Papst vor, er habe innerkirchliche Reformen blockiert.
Bischof Wilhelm Egger: Manche Kritik ist in Inhalt und Ton weit überzogen, aber doch gibt es in einigen Bereichen tatsächlich schwer zu lösende Probleme. Es sind dies Probleme, die mit den Weisungen des Evangeliums und zugleich mit Leben und Lebensgeschichte von Menschen zu tun haben, etwa die Frage der Zulassung zur hl. Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. In einer anderen Frage, jener der Lebensform der Priester im Zölibat, geht es darum, was am besten dem Evangelium der Nachfolge entspricht. Was dem Evangelium entspricht, ist auch zu beantworten in der Frage der Priesterweihe von Frauen (was auch ein Problem für das ökumenische Gespräch ist). Dann hat der Papst, wie übrigens jede Führungspersönlichkeit, auch persönliche Auffassungen, die in seine Entscheidungen einfließen. Von seinen festen Grundsätzen lässt er sich auch durch Ablehnung nicht abbringen.
Dolomiten, 16.10.2003
Arnold Tribus zu Papstjubiläum
Er hat zufällig im Vatikan gewohnt, war aber in der Welt zu Hause, ein unermüdlich Reisender für Gerechtigkeit und Menschenrecht. Er wird auch von Anhängern anderen Religionen geschätzt und verehrt. Er hat Millionen Menschen angezogen, wie ein Pop-Star, und seine Auftritte wurden auch als Events ausgerichtet. Ich hatte das Glück, seinem Auftritt im Bergisel-Stadium von Innsbruck beizuwohnen, eine wunderbare Inszenierung, ein farbenprächtiger Auftritt, Wojtyla Superstar: Er fuhr segnend unter dem Jubel von Abertausenden ein, zog sich zehnmal anders um, zelebrierte, betete, predigte, schwieg, eine bewegende Show, eine bleibende Erinnerung. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt und der Religion jeden mönchischen Muff genommen. Alle seine Zelebrationen sind wunderbares Theater, geheimnisvolle, grandiose Liturgien. Theologisch war er konservativ bis reaktionär und er hat alle Reformer vor den Kopf gestoßen, die an die Basiskirche glaubten, die Kirche von unten, an das Frauenpriestertum und vor allem eine Lockerung der absolut körper- und lustfeindlichen Sexualmoral. Da hat sich nichts geändert, aber das ist auch nicht so schlimm, denn sein Volk Gottes, das ihn verehrt und ihm zujubelt, hat diesen Bereich ganz einfach aus den Geboten ausgeklammert.
Tageszeitung, 16.10.2003
Vorsicht Satire Vorsicht Satire Vorsicht Satire Vorsicht Satire
Ich versteh nicht, wie das mit den Papstreisen sein soll. Johannes Paul II. muss es tun, obwohl er schon sehr krank und gebrechlich ist. Alle bewundern ihn dafür.
Wenn man ihn sieht, hat das etwas mit Gott zu tun und deshalb ist es seine Pflicht. Johannes XXIII musste es nicht tun. „Wenn ich käme, würden alle auf mich schauen und auf Gott vergessen“, hat er 1960 gesagt, als er zum Eucharistischen Kongress nach München sollte. Er blieb zu Hause. Ich bin verwirrt und weiß jetzt nicht, was richtig ist.
Aber vielleicht sollte ich mir nicht so viele Gedanken machen und das Denken den Päpsten überlassen.
Jetzt, 2003, muss der Papst eben - hinaus in die Welt und ins Fernsehen. Und weil man ja nie weiß, wie der neue Papst die Sache mit dem Reisen dann handhabt, gibt es vorläufig auch keinen Rücktritt. Darüber sollte ich mich freuen.
Denn womöglich bliebe der neue Papst wieder nur im Vatikan.
Wir würden dann vor dem Fernseher sitzen, anstatt jubelnder Massen einen Krimi oder eine Schnulze ansehen und nicht mehr recht wissen, was wir denken sollen...
O.k. Offene Kirche, St. Pölten, 11/November 2003